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Freies Blatt · 1895-06-30 · 169 (30.6.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
169 (30.6.1895)
Date
1895-06-30
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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reite 6. Freie» Blatt. Nr. 160. Wiener Antisemitismus und desien Verkünder genau studirt zu haben, denn er bekundet in seinem Briefe eine außerordentliche Sach- und Pcrsonalkenntniß. Der ganze Antisemitismus in Wien erscheint in den Auge» deS russischen Publicistcn als eine wilde Hetze, die durch nichts gerechtfertigt werden könne. Ueber Lueger schreibt er, dieser Mann >ei nur ein Streber und Phrasendrescher, und seine politische Moral sei >'ebr bedenklich. Auch Schönerer wird in dem Briefe arg mitgenomuien. Dieser ehemalige Ritter, heißt es bei WassilewSkij, sei gar nicht ernst zu nehmen; er gravitire nur nach Preußen und wolle dies durch seine Iudcnhetze bemänteln. Ter humoristische Fcuilletonist des „Sdesskij Listok", Herr Doroschew itsch, welcher zur Zeit vor der Auflösung des Wiener Gemeinderalhes in der Kaiserstadt an der Donau weilte, schreibt über die Antiscmiten-Bewegung Folgendes: „Wien ist gegenwärtig .kopflos', denn cS hat keinen Bürgermeister, der als Haupp der Bevölkerung gilt. Die Kopflosigkeit mag auch der "'rund lein, warum Wien sich vom Antisemitismus hinreißen ließ. Denn ron allen Verirrungen, von welchen das lustige Wien hcimgesucht werden konnte, ist der Antisemitismus zweifellos die allerdümmste. Sr kommt einem Selbstmordversuche gleich . . . Was würde aus dem schönen Wien werden, wenn die Antisemiten die Herren der Stadl werden sollten? Alle anständigen Menschen würden sie meiden, denn es m höchst unangenehm, in menschenleeren Straßen zu lustwandeln und närrischen Gesichtern zu begegnen, die die Stadt zum Selbstmorde trieben . . .“ Sogar der überaus judcnfcindliche „Graschdanin" sagt, die Wiener Bevölkerung müffe die schädlichen >md unruhigen Antisemiten zurückweisen, um eine ddr Stadt drohende Gefahr abzuwebren. Der Aufcniliall Der oiiDcn kt den russischen Cnrortcn.)'Aus Ver-erSbnrg wird uns geschrieben: Die bekannte Lerfügung deS Kriegsmiuisicrs Generals WannowSkij, wonach "beit Juden 0er Aufenthalt in den Curorten untersagt wurde, dürste bald rückgängig gemacht werde». Die Leiter sämmtlicher Kuranstalten im Inneren des ''reiches sowie die Petersburger Medicinische Gesellschaft haben on das Ministercomit'l Petitionen um Aufhebung dieser Verfügung gerichtet. £i.°- Petenten wiesen auf den großen materiellen Schaden hin, welchen die Snranstalten durch den Eingang der jüdischen Curgäsie davon- 'raaen müßten, und hoben gleichzeitig das Inhumane einer Verfügung i-.^'or, welche kranken Menschen die Mittel zur Heilung entzieht. Die Petition hat schon einen Erfolg aufzuweiscn, denn durch eine Verordnung deS MinislcreomitrS sind den Juden bereits mehrere Curorte erschlossen worden. Die gänzliche Aufhebung der Verfügung deS Generals Wannowskij soll im Laufe der nächsten Tage erfolgen. t (rin bckclmcs Aiitisciilitcilorstan.i Man schreibt uns aus Warschau: Wir haben schon einmal darauf hiugcwiesen, daß daS biesigx ofsiciöse Drgan „Warschawskij Tncwnik" seit dem Tode seines Herausgebers-W. Krcstowskij, aufgehört hat, die Inden im Weichselgcbicre um jeden Preis zu verleumden, Run finden sich. in demselben sogar Artikel zur Abwehr antisemitischer Angriffe. In einer der letzten 'Nummern trat dieses halbamtliche Blatt sehr entschieden der Behauptung der hiesigen Iudenseinde entgegen, als obdie Iidiichen Kautleure nicht gewissenhaft wären. Es schrieb: „Tie Juden hauen den