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Freies Blatt · 1895-08-18 · 176 (18.8.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
176 (18.8.1895)
Date
1895-08-18
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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r / Freies Blatt Abomiement-prei». Kür Otfitrrfid|.Ungarn: Ganijdhrig.5 Kronen Hold,ädrig.5 Kronen (p. *») (Drgan zur Abwehr öes s». 1.50) Antisemitismus. ftttr bat gelammte Hutlanb: »anjjäbrig.0 Mark twlbiäljrtg ..5 Mark 50 Ps. Einzelne Nummern S kr. Unlronkirte Briese »erden nicht angenommen. Erscheint an jedem Sonntage. Redaktion und Administration: l. Seilerstätte I». Inserate »erdep mit iv Heller (10 fr.) für die viermal gespaltene Nonpareille,eile berechnet. Kleiner >n>eigrr da« Wort 4 Heller (i kr.)'klufnahme non Inseraten in unserer Administration sowie im ilnnoneendureau M. Duke«. I. wollzeile n. Nummer 176. Wien, 18. Äuguü 1895. IV. Jahrgang. Die agrarische Internationale. Bor Kurzem wilrde von TageSblättern gemeldet, daß ein Abgesandter deS deutschen „Bundes der Landwirthe" — Dr. (8. Ruhland — in Wien und Budapest geweilt habe, um eine Verbindung der deutschen mit den österreichischen und ungarischen Landwirthe» anzubahnen. Diese Coalition soll zu einer großen Vereinigung ausgeweitct werden, als deren Glieder die i*n»b« wirthe aller derjenigen Länder gedockt sind, in welchen die Rentabilität deS Getreidebaues durch die transoceanische und osteuropäische Concurrenz der letzten zwanzig Jahre stark beeinträchtigt worden ist, und der oberste Zweck dieser agrarischen Jnternationale-ist die Wiedererlangung höherer Getreidepreise. Während also dieses Ziel von den deutschen Agrariern "bisher auf dem Wege der äußersten nationalen Exelusivität — durch hohe Gelreidezölle, Grenzsperren oder analoge Maßregeln — angcstrebt wurde, ist der deutsche „Bund der Landwirthe" plötzlich anderer Ansicht g'worden. Der Antrag Kanitz soll nur über den Allgenblick hinweghelfen, eine von der Zukunft nicht bedrohte Gesundung der landwirthschaftlichen Verhältnisse sei jedoch auf diesem Wege nicht zu erreichen, denn „die Agrarfrage, und zwar speciell soweit sie aufchie Wiedererlangung normaler (?!) Getreidepreise abzielt, ist heute eine internationale Frage geworden". Dieser Satz — den wir einer Schrift entnehmen, ckn welcher die neueste Entwicklungs- Phase deS Programmes der deutschen Agrarier enthüllt wird*) — soll besagen, daß die Landwirthe aller interessirten Länder einen Bund schließen müssen, denn es gelte, eine» internationalen Feind zu bekämpfen, und dieser Feind, der das Sinken der Getreidepreise bewirkt habe, sei — „das internationale beutegierige Großkapital." Wenn dieser Ausdruck von den Antisemiten und ihren Wahlverwandten im Zusammenhänge mit der Landwirthschaft gebraucht wird, meinen sie damit ist der Regel die Getreidebörse. In Zukunft wird sich dies ändern, sofern die Ruhland'sche Terminologie Anklang findet, denn das Getreidetermingeschäft spielt in seinen Ausführungen nur eine untergeordnete Rolle. Die Hauptsünde des Großkapitals bezüglich der west- und mitteleuropäischen Landwirthschast besteht nach seiner Argumentation in Folgendem: Das Großkapital hat ausländische Anleihen „bis zum gewissenloseste» Umfange" emittirt; hiedurch kam deutsches, englisches, französisches und anderes Capital in fremde Länder, nach -Nord- und Südamerika u. s. w., und wurde hier vorzugsweise zum Bau von Eisenbahnen, Canälen, Häfen rc. verwendet; erst in Folge dieser Vervollkommnung der Transportmittel kamen diese Gebiete in die Lage, große Getreidequantitäten auf den europäischen Markt zu sende»; und da nun. dieses Masienangebot, welches noch durch die Herabsetzung der Frachten begünstigt wurde, das Sinken der Getreidepreise bewirkt hat, ist die letzte Ursache des gegenwärtigen NothstandeS der Landwirthschaft einzig und allein das „beutegierige Großkapital." , ES