Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 170 (7.7.1895)
- Date
- 1895-07-07
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 80% known words query
- IRI
…/4886575-5439167-5441649--2075-4888482- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
,«r. 170. j. .freies „nd werden durch freiwillige Beiträge der. nahe;» 4000 Mitglieder der .Montefiorc-Hcim'-Gesellschaft aufgebracht. ES sind der Anstalt außerdem von einer Rcikic von Personen bedeutende Berinächlnisie zngcfallen, und ebenso haben verschiedene wohlhabende jüdische Familien -um Andenken an verstorbene Angehörige Krankenbetten gestiftet, waS natürlich die Kosten der Berpflegung und ärztlichen Behandlung eines Patienten cinschlicßt. Tie Anstaltsräuinc bestehen aus einem sehr siylvoltcn Hauptbau mit zwei Seitenflügeln, sämmtlich vier Stockwerke doch. Es ist außerdem kürzlich auf der Rückseite ein geräumiger Anbau errichtet worden, so daß nun für 300 Patienten und das Anstaltspersonal genügender und bequemer Raum vorhanden ist. Tie Anstalt besteht auS zwei Abthcilungen, einer für Männer und einer für trauen jeglicher Altersstufe. Man findet da hochbctagte Greife und «Greisinnen und mit unheilbaren Krankheiten behaftete Knaben, Jünglinge und Mädchen, deren trauriges Los Tank dem Edclmnthc „aid der Tpscrfrcudigkeit der Gründer der Anstalt und deren zahlreicher Freunde sich wenigstens zu einem einigermaßen erträglichen gestaltet hat. Man kann, wenn man die spiegelblank und in bestes Ordnung gehaltenen, ausgezeichnet vcntilirten und mit allem mög, uchcn Comfort auSgestattetcn Krankensäle und Einzelzimmer durch» wandert, den bcdaucrnSwcrthen Kranken, deren sich zur Zeit über!."i0 in dem Heim befinden, trotz ihrer schweren Leiden das GlückSnud DankeSgefühl, das sie ob ihres EntrinnenauS grauenhaftem ilcitb in düsteren, ungesunden MiclhScasernen cmpsindcn, förmlich auS >:ii Augen lesen. TaS ,Mo n t e f i o r e - H e i >»' trägt durchaus .inen confeffioncllcn Charakter. Wenn ein unheilbarer >!ranker, fei cS nun ein Jude, Christ oder Heide, an die Auftakts r-fortc klopft, so wird ihm dieselbe, wenn cS nur einigermaßen möglich, geöffnet und. ihm für den Rest feines qualvollen TafcinS schützende Zuflucht gewährt. Die Frage der 'Rationalität spielt dabei gleichfalls nicht die gerin-gstc Rolle. Tie,jüdischen Bürger Rcw^^j'orkS stehen, waS Bcth'ätigung echter '?nmanität und opferfreudiger Rächsicnli ebc-a» betr ifft, -iuter keiner anderen GlaubenSgenoffenschaft zurück. On dem ,Montcsiore-Hcim', dieser prächtigen Mnstcranstalt, sind der llutcrnchmnngSgeist und der edle Sinn des Rew-Llorter IudcnthnUfS :.»>i schönsten Ausdruck gelangt." 2lus antisenntischen I?ereikien und Versammlungen. ,Bcii» „Fiilis!rc»;crtail;' und im Belte.) Rach der Austö>»ng des Ge iikiiiteralber crküirie Lueger, die bevorstehende Wahlagitation werde eine „Hev" 'ein, wie Wien keine größere noch gesehen. Tas glanblen wir dem Biirger- -neister von fünkzehn Minuten anfS Wort, und die nun folgenden Dhaten ent milchen nnS nicht im Geringsten. Lueger scheint sich zu denken: i’Iectert': si Acherontir (uovebo — wenn man mir im JvaUc einer Wiedcrwalu •ruii Bürgermeister die Simenon verweigern will, werde ich mir die goldene - eile vom lüsten Mob umhängen lasten. Deshalb schmeichelt er auch allen gemeinen Jnstinctc» deS PöbclS. Perflostcncn Mittwoch wohnte er einer „Wählcr- :er'ammlnng" deS Antisemiten Müller beim Swoboda im Prater bei, wo nst bei de» «längen deS „picksüstk» HölzelS", der „Ulampfen" zmd der Zieh- - annoiiika „Harde Fünfkrc»;erla»z" stallsinden. Tic beim Swoboda von den uiliscmitiichen «orhphäcn ä la S t c