Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 173 (28.7.1895)
- Date
- 1895-07-28
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 173. Seite!b .freies Blatt. -Jtuit) oder selbst im Wahnsinn freiwillig aus dem Veben scheide», »lögen "auch semerhi» in der Kirchhofsecke verscharrt werden. Sie sind ja leine Junker." („Tie likbru Zeitgenossen de« Großherzogs und btt Großherzogi» von Bade».") Unter dieser Spitzniarke schreibt die antisemitische „T e » t s ch e W a ch t": „Le. königliche Hoheit der Großherzog hat. wie wir in der .Badischen Presse' lesen, anläßlich des Ableben» de» Herr» Adolf Bielefeld, der lange Jahre dein Oberrathe der badischen Israeliten als Mitglied angehörte, an dessen Lohn, Herrn Goititil Josef Bielefeld, da» nachstehende Telegramm ans Lan Blasien zu richten geruht: .Die Großherzogin "und ich senden Ihnen unter herzlichstes Beileid an dem Verluste Ihres verehrten Vater». Wir theilen Jbre tiefe Trauer in Andenken an die verdienstvolle Lebensbahn Ihre» lieben Vaters. Unsere Mitenipsindnng an Ihrem Schmerze ist eine recht innige. In nettem Gedächtniß bleibt die werthe Erinnerung an die Lebenszeit Ihre» .Vater», unseres lieben Zeitgenossen. Friedrich, Großherzog.'^Jhre königliche Hoheit die Großherzogin hat Überdies der Familie de» Dahitigeschiedenen in einem sehr herzlichen Schreiben ihr Beileid anSsprechen lassen. Wird den adrigen deutschen LandeSkindern in Baden dieselbe Theilnahme bewiesene" Herr OSwald Z i tu nt e r tu a tt tt hat nur nicht die Courage, er anszttsprech?», der er deutet eS in nicht mißznvetstehender Weise an, daß das großhetzogliche laar „veijudet" sei. Entzückt sind dagegen die Antisemiten davon, daß vom ..bsi'chen Hose jedes HttldignngStelegrantm einer Antiseinitenvetsantinlnng iinrtnglich aus das Huldvollste beantwortet werde. jn’irinctnn. Wie Legenden entssieläen. Der samstägige Gottesdienst in der Synagoge war längst vorüber. Auf dein Platze davor aber standen die Andächtigen immer noch beisammen und erörterten das Unerhörte, daS ihnen der Rabbi veriitiibigt. Denn die Armen von Sambor waren Erben geworden; •'uibbi Abraham Kanarienvogel, mir dem der Friede sei, halte ihnen etztwillig 200 fl. vermacht. 3ilcr war Abraham Kanarienvogel? Niemand wußte sich, eines reichen ManneS dieses JiamenS zu entsinnen. Wa« hatte ihn zu dieser Stiftung vermocht? DaS wurde mit lebhafter Gesticulation erörtert. BiS Rabbi Ehaim Silberpntzer.auö- -ief: Avromele 4karr! Und nun sahen ihn die Aelteren Alle vor sich: streitlustig, grüblerisch, unverträglich, daß eS selbst in diesen streifen aufsiel. Er war so arm gewesen! Wie konnte er zu solchem Neichthnm komnien? Und damals, als ihm, dem Kinderlosen, daS Weib' gestorben, als der Spitznamen, den man ihm aufgebracht, ihm ' ■•» Aufenthalt in der Heimat völlig verleidet, hatte er doch nach Jerusalem gehen wollen, um dort den Rest seiner Tage zu verringen. Denn damals scksvn, vor fast dreißig Jahren, war er nicht :ehr jung gewesen. Hatte er das Ziel seiner Sehnsucht erreicht? Sich unterwegs in Wien verweilt und es dorten zu solchem Permögen .bracht? Wie groß mochte daS gewesen sein? Offenbar tausende, viele tusende von Gulden; sonst hätte er doch-nicht die Samborer, mit neu er im Unfrieden auseinander gegangen war, so ansehnlich denken können. > DaS wurde sehr eingehend erwogen, und der Kehrittt war immer: Avromele Narr, seht her, Avromele Narr!