kann natürlich nicht bestritten werden, daß in diesen Sätzen, ein Körnchen Wahrheit liegt, denn eS ist wohl unzweifelhaft, daß sich die auswärtige Getreideconcurrenz erheblich langsamer entwickelt hätte und demnach die Preisdepression des Ge- *) G. Ruhland, Die internationale Nothlage der Landwirthschaft. Berlin' 1895. (Herau-gegeben aus Veranlassung de» Bunde» der Landwirthe.) treideS. geringer wäre, wenn man den concurrirenden Ländern Capital zum Ausbau der Verkehrsmittel nicht zur Beringung gestellt haben würde. Die betreffenden Emissionsbanken hätten daher nach der Ansicht der deutschen Agrarier sagen müssen: „Seht, wir werden aufgefordert, eine ausländische B. argentinische) Anleihe zu placiren. Da wir jedoch verinuthen, daß nnit Hilfe derselben Transportmittel hergcstcllt werden, die es erniögliche», daß überseeisches Getreide in großen Massen nach Europa ge. bracht werde, und da wir ferner von der Ueberzeugiing durch drungen sind, daß in allererster^ Linie unsere Bauern — wie sich neuestcnS die deutsche» Großgrundbesitzer zu nennen belieben geschützt werden müsse», weisen wir das an uns gestellte Ansinnen mit Entrüstung zurück." Obzwar man nun gewiß nicht leugnen kann, daß in den lctzten Jahrzehnten mit exotischen Werthpapieren viel gesündigt wurde und manche Emission besser unterblieben wäre, wird man doch von den Banken billigcrweisL- >»cht verlangen können, daß sie^sich die Köpfe der deutschen Agrarier zerbrechen. Man ist in der That versucht, derartigcir Unsinn als ein Geistesproduct zu betrachte», daS bestimmt ist, in einer Kneip-- zeitung Platz zu finden, und dennoch ergibt sich diese Albernheit folgerichtig aus der neuesten literarischen Leistung des Dr. Ruhland. Die Agrarier beklagen also die Thatsache, daß neue Länder durch das Capital der civilisirten Rationen dem Weltverkehr erschlossen worden sind. Wenn wir »ns aber nicht damit begnügen, unseren Blick lediglich in diejenige Richtung zu lenken, welche den Agrariern durch die ihnen anhaftenden geistigen Scheuleder vorgezeichnet ist, dann müssen wir gestehen, daß die genannte Thal sachc auch eine sehr erfreuliche Seile aufweisl: durch die auswärtige Concurrenz ist das Getreide — und damit daS Brot — dauernd billiger geworden, soweit diese Wirkung nicht durch Gegen maßregeln (Zölle) ganz oder thcilweise paralysirt wurde. Was aber billiges Brot für diejenigen Bolksclasseir bedeiilet, deren' Hebung heute in allen Culturländern und mehr oder weniger von allen Parteien angestrebt wird, daS ist längst klargestelli. Im Ausgabcbudget der Minderbemittelten — der Arbeiter u. s. w. spielt der Posten Brot die. erste Rolle. Er nimmt eine» großen, häufig sehr großen Percentsatz deS Gcsainintcjnkoiiiiiiens detselben in Anspruch, weshalb jede erhebliche Steigerung des Brot , bczie hungSweise des Gclreidepreiscs von ihnen auf das Drückendste empfunden wird. Wie sehr daö materielle Wohl weiter Kreise der Bevölkerung von diesem Factor beeinflußt wird, dies erhellt aus dem innigen Zusammenhänge zwischen Getreidepreise» und Eigenthumsbelicte». Diese Thatsache wurde in den endlosen De batten, welche über den Antrag Kanitz in Körperschaften und Versammlungen geführt worden sind, merkwürdigerweise gar nicht erwähn», obzwar sie durchaus nicht ei» nur Wenigen zugängliches Geheimniß ist. Sie wurde schon im Jahre l6«>7 van Georg Mayr unzweifelhaft festgestellt, und seither hat die deutsche Eri- . minalstatistik mehrmals mit-großem Zahlenaufwand nachgewicsen, daß jede« Sinken der Getreidepreise eine entsprechende Verminderung der Verbrechen und Vergehen gegen das Eigenthum und das Steigen der Getreidepreise eine Vermehrung derselben hervorruft, oder mit anderen Worten: noch immer beziehen zahlreiche Individuen ein so geringes Einkommen, daß sie außer Stande sind, den wichtigsten Ausgabeposten zu erhöhe», weshalb sic bei

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