Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1895-06-23 · 168 (23.6.1895) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
168 (23.6.1895)
Date
1895-06-23
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4886575-5439167-5441639--2046-4888455
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Freie» Blatt. Nr. 16X Arbeitern ist eben nicht spezifisch christlich-sociales Product; waS dieser sroiiimcu.Partei aber angchört, ist die schlaue Beschränkung ihrer Arbeüersreundlichkcit. Tie Wohlthat einer Altersversorgung soll den iudustricUeii Arbeitern zugänglich gemacht werden, nicht aber denjenigen Arbeitern, welche von den frommen Bauern und von den noch nommcrcn adeligen Großgrundbesitzern ausgebcutet werden, genau so, w:e sich seinerzeit die biederen „Christlich-Socialen" mit Händen und ,rußen gegen di: Einbeziehung der landwirthschaftlichen Arbeiter in die llnfallversichcrung sträubten. Tie Motive dieser echt christlichen Gerechkigkeis liegen auf der Hand. Einmal würden durch die Einbeziehung der landwirthschaftlichen Arbeiter die Herren Wähler vom Lande und ebenso der gnädige Herr Baron, Graf oder Fürst mit einer neuen Last beladen werden, was doch offenbar nicht geht, während man mit einer Mehrbelastung der y+t Industriellen (lies: Großkapital) ein gottgefälliges Werk verrichtet und sich eine Staffel in den Himmel ' baut. Zweitens aber würden durch die Einbeziehung der landwirthichanlichcn Arbeiter in eine Altersversicherung für dieselben in poli- . ti'cher Beziehung offenbar dieselben Rechtsfolgen erwachsen wie für die Angehörigen einer Kranken- oder Unfallversicherungscaffa, d. h. sie würden — falls die geplante Wahlrcform in dieser oder jener Weise verwirklicht würde — das Wahlrecht erhalten müssen. Davorsei nun Gott. Tie christlichen Socialrcformcr haben gar nichts dagegen, wenn die städtischen Arbeiter das liberale Bürgerthum politisch erschlagen, aber der ländliche Arbeiter könnte sich ja gegen den eigenen ..Grundherrn" anslehnen und den Clericalisinus in Gefahr bringen, und das wäre gegen Thron, Altar, Moral und Sitte. Deshalb brauchen die landwirthschaftlichen Arbeiter keine staatliche Altersversorgung, . können sie doch dainjl vorlicb nehmen, wenn ihnen der adelige Arbeitgeber im Aller von gnadcnwcgcn ein Bcttclbrot gibt oder wenn sie der fromme Bauer im Stalle schlafen und von den Abfällen des Gcsindctisches sich nähren läßt. O'diesc christliche Socialreform : Tic Wahlen in die Krankciicasie dcr Kellner.) Tie aniiseiniti'chen Kellner haben bei den Wahlen in die Krankencaffc mit einer Mehrheit von 27 Stimmen gesiegt. Bon 12.000 Wahlberechtigten haben trotz dcr seit längerer Zeit betriebenen Agitation nur 123!) Ln der Wahl theilgenoinmen. TaS für die fortschrittlichen Caudidaten ungünstige Wahlresultat wurde hauptsächlich durch die Pratcrkellner, welche nahezu geschloffen für die antisemitische Liste stimmte», herbeigcführl. Wegen dcr zahlreichen constatirten Wahlmißbräuche s.-'.lcnsder Antisemitenwurde sofort gegen die Giltigkeit dcr Wahl ein Protest aii die Gewcrbebehörde eingelegt. >ClircilbcItidigUIIgsklage.' Tie Firma Josef Saborsky & S ö h ne bat gegen den Mechaniker Ernst Schneider wegen Aeußerungen, die derselbe anläßlich des letzthin in Wien abgehaltencn Fleischhauer- und Flcischselchcrtagcs macht:, und durch welche sich die genannte Firma für beleidigt erachtet, die EhrcnbelcidignngSklage überreicht. Gleichzeitig wurde das Ersuchen um Aufhebung dcr Immunität S.chneider's gestellt. , Naturalismus