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Freies Blatt · 1895-08-04 · 174 (4.8.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
174 (4.8.1895)
Date
1895-08-04
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 174 Freie» die Kinder beiderlei Geschlechtes ihrem Herzen entrisse» und in Klöstern und christlichen Familien nntcrgebracht werden. Mit ihren ehemaligen Religions- und Stammcsgcnossen dürfen sie keinen Umgang pflege». Die Uebcrtreter sollen den Christen als Sclaven geschenkt und die Inden, welche den. Umgang mit Convertitcn anfsnchcn, gegeißelt werden. Bis tief i»S bürgerliche Leben griff die denselben aufgelegte Beschränkung; sie wurden für unfähig erklärt, als Zeuge» anfzn« treten, und die Motivirung für diese Acchlung ist. ganz im Geschmackc der Zeit: ,Wie könnte derjenige gegen Menschen glaubwürdig sei», der Gott untreu geworden ist! ' (Fortsetzung folgt., (Zn den GenikilldtrallMvahlc».) Man schreibt UNS: Nicht dadurch ist die Zahl der deutsch-fortschrittlichen Mitglieder dcö Wiener GcmeinderathcS hcrabgeschinolzen, daß die Gegner die Mehrheit der Bevölkerung der Gcsammtstadl erlangt habe» — daS ist ihnen, wie zisscrmäßig auS den Abstimmungscrgebnisscn nachgcwiesc» werde» kan», bis zum heutige» Tage nicht gelungen, indem bei den letzten Wahle» »och circa 29.000 liberale gegen 24.000 antiscmitisch-clcricalc Stimmen abgegeben wurden — sondern in gar viele» Bezirke» erlangten sic ihre Erfolge lediglich durch die Lauheit unserer eigene» Parteigenossen. Es ist traurig, das constatiren zu müssen, allein cS nützt nichts, vor offenkundigen Thatsachcn die Augen z» verschließe»; man muß ihnen vielmehr mit der Fackel inS Gesicht leuchten, um so die Ursache» der erlittenen Schlappen klar zu erkennen nnd eine Bcsierung herbeizuführen. Es ist unbestreitbar, daß die f>0, 40, 00 oder 25 Pcrccnt Wähler, die bei jeder Wahl an der Urne schien, nicht im antisemitischen Lager stehen. Sic sind fast ausnahmslos An Hänger der freiheitlichen Sache, die cs aber für überflüssig halten, .diese ihre Gesinnung durch die Dhat, durch den Gang inö Wahllocal zu bcthätigc», indem sic sich denken: „Es geht auch ohue mich."' Sie wollen sich „in kein Gedränge cinlasicn", und darum bleiben sic auch schon den Wählerversammlungen ferne mit der Motivirung: „Mich braucht man ja nicht zn Überzeugen, man weiß ja so, daß ich dem Fortschritt anhängc." Diese Lauheit — man könnte cS auch Pflichtvcrgcsienhcit nennen — schädigt unsere Sache auf daS Empfindlichste. Sic muß vor Allem bekämpft werde», soll nicht der beschämende Zustand eintreten, daß die Stadt Wien einer Horde rücksichtsloser S.rcber, welche thcilS den Antisemitismus als Geschäft betreiben, theilS seinen Berkündcrn antz, Brotneid »achlaufcn, in die Hände falle, soll die Berwaltnng Groß-WicnS nicht dem clcrical antisemitisch tschcchi scheu Bunde auSgelicfert werden, der heute mit dem Dcutichlhnm prahlt, weil cs ihm Borthcilc zu bringen verspricht, und morgen den Tschechen Liebesdienste leistet, wenn dort ein Borthcil zu ergattern ist. . ES muß offen hcranSgcsagt werde»: Die Lauen, welche ihre Fahne am Tage der Gefahr im Stiche lasten, welche auS Bcguemlichkcit, , aus Scheu vor unangenehme» Begegnungen nicht in die fortschritl- . lichcn Bcrsanimlungcu, nicht zur Wahl kommen — sic sind ebenso gefährliche Feinde der fortschrittliche» Sache als die erklärte» (Gegner. Man zählt ans sic, nnd sie machen durch ihre Abstinenz alle Berechnungen zu Schanden; die Führer, welche