Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 174 (4.8.1895)
- Date
- 1895-08-04
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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I Nr. 174. .freie» Blatt. rette :>. möglichst starken Anzahl von Schülern sollten e» sein, damit itt den Jahrcsberickiten regelmäßig imponirende Zahlen in selten Lettern prangen. Aus den stiupen, der dabei erzielt wird, kommt es weniger an. Als Exeinpel sei nur die Schule in Kolomea genannt, welche jährlich etwa 'tWXKt—700t) st. kostet, aber absolut ilberstüssig ist, da die -linder ohnehin die allgemeinen Schulen besucht haben. Der Obmann de» dortigen kocaleoniit,-» hat seinerzeit erklärt wenn das Enraiorium etwa .000—1000 fl jährlich bewilligen möchte, um arme jüdische Schulkinder mit Speise und -Neider zu veriorgen, würden bald alle diese -iinder die össentlichen Schulen besuchen. Tie große Slimme lönnle geiparl und zur Errichtung von Schulen, welche einem wirklichen Bedüljnisse genügen, verwendet werden. Das Gleiche gilt von de» ineisten Lchnleu in de» größere» Städten. Die Slislung kommt demnach zunr überwiegeud größten Theile lediglich dem Landessonds, der durch ihre Schule entlastet wird, zugute, da sie ihn der -losten enthebt, in vielen Städten Schulgebäude zu errichten und tzchier zu engagrren. Die im Stistungsstatnt hervorgehobrne Pflege und Förde, rung deS Handwerl« dagegen, welche für die Juden von der größten Wichtigkeit ist, ivird gänzlich vernachlässigt. Eine Dhaliache von vielen möge hier vermerkt werden. In Kolomea lebe» etwa 400 jüdische Weber,-deren Gewerbe einst in hoher Blüthe stand, heutzutage aber sehr gesunken ist, weil die Weber aus sich selbst angewiesen sind, mit der Außenwelt in keiuer Berührung stehen, die neuen Methoden der Weberei nicht kenne», deshalb der Eoneurrenz des AnslandeS nicht gewachsen sind und leicht von gewissenlose» Arbeitgeber» und Aufläuser» schinählich auSgebentet werden. Ta» Executive»»'«« in Lemberg machte nun dem Euratorinin i» Wien den Vorschlag, eine Summe z» bewilligen, um an» Lillnir einen Webermeister komme» zu taffe», welcher de» Webern die modernen Methoden beibringen solle. Dieser Vorschlag ivurde rundlveg abgewiesen, obwohl er in dem Worllante der Stistungsurknude begriintet war. Angesichts solcher Thatiachen ist es nicht zu venvunder», daß das Vertrauen in die Wirksamkeit der Slislung bei der jüdischen Bevölkerung im jähen Schwinden begriffen ist — trotz der schreiende» Zahle», mit denen die Verwaltung die Oefsentlichleit periodisch überrascht. Fragt man sich nach den llrsacheu dieses Fehlgehens, so muß man zu dem Schluß komme», daß. abgesehen von Jntriguen und persönlichen Raucunen, die Hauplschuld in der llukeinnniß der Verhäliniffe der Juden und, ihrer wahre» Bedürsnisse liegt. Es schien nöthig, an diese Thatsache zu erinnern, um wenigstens die Reorganisation der Wohllbäiigkeiisinstitutione» des Baron Hirsch vor ähnliche» Fehler» zu bewahren. Eine Reise durch Galizien, wobei man sich die Dinge durch d^e Fenster des Waggons oder von der Höhe de» Früdstücklisches ansieht, gibt bei weiten noch nicht die ersordeillichen -ienntnisie von der Lage. Die voranstehenden Ausführungen werden voraussichtlich das Curatorinm in Wien zu einer Gegenäußerung veranlassen. (Eine SfltirC.) Hauser'S humoristische Wochenschrift „Hallo" in New-'?