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Freies Blatt · 1895-07-21 · 172 (21.7.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
172 (21.7.1895)
Date
1895-07-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies ©latt Abonnement-preiS. Für Oesterreich-Ungarn: .«anzjSbrig . ..5 Äronen (fl. *.50) '>a>b,ihrig.3 »tonen (fl. 1.50) ffür ba» gelammte tlullanb: iVaniiäbrig.6 Mark Hildiihrig . ..3 Mark 50 Pf. ginjelne Wummern 6 kr. 11 nfranTirtc Briefe »erben nicht angenommen. Ncdaetio» und Administration: <Vrgan zur ^lbwehr des Antisemitismus. i scit«rftätte 10. Inserate werben mit *0 Heller (10 kr.) fllt bie Biermal gespaltene Nanpareillezeile berechnet, «leiner * Erscheint an jedem Sonntage. »nzeiger bä« Wort « Heller l» kr.). ktnfnabme van Inseraten in nnferer klbminislralian sowie im Ilnnoncenbnrean M. Dukes, 1. Aollzeilr 8. Nummer 172. Wien, 31. Juli 1895. IV. Jahrgang. (ymn Mahlkampfe. Eine der traurigsten publicisttfchen Aufgaben, weiche uns werden konnte, ist wohl die, die Wiener Ehronik der letzten Woche zu schreiben: brutale Excesse der Antisemiten Tag für 'Tag, Gewaltthätigkeiten nicht nur gegen Juden, sondern auch gegen Christen, welche noch den Muth haben, sich gegen den Antisemitismus zu erklären, Gewaltthätigkeiten, welche sich nicht mehr gegen die Person hllein kehren, sondern unmittelbar gesetzlich ge- währleistete Rechts ganzer Gruppen zu unterdrücken streben, Ztraßenkrawalle und TerroriSmuS, daS ist die Signatur der letzten.Tage. Saybufch in Wien. / Die noch nie dagewesene Hetze, welche Dr. Lueger seinen Wählern als Ersatz für den Entgang einer. Sommerfrische versprochen hatte, ist in ttorilms. Organisirte Banden betreiben sportmäßig das Sprengen nichtantisemitischcr Versammlungen, mit unerhörtem CyniSmuS wurde die Parole auSgegeben, die politischen Gegner überhaupt nicht zu Worte kommen zu lassen, und als es den Liberalen -neulich trotz alledem gelang, im „Lanner-Saale" (ine Versammlung bis zum Schlüsse abzuhalten und die andrängenden Sturmhorden der Antisemiten siegreich zurückzuschlagen, da beklagte» sich diese in der perfidesten Weise, als wäre der Hausfriedensbruch ihr Recht, und ihnen die Ausübung dieses guten Rechtes verkümmert. Am Orte der Versammlungdie eher einem KricgSrath in einer cernirten Festung glich, kam es zu den unerhörtesten Ausschreitungen, auf die Juden und „Judenknechte" wurde in deutscher Zunge llroin a peklo gesungen, ahnungslose Passanten wurden angefallen, die die Versammlung verlassenden liberalen bespieen, verhöhnt, gepufft und geschlagen, imü nur der Umsicht der Polizei war eS^zu danken, daß die verhetzten und mit Freibier bezechten Kumpane den vor dem VersammlungSlocale ausgegebenen Schlachtruf „Schlagt's die Juden tobt!" nicht sofort verwirklichten. Allein der Groll über die Vereitelung ihres Vorhabens, den- Terreur gegen alle Andersgesinnten aufzurichten, brennt den Kerlen auf der Seele, sie empfinden eö wie eine Schmach, daS geplante Verbrechen an der Freiheit der Meinung nicht ausgeführt zu haben, und aufgehetzt durch die geifernde Wuth der ihnen gesinnungsverwandten Presse, schleichen diese socialen Brandleger mit der weißen Nelke und der blauen Chane im Knopfloch nun durch die ganze Stadt und zündeln mit der Brandfackel des Aufruhres, wohl wissend, daß die öffentliche Meinung wie ein Ballon mit explosiven Gasen bis zur Expansionsgrenze erfüllt sei, und daß ein Funke hinreiche, um einen furchtbaren Eclat zu bewirken. Am Montag fielen vier berauschte Handwerksgesellen (von denen sich wenigstens einer bereits vor der Polizei als bezahlter Scandalmacher vor dem Lanner-Saale entpuppt hat) in ein Eafö am sogenannten „Salzgries" ein und schlugen dcn> übrigenS arisch-christlichen Cafetier als „Saujuden" blutig, weil er es gewagt hatte, den angetrunkenen Kumpanen das Billard zu versagen. Fast um die gleiche