Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 169 (30.6.1895)
- Date
- 1895-06-30
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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/ Freies Blatt AdonnementSpreiS. Alle Oesterreich-Ungarn: .-(Iizi-brig.* Jftonen (fl. i.M) -.-ilHüliria.* Jltontn (fl. l.M»; ftflr La» gefammte «u»ianL: 'Vmiiälirig.6 Mark V.ilbiatyrig .3 Mark SO PI- Sinttlut!»(immer» G kr. Unirantirle Briese werden nicht angenommen. (Vrczan zur Abwehr des Antisemitismus. Erschkint an jedem Lonntage. WcEmctioii ii»d Adiiiiiiisiraiioii: i. -eilersriitte IN. Ixterat« werden mit -jo Heller I>> fr.) (ilc!>« „ier. mal geldalten« iiianvareille,«!« terechne^. «(einer klnieiger da» Wort e Hellir <r kr. . stxinabme von Inseraten in unserer «dmimflraiiax sowie im «nnoncendureag M. Txke», I. -7>>oll,eili «. Rninmer 1G9. Wien, 30. Juni 1895. IV. Jahrgang. Die antisemitischen Dugendbünde. (Zuschrisl an dar „Freie Biatl".) Ml ii, -7. Juni. Es ist wunderlich, wie der Mensch sich an Alles gewöhnen lau»! Noch vor einigen Jahren pflegte sich jeder aufgeklärte Man» über den Antisemitismus;u erregen, heute nimmt man ihn mit in ein gewissen Fatalismus hin und dctrachlct ihn alö unvcrmcid liches Nebel. Das Gefühl wird eben gegen sich häufig wiederholende Erscheinungen abgestiimpft, mögen sic noch so abschreckend und .telerregend sein. Auch der Eiilturhistorikcr würde die ganze moderne Bewegung nicht gar so tragisch nchmc», da er gewohnt ist, mit Zeitkrankhcitcn wie mit Moden zu rechne». Alle Krankheile» auf geistigen! und sittlichem Gebiete komuieu und verschwinden, freilich oft nur, um alSbald in anderer Form wieder ('.ufjutreten. Im Grunde genommen ist die ganze hereuifbefchworene moderne Judcnhetze nur eine Form der politischen und geistigen Nt..u!vn, einer Neauion, die viel Unheu fördert, die aber schließlich doch einer anderen, gesünderen Zeilströmung Platz machen wird. Traurig aber ist cs, zu beobachten, daß die moderne Leuche nicht allein die Gegenwart, sondern auch die Zukunft zu vergiften bestrebt ist. Ja, die Zukunft, denn wenn man die Köpfe der Jugend mit krankhaften Phantasien und verderbliche» Idee» vollpsropft, . so verdirbt man zugleich die künftige Generation mit rauher Hand. Es ist das sicherste Zeichen für den sittlichen Verfall einer Zeit, wenn die Jugend daS ideale Denken verlernt und sich einem hohlen Materialismus in die Arme wirft oder Bahnen cinjchlägt, die nie zur Vervollkommnung und Veredlung der i Menschheit führen könne». Und so weit sind wir heute leider schon in Deutschland und Oesterreich gekommen. Die akademische Jugend hat mit der häßlichen antisemitischen Komödie begonnen, und die nichlstudirendcn Jünglinge sind ihren Pfaden gar bald »achgefolgt. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, daß die akademischen Verbindungen, die einst in trüber Zeit de» Trost der Zukunft bildeten, die im großen Kampfe für daö Recht die Fahne der Freiheit hochhielten und die warme Begeisterung für die edlen Bestrebungen der FreihcitShelden in die Volksmassen hineiiitrngen, daß sie heute ihre Würde so weit vergessen, um daS Panner der Rcaclion zu schwingen und mit allen Finsterlingcn zu koketiircn. Ja, cs ist leider wahr: ein großer Theil der studirendrndeutschen und österreichischen Jugend vermag sich eher für den Radau- AnliscmitiSmus als für die Ideale der Freiheit und der Menschenwürde zu enthusiaSiniren. Die Ursache dieser tieftranrigen Erschcinung ist, daß die jungen Leute durch systematische-.Verhetzung in Wort und Schrift von der idealen Weltanschauung abgeleukl werden, daß sie das leere Wort an Stelle dcS Gedankens setzen und am Phrasenrausche Freude finde». Die Jünger der Wissenschaft, denen die Studienzeit nur dazu gut ist, um bunte Mützen zu tragen und die edle Kunst dcö Trinkens'zu übe», fanden ein bequemes Mitel, ihrem gehaltlosen Leben eine scheinbare Bedeutung zu verleihen und sich mit einem gewissen Nimbus zu umgeben. Sie trinken aüs Patriotismus, erneuern durch die Auffrischung roher Sitten daö schöne, romantische Mittelalter und nennen das — deutsch-national. Und — welche Schmach — cö gibt auch akademische Lehrer, die ihren hohen Beruf verkenne», die dieses unwürdige Treibe» der Studenten als große Thal preisen und der bedauernswerihen Verirrung Loblieder singen. An dieses traurige akademische Schauspiel haben wir uns nun auch bereits gewöhnen müssen. Run .