Arbeit, Zeit und Geld geopfert, haben dann daS Bcrgnüge», zum Schaden noch den Spott der (Gegner über ihre Niederlage cinzuhcimse». Die Lauheit in der Be thätigung seiner politischen Gesinnung, die Lauheit in der. Ausübung seiner politischen Nechte ist eines selbstbewußten ManneS unwürdig, sic ist gleichzuhalte» mit schimpflicher Fahnenflucht, namentlich in Zeiten wie die jetzigen, wo die Gefahr besteht, daß durch solche Lauheit eine der wichtigsten politischen Positionen für die Sache der Aufklärung, des Fortschrittes und der Freiheit verloren gehe und an die Partei der Rcactionärc, der verkappten Römlinge falle. Das mögen sich unsere Mitbürger insgesamint bei den bevorstehenden Wahle» ernstlich vor Augen halten und danach handeln, besonders aber in jetten Bezirken, wo bei den letzten Wahlen der Erfolg an ein paar Stimincn hing. — Bo» anderer Seite wird uns geschrieben: Im Central wahlcomite haben sich die Dinge zum Bcstcrc» gewendet. In der Montag stattgchabtcn vertraulichen Bcrsammlung wurde nach fast zweistündiger Debatte jedwede Sonderstellung der Bczirküwahlcomit'-ö aufgegcben, die Candidaturcn einzelner politisch zweifelhafter Personen wurde» zurückgezogen und die große, eigentliche Wahlleitung ganz de» Händen dcS Dr. Richter überlasten. Friede und Einigkeit zog. in den Gcneralstab, und dadurch ist cS erst möglich geworden, mit einer energischen und zielbcwußten Wahlagitation zu, beginnen. Ans die Anfrage eines TheilnehmerS an dieser Bersammlung, ob die Meldung cineS hiesigen TagblatteS, daß die Wahlen Ende August ihren Apfang nehmen werden, richtig sei, antwortete Dr. Richter, daß eine so frühzeitige Ausschreibung der Wahlen gänzlich ausgeschlossen sei und dieselbe kaum vor Ablauf der ersten Hälfte September staltfindcn werde. Blatt. Seite. H Nun aber — ans znr Arbeit, damit, die schwarze Reactio» die imt schrittliche Partei am Tage der Wahlichlachl wohlgerüstel finde! ' ((yillC HfllC Plirtci > Unter den.Kleingewerbetreibenden macht sich, eine Bewegung geltend, welche dahin gehl, eine neue Partei zu bilden, deren Mitglieder die Bertretung. und Förderung gewerblicher Interesse» zu ihrer ausschließlichen Aufgabe machen würden. Dhne sich de» Liberalen anznschlicßcn, soll die neue Partei dennoch mit aller Ent schicdenhcit den Antisemitismus bekämpfen, destni Umtriebe - sich gnch für daS Gewerbe als äußerst verderblich erweisen. Ein „Bercin frei sinniger Gewerbetreibender", der in diesem Sinne thälig ist, beabsichtigt, schon bei den nächsten Wahlen für den Wiener Gemeinderaih besondere Candidatcu aufznstcUen. "Wir verzeichnen diese Bewegung, ohne jedoch an dieselbe allzu große Hoffnungen zu knüvien. Der'Zeitpunkt zur Gründung einer Art Mittclparlei ist unserem Dafürhalten nach nicht glücklich gewählt. Freisinnige Gewerbetreibende sollten im gegen wärtigen Momente keine Sonderaction cinleiten nnd 'würden sicherlich am besten auch ihre eigenen Interessen wahren, wenn sie ihre .Kräfte mit denen anderer freisinnigen Elemente vereinigen, um gemeinsam tzje von rcaclionärcr Seite drohende Gefahr abzuwcndeu. - n--y. Angcncljlllt Rcistgcstllschüsl.) Bor einiger .4» niliider galizische Kaufmann Lkasiali Frommer, ein alter, schwächlicher Man», mit der Fra»; IosessBah» nach Wien. v4it dem'elben Waggon befanden sich .mehrere Personen, welche beim Anblicke des- Inden in provocircndcr und crccisiver Weise wiederholt schrien: ..Hoch Lueger, hoch Schneider! Nieder mit'den Inden! Fort mit den Inden nach Palästina, erschlagen soll inan sie!" Man kamt sich deute», wie behaglich dem Frommer zn Muthc war, zumal nicht Einer im Waggon für-ihn Partei ergriff nnd kein Conduetenr zn sehe» war. Endlich fuhr der Zug in den Franz Josefs Bahnhof ein, und Frommer beeilte sich, ansznsteigen. Kaum halte er sich aber dem Perron genähert,. als einer der Ercedcnten, der 21jährige Wäschergehilfe Johann Wagner, III. 