Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 169 (30.6.1895)
- Date
- 1895-06-30
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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freies Blatt. Nr- 160 Seite 2. gewissenloser Agitatoren zum furchtbarsten Werkzeug der Volksverderbniß werden. Daher sollte die Regierung im Interesse der allgemeine» Ordnung die Schritte dieser Ahlwardt-Jünger streng überwachen. Fabius. Die 3u£en in Sibirien. lOrigiual-Mittheilung der .Freien Blatter") Petersburg, 24. Juni. Eine alte Methode der russischen Legierung ist es, die Juden als Material zur Hebung deS Handels und der Industrie in den wenig bevölkerten Gebieten zu-verwenden, um sie nach vollbrachter harter Arbeit der -Ausweisung oder sonstigen Verfolgungen preiszugeben. Schon Katharina II. verwendete die Juden auS Westrußland und Litthauen zur Kolonisation des unter ihrer Regierung eroberten NoworossijskgebictcS, und als sie ihre Mission erfüllt und die ökonomische Lage in den eroberten Ländereien gehoben hatten, wurden sie einer Reibe von Ausnahmsgesetzcn unterworfen, welche ihnen die Möglichkeit bcnalimcn, die Früchte jahrelanger harter Arbeit zu genießen. Ein ebensolches Schicksal ereilte jene jüdischen Handwerker, welche unter Alexander 11. in daS Innere des Reiches berufen wurden, um dort den Mangel an Handwerkern zu ersetzen. Was aber nunmehr über die Lage der Juden in Sibirien verlautet, ist in noch höherem Grade geeignet, diese Methode der russischen Regierung in einem schrecklichen Vid)ic erscheinen zu lasten. Denn die Leiden der Juden in Sibirien iibcrlrcsten wahrlich Alles, was ihre Glaubensgenosten im „europäischen" Rußland bis jetzt erdulden mußten. Ihre Lage gleicht jener der russischen Leibeigenen vor 18(31, denn "gleich diesen sind sie an ihre Erdscholle gefesselt und haben nicht einmal das Recht, sich von ihrem Wohnorte auch nur einen halben Kilometer weit entfernen zu dürfen. Und in an merke wohl, alle diese Juden sind durchwegs freie Männer, die freiwillig nach Sibirien zögen, um dem Rufe der Regierung zu folgen, die in ihnen das beste Mittel zur Einbürgerung von Handel und Gewerbefleiß erblickte. Tie Lage der Juden in Sibirien ist viel schlechter als jene der dorthin verbannten Verbrecher, denen daS Gesetz daS Recht cinräuml, einen Passirschein von der Behörde zu verlangen, um sich in ganz Sibirien nach einem Erwerbe umschaucn zu können. Bereits im Anfänge dieses Jahrhunderts wurde Sibirien den Inden geöffnet. Man wies ihnen die sogenannte sibirische Linie als Ansiedlungsorte zu. Unter Rikolai I. wurden chnen. auch die Städte Sibiriens geöffnet. Sie ließen sich in der Stadt Kainsk nieder, von ivo aus sic Handelsbeziehungen mit den Kolywano-Wostkrestenski- Fabrikcn am Altai und mit der Stadt Tara anknüpften. Tie ökonomi'chen Erfolge, welche die Anwesenheit der Juden in Kainsk erzielte, veranlaßtcn die Regierung, die Ausicdlung derselben in ganz Sibirien zu fördern. Juden ließen sich nun in Tomsk, Tobolsk und Irkutsk nieder, riefen neue Erwerbsquellen ins Leben und hoben den allgemeinen Wohlstand beträchtlich. 