-kommt die nichtakndeniisckie Jugend nachgehiukt. Warum auch nicht? Biertrinkcn, türmen, ans Juden schmähen, aus Bismarck und Schönerer hochrukt». und was noch Alles zu diese,» häßlichen Eultus gehört, das verstehe» die Herren Bursche» auf dem Dorfe ebenso giu wie t u vor nehmen Müsensohne an der Union siiül. Und wenn man e irch solche begneme Heilmittel das arme, von Inden bedrohte Vater laud retten kann,.du lieber Gott, man ist ja lein Unmensch. So kiilstaiidcn in den letzten zwei Jahren in jeder Stadl und in jedem Dorfe Deutschlands antisemitische Jugcndbünde, die. de» edlen Zweck haben, das öffentlich im Raine» tines schlecht verstandenen Rationalismus mit Stolz zu betreiben, wozu die lhieri ' schen Jnstinclc hinncigcn. Es sind also Brutstätten des Haffes und der wilden Leidenschaft geschaffen, und der Proceß der Zer setz!l!g der Eultur und der de- Anstandes;?r Gesittung kann nun ungehemmt weiter vor sich gehen. Daß die,r. Radauvereinc eine große Gefahr in sich berge», ist klm-, denn hier wird die Bestie im Menschen künstlich groß gezogen, hier wird jede Rohheit als Tugend gepriesen und die Anarchie öffentlich ge predigt. Ja. der 4luarchismuö könnte sich leiste bessere Schule wünsche», als diese Jugcndvercine. -Den» nicht darin allein, besteht das Wesen des Anarchismus, daß man Dynamitbomben schleudert und seine Waffe gegen gesalbte Häupter richtet, sondern in der Verkündung des Verbrechens im Rainen einer politischen Idee. Wer die A-utorilät des Staates ucgirt, das Gesetz verhöhnt und auf eigene Faust Reformen durchznführen bestrebt ist, - der ist Anarchist, mag er noch so sehr mit patriotischen und religiösen Phrase» um sich werfe». Der Anarchismus eines Schneider unler schcidct ksich von dem der hirnverbrannten französischen oder italic nischcn Dolchhel den nur. in der Form, vor der menschlichen Ver nunfl und dem Rechtsgefühl giud sie beide gleich verwerflich und. gefährlich. Die Alten geben das Beispiel, und die Jungen und gelehrige Schüler und überlressen an Rohheit-und-Unvdrsrorenhril bald ihre Lehrer. S» verroht die Jugend immer mehr und'ver- . liert jeden Sinn für die Ideale der Eullnrmenschheii Die Regierung sollze ein wachsames Auge für diese neuen Vereine haben, um den Staat vor den Früchten dieser -geistigen und sittlichen Verirrung zu biwahrcn. Sie sollte vor Allem diese Vereine als . politische Vereinigungen betrachte», die nach dem BeninSgesetze der polizeilichen Aufsicht unterstehen. ES ist ein geradezu unbegreifliches Privilegium, daß diese, jungen Herren in ihren Ver- -■ sammlungcn Alles ungcnirt besprechen und. vcrhaydeln dürfen, während fünf ernste Männer-, die über irgendvm polili-chcS Thema . (diöcutircn wollen, sich der Gesellschaft eines Polizeibcamten zu erfreuen habe». " Die Herren Jugendbündlcr find zwar schlau genug, michl Farbe - zu bekenne» und mit allerlei verschwommenen Ideen zu prahlen — dieses Spiel haben sie ja von ihre» erhabenen Führern ge , lernt. Indessen kann kein einsichtiger Mensch darüber im Zweifel - sei», daß diese systematisch verhetzten, unreifen Köpfe daS beste Material für revolutionäre Bestrebungen abgeben. Diese verrohten Bursche», dze jede Ordnung verachten und nur nach Zügellosigkeit streben, sind sehr gefährliche Elemente und können in der Hand