Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 175 (11.8.1895)
- Date
- 1895-08-11
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 175 Are!«» Statt. Seite 8. Die Moskauer Aaufmannschaft und die ^uden. (Original MiNheilung de« „Freien BlatleS".) .Petersburg, 30. Juli. Die JudenauSweisunzen auS Moskau, welche Mitte 188i> ihren Anfang nahmen, haben Handel und Industrie im Moskauer (Gebiete ' arg geschädigt. Diese Thatsache, welche die Moskauer Kaufmannschaft in ihren Petitionen an die Ministerien der Finanzen und deS Innern bereits im Jahre 1885» zur Kenntniß der Regierung brachte, ist seit dainalS von der Tagesordnung nicht abgesetzt' worden. Im Gegcntheile, daS Börsencomitö und der Verband der Kauflcutc zu MoSka» haben jede günstige Gelegenheit benützt, um auf die verderblichen Folgen hinznweifen, welche für den Handel und die Industrie durch die Judenverfolgung entstanden sind. AuS den statistischen Daten über den Stand der Industrie und deS Handels im Gouvernement Moskau, welche die Handelskammer der Kremlstadt, kürzlich publicirt hat, geht hervor, daß die Tuchfabrication im Gebiete während deS letzten Jahrzehnts sich bedeutend vermindert hat, und zwar ausschließlich in Folge der JudenauSweisungcn auS Moskau. Tie Entwicklung der Tuchfabrication nahm früher einen großen Aufschwung, weil die Moskauer Juden für die dortigen Manufacturwaaren daS ganze Worbiucft und Südwestgiebet gewonnen, hatten. Rach der Ausweisung derselben verlor aber der Moskauer Markt sämnitlichc Abnehmer, so daß die berühmte Tuchfabrik der Firma Sawwa Morosow & Söhne die Zahl ihrer Arbeiter um tausend reduciren mußte. Um einen schlagenden Beweis für den rapide» Rückgang des Handels und der Industrie in Moskau seit der Aera der JudenanS Weisungen zu liefern, wolle» wir hier auch einen schon vor längerer Zeit erschienenen Warschauer Brief der judcnfeindlichen „MoSkowSkija Wjedomosti" auführen, der sich mit der Thütig keit der auS Moskau nach Warschau übersicdelten Inden beschäftigte. In dem Briefe war zu lesen: „Die auS Moskau auSgcwiescncn Jude», welche sich in Warschau »iedcrließe», beginnen im ökonomischen und industriellen Leben des WeichselgehietcS eine bedeutende, sagen wir offen, wohlthuende Rolle zu spielen. Rnsscn vom Scheitel bis zur Sohle, denen man ihre jüdische Abstammung kaum merken, kann, haben diese Juden den Mittelpunkt für die Tuchfäbrication und Manufacturwaarenindustrie auS Moskau nach dem Weichsclgebictc verlegt. Während sie früher sämmtliche Abnehmer an Tuch und Manusactnrwaaren nach Moskau lockten, ziehen nunmehr alle Käufer nach dem Weichselgcbictc, so daß daselbst ein Aufschwung der Manufacturwaarenindnstrie auf Kosten der Stadt Moskau zu verzeichnen ist. Aber auch abgesehen davon, haben die auSgewiesenen Ju'en hier neue Erwerbsquellen erschlossen, die den Arme» Verdienst und Erwerb bieten und die HandclSwclt merklich beleben. Und »och eine Thatsache muß verzeichnet werden, die für die Aufgaben der russischen Polin* x,.. im Weichselgcbietc von -großer Bedeutung sein dürste. Wir nieinci, nämlich die russificircndc Wirkung, welche die Einbürgerung russischer Industrie und russischen Handels durch die auSgewiesenen Inden auf daS Weichsclgcbiet ausüben wird. Zu allem Russische» hinncigeud, bilden die Moskauer Inden in Eongrcßpolcn ein russificircndes Element, daS gefördert werden muß." Zu diesem Briefe der „MoSkowSkija Wjedomosti" sei noch hinzugefügt, daß die Tuchfabrication der Stadt Lodz seit der zwangsweisen Uebersiedlung der Jude» auS Moskau »ach dem Weichselgebiete sich vierfach vergrößert hat Die Moskauer Fabrikanten, welche den Judenausweisungen stctS abgeneigt waren, versuchten, wie schon vorher erwähnt wurde, deS Oefteren, die Regierung zur Einstellung der Judenvertreibung auS Moskau zu bewegen, ohne jedoch den Zweck ihrer Eingaben zu erreichen. Nunmehr aber ist ein von der Moskauer Kaufmannschaft neuerlich unternommener Schritt zu Gunsten der in der alten Czarenstadt noch lebenden Juden von Erfolg begleitet, und eS steht zu erwarten, daß dieser Schritt für die freie Ausübung von Handel und Industrie in Moskau durch die Juden überhaupt entscheidend sein werde. Der Petersburger Senat hat nämlich in seiner jüngsten Sitzung sich dahin ausgesprochen,-' daß die in Moskau lebenden Jude» industrielle EtablistementS im ganzen Gouvernenient unbehindert errichten und alle Zweige deS Handels und deS Gewerbes betreiben dürfen Auf Grund dieser Entscheidung werden auch die jüdischen Handwerker in Moskau anßer dem betreffenden Handwerk, daS ihnen nicht immer genug Mittel zum Leben geben konnte, auch anderen Beschäftigungen auf dem Gebiete deS Gewerbes und deS Handels sich widmen dürfen. Somit ist die Absicht der Moskauer Fabrikanten, die Inden zu ihren commerciellen