1840 verfügte sogar die Regierung, für die Juden Städte und Colonien in Transbaikalicn zu gründen. Taß die Inden in Sibirien auf dem Gebiete deS Handwerkes stark vertreten waren, erhellt aus der Thatsache, daß in TomSk im Jahre I'mO mehr als 400 jüdische Handwerker lebten; während die Gesammtrabl der Handwerker im ganzen Gouvernement 916 betrug. Mit der Tlironbeüeigung Alexanders II. wurden den Juden in Sibirien in Würdigung ihrer ersprießlichen Thätigkeit auf den Gebieten des Handels und der Industrie viele Privilegien verliehen. So wurde ihnen gestattet, sich dem städtischen Kaufmannsstande cinverkeiben zu lasten. I '.Vj wurde ihnen erlaubt, in den inneren Gouvernements Aufenthalt zu nehmen, nnd 1803 zog man sie zur Errichtung von Branntweinbrennereien in Sibirien heran. Auch zahlreiche Bierbrauereien und Mincralwästerfabriken entstanden durch jüdische Initiative in Sibirien, in denen j^ßt Tausende von Arbeitern Erwerb und Unterhalt finden. Mit der Thronbesteigung Alexanders III. drang der Geist der Judenverfolgung auch nach Sibirien. Tie Regierung schien die Berdicnste der Juden in diesem Lande völlig vergesten zu haben, denn sie »ahm ihnen sogar Alles, was zu den elementarsten Bedingungen einer Vebenseristen; gehört. Doch hatte hier bis jetzt Niemand eine Ahnung davon, wie cs rhatsächlich um die Juden in Sibirien bestellt sei. Aber eine Bittschrift, welche sie kürzlich an Czar Nicolaus II. gerichtet haben, hat ein solches jammervolles Bild entrollt, daß eS überall, wo es gesittete Menschen gibt, einen Schrei der Entrüstung Hervorrufen muß. Tie Bittschrift, welche daS Organ des russischen Julkizministeriums, „Tudebnaja Gazeta", in seiner jüngsten Nummer vublicirt, betagt im Wesentlichen Folgendes: „Die gegenwärtig in Sibirien herrschenden Gesetze über die Juden werden von den Behörden allerlei willkürlichen und einander widersprechenden Deutungen und Auslegungen unterworfen, und so sind die sibirischen Juden in wahrem Sinne des Wortes zu Sclaven gemacht worden. Der arme Jude ist dem.Hungertode preisgegeben; seinen Wohnort darf er nicht verlosten, und wenn er im engen Kreise seiner Ansiedlung keine Arbeit finden kann, so bleiben ihm nur zwei Auswege übrig: Tod oder Verbrechen. Angesichts dieser traurigen Lage wagen die sibirischen Juden an den Stufen des Thrones Sr. Majestät die unterthänigste Bitte zu stellen, eS sei ein Gesetz für die Juden in Sibirien zu schaffen, das den Behörden die Möglichkeit entziehen soll, die Rechte per Juden nach Gutdünken zu verkürzen." Wird'' diese Bittschrift irgend einen Erfolg haben? Wir wünschen es, hegen aber wenig Hoffnung. Argus. Zur inneren Lage. Die Antisemiten christlich-socialer Färbung wollen dem Ministeriuni Kielmansegg gegenüber noch eine abwartende Haltung einnehmen, und ihr Wiener Wortführer äußerte sich: Ich muß er sagen, Graf Kielmansegg hat sich gelegentlich der Auslösung de» GemeindcralheS gegenüber unserer Partei in einer vollständig anerkenne»;, werthen Weise benommen. Ich constalire daS deshalb, um mich vielleicht nicht bei Sr. Excellenz einzuichmeichelii, nein, aber um der Wahrheit die Ehre zu geben. Ich erkläre deshalb auch Folgendes: Wenn der Herr Graf Kielmansegg sich bei den bevorstehenden GemeinderathSwahlen ebenso loyal benehmen wird, wie er sich in der letzten Zeit benommen hat, dann werden wir nicht im min desten eine Opposition machen. Fällt er aber in de» alten