Stunde erscholl der Nuf: „Schlagt'S die Juden todt!" auch in der Judengasse; eS kam zu einem höchst bedrohlichen Menschenauflauf, der sich erst verlief, als Organe der öffentlichen Sicherheit durch ihr Erscheinen, den Muth der antisemitischen Thatpropagandisten auf eine allzu harte Probe stellten. TagS vorher hatte sich bei Klosterneuburg ein Hundert antisemitischer Turner daS echt germanische Vergnügen gestattet, einen einzelnen Menschen, einen harmlosen jüdischen Studenten, welcher von der Neugierde angelockt dem Turnfeste zusehen wollte, wie einen Hasen vor sich herzujagen mit dem tröstlichen Zurufe: „Werft's den Juden in die Donau!" Auch hier rettete nur daS rechtzeitige Eingreifen der Gendarmerie dem Acrmsten das Leben. Das sind nur so einige Bildchen aus dem Guckkasten der letzten Tage. Das Auge wendet sich cntrüslel davon ab, eS begehrt nicht mehr zu sehen, und fast fühlt man sich versucht, traurige Betrachtungen über die Degeneration der Menschheit anzustellcn. Allein hiezu ist jetzt nicht Zeit. Wir müssen dem Gorgonenhaupt trotz alles inneren WidcrstrebcnS ins Antlitz sehen, wir müssen die Gegenwart und Zukunft überblicken, und^ da wirft sich ganz von selbst die Frage auf: Welches wird die' nächste SteigcrungSstnse der leidenschaftlichen Erregung, der künstlichen Verhetzung sein, und wie wird man sich dieser gegenüber verhalten? Vor Allein, waS gedenkt die Regierung zu lhun, um zu ver hüten, daß eines Tagcö der blutgctränkie Boden des allen Wiener Ghetto sich am Ende des XIX. Jahrhunderts neuerlich von dein Blute der Juden roth färbe? Was.gedenkt sie aber auch zu lhun, um din antisemitischen Terrorismus zu brechen und uns.. die nichtanlifemitischen Nichtjudc», vor gleichen Gefahren wie die Juden zu bewahren? Ein paar Polizciinänner mehr oder weniger, früher oder später thun's nicht. Man Peilt die Krätze nicht, indem inan die Pusteln abschabt. Man bestrafe immerhin die unmittelbaren Thäter, daS versteht sich von selbst, obwohl bisher die anti semitischen Exccdcnten scheinbar immer eine» Schutzgcist mit sich führten und leider nur zu oft entkamen. Man gehe aber auch auf die näheren und entfernteren Ursachen zurück und dulde die Aufreizung zum Excesse, ja zum Judenmorde nicht länger! Was würde geschehen, wenn ein Arbeiter in seinen Kreisen die Annorderung ergehen ließe, man solle die Bourgeoisie oder den Adel, kurzuui einen bestimmten T-Heil der Gcscllschaft auslilgcn, verbrennen? Pfarrer Dcckcrt that dasselbe gegen die Jude», und er wandert noch auf freiem Fuße? Er versieht »och eine öüeiitliclie Stellung, ertheilt der Jugend die gewisse ^..sittlich religiöse Erziehung" und genießt die Privilegien seines Standes? Was ist cö mit der strafgerichtlichen Untersuchung, die »ach dem Zeugnisse deS früheren Ministerpräsidenten wider ihn eingclcitet wurde? Ist sie mit dem Eabinet gefallen? Man sollte »iciue», die ^eifentlichkeit hätte ein Recht, zu erfahren, waS cs mit diesem Pfarrer Dcckert denn eigentlich ist, jetzt umsomehr, da die Saat seiner Predigten aufzugehen beginnt. Wir stellen diese eindringlicheii' Fragen nur deshalb, weil es abermals heißt; die Polizei pflege im Aufträge des LandcSgerichtcö Erhebungen über die Vorgänge, welche sich innerhalb dcö Lan»cr->saates und vor demselben am Tage der Scandalversammlung abgespielt haben, und die strafg^nchtttche Untersuchung sei bereits im Gange. Auch die Alten täte^vom Salzgries und der Judengasse sollen diesmal nach den Satzungen des Strafrechtes behandelt werden. Wir finden dies ganz in der Ordnung, wünschen aber auch, daß diese Untersuchungen nicht ebenso im Sande verrinnen mögen, wie die bereits zweimal gegen Deckert eingeleitcten. Nichts liegt uns ferner, als in die correcle Haltung des Grafen Kielmansegg irgend einen Zweifel zu setzen; allein sö sehr wir

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