Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 169 (30.6.1895)
- Date
- 1895-06-30
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 160- Freie» Blatt. formell vollkommener Ausdruck für daS liberale Programm, und wenn wir etwas an demselben auszusetzen hätten, so wäre es, daß der Wahlaufruf ängstlich, fast geflissentlich dem Worte Antisemitismus auSweicht. Den Antisemitismus sieht und hört man heutzutage, auch wenn die liberale Partei ihn nicht sehen und hören sollte oder wollte. Hoffentlich ist daS nicht auch ein Programmpunkt für. die Wahlcampagne. („Wiener Armen-Beklcidungsverein.") Dieser im Hinblicke auf die bevorstehende Feier deS fünfzigjährigen Regierungsjubiläums des .staiserS am 25. April l. I. gegründete Verein, dem der „Philanthropische Verein" und der «Verein gegen Verarmung und Bettelei" mit ihren bewährten Recherchen und langjährigen Erfahrungen zur Leite stehen, befindet sich in voller Thätigkeit und hat bis jetzt eine größere Anzahl Armer, darunter mehrere Privatbeamte, Privatlehrer, .Handelspraktikanten und Schüler, durch Zuweisung ent'prechender Bekleidung erwerbsfähiger gemacht. In Würdigung der ersprießlichen Thätigkeit und der humanen Ziele des Vereines ist demselben von Freiherrn v. Rothschild eine Beitrittserklärung mit einem Gründerbeitrage von fl. 500 zugekommen. Dem Vereine sind ferner sieben Gründer mit je fl. 100 sowie 85 Mitglieder mit fl. 400 Jahresbeiträgen und fl. 147 25 Baarspenden beigetreten. Außerdem erfreut sich der Verein kräftiger Förderung von den Firmen: Jacob Rothderger, M. & I. Mandl, M. Reumann und Goldmann. Sc 2 alatsch durch Gewährung von Kleidungsstücken, und er darf sonach hoffen, einst als Centralverein für Armenbekleidung als Vorraihskammer für alle Humanitären Vereine Wiens zu fungiren. Die Gesuche von Armen mehren sich von Tag zu Tag. Um diesen Anforderungen gerecht werden zu können, insbesondere um für den Herbst und Winter gerüstet zu sein, appellirt der Verein an die Wohlthätigkeit der beffersituirten Bevölkerung, diese bittend, sich mit Jahresbeiträgen und Kleiderspenden zu den Zwecken des Vereines zu betheiligen. Beitrittserklärungen übernehmen ,die Vorstandsmitglieder: Dr. Adolf Daum, I., Plankengaffe 5, Moriz Alter, I., Kohlmarkt 8, S. Königstein, XV., Schönbrunnerstraße 44, sowie die Administration dieses Blattes. (Henriette Nilius.) Am 24. d. M. wurde eine ob ihrer Humanität und Wohlthätigkeit bekannte und ausgezeichnete Frau zur ewigen Ruhe bestattet. Frau Henriette Nilius, Mitbesitzerin des Hauses, in welchem sich unser Bureau befindet, war Präsident-Stellvertreterin des Centralvereines für Krippe» in Wien, Comitümitglied und Oekonomieleiterin deS Ersten St. Annen-KinderspitaleS, Ehrenmitglied des KrippenvereineS zu Hainburg - und überhaupt an zahlreichen wohlthätigen Veranstaltungen jederzeit beiheiligt. Ihre Verdienste auf humanitärem Gebiete wurden vom Kaiser durch Verleihung deS goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone und von der Stadt Wien durch die der großen goldenen Salvator-Medaille anläßlich ihres 80. Geburtstages, der vor etwas mehr als zwei Jahren stattfand, gewürdigt. Die Nachricht von ihrem Ableben erweckte in den weitesten Kreisen Wiens rege Theilnahme, und bei ihrem Leichenbegängnisse waren fast alle Claffen der Bevölkerung zahlreich vertreten. Ehre ihrem Angedenken! (Zur NeichSrathswahl im Ltädlebezirke Llmiitz - Proßniy- Trutsch-Brodek. » Am 23. d. M. hielt der Bürgermeister von lOlmüp, Herr Josef v. Engel, vor einer zahlreichen Wählerversainmlung in Proßnitz eine mit lebhaftem Beifalle ausgenommene Candidatenrede. In derselben betonte er die Nothmendigkeit, am Deutschthum festziihalte», und sagte