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Freies Blatt · 1895-07-14 · 171 (14.7.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
171 (14.7.1895)
Date
1895-07-14
Page
[Seite] (sequence 5)
Language
German
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Nr. 171. Freies Pfarrer Doller, welcher indeß die Freundschaft dcS antisciiiitischc» Gesinnungsgenossen thcucr bezahlen muß, da er diesem ein bedeutendes Darlehen gewährte Steinbach wurde dem KrciSgcrichte Krems ein geliefert. (Antisemitismus in der Schule.) Man schreibt uns aus Klattau: Die Abiturienten deS hiesigen SberglimnasiumS veranstalten wie in früheren Jahre» «am Schlusic des Schuljahres ein .Kränzchen. Als das Comit«' daran ging, die Liste der Einzuladeuden zusammenzustellen, beantragten die jungen Herren Antisemiten — und es gibt hier antisemitische Schüler in jeder Claffc — keine Judcnianiilicn zu laden. Die jüdische» Studenten im Comitcprotestirtcn dagegen und traten aus dem Comitü ans, auch zwei christliche Studenten aus besseren Häusern schloffen sich dem Proteste an, doch wurde die Zurücksetzung der Juden zum Beschlüsse erhoben. Die jüdischen Studenten am hiesigen Gymnasium stehen in nationalem Eifer den christlichen nicht »ach, die jüdische» Wähler, .abgesehen von einzelne» Ausnahmen^ gehen schon scitJahrcn Hand in Hand mir den Tscheche», und — trotzdem Hcp! Hcp! Aus solchen jungen Männern wie die antisemitischen Studenten recrutirt sich leidet die künftige Intelligenz! (Biel schlimmer als die alten Raubritter.) Friedrich Luckardt veröffentlicht in dem gleichnamigen leipziger Berlage eine Broschüre „Juden und Christen" (Skizzen anö dem modernen Gcichäftsle^en), die sich in der Hauptsache um Borgängc bei der Gründung und Berwaltnng dcS seinerzeit von ihm verlegten „Deutschen ragcblattcS" dreht, aber auch interessante Streiflichter auf das poliin'che Partcileben in Deutschland wirft. Auf Grnnd seiner Erfahrungen gelangt Luckhardt zu folgendem Urthcil: „Man ist gewohnt, die schuld an allen schmutzigen geschäftlichen Speculationen den Inden .nitzuhalsen. In meinen Schilderungen sind wesentlich Christen berliciligt, die sogar sich theilweisc in der Oeffcntlichkcit besonders dadurch bekannt machten, daß sic die neuen Kirchcnbanlen in Berlin unterstützten und dafür ausgezeichnet worden sind — Christen, welche alle Bortheile des .modernen Rechtes' für sich in Anspruch nehmen und l'cnso rücksichtslos das AnSbeutungSsystem gegen ihre Mitmenschc» betreiben wie Juden. Man sehe sich nur die Directoren und Berwaltungsrälhe der viele» Actiengescllschaftcn, insbesondere der Ballgesellschaften etwas näher an; gerade diese bilden ein« große sociale Gefahr, die dadurch hcrvorgerufen wird, daß auf Jahrzehnte der Grund und Boden um Berlin und alle großen Städte durch Speculanlcn derartig vertheuert wird, daß die Menschen immer mehr zu Lohnsclaven dieser Grunhstückswuchcrcr werden; denn in erster Linie muß "der Mensch wohne». ES ist einer der glößlcn Fehler unserer "Ksetzgebung, daß dieser wichtige Punkt nicht genügend beachtet und hier nicht Abhilfe geschaffen wird. Bei näherer Durchsicht der 'Namen v.'n Directoren, VerwaltnngSräthen vieler Gesellschaften wird man überall auf Christen stoße», ja auf Männer, die in Amt und Würden, :»il Titeln und Ehrenzeichen überhäuft sind, gerade solche Leute, die >>ch öffentlich immer als W ohltHüter der Menschheit aufspielen, für Krankenhäuser, Kirchen :c. Tausende '.den, nachdem sze