Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 172 (21.7.1895)
- Date
- 1895-07-21
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 l .freie. an seine Fähigkeiten und seinen guten Willen glauben, müssen wir doch zugeben, daß es selbst ihm schwer sein wird, alle die .Unterlassungssünden, welche seine Borgänger auf diesem Felde begangen, sofort gutzumachen. Zudem reichen hier weder Reprcssivnoch Prävenlivmittel allein hin. Wie der Antisemitismus keine ssolirte Erscheinung ist, sondern mit dem gesammten reactionären Millieu auf das Innigste nnd Untrennbarste verquickt ist, so kann sich auch die Abwehr dieses die gesellschaftlichen Grundlagen unterfressenden Uebels nicht auf eine Bekämpfung der Krankhcitssymptome beschränken; eS muß — sollen diese dauernd verschwinden — mit den ewigen Eoncessionen an die Reaction, an die verschämt n und unverschämten Hintermänner dieses Antisemitismus, es muß mit der ganzen sittlich-religiösen Heuchelei, mit der reformatorischen Lüge gebrochen und ein System inaugurirt werden, welches sich auf den wahren Freisinn der Bürger stützt. Ob Graf Kielmansegg der Mann dieses nothwendigen Systemwechsels ist und sein kann, wissen wir nicht. Wir gönnten ihm wohl diese historische Auszeichnung. Allein die nächste Entscheidung hierüber wird man sich denn doch nicht von Oben, sondern von Unten zu holen haben. In erster Linie wird es die liberale Bürgerschaft sein, welche bei den bevorstehenden Wahlen den Beweis zu erbringen hat, ob sie noch über einen genügend starken Anhang verfügt, und somit den maßgebenden Personen klar und uuwidcriprcchlich vor Augen führt, daß auch die , ölhigen Factore» vorhanden sind, um einen derartigen Systemwechsel inauguriren zu können. Die entscheidende Thal zur Verhütung so trauriger und beschämender Ereignisse/ wie die der letzten Tage, muß also von den freisinnigen Bürgern und ihren politischen Führern ausgehen. Ihre nächste Pflicht ist es, mit Außerachtlassung allen Personen- Haders und Sectengeistes dem antisemitischen Terrorismus, die Stirne zu bieten und geeint zur Urne zu schreiten. Dann aber, wenn der Sieg sich an ihre Fahnen heftet — was bei voller Einigkeit unvirmeidlich ist — dann wird cs ihre nächste Pflicht sein, ihren Principien auch treu zu bleiben und nicht neuerlich in die allen Sünden zu verfallen, welche leider nur zu sehr an der Schaffung der heutigen Verhältnisse mitgearbeitct haben. * Christlich sociale Revolution. „Ehrgeiz war cS bei ihm, nur Ehrgeiz," sagte mir im Jahre IST'.' der alte Graf U . . . im Easino zu Montreux, als ich mit ihm aus Lichnowsk» zu sprechen kam. „Er kokcttirte," fuhr der greise Diplomat fort, „mit seiner politischen Rolle: Er trug seine volkssrcundlichen Allüren zur Schau. Einmal besuchte er mich' in Frankfurt, der Liebling der Fauen auf der Galerie der Paulskirche (wurde ja auch als Schoßhund carikirt), da kam gerade der Polizeipräsident aus meinem Salon: .Wo ist der Kerl gesessen?' rief Lichnowsky mit der Miene des Entsetzens. Ich lachte und wieS ihm den Stuhl. Er aber setzte sich in den anderen. Aufrichtig har s der demokratische LichnowSky sicherlich nicht gemeint, das hat sein Ende bewiesen: Ein schauerliches Ende deS liberalen Aristokraten, der von einem Portefeuille träumte! Auch der gehöhnte Polizeioberste konnte ihn vor der BolkSwuth nicht retten,, vor der BolkSgunst, um die er gebuhlt!" So oft. ich deS Prinzen Liechtenstein hochtrabende Reden lese, habe ich das Gefühl, cS sei dies ein Bolksmann, welcher zwar weniger talentvoll ist als Lichnowsky, aber denselben Weg eingcschlagen hat, wie der ehrgeizige Redner der Paulskirche. Als der „schwärze Prinz" neulich daS für eine Schule geopferte Coalitionsministcrinm behandelte, als wäre es nur ein „Lola Montez-Ministerium" ohne Bewußtsein seiner Pflichten gewesen, fragte ich mich vielleicht zum fünfhundertstcnmale nach einem Funken von Objektivität in diesem christlich-krankhaften Honigseime von Phrasen. Graf Palffy's Antwort hat daS Richtige getroffen: „Wer etwas leistet, soll Führer sein, nicht der ivricht und höhnt." Nekrologe auf gesunkene Ministerien, keineswegs nach dem Grundsätze l)e raortuis nil nisi bene, dabei aber imoier tas „Ehristenthum" auf den Lippen, sind keine überzeugenden Beweise für die Berechtigung zur Führerschaft. Ja, wenn die Herren ..Christen" sind, warum treten sie sticht gegen die Judenhetze auf, warum genirr sie nicht die Bruderschaft mit den rohesten Elementen? Durch ihre Haltung allein beweisen die Christlich-Socialen schon, daß sie weder Christen, noch Socialreformer sind, denn sie rufen, stets sich bekreuzigend, die Gegner der christlichen Liebe als Bundesgenossen zu sich, deren Grundsätze sogar das „Angela-Blatt" für nicht christlich, mancher würdige Priester und ehrliche Katechet für nicht übereinstimmend mit der christlichen Lehre erklärt hat. Ein Sturm sollte 81a»«. Nr. 172 ja eher loSgehen in den Kreisen der