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Freies Blatt · 1895-08-18 · 176 (18.8.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
176 (18.8.1895)
Date
1895-08-18
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 176. jniti Blatt. lange nicht so viel Interesse, als wenn einmal irgendwo im lieben Deutschen Reiche ein Trödcljudc einem Bauer minderwerthige Anzüge anzuschmieren versucht. Die Bildung besonderer Vereine hat den AntiscmjtiSmuS in der Stadt Hannover anscheinend ziemlich gefördert. Die alten vornehmen Vereine Hannovers, wie der „Männergesangverein", der „Männerturnverein" lehnten, als Herr Leuß noch io lloribus war, cS ab, den Herrn ReichStagsabgeordnetcn und seine Gcnoffcn aufzunehmen, und entfernten sogar einige allzu laute antisemitische Schreier. Darob helle Entrüstung über die „Berjudung", große Proccsse gegen die alten Vereine und Gründung eines „Deutschen TurnerbundcS", „Nationalen Männergesangvereines" rc. Tic Damen folgen dem edlen Beispiele. Der „Deutsche Frauenbund" mit der Devise: „Kauft nicht bei Juden!", die „Bereinigung christlicher Näherinnen" kämpfen mit edlem Muthe ... ja, gegen waS denn? In Hannover müßte sich eigentlich der enragirtcste Antisemit wohl fühlen. ES gibt da keinen jüdischen Richter, eS sitzt kein Jude im Magistrate oder im Bürgervorstehercollegium; in der Regierung, in den höheren Poststellen trifft man keinen Semiten. Jedes autoritative Amt ist ganz judcnrein, die wenigen Anwälte und Aerzte aber wollen die deutsch-socialen Reformer nach ihrem Programm in hochherziger Weise doch selbst dulden und die Bankiers und Kaufleute so wenig verjagen oder auSplündern wie die zahlreichen jüdischen Handwerker, denen sie besonderes Wohlwollen cntgegcnzubringen behaupten.*) Allein cs wird weiter gewühlt, geredet und agitirt, immer mehr Haß und Zwietracht gesäet, immer fanatische Verachtung und Entfremdung erzeugt und großgezogen. Diese stetige Arbeit muß einen Erfolg haben und hat einen solche». Den» wenn in weiten Kreisen die „Judenfrage" mit Eifer erörtert, wenn die Stellung der Juden unter Frcmdcngesetze als diScutabel erscheint, so wird schon hiedurch allein eine Stimmung erzeugt, welche ein gesellschaftliche- Verkehren schwer beeinträchtigt, ja als unmöglich erscheinen läßt. Und wie zehr hat sich in dieser Beziehung daS gesellschaftliche '.'eben seit 1870 etwa geändert. Zur Zeit deS großen patriotischen Aufschwunges von 1870 verkehrten Juden und Christen friedlich — schiedlich mit einander im Handel und Wandel wie im gesellschaftlichen Verkehr. Heute verkehren christliche Familien nur wenig noch mit "jüdischen Familien. Man verwahrt sich dagegen, Antisemit zu sein, aber man macht, namentlich die Damen der besseren bürgerlichen Gesellschaft, im Stillen weitgehende Concessionen, indem man den Verkehr ängstlich vermeidet und, wo er einmal besteht, ihn behutsam verringert und abbricht. Viel gefährlicher als der Radeauantifemitismus Derer um Lcuß- Liebcrmann ist dieser verschämte Antisemitismus und der Judenhaß der Consc'rvativen und deS „Bundes der Landwirthe". An diese schließt sich in zielbewußtcr Weise der Antisemitismus in der Provinz Hannover unter der Leitung-seines jetzigen Führers, Tr. Lindström in GoSlar, an. Dieser neueste Rufer im Streite erschöpft sich in heißem LiebcSwerben für seine Candidatur um die Stimmen der Handwerker, deren Elend er in endlosen Artikeln