Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 171 (14.7.1895)
- Date
- 1895-07-14
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Freie» Statt. Nr. 171. Seite 4 Ciulatningni gtftattct, und Jeder, der in daS BersammlungSlocal gelangen wollte, mußte zweimal den Ordnern die Einladung vorweisen und sie dann abgebcn. Trotzdem waren die Antisemiten bald in einer überwältigenden Majorität. Biele hatten sich auf Umwegen Einladungen erschlichen. Andere haben sich als .gute Bekannte" den Eingang in den 2iul verschalst, und ein anderer Thcil griff zu folgendem Manöver, um in den Saal;u gelangen: Angrenzend an den großen Saal Kennte! sich ein Rcstaurationsgarten, welcher von einer Seite durch ein niedriges Holzgittcr, von der anderen Seite durch eine Holzwand, in der sich mehrere Fenster befinden, vom'BersammlungSlocal getrennt ist. Tic ohne Einladung erschienenen antisemitischen Hetzmacher erklärten, sie wollen nur in den „Garten" gehen, um dort ein Nachtmakl zu genießen. Taraufhin wurde ihnen der Einlaß in den Garten gestattet. Sie hielten sich hier jedoch nicht lange auf, sondern kletterten durch die F e n sr c r und über das Gitter, mit den Biergläsern in den Händen, in -den Saal hinein and occu-pirten alle Plätze. Unter den .Kleingewerbetreibenden", die auf diele Beeise in den Saal gelangten, befand sich auch der Hausbesitzer Herr Gregor Ritter v. S mol Ski, welcher nachher sich an den Scandal- und Lärmscenen hervorragend bctheiligte. Um Uhr, also »och -vor der für den Beginn festgesetzten Stunde, war bereits -der Saal bis aut das letzte Plätzchen von den Antisemiten besetzt, welche, alS der Einberuscr Schuhmachermeister Horen; die Versammln »g crönnen wollte, einen derartigen Korybantenlärm erhoben, daß die Ver'aminlnng, che einer der Redner zu Wort gekommen war, wieder geschlossen werden mußte. Tie Antisemiten erhoben hierauf ein olnenterreißendes Ge,ohle, Hochrufe ans Lueger und Schneider und zogen dann in eines ibrer Stammbcisel. Auch am 10. d. M. haben die Antisemiten eine von liberaler Seite veranstaltete Versammlung ge'prengi. Tictelbc war vom deutsch-fortschrittlichen Wahlcomit«'- für den VH. Bezirk in den Saal des .Hotel Wimberger" am Reubaugürtel einberusen worden, und cS sollten in derselben Reichsrathsabgcordneter Tr. Einer über die politische Lage, Tr. Grübl über die Wiener '''emcinteraltiSverhällniffe und Herr Frauenberger über dte Sonntagsruhe und deren Rachtheile sprechen. An der SprengungSaction nahmen Gcßmann, Hawranek, Gregorig und . andere antisemitische (Hröszen thcil. Rach Verdrängung der Einberuscr wollten t:e gemeinen Antisemiten sich den Genuß gönnen, eine Geßmann'sche Rede aiiruhören: allein die Polizei trat dazwischen und veranlaßte sie, den Saal tu räumen. Wir müffcn besonders hervorhcbcn, daß diesmal von Seite der Sicherheitsbehördc in der umfaffcndstcn Weise dafür gesorgt war, daß die betrunkenen und aufgereizten Antisemiicn nicht die Ruhe störten und die Sicherheit friedlicher Bürger ges.rhrdcte», wozu sic nicht übel aufgelegt schienen. Ten Liberalen empfehlen wir in Hinkunft etwas mehr Vorsicht bei der Veranstaltung von Wäklcrversammlungcn. ES wird sich wohl noch ein Mittel finden, :im dem TerroriS'.nuS der Antisemiten zu begegnen. — Abgeordneter W rabe tz und Genossen brachten am 11. d. M. folgende Interpellation an den. Minister dcS Innern ein: In ree gegenwärtig in Wie» im Zuge befindlicken Wahlbewegung