Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 170 (7.7.1895)
- Date
- 1895-07-07
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 .freies (Alls dem Abgrorüllttcnhallse.) Herr Steiner, der Abgeordnete von Lucger'St Gnaden, ergriff in der Generaldebatte über das Budget am 27 d. M. das Work und sprach in einer Tonart, als ob er sich in dem Hem igcnschank befände, dcsien „Leitung" ihm Dank seiner Schwiegermutter;i:fieL. Steiner wiederholte die Lüge, daß ein „jüdischer Journalist" in Gesellschaft NoSke'S am Tage der letzten Bürgermeisterwahl das christliche Publicum provocirt hätte, und fügte hinzu, wenn man ein solätz's Exterieur sehe, so werde man die Folgen einer Provocation begreiflich finden. Der Begleiter des Abgeordneten Noske zur Zeit, als nch die Erccsse vor dem Ralhhause ereigneten, war, wie auch die Antisemitenhäuptlinge wiffen dürften, nicht ein Jude, sondern ein arisch-christlicher Baron. TaS Exterieur eines Menschen, Herr Steiner, verleiht Anderen keinen Freibrief, auf Grund deffen sic Rohheiten begehen können/ ES gibt genug antisemitische Würdenträger, welche, um grinzingerisch zu sprechen, wahre „Warschengesichter" haben, der Vertreter der Landstraße würde eS jedoch kaum begreiflich finden, wenn man der Einladung, die deren Ertcrixur enthält, ohneweiters folgen würde. Handgreiflichkeiten, mit denen Herr Steiner drohte, werden aber nicht, immer bei Gericht als Acte der Nothwchr aüfgefaßt. Ein heiteres Moment während dieser sonderbaren ParlamentSrcde war es für die niit den Verbälniisicn näher Vertrauten, als Steiner im Jntcreffe „deutscher Moral" und „christlicher Sitte" für die confessionellc Schule eintrai und'der Geistliche Pastor, Mitglied des Polenclubs, ihm beifällig zunickte. Aber, chochwürdiger Herr, besorgen Sie denn auch, daß jüdische Schulkinder der „deutschen Moral" und „christlichen Sille" gefährlich werden könnten? Wie uns Leute auS Radymno er;ählen, bat Ihre Frau Mutter zwar häufig komische Effecte erzielt, da sic bei ihrem Radchrechen dcS Polnischen das Geschlecht verirechselre und namentlich die Zeitwörter so anwandle, als ob sie ein Mann gewesen wäre: unsere Gewährsmänner fügen aber hinzu, daß sie'sonn eine wackere, auch nach der Taufe ihren früheren jüdischen GlaubenSgcnoffcn sehr zugelhane Frau war. Ihre Mutter, Hochwürden, hätte in jüdischen Kindern niemals ein; Gefahr für die Moral erblickt, ebensowenig Ihr Herr Vater. Letzterer dürfte allerdings ein Anhänger der confeisionellen Schule gewesen sein, denn unseren Informationen zufolge war er in Iaroslau wohlbestallter Tirector eines „''Ehedcr". — In der Sitzung vom 2. d. M. sorgte für das obligate antisemitische Intermezzi-L u e g er, welcher, seit seine kurze Bürgermcisterwürde dahingcsunken, nur noch das clownhafie Genre zu cutriviren scheint. 'Nachdem Lueger in der bekannten Weise über den TnaliomuS gepoltert und die Manen Schmerling's und Prix' in echt christlicher. Weise in den Schmutz gezogen, hüllte er sich in das doppelte Gewand eines Apostels dcS TcurschthumS undder Liebe. „Wir Tenli che," sagte ein Lueger, „werden erst dann' einer Bcfferung ci'.kgegcngehcn, wenn wir die Iudenfurcht aufgebcn und wenn wir an die Stelle derselben setzen die Liebe zum Volke und wenn Gerechtigkeit und Wohlwollen an ^die Stelle der jetzigen Herrschsucht und des HancS tritt " Ist das nicht ergötzlich? Man sollte meinen, Lueger wolle als