immer von Neuem darlegt, so daß die biederen Meister sich verwundert fragen, ob cs ihnen denn wirklich so schlecht geht, wie Herr Dr. Lindström meint, da sic selbst von ihrem Elend nichts merken. So gern inan dem jungen ehrgeizigen Philologen diesen harmlosen Bauernfang gönnen mag, so viele Bedenken hat die--antisemitische Beeinflußnng der Jugend, welche dieser prinzliche Erzieher zu GoSlar mit Erfolg anstrebt. Von seinen College» mit offenen Armen ausgenommen, denen seine integre Persönlichkeit, sein Eifer und Patriotismus, der sich allerdings in Wiederholung von Allgemeinplätzen bald erschöpft, gefallen, verbreitet er durch diese seine Lehre unter der Heranwachsenden Generation. In KlauSthal-Zellerfcld ist eS vorgekomme», daß Primaner und Secundaner unter Führung ihres Lehrer-, des ProfefforS Niemann, den Hetzereien des GoSlarer Philologen tosenden Beifall spendeten. Und in Hannover fehlten im Chorus Derer, welche Herrn Leuß, Liebermann und Ahlwardt zujubeltcn, die Primaner so wenig wie die Studenten der technischen und thierärztlichen Hochschule. Junge Rechtsanwälte begleiten die Hetzreden des Dp. Lindström mit dem Gesang von Balladen, ein königlicher GerichtSaffeffor entblödet sich nicht, als Präses des Hetzausschuffes zu fungiren, und ein junger medicinischer Heißsporn schließt die Juden als solche mittelst Inserates von seiner Poliklinik aus. Diese Vorgänge müssen in den kleinen Landstädten, wo sie sich zutragen, Goslar, Alfeld, Hameln und Peine — natürlich symptomatische Bedeutung gewinnen wegen deS in solch kleinen Centre» bedeu- *) So arg als in Wien scheint die Judenhetz« in Hannover doch nicht zu sein. Hier konnte dieser Tage Mechaniker Schneider unter dem Jubel seiner Simmeringer Zuhörerschaft erklären, daß eS ihm außerordentlich angenehm sein würde, wenn er einen Inden aus den Rost legen und eigenhändig braten könnte. Die Red. Leite 8. tcnderen ZlnsehcnS der bctheiligten Personen und deS unausbleiblichen Rückschlages auf die dort ansässigen Juden. In dieser Vergifning der studirenden und studirtcn Jugend liegt die eminente Gefahr. ES liegt auf der Hand, daß Jemand, der als Chargirtcr dem „Verein deutscher Studenten" angehört hat, wenn er zu-Amt und Würden kommt, seinen dort eingesogenen Gesinnungen praktischen Ausdruck verleiht. Wehe den armen jüdischen Kindern, die unter die Leitung eines solchen Lehrers gerathen, wehe den jüdischen Angeklagte», welche vor einem ^solchen Richter Recht nehmen müffe». Und dabei sind die echten Antisemiten noch häufig wegen eines Restes von Schamgefühl taktvoller als die verschämten. Ein Beispiel für viele. In der Tertia eines - Gymnasiums in Hannover, dcffen Tircctor gegen den Antisemitismus in vornehmster- Weise unzweideutig und offen Front gemacht hat,' beschimpft ein Knabe einen jüdischen Mitschüler wegen seines Glaubens. Der Lehrer trägt, dem jugendlichen Antiscmitc» in das Classenbuch ein „wegen Beschimpfung fremder Raren." Commentar überflüssig! ES wäre verhängnißvoll für die Abwchrbcstrcbunge», wenn man glauben wollte, der Antisemitismus in Hannover habe abgcnommcn, weil die Radaucxccffe sich gemindert haben. Diese scheinbare Ruhe - kann und darf keinen Einsichtigen täuschen. Tic Conservaliven und der „Bund der Landwirthe" haben ihre» Einfluß in unmittelbarer Nähe in Waldeck in bedrohlichster Weise erst jüngst gezeigt. Und' schlimmer und gefährlicher als Alleist, wie gesagt, der verschämte Antisemitismus und der Antisemitismus der studirenden und studirtcn Jugend, welche die Geschicke deS Landes einst mit bestimmen wird. Soll . nicht Alle-, was bislang erstrebt und erreicht ist, nutzlos veriha» fein, so muß der Kampf gegen diese Gewalten mit heiligem Eifer, mit Aui- ' bietung aller Kräfte in Wort und Schrift und Thar fortgesetzt werden. Stillstand bedeutet hier Rückschritt, und Untergang. I\.