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Freies Blatt · 1895-08-18 · 176 (18.8.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
176 (18.8.1895)
Date
1895-08-18
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frei«» Blatt. ZTr; 17C. t Brotlheuerung — um nicht zu hungern — betteln oder stehlen müssen. Allein auch diejenigen, deren Einkommen zwar nicht allzu knapp, aber auch nicht reichlich fließt, werden von der Bewegung der Getrcidepreise wesentlich berührt, da sie in der Lage sind, »zehr auf die übrigen Gegenstände des Bedarfes zu verwenden, wenn sie das Brot billig erhalten, und demnach ihre redenshaltung zu erhöhen, wie z. B. Dr. Rauchberg in seinem Werke über die Bevölkerung Oesterreichs daraus hinweist, daß seit etwa zwei Deceunien daS Sinken der Getreidepreise die Lage der österreichischen Arbeiterschaft merklich gebessert hat. Wir wollen auf die übrigen günstigen Wirkungen billigen BrolcS — Steigerung der Leistungsfähigkeit des Arbeiters u. s. w. — nicht näher eingehen, denn schon aus dem bisher Gesagten dürfte ersichtlich sein, daß eine Zeit niedriger Getreidepreise im ausgeführten Sinne als eine günstige bezeichnet werden muß, was eventuell nur dann unrichtig wäre, wenn diejenigen Landwirlhe, welche durch ein Sinken der Getrcidepreise starke Einbuße erleiden, nicht in der Lage wären, diesen Schaden anderweitig zu decken. Für die gegenwärtigen Bcrhältnisse ist aber von verschiedenen Seilen eonstatirt worden, daß die mitteleuropäischen Landwirthe trotz auswärtiger Concurrenz nichts weniger als verloren sind, allerdings nur dann, wenn sie den Thatsachen Rechnung tragen und die erforderlichen Aenderungen in der Produclionsrichtung vornehmen. Hiezu verstand sich aber bisher nur ein kleiner Theil der Landwirlhe. Die meisten derselben scheinen es als einen Eingriff in ihre Rechte zu betrachten, daß die idyllische Ruhe gestört wurde, welcher sie sich bis zum Beginne der Getreideconcurrenz erfreut hatten, und sie vindiciren dem Staate die Pflicht, durch geeignete Maßregeln zu bewirten, daß die Brolfrucht wieder die einstigen hohen Preise erziele. Um dies zu erreichen, ist kein Mittel so schlecht, daß cs nicht von der Menschengattung, die man mit dem Rainen „Agrarier" bezeichnet, angewandt und empfohlen würde. Ihr neuester Programnipunkl, der bei ihren Bundesgenossen — den Antisemiten — lebhaften Anklang finden wird, ist in logischer Fortbildung ihres oben skizzirten Gedankenganges nicht mehr und nicht weniger als die Vernichtung des internationalen Anlciheverkehres, und wenn es möglich wäre, würden sie gewiß nicht anstehen, alle Schienen in den fremden Ländern aufzuresßen, die mit Hilfe geliehenen Geldes gelegt worden sind. Auf das Merilorische dieser Phantasien einzugehen, dürfte wohl überflüssig sein. Sie zeigen aber, daß die Wünsche der deutschen Agrarier eine Maßlosigkeit erreicht haben, die eine Verständigung mit de» üvrigen Berussclassen ausschließt, und daß es sehr bedauerlich wäre, wenn sich die österreichischen Landwirlhe von Dr. Ruhland capliviren ließen. ' Robert Drill. Die Zustände tu Hannover. (Original Mitlheilung de» „Freien Blaue»".) f Hannover im August. Jiad) dem schmählichen Falle des geistigen Vaters und Führers der hannoverschen Deutsch-Socialen, des famosen Herrn Leuß, prophezeiten Viele einen Rückgang, ja einen gänzlichen