Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 175 (11.8.1895)
- Date
- 1895-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Sei;» 4 Freie» Blatt. Nr. 175 bffdjimpfcii und verdächtigen sie alle Welt, so auch pflichtgetreue Beamte vor der Oeffentlichkcit, wenn eS ihnen gerade paßt. Das hindert sie jedoch nicht, daß sie am selben Tage noch in eine Versammlung gehen und Leichtgläubigen vordcclamiren, daß sie — und nur sie allein — cS mit der Beamtenschaft gut meinen. Man darf sich darüber auch gar nicht wundern, wenn die Herren von dieser Couleur. mit' so beschränktem Gesichtskreise wie die Gregorig und Gcnosien, keine hohe Meinung von geistiger Arbeit in sich ausgenommen baden. Woher sollen sie den Maßstab nehmen, um solche Leistungen nach ihrem wahren Werthe zu schätzen? Leute, die den Stand der Aerzte, die Professoren, die ganze Universität beschimpfen und mißachten,!önnen kein Gefühl haben für das, was geistige Arbeit bedeutet. r ies würde sich wohl am besten erweisen, wen» die Antisemiten, was ein gütiges Geschick verhüten möge, wirklich im Wiener. Rathl'aiiie onS Ruder kämen. Unsere Beamten, in erster Linie die städtischen, von denen ja auch ein gut Theil diesen „Bolksrettern" nachläuft, obgleich die liberale Partei Alles für sie gethan hat, was sie thunlannte und dnrirr, würden dann am ehesten einsehen, wie sehr sie sich geirrt haben: sie würden die Bcamtenfrcundlichkeit der Wiener Hetzvarkei uii'ift praktisch;it verkosten bekommen. Wir aber wünschen ibnen dies nicht, weil uns die Interessen der Stadt Wie» und des ^taaree, mir denen die der Beamtenschaft auf das Innigste verknüpft sind, am Herren liegen. K'.ciilgewcrliclrcibciivr sikstcn den Aiitiscmitisliiiiö.) In H e: n i -? fand am fv d. 9N. eine zahlreich besuchte Vcrtraucnsm.inne".''.'ammlnna von Kleingewerbetreibenden, zur Stellungnahme den '^enisinderatbswahlen statt. Ter Vorsitzende, Lackiercrmeistcr vi:• t.ii .r: errich. wies auf den spcciell in diesem Bezirke herrschenden 7 r. orisinuo bin. wodurch die Einberufung der Versammlung erschwert ire den 'si Er erklärte, daß die 'Gewerbetreibenden bei den bevorsi b :d n Wahlen einig Vorgehen müffen. Tischlermeister Josef Friedrich »führte . ns, daß die Kleingewerbetreibenden des ewigen Kampfes und der re: "enden Agitationen müde seien. Er sagte: Wie können unsere :T:: gehen, wenn wir keine Arbeit bekommen, wenn wir immer INI 'tanü'e sieben? Wir Kleingewerbetreibenden bilden für die Antida? Wablopfer, deren Aufgabe es ist, den uns aufoctroyirten Eand:d r r. zum Mandat zu verhelfen. Wie können es Leute ehrlich :::it NN me::;-:,, die bei jeder Gelegenheit in die Welt hinausposaunen, sie ,'si'tt A:tt's-ü"':en, und am Samstag zum Juden betteln? gehen, jhne-.: si - Arbeit abnehme? Solchen Leuten muffe man aus dem W ge S.