Actionen.wieder heranziehen zu könne», der Verwirk lichung nahe. In der Entscheidung deS Senats, welche die judcnfeindliche Haltung der Min stcrien des Innern und der Finanzen drastisch illustrirt, heißt eS wörtlich: „Die Ansicht der Ministerien deS Innern und der Finanzen, daß die in Moskau lebende» Juden industtielle Etablissements nicht errichten und Handel nicht betreiben dürfen, entbehrt jider gesetzlichen Grundlage. Tie Verordnung vom 28. März 1891, wonach dße jüdischen Handwerker auS Moskau auSgewiesen wurden, darf kcinö Anwendung auf jene Jude» finden, die einer Gemeinde im Gouvernement Moskau einverlcibt - worden sind. Die gegenwärtig in Moskau lebenden Inden sind sämmtlich Angehörige GouvernentcntS und genieße» als solche Gewerbe ohne Bcschränknng betreiben zu verschiedener Gemeinden deS daS Recht, Handel und dürfen." Diese Entscheidung des Senates ist auf ein Colleclivgesuch zurück zuführcn, welches die Moskauer. Kaufmannschaft kürzlich an den Petersburger ReichSrath g> richtet hatte. Die Moskauer Fabrikanten hoben den Schaden hervor, welcher ihnen durch die Jndcnverircibunls zugcfügt wurde, und batei den ReichSrath, die freie Ansiedlung von Juden in der Kreinlstadt u gestatten. Der ReichSrath fand eS jedoch nicht für angezeigt, dem Gesuchs der Fabrikanten in alten seinen Punkten stattzugeben, und griff zu einer Palliativmaßnahme, indem er nur den in Moskau leben >e» Juden die freie Ausübung von Handel und Gewerbe gestattete. Die freche Behauptung der Antisemiten, daß die Juden ein der VolkSnnrthschaft abträgliches Element bilden, wird auch außerhalb MoSkauS fast tagtäglich durch T Haliache» Lüge» gestraft. , _ Ai^u>. Die Veamteiisieundlichkeit der I sonnten. Anti-" (S'Oii einem k. I. ^laatSbeauilen » Mo» kann jetzt in über Bcamtenverhülinissc der. Thüre, und da gilt c de» anliliberalcn Versammlungen gar viel reden hören. Stehen doch die Wahlen vor sich schön zu machen, sich als best alleinigen und wahren Frenjid der Beamtenschaft autzuspielcn da»in sind die Antisemiten groß. Sie verstehen eS, gleichzeitig für die ein ander völlig entgegengesetzten Interessen einzelner Wählergrnp.pen mit dem Brustton der ilebcrzeugung einzulrcten. Natürlich geschieht dicS nur mit Worten, mit UlberbielungSanträge», die zu nichts vcrpflichien. Jui Gegenthcil, wenn siej abgclehnt werden, ist es den Antragstcll.'rn ganz recht; sie brauchen daun gewisse Ttcuerträger vom nicht zu fürchten und können zu de» Beamten wieder hingchen und säge»: „Seht, wir sind doch bessere Menschen. 'Wir ivollie» euch so viel gebe», die bösen Liberalen aber dulden das nicht." TaS ist auch so eine Art Baucrnsängerei, eine Eorruption der schliuimste» Art. In den Kreisen der Beamtest sollte man sich endlich einmal darüber klär werde», nias man von derlei Bersprcchungen zu balle» haz Komisch hat eS schön wiederholt-gewirkt, wie diti-'-'überklugen - Antisemiten, die ini Landtage und Gemcinderathe o'l 'a, dick thaien, wenn eS sich um die- Interessen der Lehrer und Beamten handelte, hi» und wieder auS der Rolle gefallen sind, so daß auch minder Einsichtige erkennen mußten, daß sic nichts Anderes sind als!"»ch lcrische Phraseure, die nur, um ein politi'chcS Prostichen heraus zuschlage», den einzelne» Wählerclasfen um den Barl gehe,». Derlei passirte diesen Bolksbeglkckern bei gar manch-'r Gelegenheit Man konnte diewahre Gesinnung der Hgwranek, Gregorig, Jedliüla,. Steiner und Genossen über die städtische, die Landes und S'aatS beamtcnfchaft recht deutlich erkennen, wenn sie'in die Rage Minen. Man erinnere sich nur,- in welch ungerechtfertigter n»d hinterlistig." Weife daS gtädtische Baiiamt, das doch sehr viel leistet, bei vclschiedcncn Anlässen oder auch ohne jeden Anlaß angegriffen wurde. Ma» erinnere sich weiter, daß die Antiscniitcn in» Geittciiidcratl>e die Beamten schon wiederholt per-„Schreiberknechte" tilulirt haben. Ma» kriunere sich schließlich, wie gegen die Landcsbeamten verschiedener. Kategorie» loSgcdonnert wurde. ^All daS zu übertrumpfe», blieb aber dem Herrn LandragSabgeordneten vom Neitbau Vorbehalten. Jmpntirte er doch einem Landcsbeamten in öffentlicher Landtagssitzung nichts Geringeres, als daß derselbe sich durch einen Hektoliter Bier hätte bestechen lassen. Zugleich wurde damit' die ganze Commission, welche wegen Landes angelcgenheitcn zusammengetreten war, beschimpft, aber daS gcnirt einen Gregorig nicht.' Dieser Cato will eS also einem Beamten, der strenge seine Psticht erfüllt hat, verwehren, ein ihm dargebotencS GlaS Bier anzunehmen, weil er offenbar selbst zu niedrig denkt, um zu begreifen, daß dies auf die Meinung und Amtshandlung deS Betreffenden ohne jede» Einstuß bleiben könne und müsie. DaS ist so recht die Manier dieser CorruptionSriccher. Ohne alle GewisienSscrupcl