Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 174 (4.8.1895)
- Date
- 1895-08-04
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 174. Freie» Blatt. Vdnitutgc Mori; Böhm gab als Zeuge an, daß er vom Angeklagten svii-MIioIt beschimpft wurde, weil er ein Jude ist. Böhm erzählte den Hergang und fügte hinzu: Tic anderen Lehrbuben haben darüber geiachl. Ter Richter erkannte den Angeklagten schuldig, verurtheiltc :l„ zu;ivölf Stunden Arrests und entließ ihn mit der MEimung, künftighin solche Rohheiten zu unterlalsen. Anklage gegen Feichtinger.) Wie aus Graz berichtet wird, wurde am M. Juli an einer vertraulichen Sitzung des dortigen Gcincrndcrälhes-cine Rote der Staatsanwaltschaft zur Kcnntniß gebracht, iir welcher dieselbe mittheilte, daß gegen Gciucinderath Feichtinger dreier Teliete wegen,' und zwar wegen Mitschuld an schuldbarer Crida, ivegcn Verbreitung beunruhigender Gerüchte und wegen Einmengung in eine Amtshandlung, die Anklage beim Grazer Landesals Strafgerichte erhoben wurde. Feichtinger zählt zu den Antiseuütenhäuptlingcn in der grünen Steiermark, schillerte früher deutsch-national und war ui der letzten Zeit ein Verbündeter der Wiener Christlich-Socialen. iC'inc aiiristinikischt Curcapellc.) In Bad Rozenau nahmen einige Mitglieder der dortigen Eurcapelle keinen Anstand, israelitische Eurgäsie zu im'ultiren. In Folge einer von den Insultirten cingel'r.ichieu Beschwerde hat nun, wie das „Reue Wiener Tagblatt" berichtet, der Bürgermeister von Rozenau, Herr Holub, sofort in loralüer Weise sich bereit erklärt, eine Untersuchung einzuleitcn, und 'einer Entrüstung über den Vorfall unverhohlen Ausdruck gegeben. Ter Herr Bürgermeister, der sich keinen Augenblick der Tragweite die'er Vorfälle verschloß, berief für de» 2fi. Juli eine Sitzung dcS Eurcomii--s ein, zu welcher sämmtliche Mitglieder der Eurverwaltung sowie die Badeärzte erschienen. Herr Holub richtete an den zu dieser Sitzung vorgeladcnen Eapcllmeistcr die Aufforderung, daß die insultirlen Enrgäüc seitens der Beleidiger aim Entschuldigung zu bitten 7;:;:?, welches billige Ansinnen der Eapellmeistcr seltsamerweise ab-!.bitte '.'tNiuuehr stellte der Bürgermeister den Antrag, daß die ganze Eurcapelle sofort zu entlasten und eine neue zu engagiren sei. Tiefer Antrag fand jedoch nicht allgemeine Zustimmung, und es wurde ein >''e.zenantrag cingcbracht und angenommen, wonach die zwei bei den annsciniiischen Ausschreitungen am schwersten gravirten Mitglieder der Enicapelle mit Geldbußen zu bestrafen und ihnen überdies eine strenge Rüge zu ertheilcn sei, gleichzeitig aber .auch einigen Curgästen protokollarisch eine Mißbilligung wegen ihres Verhaltens ausgcdrückt werken soll. Anstalt also den beleidigten Curgästen volle Satisfaction zu geirähren, mulhete mau ihnen noch zu, daß sie ihre Angreifer um Entschuldigung bitten. Ter Beschluß der Eurcommission verfehlte denn auch ''eine Wirkung nicht: Mehrere Curgäste haben Rozenau sofort verlassen, und eine Anzahl anderer strikt und trinkt keine Molke. Ter materielle Schaden, der hiedurch der Eurverwaltung erwächst, ist ein etnpsindlichcr, und dafür kann sich die Eurverwaltung von Rozenau bei ihren antisemitischen Musikern bedanken. Tie galizischcn Uiiterslüniiligsfoiids des Baron Hirsch.) Ter . Illdtzchcu Presse" wird aus Lemberg geschrieben: 2.!en vor zwei I.ibcen wurde in einer Reihe von Artikeln über die wirlh- ,i af::■ -l e vage der Inden in Galizien daraus hingewiesen, daß die Verwaltung stutz.mgSkonds 'ür jütllchc Gewerbetreibende unk Handwerker, welche e :..>n Huris 'eit n;el>r als sieben Jahren in Krakau und Lemberg unterhält, l aus der Hobe ihrer Aufgabe sieht. Wenn irgend eine BernsSclasse i : Forderung und Stützt bedarf, dann sind es diese beide», denn gegen :v G wtetite» und gegen die Handwerker richtet sich vorzugsweise der ...