auf der Kanzel.' Man schreibt uns-aus Salzburg: Tie Sünden des Pfarrers Teckert, welcher die Kanzel zu Aufhetzungen benüyke rznd so große Erfolge hatte, daß der ganze Be;ir! Währing in Aufruhr kaui, erinnern uns an daS, was Salzburg vor kaniy zwei Jahren, ebenfalls von einem „Christlich-Socialen", von dem Jesuikenprediger Paterl Abel, einem der 17.000 „ossiciellen 2A'itgljeder" des TrdcnS, zu ertragen hatte, Gewiß nurdeshalb, weil Carl Bogt's Wahlspruch gelautet hatte: „Schweigen ist die Tugend der Solaren", bestrebte sich Pater Abel, der Jugend Alles zu sagen, wassonst mit Sorgfalt den Kzndcrn verschwiegen wird. Tie allgemeine Verrohung, welche sich bis an die geweihte Stätte vcrsteigt, verbreitet immer mehr falsche Begriffe unter den jungen. Leuten. Tie Resultate solcher „Jugcnd-Erhorten" waren sofort zu erkennen: uns erzählten die Knaben aus der Predigt nur Anekdoten und drastische Anssprüche, wie: „Ihr seid Alle unsittlich", „Ich weiß, daß man gegen mich ^in Wien schreibt: aber das sind Freimaurer, die euch zur Unsitiltchkeik verführen", „Mein Großvater war ein Königsmördcr und Freimaurer, ich wurde Jesuit", oder: „Zwei Knaben gingen n den Wald, um einen dritten ru verfahren, da schlug der Blitz ein und erschlug .die Schuldigen." Tic Ultramontanen leugnen einfach ab, daß solches gesprochen worden sei, aber Ohrenzeugen, welche nicht Kinder waren, bestätigten Alles, mehr aber noch bestätigt diese -schlechte Wirkung die Thalsache, daß ein ganz vernünftiger Junge heim kam und;nr Mutter sprach: „Ich schäme mich, so etwas von der Kanzel gehört zu haben!" — Vollständige Unfähigkeit, Verschrobenheit, Ueberiittitb, Tünkel treiben diese Prediger dazu; sie möchten Firmian'sche Zö'ten hcransbcschwölen und nennen sich dabei „Jugcndbildner". Und di: zarten Geheimnisse der Töchterseclen werden von bornirten Müttern in solche Hände gelegt? Meist sind cS ja die fanatischesten Prediger, welche in „feingebildeten" Kreisen als Beichtväter für die Jugend gewählt werden. Man verweigere solche» Rednern daS Sittenzeugniß, wenn die Wirkung religiöser Bildung die ist, daß man den Unflail, und die Gesinnungsrohheit auf die Kanzel bringt. Die Würde des Pricsterstandes liegt vor Allem in der Form des Verkehres mit de:, Gläubige», und Milde wirkt bei empfänglichen Menschen mehr, a, - Vorwürfe und Drohungen erzielen. Die Predigten eines Decker, Abel und anderer christlich-socialer Hetzer entbehren jedes Ebenmaß, sowohl im Inhalte wie auch in dcr Form. Sie sind die stetig: 'Negation gegenüber her wahren Volkserziehung und dcr echten Pädagog,: Warum ich das Alles sage? Zu Nutz und Frommen unserer deutsch nationalen Lehrer in erster Linie. Sie haben in ihrer Partei ein Bündniß mit Rom geschloffen, eigentlich sind sie in den Dienst Rone: j getreten. Sic haben damit bewiesen, daß sie weder die deutsche Gl schichtc gründlich kennen, noch mit dem deutschen Geiste verwandt sink. Wer mit dem römischen Geiste deutsch bleiben will, kennt nicht d>< Traditionen, denn nur der Reformation, dem Protestantismus danke:-, wir die Renaiffance der deutschen Wiffenschaft, dcr deutschen Kunst! ES sind solche Bllndniffe darum nur Opportunitäts-, aber kein -. Ilcberzcugungsallianzcn. Ich frage mich unter den heutigen Vcrhältniffcn oft: „Warum hebt man die Staatsgrundgesctze nicht auf?" So lange dieselben bestehe», dürften deren berufsmäßige Hüte, j eigentlich nicht gestatten, daß dieselben erschüttert werden, und dennoch duldet man die Angriffe gegen gleichberechtigte