ihren Mitmenschen Millionen abnomine» hal>cn. Solche sind viel schlimnicr als die lten .Raubritter, welche doch bei ihren Geschäften ihr eigenes '.'eben mit aufs Spiel setzten." ' Ter Ursprung des Rothschild'scheu Reichthnius.) Tic unlängst .ljchicnenen Memoiren deS Generals Marbot (Paris, Plon 1*91), oer unter Napoleon I. commandirte, enthalten über den Ursprung des Rothschilp'schen Reichthums bcmcrkcnswerthc Nachrichten. Sie bestätigen und ergänzen das bereits Bekannte, erhalten aber gesteigertes Jntereffe, weil General Marbot selbst Zeuge der betreffenden Gcschehniffe war. Er erzählt: „Als der Kurfürst von Hcffen-Caffel nach England flüchten mußte, vertraute er sein ganzes Baarvermögcn dem Frankfurter Banquicr dritten Ranges Rothschild, dessen Ehrlichkeit ihm bekannt war, an. Er verlangte von ihm nur die einstige Rückerstattung des Capitals, das 15 Millionen betrug, die Zinsen sollten ihm gehören als Entlohnung für seinen gefahrvollen Dienst. Nun wurde aber den Franzosen, die über den geringen Fund im Caffelcr Schlöffe ergrimmt waren, hinterbracht, daß ein Frankfurter Jude kur; zuvor einen ganzen Tag bei dem Kurfürsten verweilt habe. Eine kaiserliche Eominission begab sich also sofort zu Rothschild, um nach Kriegsrecht die Caffe mit Beschlag zu belegen. Aber man fand auch dort nichts. Drohungen, Versprechungen hatten keinen Erfolg. So wollte man dennden frommen Juden zwingen, einen Eid zu leisten, daß er nicht wiffc, wo das Geld verborgen sei. Als Rothschild sich weigerte,;n schwören, wollte man ihn einsperrcn, was aber Napoleon selbst verbot. Hierauf schlug man ihm vor, die Hälfte deS Schatzes an Frankreich auszuliefern, die andere Hälfte für sich zu behalten und dafür von der französischen Regierung ein Document anzunchmen, in dem diese B l a r i. ' -eile 5. erklärt, daß sic das Geld gewalnaiu genommen habe Alles vergeblich, Rothschild hielt sein Won -und lieferte das GNd bis auf den leisten Heller an de» Kurfürsten ans, als dieser im Jahre 1*11 in sein Land znrückkehrte. so erwarb sich der kleine Banauicr daS Vertrauen der Höfe und den Grundstock seines fpäteren Berniögeiis." Do Manche unserer „arischen" CNandseignenrs, die als „erbliche Führer" an der Spipc des anlisemitischen Mobs wider „jüdiiche ^lnehrlichkeit" zetern, können sich eines gleich redlichen Ursprungs ihres Bermögeus kaum rühmen. iWtllll das eilt Zndc stttlian häkle!! Bor,dem Tribunal in 'Neapel spielte sich im Juni ei» Proceß ab, der in Italien großes Aufsehen erregte. Die „Leipziger Bolkszeitung" berichtet über denselben: Ein Priester,'Namens Paolo I ac o m i u o, halte vier Schwestern mit 'Namen £ I, v i er i ans dem Lrte Resina, Eine .nach der Anderen verführt. Er überredete sie alte vier, in einer schönen 'N'acht mit ihm durchzugehe» und mtetljete' sic als seine Haushälterinnen in einer romantisch gelegenen Billa bei'Neapel ein. Die lieben Schwestern aber hallen bei ihrer Flucht zugleich ihr Brüderlein, einen achtjährigen Knaben, ans dem-elterlichen Hause mitgenommen. 