Licbcsapostcl seine dereinst erfolglos betriebenen Schritte, in eine bekannte Fretmaurerlogc ausgenommen zu werden, erneuern. Tder will er etwa als Prediger des Teukichthums die von Schönerer ruriickgelcgle Würde eines Obmannes des „Tcutschen VolkSvcreines" ansircbcn? Mein Gott, was thut nicht AllcS ein Mensch, dem eine in fünfzehn Jahren mit allen Mitteln angcstrebte Bürgcrmeisterschaft nach siinszchnminutenlangem Besitze wieder entschwindet. Brachte cs doch der fromme Lueger zusammen, vor dem hohen Hause mit dem L.'amen Gottes einen schlechten Witz zu machczi, indem er auf eine sckarse Zurechtweisung von liberaler Seite erklärte, er wolle mit dem. Worte „Iudenfurcht" nur seine große Hochachtung vor den Juden bekunden, , sowie man durch daS Wort „Gottesfurcht" seine Hingebung zu ^'ott bekundet. Wir sind überzeugt davon, daß die Gottesfurcht des frommen Lueger ganz auf derselben Stufe stehe wie die Iudenfurcht des Antisemiten Lueger. — Am Schluffe der betreffenden Sitzung machte der Präsident dem Hause die überraschende Miitheilung, daß Herr v- P len er sein Abgeordneten Mandat niedcrgilcgr habe. Herr v. Plcncr molivirt in einer Zuschrift an die Egerer Handels- und Gewerbckammer, von welcher er das Mandat .'.ballen halte, seinen Rücktritt aus dem politischen Leben mit dem geaenwärtigen Mißlingen des Versuches einer Coalition der gemäßigten 'bailcien,. eener. politischen Idee, für welche ■ tr im Laufe der letzten anderthalb Jahre mit allem Aachdruck eingetrcten sei. In allen politisch ernst zu nehmenden Kreisen — wozu die Antisemiten allerdings nicht zu rechnen sind — beurlheilr man diesen Schritt als ein politisches Ereigniß von großer Tragweite. — Am 3. d. M machte Herr Lueger wieder von sich reden, indem er ein wüstes Geschimpfe gegen das liberale Ungarn losließ, zu welchem ihn vielleicht sein „erblicher Führer", der ungarische Magnat Prinz Alois Liechtenstein, anstatt. Nr. 170 gespornt hatte. Daraufhin ward Herrn Lueger eine ernste Zurechtweisung des Ministers Grafen Kielmansegg zutheil, während der Abgeordnete Szczepanowski ihn mit köstlicher Ironie abfertigte. Die antisemitischen Expectorationen Lueger's während der Budget! debatte hatten es schon vorher bewirkt, daß der Abgeordnete Doctor Meng er ihm gehörig auf die Finger klopfte. Dem so kriegerischen Pattai mag dieses parlamentarische Scharmützel nur ein Lächeln des Mitleids abgewonnen haben; eS . stoß ja kein Blut. — Herr G c ß. mann producirte sich am 4. d. M. und griff heftig den Baron Czcdik, Dreher und die Polizeibeamten jüdischer Confession an. Gras Kielmansegg betonte hieraus in einer trefflichen Rede die Gleichberechtigung der Confessionen nach den Staatsgrundgesetzen. Der Minister erklärte es ferner für gefährlich, wenn die Gehaltsfrage der Beamten so licilando behandelt werde, wie dies geschieht; die Beamten, führte er aus, sollen möglichst wenig in den Parieikampf hineingczogen werden, denn die Regierung müsse von ihnen die strengste Unparteilichkeit gegenüber den einzelnen Staatsbürgern und Parteien verlangen. (Bom „Deutschen Schulvcrcine".) Wir erhalten vom Obmanne des „Deutschen Schulvereines" folgende Zuschrift: „Wir berichtigen die in Nummer 168 vom 23. Juni 1895 Ihres Blattes unter dem 'Schlagworte ,Vom Deutschen Schulvereinc' enthaltene Notiz, daß derselbe das Gesuch des deutschen Kindergartens in, Gaya mit der Moti virung abgewiesen