-W Das inartyrium der spanischen ^uden. ('Rach hinein migedruckte» Aussatze deS Tr. H. ülrätz.: ’ III. „Tie Bctheiligung der Juden au der von Childerich aufgepftanztcn Empörung unter RccceSwinthS Nachfolger Wamba (67:>>, welche durch eine alte gute Quelle beurkundet ist, scheint daher mehr von de» gequälten jüdischen Convertiten als von eigentlichen Juden auSgcgange»' zu sein. Wahrscheinlich hatte ihnen der rebellische Graf von Rinkes Freiheit deS jüdischen BetenntniffcS verheiße». Die Empörung lief indeß unglücklich ab, die aufständischen Schaarcn wurden zersprengt, und die Juden aus der mit Spanien annectirtcn narbouensischeu Provinz vertrieben. Trotzdem findet sich vor. Wamba keine Maßregel gegen die jüdischen Reophyten. Erwig, dieser schlaue Grieche, der dein König Wamba im Schlafe die Krone geraubt, dcffen Doppelzüngigkeit seinen byzantinischen Ursprung verricth, yiußte die Strenge gegen die Juden und jüdischen Abkömmlinge als Mittel betrachtet haben, um sich bei dem parlamentarischen ClcruS beliebt zu machen und seine Usurpation, die durch seine nichtgothische Abstammung doppelt illegitim erschien, sanctioniren zu laffen. Auf dem zwölften toledanischcn Concil, dqsü ihn als Thronerben anerkennen sollte, entstammte er in einer Art Thronrede die Mitglieder - zur Annahme der härtesten Gesetze gegen jüdische Convertiten (und zum Thcil auch gegen Juden,, als gelte eS, die größte Gefahr von der Kirche abzuwenden. Mit jener, den entarteten Griechen von ihrer ehemaligen Herrlichkeit gebliebenen eigenen Zungenfertigkeit und erlogenem Pathos redete er die versaminclkcn Bischöfe und Kitchenwürdenträger an. Erwig beabsichtigte eigentlich die gegen die jüdischen Convertiten bestehenden Gesetze zu erleichtern, namentlich die schweren Strafen von Steinigung und Feuertod in mildere zu umwaudeln und nicht sämmtliche Vergehungen mit demselben Strafmaß ahnden zu laffen. .Denn der Herr sprach im Gesetze: Rach dem Maße der Sünde sei auch die Strafe! Und Gott will auch nicht den Tod des Sünders.' Die Milderung bestand aber in GütcrconfÜScation, Geißelhiebe», Dislocation und Exil. Dieses' Strafmaß setzte Erwig für sämmtliche apostasirende Ucbertrelungcn der jüdischen 'Reophyten mit Ausnahme der Befchneidung, für welche er auch das Nafenabschneidcu hinzufügte, ein. Noch härter wurden hie Erwig'scheu Gesetze dadurch, daß sie die getauften Juden unter die beständige Aufsicht der Geistlichen stellten und eine Art Paßwesen für sie einführten. Sie durften ohne das Visum eines Geistlichen mit dem Vermerk aufrichtigen katholischen Glaubens keine Reisen im Lande machen. Das Sclavenbesitzgcsetz dcr Juden verschärfte Erwig, daß es nicht einmal gestattet sei, ihre chriftlichen Sklaven freizulaffen: ,denn es sei unwürdig, daß diejenigen, welche mit der unfläthigen Knechtschaft des Unglaubens behaftet sind, den Christen den Titel der Freiheit verleihen sollten.'

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