u. A.: Das BolkSthum ist ein unschätzbares Gemeingut, es ist die Grundlage unseres geistige» und sittlichen Wesens, und es ist unsere lhenre Gemeinschasl mit dem ganzen deutsch-österreichischen Botte und in letzter Linie mit dem deutschen Geiste selbst, lind war wisien wir denn von diesem deutschen Geiste? Ich meine denjenigen, welcher' durch die Blätter der Weltgeschichte ransäit, nicht einzelne von seinen neuersundenen Abarten. Wir wisien von ihm, daß er überall die Freih'eit deS Denkens, deS ForschenS und des Glaubens vertritt, daß er die engen Schranke» der Race und der Tonsession nicht kennt, und daß er »sie» und unverhohlen ei» Reich der Gerechtigkeit und Humaniläl verlangt. Wir wisien ferner von ibm, daß er die schmählichen Angriffe aus eine ganze Clasie von Staatsbürgern verdamint, welche mit der höchste» Achtung vor dem Mensche», wenhe die tiesste Anhänglichkeit an die ererbten Sitten ü»d Satzungen verbinden, und wir wisien von ihm, daß er sich durch keine Rücksichten der Welt davon zurückhalten lasien wird, die Abstellung dieser gesetzwidrigen Feindseligkeiten nachdrücklich zu begehre». Mil der Zeit der Rücksichten scheint es jetzt überhaupt vorüber zu sei». Die Coalition ist zerfallen, und die Bereinigte deutsche Linke wird fortan, sich selbst zurückgegeben, nur ihre» eigene» Ueberzeiigungeu solge» und zu de» große» Fragen der Gesetzgebung Stellung nehmen könne», welche jetzt mit gebieterischer Macht an die Pforte» de« Parlaments pochen. 'Diese Frage», sie heißen bekanntlich Sleuerresorm und Wahlresorm. Seite tz Dnrch eine gerechtere Bertheilung der Steuerlast, n muß die wirthsstallliäte Lage der untere» Steuerträger wesentlich erleichtert, durch die Ausdehnung des Wahlrechte« aus diejenigen, welche eS noch nicht besitzen, müssen die breite» Manen der Bevölkerung, jedoch abgesondert von den bisherigen Wählern und in I, iner sw engherzigen Weise ivie e« der vorgelegle Entwurf will, ihre politische Eaistenz, ihren unmitlelbaren Antheil am Siaaie erhalten. 'Jiorti mehr! Immer größere Streife der Staatsbürger müssen zu den Ausgaben der BölkSvertretiing herangezogen werden. Die bestehenden Gegensätze von A-.beit und Capital, von Pro ducenlen und Cousumenten, von Christen und Richlchristen, von Deutsche» und Richldeutschen müssen durch eine weise Gesetzgebung allmälig immer mehr ausgeglichen werden, damit dereinst unser ReichSrath zum -wahre» «üeiammlbilde . Oesterreich«, zum österreichische» Friedensbunde aller Böller und aller BolkS clasien zu werden vermag. Und wenn Sie mich fragen, wann diele Zeit des Heils anbrechen wird, so antworte ich darauf: an jenem Lage, an welchem der RechtSboden miierer Verfassung, unserer ausbaufähigen Beifasinng von allen Böller» »»bedingt anerlannt werde» wird, und an welche,» alle noch <o thenren Erinnerungen einzelner Böller eben nur noch geschichtliche Erinnerungen sein werde». Dan» wird e« leinen Bruderzwist in, Hause Habsburg ineht geben, dann wird das Recht der Lebende» über daS Recht der Dodlen gesiegt haben, und dann wird in denD'änder» mit geinischter Bevölkerung von' keiner Erstgeburt unter de» Stämmen mehr die Rede sein, sondern ffl Friede und Ei» tracht werden die verschiedenen Stämme brüderlich zn'ammenlebe» und zu'anwie» wirken. Zu diese», letzte» Ziele aller Anstrengnnge» mit »och so belcheidenen Artisten beizntragen, halte ich für die erste und oberste Pslichi jedes öüeireictn-che» Patrioten. Ob wir die Erreichung desselben noch erlebe» werde», darüber wage ich Ihne» freilich nichts zu versprechen, ich verspreche Ihne» überhanv, nur äußerst wenig, ich verspreche Ihnen eigentlich nicht«, al« meiiien reinen Willen und meine treue Ergebenheit für unsere gemeinsame