-hnhmachermeister S ch n ü rch betonte, daß man rr: '. .ch n Mn.vic.n die Stimme geben dürfe, welche Gegner aller V:.ng und Freunde der Arbeit seien. Ter Redner beantragte die 'Wab! eines Eomi:-'s, denen Aufgabe es sein solle, demnächst eine allg'm.si!: W>:!!ervcr>'a>ilmluug des dritten Wahlkörpers in Hernals ein» um eine Einigung der Wähler herbeizuführen. Dieser An- -:aa wnlde einstimmig angenommen. Ter Borsitzende appellirte zum Schli"' an d:e Anwesenden, dein TerroriSmuS nicht zu iveichen und auch <v sinnn^isgenonen zu werben, damit endlich die Macht der ' ri si'chni Streber- und Bolksverhetzer gebrochen werde. C'lll lffllüdtliact.' Dem Affecuranzbeamten Adolf Pollitzer, :.1k. im Juni porigen Jahres anläßlich eines Rencontres mit dem iv'chen Abgeordneten Kaiser wegen gefährlicher Drohung und Eignng IN tzjcr Monaten Kerkers verurtheilt worden war a: e nach Verbüßung von zwei Dritttheilen dieser Strafe der Rest s'o.vse nachgcsehcn wurde, sind nun durch einen neuerlichen 'siia : des Kaisers auch alle rechtlichen Folgen seiner Bernrtheilung : i i. :! worden. Herr Pollitzer ist demnach als vollständig un»- '.P.Vtv: u> betrachten und trittwieder in den Besitz aller politischen . :'d -g-ir dn:ck die Verurtheilnng tangirten Rechte. I'. 'liHöolf (vidlfiorit. i Wie verlautet, wurde R, Rudolf E i ch- . mit der Leitung der Pfarre Nußdorf betraut. Es V "'.'Etliche, der sich vor Jahren als antisemitischer - ivraekbaii, kurze Zeit auch dem Abgeordnctenhause als _ora Schönere r's angehört hatte und, nachdem er . v Stätte seines mehrjährige» Wirten-, gründlich ab- ■!- :ch Höslein an der Donau versetzt worden war. Die " . 'Gluck, und eS ist nicht ausgeschloffen, daß es ihnen nur sein werde, auch den ehemaligen Schricker b' ' T ch'rzer, die Zierde des „Katholisch-constitutionellen - ' .' ' , aus einem schönen Wiener Posten wieder '» ' e ('■•'UC nächtliche 3traBCniccnc.) In der Nacht vom 5. auf den si V‘ in der .Kärntnerstraße zwei geachtete Geschäftsleute in einen Confsict mit mehreren Cavallerieofficieren, in deren Gesellschaft sich auch ein Herr in Civil befand, der mit seinem Stock einen der beiden Geschäftsleute thätlich mißhandelte. Ueber den Vorfall, der noch-Nachts zur Kcnntniß der Polizei und der Militärbehörde gebracht wurde, liegt folgender Privatbericht vor: Die Herren Marcus und Alexander Munk, Ersterer Eigenthümer einer Galanterie- und Rciscrequisitenhandlung, Letzterer Besitzer einer Daschnerwaarenfabrik, gingen um. 1 Uhr Nachts durch die Kärtnersträße. In der Nähe des .Hotel Munsch" kam den beiden Herren eine, wie eS schien, stark angeheiterte Gesellschaft entgegen. Voran gingen Arm in Arm zwei Cavallericofficicre mit einem Herrn in Civil,, und ihnen folgten noch zwei Ossi eiere. Da vernahmen plötzlich die Herren Munk, daß Einer von der Gesellschaft ungarisch bemerkte: „Hier.kommen schon wieder zwei so verfluchte Juden", und gleich darauf rief eine Stimme deutsch: „Ausweichen, Juden!" Herr Marcus Munk, welcher an der Häuser feite gegangen war, drückte sich an die Wand, um mit keinem der Herren in Berührung zu kommen. Einer der Officicre stieß trotzdem unter Beschimpfungen absichtlich und heftig an ihn an. Herr Marcus Munk verbat sich eine derartige Insulte, worauf der Herr in Civil seinen Stock erhob und einen wuchtigen Hieb gegen das Gesicht des Herrn Munk führte, so daß das Blut sofort in Strömen herabflnß. Herr Marcus Munk forderte, sobald er wieder vollkommen Herr seiner Sinne wurde, feinen Bruder, der auf der anderen Seite des Trottoirs gegen die Fahrbahn zu auSgcwichen war, auf, einen Wachmann zu holen, worauf die offenbar berauschte Gesellschaft die beiden Herren Munk mit rohen Schimpfwörtern überhäufte. Einer der Officicre sagte zu dem Verwundeten:. „Sie werden sich mit uns