>ork bietet in ihrer letzten Nummer ein Titelblatt, welches Folgendes zur Darstellung bringt: Zwei Männer prügeln einen alten Juden, ein geistlicher Würdenträger flieht ob dieses Anblickes ent rüstet hinweg und ruft: „Wenn ihr in dieser Weise fortsährt, dem Christeitthui» Schande zu machen, dann trete ich aus und kehre zunt (Glauben meiner Väter zurück." Der Kirchensürst ist Erzbischof Dr. Rohn aus Slmütz. Die Aufschrift der Satire lautet: „Mögliche Folge antisemitischer Ausschreitungen." «Gustav Frchtag über Berthold Auerbach und Jacob Raufmailll.) In seinen „Erinnerungen aus meinem Leben" schreibt Gustav Freytag: „Eines TageS, es war im Jahre 1844 (Freylag stand im 28. Lebensjahre und hielt sich ' in Breslau auf), trat Berthold Auerbach bei mir ein, damals in voller Jugendkraft und auf der Höhe seines literarischen RuhmeS. Denn wie man auch den Werth von Allem, .was er später geschrieben, beurtheilen möge, die beiden ersten Bände der .Schwarzwälder Dorfgeschichten' waren bei weitem das Wirksamste, waS er geschaffen hat, für Deutschland ein literarisches Ereigniß. Sie erschienen als eine Erlösung von der öden Salonliteratur, welche französischen Vorbildern ungeschickt nacharbeitete, sie brachten Schilderungen aus dem deutschen VolkSlhum zu Ehren, Charaktere und Silten, die auf unserein Boden gewachsen waren. DaS wurde überall dankbar empfunden, und der frische treuherzige Gesell, welcher den Norddeutschen selbst wie eine Gestalt aus seinen Dorfgeschichten entgegentrat, ward, wohin er kam, mit Begeisterung empfangen und als Verkünder einer neuen Gattung von Poesie gefeiert. Es ist jetzt leicht, die Grenzen seiner Begabung abzumesien und in seiner Weise zu schildern, die Manier zu erkennen, wer aber mit ihm jung gewesen ist, wird die große und wohlthätige Einwirkung seiner Geschichten dankbar in der Seele bewahren. Er war in jenen Jahren lebensfroh, hoffnungsvoll und nicht ganz so beifallsbedürftig, als er wohl später wurde, ein lieber Kamerad. Ich habe niemals einen zweiten kennen gelernt, der mit so kindlicher Hingabe sein Inneres aufschloß und seine Freunde so völlig zu Vertrauten seiner geistigen Arbeit machte wie er; gute Einfälle und poetische Bilder, kleine charakteristische Züge, die ihm aufgegangen waren, theilte er immer wieder mit und schliss sich durch die Mitiheilinig selbst die bunten Steine, welche er später in seine Tichtnngen ltuictufet?Tc. Nie wand ging so sorglos wie er mit. einem Bekannten Arm in Arm, ' und immer war er es, der sich einhing. und der Andere führte. So.' wurde eS auch mit uns Beiden. Während seines Aufenthaltes in BreSlau war er in besonders gehobener Siiunnnng Er hatte sich dort, eine Braut geworben, die seine erste Frau wurde, ein liebenSwertheS zartes Mädchen, das ich wohl früher bei.Agnes Franz gesehen batte. Als er mit ihr vermählt werden sollte, lud er mich ei», weil Niemand von seiner Verwandtschaft zugegen war, bei der Trauung als sein Zeuge zu erscheinen. .Gut, wie habe ich mich zu verhalten?' ..Uoiitnt nur zu der und der Stunde in das Gotteshaus.' Ich ging, erhielt beim Eintritt von zwei Thürstehern die unwillige Etmahnung. .So setzen Sie doch den Hut auf' und ward Zeuge, wie er würdig unter dem Branthimmel stand und durch Geiger nach einer seht» guten Rede getraut 'wurde. Ich konnte ihin mit vollem Herzen - »feine Freude über ein Glück auSsprechen, dem leider keine lange Erdendauer beschieden war. Von da an hat er mir durch sein ganzes Leben eine wahrbaft -herzliche Zuneigung bewahrt, obgl-ich ich ihm zuweilen wider Willen bitter weh thuu mußte. Er hatte den Roman .Neues Leben" versaßt »nd forderte eine Besprechung durch mich in den .Grenzboien', ich ließ ihn ersuchen, davon abzusehen, aber er beharrte daran'. Die Besprechung bereitete nicht nur ihm. auch . seinem Verleger. Malhy Herzeleid. Auch