Niedergang der antiiemilischen Partei in Hannover. ES war zu erwarten, daß die Jrregesührten die Vehre aus diesem Falle selbst ziehen und sich klar machen würden, wie die ganze sittliche Entrüstung der antisemitischen Bolksbeglücker eitel Lug und Trug gewesen, wie die Teclamationen und Brandreden deS Hetzapostels nur der Deckmantel waren, um sein 'revelhastes Treiben zu verbergen. Es war auch anzunehmen, daß ein Rückschluß gemacht würde von der sittlichen Onalität der Führer und Rufer im Streite auf die der bethörten Anhänger und Mitläufer, und-;u erwarten, daß die Antisemiten mit Hohn und Spott auf den Fall Leuß hingewiesen würden, wenn sie es wieder wagten, sich als Wächter deutscher Sitte und Treue zu geberden und politischen Bauern- und Tiiminentang unter scrupelloser Anwendung jedes Mittels zu treiben. Iie Propheten haben nicht Recht behalten. Zwar hat der Fall Leuß llärend und reinigend in weiten Kreisen der weniger gebildeten Mafien, welche das Mißverständniß zwischen Worten und Thaten der Antisemiten üch inchl wegdisputiren lafien, gewirkt, zwar hat eine Menge der hungeren, den, Antisemitismus' geneigten Elemente eingesehen und zngcstandcn, daß die Inden nicht persönliche Verunglimpfung trieben, als sie vor Leuß immer wieder als einem Heuchler warnten, aber zu •.tium Wendepunkt oder gar zu einer Katastrophe in der Geschichte dc» hannoverschen Antisemitismus ,sind die greulichen Enthüllungen voiu Te.ember 1894 nicht geworden. Roch im Dccember 1894 erschien der deutsch-sociale Generalissimus in eigener Person in Hannover. Mit der ihm eigenen Bescheidenheit und Schüchternheit arrangirte er die Versammlung im Palmengarten vom 12. Jänner 1895, für welche er selbst den „Fall Leuß" als Borträg auf die Tagesordnung setzte und im Verein mit seinem Freunde, Herrn Dr, Hahn, ganz Hannover, namentlich aber die Welfen, überzeugen wollte, daß Leuß nur eine bcklagenSwerthe einzelne Erscheinung sei, welche der Gesammtheit der Antisemiten nicht zur Last fallen könne. Wenn die dummen Juden sich gegenüber den Anzapfungen der Antisemiten darauf berufen, daß sie doch unmöglich für die Handlungen des Einzelnen verantwortlich zu machen seien, so ignoriren die Antisemiten diesen Einwand; als sie ihn aber selbst erhoben, war Jeder ein Nichtgentleman, ein Vcrräther, der diese ein fachste Forderung deS gesunden Menschenverstandes nicht willig an erkannte, sondern meinte, daß der Fall Leuß wegen seiner Vorgeschichte und der begleitenden Umstände symptomatische Bedeutung trotz alledeni habe und behalte. Mit dieser Vertheidigung hatte Herr Liebermann nicht viel Glück, zumal Hahn mit raffinirter Geschicklichkeit die Welfe» vor den Kopf stieß und alle gleißnerischen Licbeswerbungen des Arrangeurs der Versammlung wirkungslos machte. Der Generalissimus zog, nachdem er noch den Fabrikanten Engclke, früheren Candidaten der hannoverschen Antisemiten, mit eigener Hand abgeschlachtet und aus der Partei hinauSgewirbclt hatte, sich grollend auf feine hessischen und sächsischen Domänen zurück. Hannover ließ er in der treuen Hnt des Herrn Westen und defien Schwiegersohnes, des legitimen und alleinigen antisemitischen Candidaten Dr. Schnlte-Steinberg. Aber auch an de» HeroS der Partei, den Verleger der „Hannoverschen Post", den Man», der tausende und abertausende von Reichsmark jährlich feinem fanatischen