ganzen Handel im (gebiete an sich gerissen, man müsse also die christlichen KaUtleute nnkerstützcn, denn die Christen wären gewisseubasrer als die Juden — dieses Liedchen stimmen die hiesigen Äntisemitenblätter und Judenfeinde seit Jahren an. Aber leider wäre es, wenn der Handel in den Händen der hiesigen Ehristen läge, für den .Käufer unmöglich, zu eristircn. /Tic Dhatsachen liegen auf der Hand. An jedem Samstag, an jedem jüdischen Feiertage steigen die Preise aut alle Prodncte in sehr fühlbarer Weile. Sogar der Brolpreis erfährt eine Erhöhung'um eine Kopeke per Pfund . . . lind je länger die jüdischen Feiertage währen, desto lhcucrer werden alle Lebensmirtel. Was würde also geschehen', wenn die Christen ohne jatische Concurrenz dasiündru.'? Tann-. . . dann würden Christen den Käufern die Haut abschindcn. 'Nein, die Juden sind im Handel viel gewissenhafter." Wird irgend ein Antisemitenblatt so ehrlich sein, diese Acußerungen des „Warschawskij Dnewnik" zur Kenntniß seiner Leser zu bringen ’i Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. Lutger Mid Schönerer.»- In einer Sechshauser Anti-emilenver- -.ach Tr. vueger über Schönerer'- angebliche Absicht, ron der i,iC.-t.rt -einer Gruppe znrückzutreten: er ibar >'o, als ob er die Rücktrittsin den „ll> rer-äl-äuen Tenl-'chcn Worten" ernst nehmen würde, und 't-ne: „li lut Herr Georg Schönerer,' wie ans einer Zuichri't zu er-eben ist, die Führecschast seiner Partei zurückgelegt." Als Bravo-Ruse erschollen, meinte Lueger: „Wir wollen danicht mit einem Bravo begrüße», »och mit irgend einem anderen Zeichen." Hierauf fuhr er fort: „Ich habe mich für meine Person nie in die Leitung einer anderen Partei eingemischt, ich habe immer die Autonomie jeder Partei hochgeachtet. Ich 'habe auch iimncr eine Kritik über die eine oder andere Partei vermiede», ich unterlasse es daher, irgend ein Wert zu -äußern, ob es nothwendig war, daß Herr Schönerer die Führerschaft zurück gelegt hat. Nur Eines kann ich nicht unbesprochen hingehen lassen, das ist dje Begründung, mit welcher Heer Schönerer die Führerschaft zurückgelegt hat. Er erklärte in seiner Zuschrift Folgendes: ,AlS deutsch-nationaler Mann und -oini, als Gegner von Allem, was jüdisch ist, muß ich »ach wie vor überhaupt stets Alles bekämpfen, was undentich und verderbt ist. Ich kann mich also auch nicht freundlich zu jenen Parteigruppen stelle», die derzeit unter der Leitung Dr. Lueger'S stehen, da diese Antiliberalen im Bolksblatt-Bergani eine Ver körpernng moderner Korruption als ihre journalistische Bertretung besitzen.- - Wenn Jemand gnt deutsch kan», muß er den Zusammenhang leicht begrei',-» Herr Schönerer sagte: Als deutsch-nationaler Mann'muß ich bekämpfe», was undenlsch und verderbt ist, und zwar deshalb, weil ich ein Gegner von alle dem bi», was jüdisch ist — darum kann ich mich auch denen gegenüber »ick'i frenndlich stellen, welche unter.Lueger stehen. Dadurch ist der Borwurs er hoben, daß wir corrupt sind, zweitens, daß wir undeutich sind, und drittens, daß wir jüdisch sind. Ich bedauere außerordentlich, daß Herr- Schönerer dien-,, Angriff gegen mich und meine Partei gemacht hat. Dieser Angriff iss voll ständig unbegründet. Man kann gewiß weder mich, »och meine Partei be »chuidigen, der Lorruptio» zu huldigen. Ich habe wiederholt bewiesen, daß ich der Corruplion, sei es im jüdischen oder christlichen Lager, mit aller Ent -fchiedenheit entgegengetreten bin und daß ich aus diesem Gebiete hervorragend- Leistungen aufzniveisen habe. Ich glaube wohl, auch nicht nothwendig zu haben, mich dagegen zu verwahren, daß wir jüdisch sind. Wir sind gute Tenliche. Ich erklärte