Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1895-07-14 · 171 (14.7.1895) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
171 (14.7.1895)
Date
1895-07-14
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4886575-5439167-5441651--2083-4888489
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Freie» Blatt. Seite 2 finge-heute obenauf sind, beweist ja schon, daß daS bildende Institut bei (Gemeinde Autonomie leider Elemente in die Höhe gebracht hat, welche auch i» angesehener Stellung die Stufe nicht verlassen können, aut welcher sie früher standen. Wer hätte früher mit Leuten sraternitiir, welche de» Bürger aus offener Straße verfolgen, wer hätte zu solchen Vertrauen gehabt, welche fähig sind, au den „Ritualmord" zu glauben, bietet* unbewiesene, aber fest behauptete Dogma der unfehlbaieu Antisemiten'?! Zur Zeit der Herrschaft der Liberalen hätte man nicht „geflügelte Worte" hinausgeschleudert, sondern die Masten belel'it-1 A. : rcF„:)utualmoib‘‘ ist ein Märchen, und wir bedauern diesen Ereeß: aber ist denn die Bewegung gegen das Capital nicht eine natürliche? Muß der Soeialist nicht den besitzenden Bürger hasten'? Muß das Volk nicht gegen den EapitalSerwerb Stellung nehmen? f er Aristokrat aber kann nicht den Inden fördcr'n, höchstens dulden, um 'sich nichts zu vergeben! B. : Und das finden Sie Alles so natürlich in einem geordneten Staate? Finden Sie es auch natürlich, daß der, welcher sich emporgearbeitet hat, sei er Jude oder Christ, als „Sieb an fremdem Eigenthume", als „Bereister des socialen Friedens" hingestellt wird? Sehen Sie denn gar nicht klar? Hier bei unS ist die Bewegung nur eine Jagd ohne Wild: man muß doch auch 'olche Dinge aus größeren Städten »achäffeu, aber dort, wo die Bewegung entstand, erkennen wir die Ur'ache: Der Spießbürger sah sich überflügelt, hat nicht daS f eniperameut, die Concurren; aufzunehmcu, und legt lieber die Hände m den Schoß: Schimpren und Wettern ist bequemer: „Das Bürger thutit wird durch den Juden zugrunde gerichtet!" Durch den Juden? f as Bürgerthum richtet sich selbst zugrunde, eS ist im Begriffe, 'tilgtuiide tu gehen, weil es sich an euch ausliefert. Ich kenne ein Srtichwort. das ich in der Schwei; hörte: Im protestantischen Canton 'aqt man : Arbeite und bete!, im katholischen: Bete und arbeite! Nicht wahr, der Banquier, welcher eines „verkrachten" Gutsherrn Besitzung oder. Haus kaust, nur er allein trägt die Schuld an dem Mißgeschicke? 'Natürlich, nur weil der Inde der „Blutsauger an der Kraft der Nationen" ist, wie die beliebte Phrase läutet, t : Al'o wer denn, wenn Sie Alles wisten? Wer saugt dem' Bolke das Blut aus? I!. I Jene, welche Milliarden sammeln und einheimsen, in Schmuck und Prunk verwandeln, nichts für das Allgemeine thun, das „tobte Capital" vermehren: Jene, welche 187 l den französischen Bauern 'Strohhalme um > Centimes verkauften aus 'dem StroHbuude, auf welchem Pius IX. als Gefangener im Batican lag: Jene, welche letzt noch Bruuueuwaster als Jordan-Taufwaffer und _ Kau de l. ui >">" verkaufen: Jene, welche erst die Schulen anfeinden und dann den Religionsunterricht nicht, ohne Besoldung geben; Jene, welche, um den Schülern drastische Beispiele zu geben, von der Kanzel Dinge sagen, die mau ihnen sonst sorgfältig verschweigt oder durch die ein Ltand herabgesetzt