verr:e et:ri<tlili>->oeiale,i Änissemilc», wie zwei nacbeinander vorgekommene 7,alle te:reilen, eie Abnän, die von ihren Gegnern einberufenen Wählerrer'aminlnngen durch Eindringen unberufener Elemente;u .sprengen und t:: vervintern. daß der Wähl-rietiass die Wahrheit über die christlich-socialen -.'tnli'einitcn bekannt werde. Mil welch niedrigen Mitteln hiebei zu Werke ge ,trugen wird. erwei'ei: ivir durch die beiliegende» zwei Einladungskarten zu enier deiiüäi>'eriiä>-.imictien Wäblerversammlung vom 1V. d. M., von denen r:e eiaeck-:, die andere rffenkunkig ge'äliebt ist. Turch dieses Borgehen, welches nur eine Ferssetzung einer Reibe anderer Gewaltthütigkeiren ist, die in letzter Z.ii e.:e Änrilust der christlich socialen Bewegung zu Tage getreten sind, werde» nicht chiinlich 'ocialen Wähler in der ÄnSnbuug deS BersammlungSrechteS :da:'ach!:kl gebindert, ohne dass es bis jetzt versucht worden'oder gelungen wäre, r 'ii Urbeber der arrangirle» Lcandate und der nicht;nni erstemnale vor- ' keuinrene:: sräl'chuilgen von EiniriUSkarleu zu eruireu und die Freiheit der t zu schützen. Tie Unterzeichneten stellen die Anfrage: Welche Manre.e.n ' 'denkt die Regierung'den Anstiftern der erwähnten Ruhffiörungen 7e .l l niigen gegenüber in Anwendung zu bringe», um den Wiener kr .b'.eri l icht christlich 5cctaler Gesinnung die ungehinderte Ausübung des ihnen eplich :.: ri'.:en Lit'iaininiungSrechlee und die Freiheit ihrer Beralhungen i' si-'-rabi Tr. Bencvikt über den Antistinikisimis.) Von dem bekannten Rervcnpaihologcn Tr. Mori; Benedikt wird dcninächst ein großes p'i'cholczifches Werk, .Seelenkunde des Menschen", erscheinen, ans welchem eine medicinische Wochenschrift schon jetzt ein Capitcl, .Ti: Gemüihsarten", veröffentlicht. In diesem Capitel findet sich folgende inrereffaute Erkleirung des Antisemitismus: „Tie fortwährende l Aufregungssucht führt sittlich schlecht angelegte Naturen dazu, sich! geradezu Opfer auszusuchen, an denen sie ihr ,Müthchen' kühlen, und daraus geht z. B. der tolle Antisemitismus Jener hervor, die sich jahraus jahrein im Vorhofe deS Zuchthauses und deSJrrenhauses herum tummeln und nicht hinein kommen, weil ihr Nichtgezügeltwerdcn im Interesse anderer rechtsvergessener Kreise gelegen ist." (Unbefugte Colportage.) Am 9. Juli hatte sich Pfarrer Doctor Deckert vor dem Bezirksgerichte Alsergrund wegen neuerlicher Ucbertretung des Preßgesetzes zu verantworten. Laut Note der Polizcidircction hat Deckert in der Zeit vom 5. bis 12. Mai, während welcher Tage er in der Weinhauser Pfarrkirche jene Predigten hielt, welche zu einer Interpellation ip> Abgeordnctcnhause Beranlaffung gegeben haben, durch verschiedene Personen an die Kirchenbesucher bedruckte Zettel verthcilcn lasten, ohne um eine Licenz angesucht zu haben. Die Anklage lautete demgemäß gegen Decker! auf Verleitung zur unbefugten Colpörtage (8 23 P.-G.), zugleich aber auch gegen zwei Frauen, die solche Zettel vcrthciltcn, nämlich die Kcrzenverkäuferin Anna Doppler und die Kirchcndienersgatti» Caroline Lastowicz, als unmittelbare Thäterinnen. Das Bezirksgericht hatte den Act zuvor dem LandeSgcrichte abgetreten, weil sich Deckert daselbst wegen PeS Inhaltes seiner sogenannten .Conferenzrcden" ii^Untcrsuchung befindet; all/in daS Landcsgericht entschied, daß der Act aus ZwcckmäßigkeitSgründcn und zur Vereinfachung der Untersuchung wieder auSzuscheiden sei, und leitete denselben au daS Bezirksgericht zurück. Pfarrer Deckert, welcher von dem .Arier" Dr. Max Anton Loew vertheidigt wurde, verantwortete sich dahin, der Inhalt der Zettel sei rein örtlich-gewerblichen Charakters, daher von der Bestimniung des 8 23 P.