Sache. Hierauf gab Herr Josef Singer folgende Erklärung ab: Die israelitische» Wähler von Proßnitz geben' bieinit der tieien Besorg»,si. Ausdruck, daß die Bereinigte Linke, welcher Partei ihr Eandidai „n Abgeordneten hause, wie sie erwarten, sich anlchließe» wird, nicht Mehr in jeder Beziehung ans der .höhe ihrer Ausgabe zu stehe» scheint. Al« Aickgabe dieier Partei, be trachte» eS dje israelitischen Wähler von Proßnitz, bei Wahrung der nationalen Stellung deS Deutschthum« im Koiterjtaal die freiheitlichen Errnngem'cha'le» der Sechzigeruud Siebzigerjahre nicht verkümmern zu lassen und insbesondere dein ersten Grundsätze jedes liberale» ProgramineS uneingeschränkte Geltung zu perschafien, dem Grundsätze »ämlich: ,„Bor dem Gesetze ist.jeder Siaaisbülger gleich!" In der Bersechlung diese« Grundsatzes hat aber die Berdinigle Linke i» den letzte» Jahre» eine ausfallende Lauheit bewiesen. Denn obgleich die Fälle i» denen dieser Grundsatz z» Ungnnsten der Staatsbürger moiailche» Bekenntnisses seiten« der letzte» beiden Regierungen durchbrochen wurde, sich häuften obwohl die Grundrechte der jüdische» Staatsbürger verletzt und diebrutalsten Jnstinele der Masien gegen sie ausgestachelt tvurden, haben diese soritauernde» «tränkuiige» seiten» de« Regierung keine Abhilfe, habe» diest perfiden Angriffejeiten« der liberalen Partei nicht die entsprechende Zurückweiffing gesnnden. Die Bereinigte Linke halle diesem schreiende» Rothstande gegenüber in der Aera 'Daaffe nur die Polttik deS verdrossene» Gewährenlasse,iS, und sie begnügte sich in der CoalitionS-Aera, in der sie doch einen Dheil der Regierungspartei bildete, mit der nicht minder verdrossene» Stellung von Interpellationen an die Regierung. Obgleich nun auch die von der Rkgierung, insbesondere.bei Beamtenerneniiungen, beobachtete Uebnng al« verschämte Begünstigung des A»l'iie»ii tiSnniS aus die Entwicklung dieser sreiheitSfeindlichen Bewegung ansinnntetiid tviiken mußte, hat die Bereinigte Linke nicht- »»ternoinnieii, um die Regierung zu einer entschiedene» Slellungnahme i» dieser Frage zu nölhigen. Rn» zälne» aber die jüdischen Wähler, ztzinal in Mähre», zu de» treuesten Bei'echter» der deutsch-liberalen Partei, ätiid insbesondere die jüdischen Wähler in Proßnitz haben ihre GesinnungStreue und Parleidiseipliii feit Teeennieii in rükinlichst bekanntgewordenen Wahlkämpfeu, unter Einsetzung ihrer inateriellen JnterGen, mit unter selbst ihrer Epistenze» bekundet und bewährt. Diele jüdslche» Wähler der niährischen Städte fiuden eS mit dem Programm der liberalen Partei, der sie angehöre», unvereinbar, daß diese Partei eS 'ängstlich vermeidet, sich für die verletzte» Rechte ihrer jüdischen Geiwssen ernstlich zu erponiren. Die Verstimmung hierüber ist eine tiefgehende, und schon mehrfach wurde in dieien «reifen die Frage aufgeworfen, ob' eS nicht nölhig iei» werde, daS Parteiprogramm, a» dem die Juden Mähren« Ire» festhalten, vor der Berdnnklnng durch die Partei selbst zu schütze». Die Wahl eines Abgeordneten für uiu'ere» Bezirk bietet zum erstenmale, seit diese Strömung nach AnSdrnck ringt, Gelegenheit, einem Candidaten, der daS Berlrauei, auch der jüdische» Wähler für sich i» Anspruch »imliil, diese Beschwerden an« Herz zu legen. Die jüdische» Wähler von Proßnitz erwarten, daß ihr Abgeordneter int Club der Bereinigten Linke» dahin wirten werde, daß die deutsch-liberale Partei die verfassn »gSmäßig gewährleistete Gleichberechtigung der Juden energischer wahre und die Verletzung ihrer Grundrechte kräftiger verhindere, al« dies biSnun geschehen ist. In Beantwortung dieser Erklärung berief sich Herr Bürgermeister v. Engel auf sein bereitentwickeltes Programi», weiches keinen