Fehler zurück, de» liberale» Herrn zu spielen, dann gibt's einen Kampf, einen gewaltigen Kamps, wie ihn eben nur die Opposition vermag. ES liegt daher in seiner Hand: Krieg oder Frieden! Er möge wählen: dar Böse oder, das Gute. Will er der Partei mit Anstand enigegenkommc», dann wird e« ihm gewiß mit derselben Münze znrückbezahlt werden, - wen» nicht, dann gibt'« einen Krieg. Mit dem Wohlverhaltungszcugniß, welches da dem Grafen KielmanSegg für die „letzte Zeit" ausgestellt wird, scheint die Absicht verbunden zu sein, ihn bei den Liberalen zu verdächtigen. Auch die Drohung mtt einem „gewaltigen Kampfe" ist nicht aufrichtig. Tie Herren Antisemitenführer wisten nur zu gut, daß ihre Action einer gesetzlichen Grundlage entbehrt und daß eS von dem Ermeffen einer hohe» Regierung abhängt, die Grenzen des „gewaltigen Kampfes" zu erweitern oder einzuengen. Ehrlicher sind die Katholisch-Conservativen, deren Grazer Organ sich vernehmen läßt: Ten Rücktritt deS Fürsten Wiudischgrätz bedauern die Kaiholisch-Conservativen, weil einerseits die parlamentarische Arbeit zu Gunsten deS Volk»- wohleS wieder auf lange Zeit unterbrochen zu sein scheint und andererseits der Liberalismus seine volle Unabhängigkeit wahrscheinlich zu unserem großen Schaden zurückerhalten wird. Wir meinen, daß auch die Kirche den frappanten Wechsel zwischen einem eifrigen Katholiken und neutralen Protestanten unangenehm empfindet. Aus Alledem folgt, daß wir Katholisch-Eonservative -kein Unrecht beginge», an der Coalition festzuhallen. Um' jeden Preis ist die« ohnedies nicht geschehe». Wahrscheinlich hätten die Eonservaliven für die Steuervorlage in der dritte» Lesung mindestens nicht geschloffen gestimmt, weil die ^Vorlage im Plenum verdorben wurde; und ganz gewiß wären die Eonservaliven aus der Coalition ausgetreten, wenn die neue Wahlcurie nicht getheilt worden wäre. Das Gewiffen der Katholisch-Eonservative» ist demgemäß vollständig rein, und sie sind nicht von „sündhafter Reue" erfüllt, wen» sie es beklagen, daß der Parteigeist wieder einmal stärker war als die Liebe zum Reiche und zum Volke. Jndeffe» sind nicht alle Ehristen dieser Meinung. Da» Organ der geistlichen Christlich- Socialen, die Wiener „Reichspost':, meint, es sei de» Völkern Oesterreich» heute erlaubt, „Halali zu pfeifen", zum Zeichen, „daß da» Wild erlegt ist". Man pfeift Halali auf da» Ministerium, in dem Windischgrätz, Schön born und Falkenhayn saßen! Also Kielmansegg ist besser als Windischgrätz? Wenn man bedenkt, daß die Wiener Christlich- Socialen nicht ohneGrund dem bisherigen niederösterreichifche» Statthalter mit derselbe» Antipathie gegenüberstehen, wie die Jungtschechen dem Grase» Thun — dann wird man förmlich von M i t l e i d g e r ü h r t. Kinder und die Redacteure des „Grazer Volksblattes" sagen die Wahrheit — meinte ein mit allen Salben geschmierter christlich-socialer Advocat. (Zur Wahlbewegung.) Die Oual der Wahl innerhalb der liberalen Partei scheint endlich abgeschloffen, und man kann zum Wahlkampf mit den Feinden, schreiten. Die Periode der Sitzungen ist hoffentlich um und wird einer Periode der Versammlungen Platz machen. Dr. Richter hat endgiltig die Führung der Partei übernommen; der Wahlaufruf ist erlaffen. Dieses Manifest ist ein auch