in anderen- Dingen hatten wir nicht immer dieselbe Aufsaffung, aber seine Freundesireue überstaud alle Kräiikungen seines Selbstgefühls." lieber Jacob Kaufmann heißt es in demselben Buche (Band I, S. 223): „Julian Schmidt hatte damals sein Lehramt in Berlin ausgegeben und war von dem Sesterreicher Ignaz Knranda als Mitarbeiter für. die .Greuzboteu' .gewonnen worden, da diesen selbst der politische llmseywuiig in Sesterreich nach der Heimat trieb. Den deutschen politischen Theil der Wochenschrift besorgte Schmidt, die österreichische» Correspondenzen und die Revision Jacob Raufmann. Dieser war ein Judenkind. aus Böhmen, den sein Schicksal nach Deutschland und unter die Herrschaft seines- Landsmannes Knranda geführt hatte, einer der harmlosesten und liebenSwenhesten Menschen, welche je mir dem Roihstift schlechte Aussätze lesbar gemacht - haben. Er besaß ein ungewöhnliches Sprachtalent, ein merkwürdig . gesundes Unheil auch in politischen Dingen, gebrauchte die Feder nicht reichlich, aber sauber, sein und mit Geist, war dabei eine sinnige, heitere Natur mit einer Ader von schalkhaftem Humor. Seine Be-- scheidenheit und Selbstlosigkeit waren so groß^ daß sie fast zunt Fehler.- wurden, er hatte die denkbar geringsten Bedürfnisie, arbeitete und-' sorgte immer für den Nutzen Anderer und dachte nicht an den seinen. Natürlich wurde er überall, wo er lhätig war, Liebltng und guler Knabe, dem man aufpackte, und dem man auch für das Behagen seines eigenen Lebens sorgen mußte bis auf seine Eigarren, die er, wenn man ihm freie Hand ließ, mit unleidlicher Ansvrucl'Slongkeir rauchte. Dreiundzwanzig Jahre später war mir beschieden, seinen Belüft zu betrauern und den Deutschen von ihm zu erzählen. Als ich ihn kennen lernte, war er bereits in guter Rauterad'cha'i mit Julian Schmidt. Und die beiden Gesellen saßen bei der Arbeit und Abends am Schenklisch in der aufgeregten Sachsenstadt nebeneinander tvie zwei kluge Käuzlein unter dem schwirrenden und schreienden Vogel-- voll. Als ich einige Monate später mit Schmidt zuiammentraf, .machte er mir den Vorschlag, ich möge den Eigenihumdanibeil, welchen Knranda an den ,Grenzboten' hatte, übernehmen. Ta dies ganz zu dem stinimte, waS ich in dieser Zeit für mich wünschte,!o erklärte ich mich sogleich bereit, wenn nämlich Schmidt mein Partner und College werden wollte. Er schlug ein und wir erwarben zu gleichen Tbeilen Eigenthumsrecht an dem Blatt." * (Ein Jude im delitsch-sroiizösischeil Kriege. > Ueber den Sieg von - Loigny am 2. Tecember 1*70 brachte die „Magdeburgischc Zeitung" vor einiger Zeit einen ihr aus Hamburg eingesandten B'.icht. 'Nachdem der Berichterstatter den Heldenmuth des tapferen Führers des 2. Ba> taillonS des 70. Regiments MajorS v. Gayl im Kugelregen geschildert, der, selbst von einer Kugel getroffen, unter stechenden Schmerzen noch Befehle ertheilt, fährt er fort: . . . Wenn auch viernndzwanzig Jahre im Strome der Zeit dahingeschwunden, die einstigen jungen Krieger als gereifte Männer an der LebenFgrenze stehen,- nie wird ihre Begeisterung sich niindern, wenn sie des ehrenreichen Tages von Loigny und ihres heldenmüthigen - Führers v. Gayl gedenken. Rathlos blickt die kleine Schaar der hilfsbereiten SanilätScolonne.auf das ungeheuere Zerstörungswerk. Wo zuerst beginnen °? Klagerufen folgen? Zu viel deS Elends ist'S für die wenigen rettenden Hände. DaS von, allen Seiten hörbare Jammern der stöhnenden Menge droht die Thatkrast der wenigen Menschen zu erdrücken. NuL Einer isTS, der mit hoheitsvoller Hingabe und erhebender Nächstenliebe dem Schmer; gebietet, eine