wird, wie z. B.: „In Dalmatien empfingen zwei S'sieiere die Communion unwürd.ig und sielen todt nieder"; Jene, welche mit einem Nocke von mittelalterlichem Gewebe Tausende anlockeu, obwohl ihnen von Sachversiändigen längst gesagt worden ist, er könne nicht älter als 400 Jahre sein: ich meine, solche Leute ertodte» den Geist und untergraben den Bolkswohlstaud. A Sie nennen sich liberal? Liberalismus beruht doch auf Dul- -dnu.g fremder Anschauungen! -- B Gewiß, wir dulden fremde Anschauungen, wenn dieselben auf Ileberzeugung beruhen, wir bekämpfen aber mit Recht die üblen Ein finde, den Mißbrauch ihrer Macht über die breiten Schichten der M'eii'cheu, die nicht klar sehen. Der Liberalismus fußt auf Bildung und stiebt Aufklärung an. Der stete Kampf gegen diese beiden Grundbediiigungen zur Entwicklung des modernen Staates zeigt ja schon, au' welckien Grundlagen die rückschrittlichen Parteien sich bewegen. Tas wahre Christenthum sollte Milde predigen, nicht Andersgläubige! ctzen, eS sollte geistige Güter spenden, Bruderliebe predigen; daS i.rl'ie Ohiiüenthunt liebt selbst seine Feinde! Wir sollten aus Rück- '!.t 'lir euere Anschauungen auch unseren. Widerstand, gegen euere tianria.n Ertolge aufgeben, damit ihr bequem im Trüben fischen lonii.!? .st-in, >o weit geht meine "Freisinnigkeit nicht, und so weit tais auch eine Partei, welche für besterreich so BieleS geleistet, nicht gehen, will sie sich aticht dem Gespötte und der Wnth der Bolksleidenscha't preisgeben. Ich bin freisinnig genug, Ihnen Ihre Anschauungen zu lauen: ich will Sie nicht bekehren, aber gestatten Sie mir, wenn das Nachbarhaus :n Brand geräth, anS eigener Initiative zu löschen, i.Ibit wenn der 'Nachbar der Ansicht wäre, ich sollte sein Feuer ie>ieeti'en, denn es tonnte zu spät werden, um das verheerende Element einzudämmen. -i ie liberale Partei braucht freiwillige Feuerwehr, denn d-r röicieUc Löjchtrain läßt immer noch auf sich warten. Selbst Nr. 171. Taaffe hat gesagt, daS Vereinsgesetz verbiete Maßregeln gegen die Antisemiten, aber jeder Gebildete sollte für seine Person gegen dieselben auftreteu. Ich gebe auch freiwillig Ihnen, als einem Vertreter der herrschenden Parteien, daS letzte Wort, weil ich Ihren Eindruck von unserem Gespräche keniken lernen will. A. : Erfahren Sie denn meine Anschauung: Ihre Partei ist stets ' anständig aufgetreten, i Sie haben in vielen Punkten das Richtige getroffen. Es ist wahr, in einem geordneten Staate sollten Hebelgriffe, wie sie sich täglich zeigen, nicht Vorkommen. Ich gestehe auch gerne zu,C daß ich mir von einer Herrschaft der Deutsch-Nationalen und Antisemiten nicht viel für besterreich verspreche, und baß ich das Bündniß der Conservativ-Clericalen mit so wechselnden und ephemeren Elementen für nicht lebensfähig halte, auch nicht für würdig der Anhänger der katholischen Kirche und wahrer Patrioten. Glauben Sie aber nicht, daß Sie mich bekehrt haben. Ich erwarte mir Alles von der Wiedereinführung des Concordates. Bitte, antworten Sie mir darauf! B. : Allerdings begreife ich, daß, wenn Sie die Concordatsidee fallen lasten. Sie zugleich Ihren Standpunkt aufgeben würden, denn was sind Sie und Ihre Partei ohne den Oberbefehl Roms? Jedoch besterreich darf nicht nach jener Pfeife tanzen, das hat Ungarn gezeigt, und was die eine Hälfte