-G. ausgenommen; überdies halte er seine Ansicht, daß ihm innerhalb des kirchlichen Territoriums das Berfügungsrccht zustehc, auch diesmal aufrecht Tie zwei mitang-klaglen Frauen beriefen sich darauf, von ihrem Pfarrer und Vorgesetzten den Auftrag zur Vertheiluug erhallen zu haben, dem sie nothwcndigerweise Folge leisten mußten. Die Verhandlung schloß damit, daß alle drei Angeklagten freigesprochen wurden, und zwar mit folgender Begründung: „Objcctiv liege seitens der beiden Angeklagten Lastowicz und Doppler allerdings eine Vcrtheilung, seitens deS Tr. Deckert eine Verleitung hiezu vor; allein es fehle der strafbare Thatbestand, weil die vcrthciltcn Zettel thatsächlich von rein örtlichem Interesse sind, daher die AusnahmSbcgünstigung deS 8 23 P.-G. genießen. Ter erste Thcil dcS Inhalts bilde eine Bitte an die'Gläubigen um Beitrüge,, nicht für den Kirchenbauvercin, sondern für die Kirche. Was den zweiten Thcil anbclangt, so mag es dahingestellt bleiben, ob es nicht geschmacklos war, eine solche Bitte mit der Ankündigung antisemitischer Hetzschriften zu verbinden, allein auch diese Ankündigung sei als Reclamc für die Werke des Dr. Deckert der AusnahmSbcstimmung des 8 23 P.-G. theilhaftig, weshalb ein Freispruch erfolgen mußte." (Wahlschwindcl.) Am 10. Juli gelangte neuerdings ein Fall zur gerichtlichen Verhandlung, in welchem bei den GemcinderathSwahlc» von antisemitischer Seite versucht wurde, eine» Stimmzcltcl mit fremder Legitimation abzugcben. Der Milchmcicr Leopold Sch a ring er war krank und vermochte bei der Wahl des dritten WahlkörperS in der Lcopoldstadt nicht an der Wahlurne zu erscheinen. Er übergab daher Stimmzettel und Legitimation einem Agitator, welcher den Schuhmacher Franz Lasch ka veranlaßte, mit diesen Papieren die Wahl zn Gunsten des antisemitischen Candidatcn vorzunehmen. Laschka wurde jedoch von einem Mitglicde der Wahlcommission beanstandet. In Folge deffcn erschienen nun Scharinger und Laschka vor einem Erkenntnißsenate dcS LandcsgerichtcS als Angeklagte. Der Mittelsmann, welcher die Verbindung zwischen den Beiden herstcllte, hatte nicht cruirt werden können. Beide Beschuldigten erklärten, daß ihnen die Strafbarkeit des Vorganges nicht bekannt gewesen sei; Laschka wies auch'darauf hin, daß er weder lesen noch schreiben könne. Ter Gerichtshof sprach die beiden Angeklagten schuldig und vcrurtheilte sie zu je vierzehn Tagen Arrests. Laschka erklärte weinend, die Strafe nicht autretcn zu können, da seine Kinder sonst nichts zu leben hätten, weshalb ihm der Gerichtshof einen vierzehntägigen Strafaufschub gewährte. Ter gute Mann wird sich in dieser Zeit vielleicht bei den Leuten, die ihn seinerzeit zu einer strafbaren Handlung verleitet haben, umsehen; dieselben werden nun hoffentlich auch für die armen unschuldigen Opfer ihrer scrupcllosen Partcipolitik sorgen. Scharinger behielt sich Bedenkzeit vor. (Antisem im Conflicte mit den Strasgcsrytn.) In Waidhosen a. d. Thaya wurde am 7. Juli der Postexpcditor Loren; S t e i n b a ch verhaftet, weil er Malversationcn in der Höhe von mehreren hundert Gulden begangen hatte. Steinbach war ein eifriger christlich-socialer Agitator und verkehrte intim - mit dem Waidhofencr