Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1895-07-14 · 171 (14.7.1895) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
171 (14.7.1895)
Date
1895-07-14
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4886575-5439167-5441651--2090-4888496
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 171. ' t» Seite S. freier ' -- Muth und Gottvcrtraucn, denn Schweres ist'S, das ich dir bringe." Sie war bleich geworden, und ihre Augen hingen in fieberhafter Erwartung an seinem Munde- „Mein Mädchen fasse dich, es gilt heute Abschied;u nehmen — ich muß dich verlassen..." Ein Schrei des Entsetzens entrang sich ihrer Kehle, und laut aufschluchzend sank sie zu seinen Füßen hin, mit ihren zitternden Händen umklammerte sie seine Knie, und heiße Thräncn rannen aus ihren Augen und benetzten seine herabhängendcn Hände. „Bcrlaßt mich nicht, mein König," flehte sie mit herzzerreißenden, jaitimcrvollcn rönen, „verlaßt mich nicht — ich müßte sterben!" Der König hatte sie erhoben, und sie an sein leidenschaftlich Hopfendes Herz drückend, suchte er sic zu beruhigen, ihren herbe» Schmerz durch tröstende Worte zu lindern. „Ich muß, Lea! Es gilt meinem Bolkc, Polens Ehre! Ich muß in den Kampf ziehen gegen Wscslam von Polotzk..." „Ju den Krieg!" schrie sie auf in wahnsinnigem Entsetzen, „und wenn Ihr nicht mehr zurückkehrtet — wenn Ihr verwundet würdet." „Fürchte nichts, mein Lieb! Ich kehr« zurück!" „Geht nicht in den Krieg," sichle sie mit angstvoll auf ihn geachteten Augen, „verlaßt mich nicht! Ich müßte sterben!" „Du wirst leben und mich lieben, Lea — aber ich muß! Ich >:uß! Und glaub mir's, Thcure, daß mein ganzes Her; zurückblcibt i dir, bei mcinsm heißgeliebten Mädchen!" Er küßte ihr die Thronen auS den glänzenden Augen, u»d sic! idtcii sich innig umschlungcn. Lange verharrten sie so in seligem -i »schauen versunken, sie konnten den Blick nicht wenden, von cinander, sich nicht losreißcn von dem Anblick ihrer Züge — dann aber t;at in des Königs Auge eine heiße Thräne, und sanft löste er die . nischlingendcn Arme deS Mädchens von seinem Halse. Ein gepreßter heiserer Laut kam von seinen Lippen: „Sei stark, meine Lea!" Gewaltsam riß er sich los, und ohne sich nmzuwcnden, war er der Mauer zugegangcn, sie aber war ihm nachgccilt, und in glühender, wahntvitzigcr Erregung klammerte sie sich an ihn, ihn umschlingend -mk ihren Armen und seinen Kopf mit ihren zuckenden Hände» um- >Ncnd, bohrte sic ihr dunkles Auge nochmals tief in daö seine, dann '.ihr sic mit der Hand über das geliebte Antlitz: „Der Gott Abrahams, Isaaks und Jacobs segne dich und geleite ^ch auf deinen Wegen — und führe dich zum Siege!" DaS war eine gewaltige, stattliche HccreSmassc, die sich da auf ■\r weiten Ebene von Polotzk in glänzendem Zuge bewegte. Ta glitzerte» und funkelten die blanken ^Rüstungen, die Schwerter blitzten, :ie Hclmbüsche wallten, und von dem schweren Tritt der gepanzerten <chlachtroste erdröhnte weithin das Feld. Dem mächtigen Zuge voran ritt der König in goldstrahlcndcr 'niftung, in der Hand Polens verziertes Königsschwert, am Rücken .» Schild, der in vielfachem Glanze erstrahlte. Sein Pferd war reich Mchmückt, gleich als werde es geführt zu Freude und FcstcSjubel, in den schweren, Männer mordenden Kampf. Und wäre nicht ■ :i schirmende Panzer, wäre nicht das Schwert und der Schild gewesen, auch vom Könige selbst hätte man glauben könne», er ziehe .:us, um ein glanzvolles Fest zu begehen, nicht um eine Schlacht zu Mmi, nicht um eine» Kampf zu bestehen mit einem gefährlichen und ächtigcn Gegner. So stolz trug er sein Haupt, solche Freude und Zuversicht leuchtete ms seinem Antlitze, strahlte aus seinen feurigen Augc>i. Dem König zur Rechten ritt der Wojwode seines Reiches, Graf ildalrich von Raycza, zur Linken sein Bruder WladiSlaw Hermann: der Eine ein welker Greis, den die Treue für seinen König noch -mmal in daö altgewohnte Schlachtczigctümmel führte, der Andere ei» » frischer Kraft erblühender Jüngling, der zum crstcnmalc sein rchwert in ernstem, blutigem Kampfe erproben wollte. So hatte BolcSlaw zur Rechten die oft bewährte Erfahrung, zur Anken die feurige Jugcndkraft, und er selbst vereinigte beides in .lünzendcm Maße. Denn oft und siegreich hatte er bisher sein Schwert geführt gegen Preußen und Ungarn, gegen Böhmen und Knmaneu, gegen Schlesier und Rusien, und doch wallte in seinen Adern das heiße Blut des Jünglings; und cs trieb ihn an, immer weiter und weiter, immer höher und höher zu streben in wildem, rastlosem Jagen. „Edler Herr!" 'wendete sich jetzt Graf Udalrich an seinen König, „nimm mir nicht übel, was ich dir nun zu sagen habe. Denn ich weiß gar wohl, daß dir mein Wort nicht gefallen wird, aber sieh', ich kann nicht anders. . . Denn meinem Könige habe ich Treue gelobt fürs ganze Leben und diese muß ich halten, sollt' ich auch dadurch Blatt. - ■ if deinen Zorn Hervorrufen. Du weißt, Herr König, ich habe dst schon mitgckümpft im polnischen Hure und habe mein Schwert gar vielmals eingctaucht in das Blut meiner Feinde. Aber niemals, Herr König, sah ich, daß Polens König mitkämpste in der Schlacht und sei» Leben den Geschosse» und Schwertern der Feinde prciSgab. Dein Großvateb, König MieSko, und dein Baker, der weife Herzog Easimir, Gott häb' ihn selig, sie blieben immer fern von dem Srte der Schlacht, und ein Anderer, der Edlen Einer, hatte den Kampf zu leiten. Sft siel auch mir dies hohe Amt zu durch die Gnade und Freundschaft deines ln Ehristo ruhenden Bakers. Darum, Herr König, zieh' nicht mit in die Schlacht, setze nicht dein so theurcs, für Polens Glück so wichtiges Leben dem wcchselvollen Kampfe auS, überlaste mir den Befehl und kehre nach Kiew zurück. Sei versichert, o König, nicht zu deiner Schande, nicht zu Polens Unehrc will ich das Schwert dcö Feldherr» führen, wen» du cs mir anvcrlraucst.", „Glaubst du, Udalrich, ich zweifle?" cntgegnctc lächelnd der König und wehrte mit leiser Handbcwcgnng seinen Bruder ab, der heftig auf des Grafe» Rede antworten wollte, „glaubst du, ich zweisle, daß du vor Allem fähig bist, des Fcldhcrrn Schwert mit <^lück und Borsicht zu führen, du,, der du so viele Siege errungen und dein Haupt mit hohem Ruhme bedeckt hast? Rein, Udalrich, daranzweifle ich nicht, und gerne und freudig würde ich den Befehl dir überlasten. Wüßte ich doch, daß so der Sieg an meine Fahne gesestelt. ist, während ich eS-' jetzt nur erhoffe, nicht sicher vorausschen kann,, jetzt, wo ich der Führer bi». Aber sich', Udalrich, gesetzt, ich verließe jetzt daS Heer und zöge nach Kiew zurück, was