i n e r vom Stapel gelaffencn stieben därslen den Genius loci nicht verletzt haben. Die Palme gebührte aber dem Lueger, denn dieser haranguirtc die Anwesenden in Worten n»d Wendungen, die ganz dem Perständnistc von Besucherinnen der „Fiiiiskreuzertanz" angepastl waren. So forderte er die anwesenden „Damen" aus, für die Anliscmilen zu agi'.ireu „bei Tag und stiacht, aus der Straße und zu Hanse, in der Tramwan n n d im Bett e", und sie möchten mit ihren Männern nicht schmollen, wenn «eie spät RachtS. an« den Bcrsammlunge» heimkehrte». Es werde eine Zeit tominen, wo ihnen auch diese „A u s o p f e r u » g" vergolten würde. „Tusch" und Hochruf belohnte diese delicate Apostrophe an das zarte Geschlecht, und durch die Räume schallten die Ruse: „Lueger in u ß Bürgermeister von Wien werden." Ja, so eine „Hetz" kan» ein Freisinniger den geehrten Herren Wählern sanunr deren keuschen Gattinnen freilich nicht bieten. (Ltrlkitgllung der Ralcntheorit.) I» der Innere» Stadt wurde am '>. d. M. eine Anlisemilcnvcrsammlnng abgchalten, in welcher Lueger, Liechtenstein und der Commis Belohlavel die angebliche Rothwendigkeit betonten, de» dritten Wahlkörper des ersten Bezirkes für die Antisemiten zu gewinnen. In dieser Versammlnug wurde die antisemitische Racenlheorie verleugnet. De» Vorsitz führte — Tr. Porz er; zugleich aber fand eS Herr Lneger für gut, sich darüber anfzuhalte», daß der „Jude" E i ch i n g e r begnadigt wurde. Blatt. Seite 7 'Georg ohne Land.« Schönerer dcstilliii seinen Alibavg >o lange aii' dessen Teutschlhui», bis nichts mebr von cem-eiben in der Reione übrig bleiben wird. Zuerst kannte er nnr ^Deutsche". dann „llnverstilsttne Deutsche", noch spätes „Unbedingte", und >ei>t ist ihm aiich diest-c- Hän'ici» „och viel;n „gemischt", er will — besonders, seit L,reger sich nicht Schönerer zuliebe ivu Bergani und den Cleriealcn trennt — wie es scheint, von' den Männern über -«.» Jahre übelhaupt nichlS mehr wissen: hie und ca tonnte sich lunter dielen' doch einer finden, welcher nicht ganz und gar „nberiilgi ist, d. l>. einen Anflug von eigenem Denken hat, und da sei Gott vor. Lieber legte Schönerer seinen Feldhcrrnstab im „Deutschen BollSverei,,'' nieder und zog sich ganz ani die «nabe» zurück. Tie lauschen »och eisrig seinen abgeto.eiren Phrasen und ge schivoUenen Tiraden, znmal, wenn Schünerer'scheS Freibier Ar die Berdannng sorgt. Auch ein Trost. Bei einem jüngst in Waith ose» a. d. '!). staugehabten BerbandSlag der antisemitischen Bl>rscheu>'chasie» hielt dielex merkwürdige Herzog ohne Land an seine. versammelten Polter eine keiner großen Reden und kam hiebei auch aus die levtcn Ereignisse in Wien und die große Änsbreilnng der »außen Relke;>, sprechen, welche eine Trcibliansbliime >'ei, eine Modeblunie, die wieder vergehen »niste, während die-.'tornblnnie in allen deutschen Gauen auf Feld und Flur zu iiiiden sei. Er iagie „voll schmerpiche» Grolle»," daß das Häiislciu, welches sich einst um ihn ge'chaan, imincr mehr zusanimcnschmclze. Ein deutscher Mann aber dürfe nicht reäns. noch links und nicht rückwärts ichane», sondern müsse vorwärlS schreiten a»> dem einmal üir recht erkannte» Wege, ohne Zli fragen, wer ihm nachfolgb. Stürmischer Bei'all. und begeisterte Zurnse lolgien nach dem Berichte teptoni'cher Schinocke die'er Rede. stialürlich! 