- Und azn glänzte die heiße Soinmersonne, und der schwarze Tastet der Rwänder knisterte nud schimmerte; eS wurde sehr schwül, und der wehende, graue Staub der Ebene wölkte 'sich um die Debattirenden, -sie sich nicht von einander trennen konnten. Erst spät und langsam verliefen sie sich; kopsschüttelud, daß die Ringellöckchen flogen, gingen sie heim, ein Jeder zu seinem Sabbathmahl, um dabei dies Begebniß nach Gebühr weiter zu ^beleuchten, und sie flüsterten dabei im Gehen singend vor sich hin: Avromele Narr! Gottes Wunder: Avromele Narr! Eine jämmerliche Dachstube in einer der ärmsten Gassen der Wiener Leopoldstadt. Ein armselig Bett, auf dem ein steinalter Jude in den letzten Zügen liegt. Ter junge, blonde Arzt hält die Hand des Stetbenden in seiner, zählt die Pulsschläge, die nun mühsam schleichen, nun jählings und zuckend aufspringen. Es geht zu Ende. „Herr Toetor," haucht der Greis, „Gott soll'S Ihnen zahlen, was Sie haben gethan an mir. Aber ich thue Jhneu bitten noch eine (Gütigkeit. Wenn ich sein werde todt . . ." „Rrden Sie keinen Unsinn," unterbrach ihn der Arzt, „Sie sind nur schwach." „Mir erzählen Sie'keine Geschichten, Herr Doetor. Ich weiß, was ich weiß. Und warum soll ich mich kränken? Gar so viel Hab' ich gehabt von meinem Leben? Also, wenn ich sein werde todt, so nehmen sie daS und scksicken Sie's nach Sambor, von wo ich bin her," und er reichte dem Arzt ein Säckchen ans Wacktsleinen ittiS hielt athmend und erschöpft inne. „Zählen Sie mir vor, was drin» ist, goldener Herr Toetor!" ' Der Arzt that'S. ES waren an 2uu fl. in allen möglichen Geldzeichen. Kleine Münze nberwog. Tie Noten waren zerdrüzkt, fleckig, abgegriffen. Begierig sah der Kranke zu: als der junge Mann fertig war, nickte eje befriedigt mit dem .stopfe. „Es ist richtig, Herr Toetor ..." „Und im Besitze einer solchen Summe . . " „Haben Sie Zeit, Herr Toetor?" Ob er sie hatte! „Etwas schon. Aber am Ende — was geht mich Euer Geld an?" „Etwas schon," äffte der Jude. „Ta nämlich ich bad' mich von Ihnen behandelt lassen ninfonst. Und je»' Hab' ich!o viel Geld. llgtd ich gebe Ihnen wieder nichts. Und weil ich nicht will, daß Sie sagen: ,Ter Abraham Kanarienvogel war ein ganz gewöhnlicher Lump', so Hab' ich Sie gefragt, ob Sie haben die Gütigkeit, envaö Zeit zu haben für mich? Also: ich bin geboren von Sambor. lind in Sambor bab' ich gelebt und Hab''gelernt, was so unsere Leute lernen, und Hab''geheiratet. Gott hat mir nicht gegeben .stinder. Aber wir haben gut gelebt mit einander, und wenn eö war Samstag und ich Hab' mir angethan mein' Marderpel; und mein' Müpe, was war verbrämt init Marder, so Hab' ich mir gedacht: Was ist Salomon derKönig in all seiner Herrlichkeit neben Abraham Kanarienvogel von Saiybor, wenn er sich seinen guten SamStag macht ijiit seinem Weib? Und ich war sehr gelehrt in unseren. Büchern, und wann man mit einer Nadel gestochen hat