schlagen; ich habe schon genug zusammcngehaucn." Herr- Munk erwiderte: „Die Angelegenheit wird vor Gericht ausgetragen werden." Jetzt bemerkte Einer aus der Gesellschaft: „Was verlangen Sie Schmerzensgeld? Wir werden Sie auszahlcn!" Herr Munk wies dieses Ansinnen in gebührender Weise zurück. Inzwischen traf ein Sicherheitswachmann ein,, bei dessen Erscheinen drei Officicre rasch das Weite suchten, so daß nur ein Ossicicr und der Begleiter in Civilkleidung zurück blieben. Der Wachmann nahm den beiden Herren das Nationale ab und machte sofort bei der Polizeibehörde die Anzeige, welche die weitere Amtshandlung cinleitetc. Der angehaltcne Ossicicr nannte sich auf Befragen des Wachmannes G^f.Csaky. Herr MarcuS Munk, der eine zwei Ccntimeter lange Rißwunde erlitten hat, befindet sich in ärztlicher Behandlung. — 'Rach einer nachträglich erschienenen, von polizeilicher Seite hcrrührcnden Darstellung des Falles haben die Cavalleric-Ofsicicrc Herrn Marcus Munk auch mit dem Niederhalten bedroht, und sollen schon Dor dem Erscheinen des Wachmannes nicht nur drei Officicre, sondern auch der Civilist sich entfernt haben. Es wird zugleich mitgctheilt, daß die Ausforschüng des Letzteren cingelcitct wurde. — Aus Budapest wird gemeldet: Graf Csa ky hat schon vor einigen Jahren in Kccskcmet, wo er als Cadct stationirt war, eine ähnliche Affaire gehabt wie jetzt in Wien. Er sprach nämlich einen Kaufmann, Namens Beer, der mit seiner Familie vor dem Geschäfte stand, mit den Worten an: „Können Sie rasircn?" Herr Beer war über diese Frage natürlich sehr verwundert. Hierauf hieb Graf Csaki) auf den Kaufmann ein und verletzte ihn schwer. Die Affaire erregte damals großes Aussehen und kau, auch im Reichstage zur Sprache. Sie hatte eine Tisciplinarbcstrafnng und die Versetzung dcS Grafen Cl'aky zur Folge. — Eine erbärmliche Rolle spielt im vorliegenden Falle die Antisemitenpreffc, insbesondere ein „deutsch-nationales" Organ. Dasselbe spricht schadenfroh von einer „antiscniitischen Morithat", obwohl einer seiner Mitarbeiter, der vor einigen Jahren in Mürzzuschlag oder Bruck von Officicrcn durchgewalkt wurde, damals fürchterlich Alarm schlug und auch liberale Blätter mit Depeschen über sein Mißgeschick bestürmen ließ. Der Unterschied zwischen dem Malheur jenes „Schriftleiters" und dem dcS Herrn MarcuS Muiff ist allerdings ein wesentlicher. Der Letztere, welcher die ihn insultircnden Officicre nicht provocirt hat, ist ja kein Arier und hat keinen wohlklingenden tschechischen Namen. (Excrß cines antiseiliitischcn Gkmischtwaarcnhändlers.) In PerchtoldSdorf verübte der Gemischtwaarenhändler Michael Pichler vor einigen Tagen einen argen Exccß. Er stürzte plötzlich in das Geschäft des GemjschtwaarenhändlerS Josef Deutsch, als dort eben Frauen ihre Einkäufe besorgten, und beschimpfte den Concurrenten, dem er die Worte „Elender Kerl! Jndcnbrnt!" zurief. Die Käuferinnen eilte» erschrocken aus dem Geschäfte, und um der Scene ein Ende zu machen, mußte Deutsch den Pjchler zur Thür hinausdrängen. Wegen dieses Vorfalles hatte sich der Letztere beim Bezirks- "gerichte Mödling,;» verantworten. Ter antisemitische Excedent verlegte sich aufs Leugnen und stellte Alles in Abrede, doch half ihm das nicht. Mehrere christliche Frauen, die als Zeuginnen vernommen