'Nach vieler Blühe gelang cS den Eltern, die Spur der Geflohenen aufzusinde», und nun . kam es zuili öffentlichen Proceß wegen Raubes von Minderjährigen (der beiden jüngeren Schwestern und des Knaben). Wahrend die beiden älteren Töchter..ihre» Verführer auis Eifrigste verlhcidigten und ihn als einen wahren Heilige» hiustellte», plauderte der Knabe''mit der gryßtcn Naivctät die unglaublichsten .erotischen Scenen aus. Der Schluß des ProceffeS war, daß der Priester zu z w e i Iah r e n und die beiden älteren Schwestern zu zehn und acht Monaten Gefünguiß verurtheilt wurde». Den Hcvorganc» der antisemitischen Jnlernarivnale mag cS in der Seele weh rhnn, daß dieser Paolo Jacomini nicht ein Rabbiner ist, dessen sittliches Betragen mau dann als tupisch hinstellen könnte, um dafür die gcsammtc Judcnschaft, einschließlich der schwarzen Jude» von Ernaknlumj verantwortlich zu machen. (Zurückgezogene AiiSweisungsversügiiiig.) Ans Petersburg wird uns geschrieben: Die letzte Numiiicr dcS „Woichod" veröffentlicht eine officielle Erklärung des 'Ministeriums des Innern, welche neuerdings eine» Beweis dafür liefert, wie unbegründet die Behauptung sei, daß die Inden die BolkSwirthschaft schädigen. Dreizehn jüdische Familien im Bezirke Liw»y, Gouvernement Lrel, welche den Gelrcidcliandcl betreiben, wurden im vorige» Jahre aüSgcwiesen, beziehungsweise aufgcfordert, ihren Aufenthalt im „'Niederlaffnngsgebiete" zu nehmen. In Folge der Intervention der. dortigen orthodoren Kaufmannschaft, welche die nützliche Thäligkeit der Juden in allen Zweigen dcS Handels rühmte, wurde jedoch der AuSweisungskermin auf den 1. Juni d. I. verschoben. Inzwischen haben sämmtliche adelige GntS Besitzer dcS Bezirkes (2* an der Zahl) mit dem AdelSmarichall an der Spitze an das Ministerium des Innern eine Petition gerichtet, in welcher sic um die Belastung der Juden in ihren Wohnorten ersuchten Tie Petition wies darauf hin, daß die Juden durch den Getreide erpori, den sie maffenhaft betreiben, der Landwirthschafl große Dienste erweisen und daß die Preise auf Roggen und Weizen bedeutend zurück gehen müßten, wenn die Juden aüSgcwiesen würden. Ferner hob die Petition den wohlthätigcn Einstuß der Juden aus die Entwicklung der Tampfmühlenindustrie des Bezirkes hervor. Das Ministerium d.es Innern hat nun der Bitte der adeligen Gutsbesitzer stattgegeben und den Gouverneur von Orel beauftragt, die Ausweisungsordre gegen die Juden von Liwny zurückzuzichen. Die Antisemitenblätter werden auch von dieser Thatsache selbstverständlich keine Notiz nehmen. j- (Tas Bermächtuiß einer Katliolikiu zu Gllilsteu eiites indischen Spitals.) Aus Wilna wird uns geschrieben: Eine hier vor zwei Monaten verstorbene adelige Dame, - Namens Lndwika riowza», vermachte ihr ganzes nicht unbedeutendes Vermögen .zu Gunsten des jüdischen Krankenhauses in Wilna. Als Grund dieser letzkwilligcn Bestimmung führte sie die wahre Humanität und 'Nüchstcnlicbc an, womit das jüdische Krankenhaus Wiliia, das seinen Statulcii gemäß nur zur Aufnahme von jüdischen Kranken verpflichtet ist, andersgläubige Kranke behandelt. Eine Verwandte'der Kowzan vom Lande erkrankte eines Tages sehr schwer'und wurde nach Wilna lranSportirt, um in einem dortigen christlichen Spitalc nntergebrachl zu werden. Allein die Kranke fand nirgends Aufnahme, überall wurde ihr geantwortet: „Ueberfüllt." Da entschloß sich der Gatte der Patientin, sie in das jüdische Spital zu führen. Hier wurde sie denn auch ausgenommen mit dem Bemerkch, daß das jüdische Krankenhaus, den Satzungen der mosaischen Lehre über die Nächstenliebe folgend, Mitmenschen nicht der Gefahr, auf der Straße stcrbcn zu müffen, aussetzen könne. Von diesem HumanitätSacte tief gerührt, vermachte Frau Kowzan ihr Vermögen dem jüdischen Spitale. Die Erben der Kowzan fochten jedoch das Vermächtniß an. In' der hierüber vor dem Gericht zu Wilna

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