'Bezirk, Apostelgaste.Nr. 22 wohnhaft, der im Coup-- am meisten gehetzt hatte, ihr» uacheittc und einen Tritt aufs Sprungbein deS rechte» Fußes versenke. Nun endlich reagirle Froinmer, indem er Wagner bei Seite stieß, allein im nächsten.Momente »ahm das Polizei, inspeeiorat schon Wizner in Schutz. Froäimer wurde zur Wachstube geführt, mußte sein Nationale angeben und wurde depi Bezirksgerichte Alsergrund wegen dcS -Stoßes zur Anzeige gebracht. Die amtliche 'Note über diesen Borfall besagte, daß Wagner durch den Stoß hätte fallen und sich dann verletzen können. Porige Woche hatte sich daher Naftali Froinmer als Angeklagter wegen Uebertretnng gegen die körperliche Sicher heit 401' zu verantworten Er schilderte Ben Eneß im Waggon, der lange Zeit gedauert und ihn begreiflicherweise beunruhigt habe: er sei während der Fahrt ruhig gesessen, ohne zn reagiren, erst als ihm Wagner beim Ansstcigc» unter dem Zurnfe: ,,Sa»jnd'" hestig auf den Fuß trat nnd ihnl obendrein eine Shrfeigc versetzte, habe er ihn fortgestoßen, um nicht weiter mißhandelt zu werken Sodann wurde Johann Wagner als Zeuge vernommen und gab an, er habe Frommer nur ganz zufällig ans den Fuß getreten, woraus lim dieser gestoßen habe; gefallen oder gestolpert sei er nicht, aber es-wäre dies möglzch gewesen, wenn Frommer stärker gestoßenhätte. 'An> di- Frage des Richters, ob er im Waggon creedirl habe, erwiderte der 'Bnr'ehe:- „Ja,, aber das hat auf de» S'oß,keinen Bezug.", Er wurde jedoch' belehrt, daß cS Sache des Richters f:i, zu beuriheilen, ei de; Auge klagte provoeirt worden sei. -Ein Polizciagent, der hieran' vernommen wurde, eonstatirte, daß deni Wagner nichts gefch.be» i.i,. und bemerkte, daß dem Stoße jedenfalls ejn Erceß porausgegangen ,'ein müste Ter Richter sprach Frommer frei, da objeeiir lein Thatbeltand nach 5j 401 vorliege; der alle, schwächliche Mann fei stlirn dem äußeren Anscheine nach gar nicht imstande, den kräftigen Sljäbrigen Burschen durch einen Stoß zu gefährden Wa^ aber bei ei.oem Borfalle als Erceß oder als Privatdcliet nnrcrlanfe» fei, bilbe.nicht den Gegenstand der,vorliegenden Indicatnr. (C'ill Lthrillllgt als Allkiscillitculiclv.' Der beim Schuhmacher- Meister Georg Ruc/a in Lehre stehende Johann Eigner traf vor'' einiger Zeit am Abend, aus -er-Gewerbeschule kommend, den ihm bekannten Lehrjnngcn Moriz Böhm. Mil den-Warten': „LervuS Iud'!" siel Eigner ohne, die geringste Bcranlastung hiezu über den l.'»jährigen Böhm, einen schwächlichen Knaben, her und versetzte ihm einen Schlag mit der Kante des Lineals auf de».Kopf. Böhm entzog sich durch die Flucht weiteren Beschimpfungen und Mißlmndlnngen. Der Meister 4>eS mißhandelten Lehrjnngcn, Adolfs Sch in d l er, begab, sich dann mit demselben aus daS Polizeicommistariat. wo der Bezirksarzt eine Rißwunde alö Folge dcS erlittenen Schlages eonstatirte. Am. Ol. Juli halte sich nun Eigner vor dem Bezirksgerichte Leopold stadt zn verantworten.. Det Angeklagte lcngnctc anfangs und ein schuldigte sich schließlich,'er habe nur einen Spaß machen , wollen. Der

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