ä t .:cE, verniä'.lende Kampf auf Leben mkd Tod, welcher von den kräftig r.a.ii turte», das ganze Land beherrschenden .RSIlea rolnll-?.«." im Namen der „4.: üi’.fLiebe und Barmherzigkeit" mit önentlicheu und privaten Geldmitteln resii u ud und darauf binzielt, cen nmnerisch größten Theil der jüdischen Be- .u;v. 'Saiiziens im ouchsiäblichsicn Sinne ökonomisch zu ruiniren. Ter ger.u : :e Verband l at das ganze Land mit einem weilen, dichlinaschigen Retz von . > u u unichdunen, welche fast den ganzen Binnenhandel bereits in ihrer Hand daben und nun auch am Werke sind, ten Exporthandel, von dem UUZ.U u,:e tüdi'chk Fawilienväier ihr Takein, wenn auch zumeist kümmerlich, ' ist.u. zu inonovoüsiren. Er ist dies eine künstliche Pflanze, eine im Wesenti. . in zeitliche Aclion, die darauf ausgehr, die Bauernbevötkerung zu ködern, ... uu .k amleir tcr-tlben von ibren Bedürfnissen abzickenkeu, indem man .den zum Fräße vorwirsi. Rach dem Uriheile unparteiischer Fachiiu:ß Her ganze Ban früher oder später zntammenkrachen. Allein da» ist . Trost -ür die Tan'endc von Eristenzen, welche mittlerweile dem n ’sum ^v'er fallen und in das bitterste Elend gedrängt „ui einen Leite eine mächtige Organisation, welche über alle SlaalS- ..'uu v '.ü:.zt, ie Klinke der Gesetzgebung und der Administration in Händen d...i, u! den lue.auigsten Einfluß gebietet, mit populären Schlagworten um sich *■ : ruäsichietoS auf ihr Ziel hinstcuert, um so rücksichtsloser, da eS sich j.: „„ um Juden bandelt, die zugrunde gerichtet werden sollen. Auf der in: r ^. r,’ die Juden ohne Organi'alion, ohne jeden Zusammenhang, ohne jegliche Solidarität, meist sogar ohne Ahnung, woher ihr Unheil kommt, jeder Einzelne ans sich selber angewiesen, ohne die Aussicht, von irgend welcher Seite auf Hilfe rechnen zu können — so werden diese BerusSclasien allmälig an den Rand de« Abgrundes geführt. Als »un der hochherzige Entschluß des Baron Hirsch in Krakau und Lemberg je ein WohllhätigkcitSinstitut inS Leben rief, da erwachte überall die Hoffnung, daß nunmehr die Lage deS jüdischen Mittelstände« sich erheblich bessern würde. Leider wurde diese Hoffnung bitter getäuscht. Anstatt, wie jeder mit den Verhältnissen Vertraute annehmen durfte, der großen Eredilnoth der jüdischen Handel- und Gewerbetreibenden dadurch abznhelfen, daß mst de» reichen Mitteln Vorschuß- und DarlehenScassen gegründet würden, verfügte man, -daß in der Form von Almosen an Bedürftige jener Claffen kleine Gahe» vertheilt werden solle». Im Verlaufe der sieben Jahre sind nun beinahe 1,000.000 Gulden zur Vertheilung gelangt, jedoch ohne irgendwie der Sache zu dienen, ja, ohne überhaupt etwa« zu »ützeii. ES lag i» der Natur der Einrichtung, daß die wirklichen Kaufleute und Handwerker sich scheuten, an eine Institution zu appelliren, welche ihnen Almosen verabreichte, und so kam da« Geld meist höchst zweifelhaften Individuen zugute, welche eS in der Regel an die credilbedürftigen Leute zu hohen Wncherziusen anSliche». (?) Fand sich von Zeit zu Zeit ein Kaufmann oder Handwerksmeister, der, vor dem Ruin stehend, .einem Ertritlkendeu gleich nach diestm Strohhalm griff, so mußte er, bis seine Bitte erfüllt werden k»nnte, wegen der Masse der Gesuche so lange warten, bis ihm nichts mehr helfen konnte, Ulld das gewährte Almosen war so dürftig, daß eS dem Empfänger gerade noch zur Besiegelung seines Ruins dienen konnte; dagegen würde ihn ein zur richtigen Zeit gegebenes Tarlehe» aufrecht erhalten habe». So wurde die genannte Summe iliiproduciiv und unfruchtbar vergeudet. Die Männer, denen Baron Hirsch das Amt der Almoseniers anvertraut hatte — ein unter diesen Umstände» höchst undankbares, unpopuläres und mit unsagbaren Unannehmlichkeiten verbundenes Amt — vcr suchten in richtiger Erkenntniß der Lage wiederholt, eine entsprechende Um. Wandlung der Institution zu bewirken, aber ihre Bemühungen scheiterten jedesmal an einer gewissen, aus Verkennung der Bedürfnisse und der Rolhlage fließenden Voreingenommenheit in der Umgebung des Herrn Baron.. Nunmehr scheint sich die langersehnte Wandlung vollzogen zu habe». Ein Vertrauensmann des Baron Hirsch hat in Galizien Informationen cingeholt, und, wie zuversichtlich . verlautet,, steht eine Umgestaltung der beiden WohlthätigkeitSinstilutionen bevor. Tie emiuente Wichtigkeit des Gegenstandes wird eS rechtfertigen, wenn im Nachstehenden die Oeffentlichkeit und die in Betracht kommenden Instanzen vor Mißgriffen und Fehlern gewarnt werden, deren Nichtbeachtung oder auch nur Unterschätzung bei der geplanten Neugestaltung diese WohltbätigkeitSschöpsung ebenso wirkungslos und unfruchtbar machen kömite, wie es die große Zwöis- Millioneustifiuiig deS Baron Hirsch für Schulzwecke in Galizien und der Bukowina leider thalsächlich ist. ES besteht heute in unterrichteten Kreisen kein Zweifel mehr, daß die Wirksamkeit dieser großartig gedachten Stiftung sich in gänzlich verfehlten Bahne» bewegt. Die UnterstützungSfoudS haben gleich »ach ihrem' InSdaseintrelen innerhalb der polnischen Presse Wulhausbrüche geweckt, weil man in denselben ein kräftiges Gegenmittel gegen die vernichtende Thätigkeit der „Kulka roloicze“ fürchtete, bis man eines Besseren belehrt wurde. Ebenso chegrüßlen die polnischen und rulhenische» Blätter die Hirsch'sche Schulstistung mit berserkerhaslen Lästerungen und Verdächtigungen in der Meinung, daß daS Enratorium, der Tenden; deS ^Stifter« und den Bedürfnissen der Juden entsprechend, daS Augenmerk vorzugsweise und hauptsächlich aus die Zuführung der jüdischen Jugend;um Handwerk und zum Gewerbe richten.' so einen tüchtigen und gebildeten jüdische» Handwerkerstand schaffen und wenigstens dieses Gebiet sür die kommende Generation der jüdischen Bevölkerung rette» würde. DaS war natürlich nicht »ach dem Herzen unserer polnischen ZeitnngSschreiber, und daher gab eS anfangs laute Klagen über die „Ueberflnthung und Bedrohung des Handwerks" durch die Juden. Seit anderthalb Jahren ist Aller wie auf ein gegebenes Zeichen verstummt — der drastischeste Beweis, daß daS Curatoriuin Wege eingeschlage» hat, welch« nicht zum Heile der Inden führen. Seitdem jedoch die Verwaltung die recht zweifelhafte Ehre genießt, sich de« Vertrauens der polnischen Presse zu ersreuen, hat sie dar Vertraue» der jüdischen Bevölkerung eingebüßt. Tie ExecutjvcomitöS in Lemberg und Krakau hatten nach längerem, in der Natur der Lage begründetem Sucheu und Tasten die Einsicht gewonnen, daß mit aller Kraft dahin zu streben fei, in den kleineil, von Inden bewohnten Orten, wo da» Elend am größten ist, Abendschulen, welche der erwachsenen jüdischen Jugend, die eine Elementarschule nicht besucht hat, die nölhigen Elementarkeimtnisse beibringen, zu errichten und diese Schulen mit Handwerks-Lehranstalten zu verbinden, damit dieser Jugend nicht nur Bildung, sondern auch die Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen, geboten werden kann. DaS war der einzig rationelle, der Lage und den Bedürfiiiffen entsprechende Weg, schon deshalb, weil diese Methode den Vorzug halte, mir den nun einmal vorhandenen Vorurtheilen der ärmeren jüdischen Schichte» nicht in Eonflict zu geralhen, somit ohne unnöthige» „Culturkamps" namhafte Erfolge zu erzielen und obendrein billig zu sein, so daß mit verhältnißmäßig geringen Mitteln Viele« zu erreichen war. Indessen das Curalorium in Wie» verstand e» besser und beschloß anders: Abend- und Handwerkerschulen waren sür die Ausfaffnstg der Herren zu bescheiden; große Volksschulen in prächtigen Localiläten, mit einer '