Staatsbürger anderen Glaubens so lange, bis daS Strafgesetz unvermeidlich Sühne fordert. Wäre cs da vielleicht nicht besser, prophylaktisch thätig zu sein und durch Mahnungen an Lehrer und Beamte Schutz den Verfolgten zu gewähren, Schutz auch gegen Beleidigungen, die heute zum „bau ti>ir junger Bureaukratcn und Volksschullehrcr gehöre», solcher Leute, welche den Dcckcrt für einen Propheten halte», deren ganzer Gesprächsstoff immer auf den Refrain hinausläuft: „Wir brauchen keine Juden" oder welche „Die Wacht am Rhein" bei jedem Anlaffe, auch dort, wo dies sehr unschicklich ist, anstimmcn? Römisch und deutsch-nationall antisemitisch, das verträgt sich schwer; diese Dinge sind nicht ver j wandt. Tic Studenten von Graz haben auch zur Genüge bewiesen, wie weit der dem Deutsch-Oesterreichcrthume schädliche Wahnwitz führe» kann. Bis zur Beleidigung akademischer Bürger lvegen Verschiedenheit der Ansichten! Es ist-ja geistige Anarchie, was wir jüngst in einem Wiener Blatte über die Zustände an der Grazer Universität lasen. Und cs ist leider wahr, wie man bestätigt hat. Ein Schaden für die deutsche Sache. — Ich sprach gestern zu einem alten 1848er über Dcckert's Predigten und Lueger's „70 Stimmen". Er hatte schöne Jahre seines Lebens für das Ideal der Freiheit im Kerker zu gebracht. Er hatte jetzt keine andere Antwort als: „Und für das haben wir unser Blut im Jahre 1848 gegeben?" Rur fünfzig Jahre zurückblicken! Wann war es bester in Oesterreich, im Vormärz oder j tzt? Ich glaube, der Vormärz war das geringere Hebel. i. d. (Zwri Menschenleben gerettet.) Man schreibt UNS ansBeraun in Böhmen: Am 12. d. M. trug sich hier ein Vorfall zu, von dem d-e Antisenlitenblättcr sicherlich keine Notiz nehmen werden. Paßt er doch nicht zu der von ihnen ausgestellten Lehre von der „jüdischen Feigheit". Im Bcraunfluffe, der nach den letzten Regengüffcn sehr angcschwollcn war, badeten zwei Soldaten von der hiesigen Garnison, wurden aber von den reißenden Fluthcn in einen Wirbel geriffen und waren bereits dem Ertrinken nahe. Auf ihre Hilferufe eilte der hiesige Kaufmann Herr Carl Fried, ein Jude, herbei, stürzte sich in die reißenden Fluthcn, ergriff die Ertrinkenden, und es gelang ihm nach Ueberwindung vieler Schwierigkeiten, sie glücklich ans Ufer zu bringen. Tie muthige Thal des Herrn Fried findet in den weitesten Kreisen die lebhafteste Anerkennung, und ein Prager alttschechischcs Blatt brachte sein Bildniß mit dem Bemerken, daß cs überzeugt sei, dadurch nicht nur den Berauncrn, sondern allen seinen Lesern eine Freude zu bereiten. (Zur Rcichsrathswahl im Städtebezirk Olmütz-Proßuit) Teulsch-Brod.) Aus O l Nl ü tz schreibt man uns: Wenn man dein Berichterstatter der „Oesterreichischen Wochenschrift" Glauben schenken wollte, dann stünde es Mit dem Mandat, das bis jetzt stets in deutschen Händen war, recht schlecht. Diesem Berichterstatter zufolge sollen drei Parteiungen unter der bei dcr Reichsrathsersatzwahl Ausschlag gebenden Judenschaft vorhanden sein: erstlich eine solche, welche „im Hinblick auf die bisher gemachten Erfahrungen für Neutralität plaidirtc, um zu verhüten, daß der latente Judenhaß der Tschechen nicht wieder in Boycottirung zum Durchbruch käme". Diese Strömung, meint der Berichterstatter des citirten Blattes, herrsche zumeist unter dcn kleinen Geschäftsleuten von Proßnitz. Die jüdischen Wähler von Olmütz stünden zumeist der Persönlichkeit des deutsch-liberalen Candi-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.