'Wenn der Herzog Georg ohne Land noch eine Weile 'on destilliren und eines Tages auch d<>> getchniegclten Coulenriräger» add „,cht ganz und absolut deiltich „voll schmerzlichen Grolles ' den Rilcken lebrrn tind dann vor Versanimlunge» von Säuglingen seine Märlein und Psanchen vre-, dncire» wird, da ivird der Glaube an dieselben ein noch zuversichtlicherer, der Beifall ein noch lärmenderer »ein. . l.Sonnwcndl'cikr.s lieber eine recht sinnige Art, wir die deutsch naitcnalen Autisemilcn stt c i ch c » b e r g S am Et. Juni die traditionelle Sonmvendseier begingen, wird nnS von-kort berichtet: Während, ichoit bei eineln vorhcrgcgangetten Meeting der Festredner paihklisch erklärt Hane, es müsse Aller in die Flammen geworfen weiden, waS.de» Deutsch Rationalen fremd >ei. ivinde ain Abend eine hölzerne Figur nkit einer mächtigen trninmen Rast i» dir lodernde Flamme gcworsen, natürlich unter dem -Frolikengejohle der Intelligenz von Reichcnberg. Die «ntilemilische „T e n t s ch e B o l k S; r i t n iz g" brachte! in der Rümmer, in welcher' sic über diese sinnige Beranstaliung Bericht er j statlele, einen Aniav, worin sie die an die Soinnvend'eier sich knüpsrndrn Bräuche dein modern-dcni'ch nalionalen Publionm förmlich zur Au'sri'chmig lind Wiederaufnahmc einpiahl.' Bielleichl wollte das Blau damit nur die Erneuerung der sogenannten. „Jndcubrcnnen" zart andemen, wogegen die mit den deutsch-nationale» Antisemiten verbündeten Elerieale» im Grunde nichts einzllwenden hätten; indessen würden sich diese «clir dagegen verwab-een. iwnn in Reichcnberg demnächst ein Wodantempel mit Herrn Präde als tentoni’Mii-iii Bberrabbiner errichtet werden.wülde. Der 'realistische „Freigeist" beme'rli;n dem -Arlitel der „Deniichen Pollszeilnng" bosl.zst: .s-W-ir n id der -,'lnstckn, daß die Herren Deutsche», die ii> gern ihre Altverderen nachalune», in ,-Pitnn'i nicht nur am EI Juni ein Feuer anznnden werden, ''ondern auch a:n leinen April, um i-ic Heren anSzntreibe»; den mit ihnen verbtindelen Elerie.net!' wäre daS ganz lirb. Die Polizei dürste deck, nichts dagegen einzuwenden baden. Wer einmal A gesagt hat, must auch l! sagen: waS für den Einen gän, .muß für den Andere» allch recht iein. DaS Pölker'chießen und Fenet.»,zünden ist wzkklich ei» Mittel, um die Masten;n>a».ime)lznbri»geii, daS icltcn mir em, wir fühlen auch jevl schon die Berinchnng, knnstigen ersten.Ma: eS auch einmal damit zu prodircn." - (Die Ginigleit der dcillschcn Al»isci»itcu.> Lange kennen >u1, zwei bicderc- Amisciinien »ickn miteinander pertragen: das innst ne' in ibren ' innere,-. rT.ualitäicn begründet sein. I» der Firma Böcke! Aktiva r tu. welche das „Bollsrecht" heranSgibl, soll cS nun .auch schon kriseln. Bei dein letzten B e rline r- Parteilä ge der „freiheitlich gerichi.elen A nli>'e mjlean de,» bekanntlich die herrlichste Siuiide Ablivardt'S geschlagen, Hai, soll Böcke sich vo» der Berathnng de» Parteiprogramms streng serngehalten haben. Ans dem Berichte de» „BolkSrechtes" kan» eine Beiheiligung Dr. Böckels an dieser wichtige» Berathnng allertiilgenicht sestgestellt. werden: die führende Rolle lag zweifellos in Ahiwardl'S Handelt. Was aber soll inan dazu sagen, dast der „Vorwärts" zu melde» weist, Herr Dr. Böcke! wolle sich nächstens von -seinen, Loein» Ablwardt toSsagcn und. ans eigene Faust eine neue Firma — eine noch nicht dageweiene, wirklich radicale Antisemiteilfirma — gründen V Soll wirtlich die bewährte Firma Ahlwar.dt und Bocket tignidirt werden? Run, viel Ge räliich würde da« wohl nicht mache», »nd die. Berlhcikung der Acliva wind» nicht viel Zeit erfordern. — Ein Bertrcler des ainilcmitischcn „Bundes der Landwirthe" iin «reise «olberg-StöSlin crklgrte, wie der „Bauernbund" meldet, wörtlich: „Sie solle» nur kommcil, die Amiiemiien lAblivardl'icher Rjchtung), mit den Hunden hetzen wir sie hinaus." ')>»». die Leute werden >a wistcn, welche Behandlung sie einander angedeihcn lasten miisten.