habe, daß in demselben Zu wenig Kinder und zumeist jüdische wären, unter Berufung auf unsere an den genannten Verein gerichteten Zuschriften vom 29. Octobcr 1892, Z. 7205, und 10. Dccember 1894, Z. 9025, dahin, daß die durch einige Jahre dem Kindergartcnvereine in Gaya gewährte Subvention ausschließlich wegen der verhältnißmäßig geringen Kinderzahl dieses Kindergartens bei unseren beschränkten Einnahmen nicht weiter gewährt werden konnte, daß es aber vollständig unrichtig ist, daß diese Ablehnung aus dem uns unterschobenen Grunde erfolgte, daß die Kinder dieses Kindergartens zumeist jüdische wären. Durch diese Berichtigung der ebenerwähnten tatsächlichen Angabe entfällt auch die Nothwcndigkeit, ans die weiteren Bemerkungen der betreffenden Notiz einzugehen." (Eine Straßensccne.s Dieser Tage spielte sich im III. Bezirke eine jener Straßcnscenen ab, welche in dem „gcmüthlichen" Wien nicht mehr zu den Seltenheiten gehören. Als die Schulkinder Voritiittags die auf dem Kolonitzplatze befindliche Schule verließen, passirten zwei galizische Juden im Kaftan 'die Löwengaffe. Sie führten ihre eigenen Kinder an der Hand. Da trat ein vorübergehender Mann auf die - Schuljugend zu und sagte: „Seht ihr, diese beiden Juden haben die Kinder gestohlen!" DaS war ein Signal für die Schuljugend, die beiden Juden und deren Kinder zu umringen, zu verhöhnen und zu oeschimpfe». Tie beiden Männer bogen in die Hetzgaffe ein, die lärmende Kinderschaar rannte ihnen nach. In der Hctzgaffe war die Scene so weit gediehen, daß es die Verfolgten für räthlich fanden, in daS Asyl für Obdachlose zu flüchten, deffen Thür hinter ihnen geschloffen wurde. Der antisemitische Lump, welcher den ganzen Rummel - angcstiftet hatte, entkam. (Der Behörde zur Tarnachachtung.) Am 3. Juli fand vor dem Strafgerichte Körnen bürg eine Verhandlung gegen den bekannten christlich-socialen Agitator Johann König wegen verleumderischer Ehrabschneidung statt, welche weniger wegen des KlagesubstratcS als wegen der bei der Verhandlung zu Tage getretenen Thatsache interessirt, daß sich der genannte Agitator Einsicht in interne Acten der politischen und der Polizeibehörde zu verschaffen weiß. Gelegentlich einer vor Wochen in Floridsdorf abgehaltenen Versammlung, bei welcher König zugegen war, wurde gegen die liberalen Gcmeindcräthc von Floridsdorf losgezogen, und König thcilte einem Herrn A l l r a m aus Jedlcscc mit, daß ihm ein großartiges Wahlagitationsmittel zur Verfügung siche: der liberale Gemcinderath von Floridsdorf Herr; Johann Stefan Licbsch sei in Sachsen wiederholt, darunter auch wegen Diebstahls, abgestraft und aus Chemnitz auSgewiesen nxordcn. Deshalb erhob Herr Liebsch gegen König die Anklage wegen Ehrenbeleidigung, und am 3. d. M. fand darüber die Verhandlung statt. Ter Angeklagte leugnete die incriminirte Verdächtigung nicht, machte - jedoch geltend, daß es ihm gelungen sei, die amtliche Note der Bezirkshaupt Mannschaft Brüx zu lesen, in welcher cs heißt, daß Johann Liebsch /wegen Diebstahls und anarchistischer Umtriebe in Sachsen verurtheilt und ausgewiesen wurde. König las sogar dem Richter den Wortlaut dieser für die Gewcrbebchö rde bestimmt gewesenen Note vor und fügte bei, der Dctective Bruckner habe ihm mitgethei lt, daß Herr Liebsch in Folge dieser Mote mit seinem Gesuche um Verleihung eines concessionirten Gewerbes abgcwiesen wurde. Erst vor zehn Tagen habe An-