Priesterschaft gegen das, was unter der gefälschten christlichen Devise an socialem Blödsinne geleistet wird. Die Massen treiben heute Nationalökonomie auf Kosten der Sicherheit des Staates, und die Regierung schaute bisher zu. Als ich vor mehreren Jahren den Abgeordneten Lueger Arm in Arm mit einem Redacteur der kaiserlichen „Wiener Zeitung" aus dem Landtagssaale treten sah, da hieß es: „Seht, das ist ein Symbol des heutigen Oesterreich: der Antisemitismus mit dem officiellen Stempel." Nun, so arg war eS wohl nicht, aber daran zurückdcnken mußte ich oft, besonders wenn man kein Wort hatte gegen die Christlich-Socialen^ dieweil man gegen die viel ungefährlichere» Social-Demokraten so energisch auftrat. Der Pöbel ist im Lager der . frommen Judcnhetzer, nicht in dem der Arbeiter, auch der Gcsinnungs pöbel, die geistig Unreifen, die Halbfcrtigcn und die verschiedenen Streber. Die jüngste charaktervolle Haltung der deutschen Clericalen, welche sich in der Rolle der Unzuverlässigkeit und des Farbenwechsels wohlfahlen und auch gerne. als Windräder im Scheine des Tageslichtes glänzen, zeigt uns, daß die absichtliche Unterdrückung gerechtet Forderungen eines Thciles des österreichischen Volkes gcgcnübersteht einer absichtlichen Förderung der unberechtigten Forderungen eines viel kleineren Volkstheiles. Die Leitung der Coalitionsregierung machte sich durch die Haltung in der Cilli-Frage zum politischen Don Ouixote, oder glaubt man wirklich für die Tauer sich auf Politiker a la Lich nowsky-Liechtcnstein stützen zu können? Dazu kommt man aber, muß man kommen, sobald kein freisinnig denkender Mensch mehr, ohne Beleidi .gungcn auSgesctzt zu sein, seine Meinung sagen darf, sobald das, was man noch vor wenigen Jahren für auszcichnend im Staate erklärte, die Bildung, zum Makel gestempelt werden darf, indem die Gegner der ehrendsten Eigenschaften in ihrem Treiben nichtmehr auf officiellcn Widerspruch stoßen! Man hat Angst vor den entfesselte» Masse». Ter Zauberlehrling! „Besen, Besen seid's gewesen," so sprach man und schuf sich ahnungslos bte Geißel deS „Fin de sieele!" Man läßtdie jungen Beamten erfahrenen Männern aus dem Wege gehen und duldet ihren Verkehr mit Gegnern der Ruhe, man läßt Jugcndbildncr, die Kinder der „Neuschule", darauf lossündigen und außerhalb der Schule durch ihr Auftreten dcmentiren, was sic in der Schule gelehrt haben; man läßt gegen die Aufklärung einen Feldzug unternehmen, nur weil gewisse Menschen zu ihrem Partcivorthcilc das Concordat hcrbcischnen, weil gewisse Leute unser Vaterland wieder zum Sclavcn Roms machen wollen, jetzt schon mit Hilfe deS entfesselten Fanatismus! Das ist die „reale BasiS", auf welcher systematisch fortgeduldet wird, trotz deS Samens, welchen die Genossen Agliardi'S gesäct haben, und die erste Phase der christlich-socialen Revolution sind die Vorgänge während der Versammlung im „Lanner-Saale". Früher machte man Revolutionen im Dienste der Freiheit, die Unterdrückten traten gegen Standesvorrechte, gegen die Uebergriffe des Clerus, gegen den Nepotismus und die Protectionen auf; jetzt ist der Aufruhr, von den „Conservativen" ausgehend, in Verbindung mit den Führern des Pöbels im Schatten der Kirchenfahnen großgezogen, der Aufruhr richtet sich gegen die freie Meinungsäußerung, gegen die Freiheit des Gedankens, gegen die freie Bildung, gegen die freie Schule, ja gegen die persönliche Freiheit, welche das Gesetz für sich hat, also auch gegen dieses Gesetz! Der ungesetzliche Standpunkt einer Person oder Corporation ist eine Gefahr für den Staat, er hätte den Richter zu intercssircn. Wie viele Jünger der Themis aber sind schon christlichsocial angekränkelt, sind sogar offene, wüthende Antisemiten! Welche Komödie der Irrungen, welch unverständliches Gewirre, denn, was stützen sollte, untergräbt, waS zum Verbinden geschaffen ist, trennt. Die Nägel werden aus den Brettern, die Steine aus den Mauern gezogen, um den Bau zu halten?! Traurig, sehr traurig ist das Ende! Blinder Wankclmuth, armselige Schwäche haben Oesterreich den gefährlichsten Parteien ausgeliefert, die Führerschaft der hiezu berufenen Intelligenz wird durch passiven Widerstand preiSgegebcn; eS ist schmerzlich, sich fragen zu müssen: „Wird cs jemals noch besser werden? Werden wir aus dem Sumpfe herauSkommen?" Wir wollen cs hoffen. Wenn aber ein Staat vergißt, daß er die Verpflichtung hat, jede Bewegung, welche Mitbürger feindlich einander gegenüberstcllt, mit aller Energie untcrdiückcn zu-müssen, so wird dadurch die Revolution förmlich auSgebrütet, ohne daß man weiß, wessen Köpfe (vielleicht auch solche ä la Lichnowsky) in diesem „Kampfe für Rom" fallen werden, denn die christlich-sociale Schwüle bringt uns kein reinigendes Gewitter, sondern nur einen wilden Hagelschlag, welcher die Ernten der letzten 35 Jahre mit einem Schlage vernichten wird. Darum Oaveant eonsules, ne quick cketrimenti eapiat respubliea!! D—f.