unseres Reiches vermag, soff auch die andere versuchen. Nicht bloß Agliardi hat den Christlich-Socialen geholfen, es helfen noch Manche, welche sich als Patrioten ausgeben und dennoch die Thür den gefährlichsten Eiuflüffen des Auslandes öffnen. Die protestantischen Preußen hasten Sie; diese mischen sich nicht in Oesterreichs innere Politik wie der besitzlose „Heilige Stuhl" und daS Großcapital der Jesuiten. Ich habe Ihnen das letzte Wort gelaffen, also reden Sie jetzt. Sie sagten ja, die Austreibung der Protestanten durch Firmian war berechtigt. Mein Gegner ging nachdenklich weiter und schwieg. Dieses Schweigen sprach mehr als Worte.Auf diese Weise endete daS Wortgefecht mit einem der wenigen aufrichtige» Reactioiiäre aus meiner Bekanntschaft. —*■ Rechtsstaat oder nicht? (Zuschrift au daS „Freie Blatt".) Köln, II. Juli. , Nichts ist so sehr geeignet, die Grundlagen der Cultur und deS gesunden Volksbewußtseins einer Nation zu erschüttern, als wenn die Volksclafsen daS Zutrauen zu den Richtern verlieren. Das Gericht ist nach der modernen Austastung eine zwar nicht göttliche, aber doch heilige Institution, die nicht allein gefürchtet, sondern auch geschätzt und verehrt werden muß. Das Gericht soll dem Volke die Stätte hes wahren Rechtes sein, vor der es sein Haupt in Ehrfurcht neigt. Wenn Jemand glaubt, daß ihm Unrecht geschehen ist, so hegt er die Zuversicht, daß er vor dem Forum des Gesetzes, wo die Wahrheit das Scepter führt, sein gutes Recht finden wird. Und diese Hoffnung, die sich auf das Rechtsbewußtsein stützt, darf dem ehrlichen Bürger ' nicht geraubt werden. Denn ist einmal in der Brust des schlichten ManneS die Ueberzeugung zerstört worden, daß er vor dem Throne der Justiz Genugthuung finden könne, wenn ihm Unbill an Leib und Seele zugefügt worden ist, so verliert er auch die Liebe für die Gesammthcit und den Glauben an die Menschheit. Eine Bitterkeit gegen alles Bestehende schleicht sich dann in sein Herz, er gibt sich dem pessimistischen Wahne hin, daß alle Institutionen des Staates und der menschlichen Gesellschaft nur dem Unrecht und nicht dem verkümmerten, verfolgten Recht dienen, und er gelangt allmälig dahin, die ganze moderne Weltordnung mit ihren Einrichtungen zu verwünschen. 'Wurzelt doch unsere Anschauung von den Dingen und Erscheinungen gar zu oft in unserem Empfinden und nimmt doch Jeder sein Ich mit seinen Erfahrungen zum Ausgangspunkt seiner Betrachtungen. Die Klage, daß die-Bevölkerung in deutschen Gauen heutzutage bei weitem nicht mehr die hohe Verehrung vor den Richtern wie ehemals hat, ist nicht mehr neu und sie gestaltet sich immer mehr zu inem Nothschrei aller wahren Bolksfreunde. Die Antisemiten behaupten, das böse römische Recht sei daran schuld, und in ihrer originellen Gerechtigkeit stellen sie die Sache so dar, daß die Juden beim heutigen Rechtssystem am besten wegkämen, daß daS Corpus juris ausschließlich für jüdische Zwecke gemacht sei. In Wahrheit aber hat kaum irgend eine Volksclasse so viel Ursache über die Gerichlsresultate der letzten Zeit in Deutschland zu klagen, wie — gerade die Bürger jüdischen Glaubens. Wer die antisemitische Presse liest und sieht, mit welchem CyniSmuS die Heiligthümer der Juden in den Koth gezogen werden; wer eS

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.