in den heiligen Talmud, so Hab' ich das Wort gewußt, bei dem herauSkommeu wird die Spipe, und tS sind viele Schüler von Eck z» Eck der "Welt gekommen zu lernen bei mir, was unsere Weisen geschrieben haben in den Büchern, und wir zwei haben-nicht gewußt, waö da ist Mangel oder Noth und Sorge. So bin ich alt geworden fünfzig Jahr. Darnach ist mir gestorben mein Weib, mit der der Frieden Gottes sei, und ihr Plan soll sein neben den frommen und guten Weibern in Israel. Ich Hab' Trauer gehalten und Hab' viel geweint. ES hat mich nicht mehr gefreut, zu lernen mit meinen Schülern und ihnen anSzulegen und zu verdeutschen, waS steht in den heiligen Büchern. So sind Biele, von mir weggegangen und sie sind gegangen zu meinem ärgsten Feinde in der Gemeinde Sambor, der sich hat geheißen Ehaim Silberputzer und mir nicht« hat vergönnt, nicht einmal meinen schönen "Namen. Tenn ist 1 ein Kanarienvogel nicht ein schöner Bogel und ein gelber Bogel und ein mulhiger Bogel und singt das ganze Jahr und mit gewaltiger Stimme? Und eilt Silberputzer ist nicht«, nur ein >inedtt. und ihm gehört nicht einmal das Silber, waö er pupk! Also, weil ick, nach dem Tod von meinem Weib angefangen Hab! zu grübeln tut« noch schärfer nachzndenken über da«, waS stel:! in der Schrin. io li tt er mir nachgesagt, daß ich thu' unsinnige Fragen thun. Z.. B. :.Wenn die Egget Flügel haben, so müssen sie doch auch haben Federn darin lliid die Federn müssen wieder ansfallen zn ihrer Zeit. Was ge'!ch>eh'.""dann mit die ausgefallenen Fedeviz? Tenn sie können nicht berumliegeu im Garten Eden. Stopft man damit die Betten, "wwau' steh ausrnheit die Frommen? Oder er hgt gesagt, ick, will, ansncknien. wie lang die . Mauer ist um den Garten Eden und wie viel S messen gehabt liat die Leiter, welche unser Erzvater Jaeob gesehen har im tniimi, nud wie viel Engel gesessen sind ans jeder Sprosse und wie viel au' he ganzen Leiter. Und er hat mich geheißen Aorgmele Narr, und Alle haben ihm »achgcsprochen, ümd wenn ich bin in den Tempel, um zn beten, so haben sie hinter mir gelacht: Tort geht Avromele "Narr, und die Schüler, die mir doch litt hätten anthnn dürfen eine.stränkung, wenn sie wirklich etwas hätten gelernt bei Lilbe.rpnper, Inben'S auch geragt, und die Jungen haben'« gerufen, bi« man endlich ganz vergessen hat meinen wirklichen Namen. Also: eS hgt mich nicht mehr gefreut, zn leben in Sambor. Hab' ich mir gedacht: Was machst du da? Und warum gelist du nicht nach Jerusalem, dorten zn beste», wo gebetet haben die Frommen sind Ge-, rechten, deren Berdienst mit uns ist, und zu sterben, wo sie sind ge storben? Und ich Hab' mich ausgemacht und bin her nach Wien und leb' jetzt da schön mehr wie dreißig Jahre in Sorgen und in Kummer,' und ich habe nicht gesehen daö heilige Land oder die Stadt der Herr lichkeit Gotte«. WaS soll ich Ihnen viel erzählen, Herr "Toetor? Hab' ich mir erst gedacht gehabt, ich werd' waS verdienen, weil man wird lernen bei mir, waö ich kann, und ich werd' mir waS ersparen damit, so Hab' ich bald gesehen, sie wollen nicht« mehr wissen von Gott und seinem Wort. Und dann Hab' ich gesehen, eö sind Biele da, und sie