Hasse gegen die jüdische Concurrenz opfert, gegen daS Vorstandsmitglied des deutsch-socialen und des conservativen Clubs wagte sich die „Verleumdung" heran. Der Expedient der „Hannoverschen Post", auf tägliche Kündigung angestellt, verließ den Dienst des Herrn Westen und warf ihm „jüdisches Handeln" vor. Man denke! Und deui Expedienten folgte bald der gewissenhafte Redacteur, gleichfalls auf tägliche Kündigung angestellt, und auch er sang kein Loblied auf seinen ehemaligen Verleger. Wie wir hören, erscheint nächstens eine Broschüre unter dem vielversprechenden Titel:. „Antisemitische ZcitungSverleger und Trockenwohner". Der Inhalt soll sehr interessant sein. Die Herausgeber dieser Broschüre bezeichnen Herrn Westen schon jetzt als „Juden", trotzdem sie nur ihre Erlebnisse als Redacteur und Expedient einer antiseuiitischen Zeitung schildern. Den reichen Herren geniren diese Angriffe nicht, und die „Hannoversche Post" wird noch immer durch seine Opferwilligkeit — man spricht von eineui jährlichen Zuschuß von 20.000 Mark — gehalten. Ob dies aufhören wird, nachdeni Herr Dr. Schulte-Steinberg den Vorsitz des nordwcstdeutschen Verbandes freiwillig (?) niedergelcgt und an Herrn Dr. Lindström-GoSlar abgetreten hat vder ob der fanatische Eifer des Herrn Westen eine Abkühlung erleidet, nachdem sein stolzester Traum, seinen Schwiegersohn als Reichstagsabgeordneten für Hannover gewählt yi sehen, so in weite Ferne gerückt wird, muß die Zeit lehren. Jedenfalls arbeitet die „Hannoversche Post" zur Zeit derartig; daß selbst in den begrenzten Kreisen ihrer Leser Kopfschütteln üblich wird. Mit dem^rustton der sittlichen Entrüstung klagt die „Post" über die „Judenblatter", welche sich nicht entblöden, aus sensationellen Gelüsten Familienvorgängc, welche die Ocffentlichkcit gar nicht interessircn, auszuschlachten, und druckt in derselben Nummer Berliner Scandalgeschichten ab, blos weil ein jüdischer Rechtsanwalt, den sie natürlich mit vollem Namen benennt, das Unglück hat, als Retter seiner Schwester auftreten zu müssen; auch witzelt sie über ein jüdisches 4 Hochzeitsdiner, weil bei demselben kein „Schalet" servirt wird. Ja, Bauer, das ist ganz was Anderes. Der gesammte Inhalt der „Hannoverschen Post" bewegt sich, da die allgemeinen Fragen, wie Ritualmorde, Talmudeid, Schächten dem Publicum langweilig und dem Rcdacteur gefährlich und kostspielig geworden sind, soweit die „Judenfrage" in , Betracht kommt, zur Zeit nur in der Registrirung der Schandthaten* aller Juden in der ganzen Welt. Gewissenhaft wird jeder Betrug, jeder ConcurS, jede schlechte Handlung, welche irgendwo Juden oder auch nur muthmaßliche Juden verübt haben, registrirt. Regelmäßig erscheint wenigstens einmal wöchentlich „ein Schmerzensruf eines Papcnburger Schlächters über seine jüdische Concurrenz". Aus Hameln berichtet mit militärischer Pünktlichkeit ein höherer Ofsicier a. D. über die mehr oder minder bedeutenden Heldenthateu eines antisemitischen Oberkellners gegen kleine jüdische Händler. Und dergleichen stereotype Scherze mehr, je nach der Saison, z. B. jetzt über das Judenbad Norderney.,Aber der Fall Hammerstein wird nicht erwähnt. DaS Schicksal des geistigen Vaters deS Tivoliprogrammes, des treuen Bundesgenossen Stöcker'S, hat für die waschechten Leser der „Post"

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