z» wiederholteninalen, daß ich als deutscher Man» daran sesthalte, danieder Men'ch die Ration, welcher ec angehört, über Alles zu liebe» bat; ickbin daher auch nicht bloß ein Deutscher dem Namen nach, sondern dem We-'e„ nach Ich werde jederzeit gegen Alles, auftrelen, was den Deutschen Schaden bringen kann, und ich werde für die Reinheit der deutsche» Ration Sorge zu tragen ivissen, daß keinem Deutschen, wo immer er auch in Oesterreich ivohnt, ein Haar gckrüinmt werde. Ebenso erlläre ich Ihnen offen, daß ich das Recht, welches ich mir vindicire als deutscher Man», auch einem-Anderen nicht ab sprechen werde, der einer andereli 'Nation angebört. TaS scheint mir das richtige 'Nationalgesühl zu sein, daß man käs eigene Volk über Alles liebt, es aber Anderen auch nicht verargt, wenn sie ihre Mutter gleichfalls lieben und ihr Berehrung entgegenbringen. Ich will nicht in scharfen Worten gegen die Aeußerung deS Heirn Schönerer spreche», und zwar deswegen nicht, weil ich anerkenne, daß sich der Mann auf dem Gebiete der Bekämpfung des Iudenthums große Perbienste um da« Volk erworben hat, und weil ich^nie die Per dieuste eines Mannes vergesse, sondern im Gcgentheile der Meinung bin, daß wlr nicht allzuviel Männer haben, welche 'sich Perdienste erwerben, und es daher die Pflicht des Polkes ist, dankend jener Männer zu gedenke», welche in schmierigen Lagen für dasselbe eingetreieu sind." Au dieser Erklärung ist die Ruhmredigkeit Luegers, der von ieinen „hcrvorrageitden" Lristnngen als Anti Eorrnptionist spricht, keineswegs auffällig, den» Eigenlob ist bei ihm nichts Seltener. Auch kann es nicht befremden, daß der Helfershelfer der Paöath und Bi-eziiovsky, der Bianchini und Lncacin sich auf den „deutschen Manu" hinansspiell; für die nächsten Gemeindewahlen braucht man ja auch dje in „deutschnationaler" Livree einheistolzirende» Aiilisemileu. Für die Beschwichtigung ilavischer Brüder im Antisemitismus weiden schon Schneider und Jedliska sorgen, denen Lueger mit dem Save vorarbeiiete, daß er das Recht, welches er sich als deutscher Mann vindicirt, auch einem Anderen nicht abspreche» werde, der einer anderen Ration angehört. An den Anssührungen Lueger's bemerkeuSiverlh sind die Rücksichtslosigkeit gegen Bergani und die zarte Milde für Schönerer. Lueger verliert.auch nicht ein Wort zu Gunste» des Polksblatt- Pergani, während er der Abwehr der Angriffe Schönerer'« durch zuckersüße Schmeicheleien alle Schärfe benimiiit. Allein auch dieser Uinstand ist Ein geweihten leicht verständlich. Ter Besitzer des Preßgeschäfles in der Linken Bahngasse ist von dem Wohlwollen der christlich-focialen Parteileitung abhängig, wogegen die von Schönerer besoldete» „Schriftleiter" sehr unangenehm werden könnte». — Wie in ScchshauS, sprach Lueger auch bei den „Katbolifch-Con stilulionellen" ans der W jeden über die RücktrittserklärUng Schönerer'-. In diesem Kreise erleuchteter Geister, der einst unter der. Führung deS „lustigen Poldl" stand, suchte der grimme EapitalShaffer Paul v. P a ch e r, mehrfacher Gründer, PerwaltungSrath und Liquidator a. D., ,als treuer Anhänger Schönerer's, nicht als blinder Anhänger", die Gegrnfätze zu glätten. Bei der Stimmung der „Katbolifch-Lonstilutiouellen" gegen Schönerer war dies ein undankbare- Geschäft. (lulo cutliollen.) Einen Hauptartikel für die antisemitische» Anticorrup lionistcn bildet die Entdeckung, im Bedarfsfälle auch die Erfindung von Mißständen bei den sogenauiitcn jüdischen Ptrsicherungsgesell-chaften. Wo irgend nur eine bewegte Generalversammlung stallsivdet, in welcher einige mißvergnügte Per

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