würden sich da als die Edlen und Reisige» denken, die im langen Zuge hinter uns folge»? DaS ist ein seiger König, würden sie sage», dieser BolcSlaw, der d>rs Heer vor der Schlacht verläßt und wie ein Knüblein vor der Ruthe des Schulmeisters davonlünft! Ziemt sich das für einen König, seine Unterthanen im Stiche zu laste» im Augenblick der größten Gefahr? Und wie der Herr, so -der .Knecht, heißt cs im Munde des Bolkes. Kaum wäre ich nach Kiew zurückgekehrt, so hätte» gar Biele gedacht : Wozu brauchen wir in den Kamps zu ziehen, wenn »ich. einmal unser König cs wagt? Und sic hätten Einer nach dem Anderen ihr Pferd gewendet und wären meinem böse» Beispiele gefolgt.- So laß cs denn gut sei», trefflicher Udalrich! Ich ziehe mit in den Kampf, du aber sollst stets an meiner Seite bleiben, um mit deinem Rath mir beiznstchc». Ja, den feindlichen Großfürsten selbst will ich aufsuchen im Getümmel der Schlacht,- mit» mit seinem Tode den ganzen Krieg mit einem Schlage beenden. Sich hin, schon stürmt, unser wackerer Wladiwo» daher, uns Kunde zu bringen von der Entfernung und Stärke des Fcindeö. Sag' an, Wladiwoh, iag an, waö erfuhrst du von Wseslaw?" „Heil dir, HcLr König!" rief athemlos der Edelmann und hielt sein schnaubendes Roß an, dicht vor Boleslaws Pferde. „Heil dir und deinen Manne»! Siehst du die Staubwolke dort in der Ferne, die immer größer und größer wird und immer näher heranrnck:! DaS sind die Feinde, Herr König! Das ist Wseslaw,-der herannalu, um mit dir den schweren Kampf zu bestehen! Kaum entging ich Mbit den Geschossen der Russen, die mich verfolgten, und nur meinem braven Pferde habe ich zu danken, daß ich zurückkomme und dir.'gvas ich gesehen berichten kann." „Heisa! jetzt gilt cs!" rief jubelnd der Bruder des Königs und schwang das Schwert in wilder Kampfeslust über seinem Haupte. BolcSlaw aber wandte sein Pferd, und mit lauter, weithin schallender Stimme rief er seinen Pfannen zu: „Ja, jetzt gilt co! Jetzt gilt cS zu zeigen, waS Polens Krieger vermögen! Hört ihr Alle, die ihr mir gefolgt seid: Hinter der Staubwolke, die ihr dort seht, verbirgt sich der Feind! Wenige Minuten noch und er ist vor euch, und der Kampf ist entbrannt! Haltet .euch wacker,- ihr Mannen, zeigt euch würdig eures Ruhmes, würdig eures Baterlandes! .-Zeigt euch als echte Polen, und Polonia! sei der Schlachtruf!" Da erscholl cS wie das Brausen deS Meeres: „Polonia! Polonia!" erfüllte die Luft und drang markerschütternd zu dem herannahcndcn Heere der Feinde. Jetzt stoßen /mit ungeheurem Getöse die beiden Heere aneinander. Wie zwei gewaltige, eherne Masten sehen sic ans, zwei Koloste von Erz, die sich gegenseitig nähern und plötzlich in einen Knäuel, in einen unlösbaren, unübersehbaren, nicht zu entwirrenden Knäuel gcrathcn. Ta stürzen sic aus einander los, die Schwerter erhoben zum tödtlichcn Schlage, die Schilder vorgcstrcckt zur Wehr, die Polen l mit dem Rufe: „Polonia", die Russen „Polotzk" brüllend. Jeder sucht sich seinen Gegner ans, cS ist ein Kampf Aller gegen Alle, ein Kampf tausender von Einzelküinpfcn; hier füllt Einer in schwerer Rüstung voni Roste,, dort streckteinen Anderen das Schwert eines Feindes nieder. Hier wird ein Pferd scheu und wirst seinen Reiter

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.