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Freies Blatt · 1895-06-23 · 168 (23.6.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
168 (23.6.1895)
Date
1895-06-23
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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5citc 3 Nr. 168 Frei«» Blatt. Itiflcii Ich bi» jedoch mit ganzer Seele für jeden Schritt, der »»seren ver> 'olglen Milniciische» Erleichternng verjchassen könnte. Gott segne Ihr humane», echt christliches Werk. hierauf fkizzirte Freiherr v. Suttner in Kürze die Thätiglcil 'des Vereines und erwähnte auch, daß eine große Protest- Versammlung, welche im März hätte stattfinden sollen, auf drin gendeS Ersuchen des damaligen GenieindcrathSwahlcoiiiit'S, daS che Äcforgniß hegte, eine solche Lersammlung könntc einen un- „i,„stigcn Einfluß auf die Wahlen nehmen, unterblieben ist. „Nun, djc von den "Liberalen so gefürchtete Versammlung," beiucrkle der .'iedncr, „hat nicht stattgcfunde», aber trotzdem war daS'Ergkbniß der Wahlen ein über Erwarten schlechtes." (Große Heiterkeit.) Die unleidlichen politischen BcrhSllnisse sowohl im Ncichsrathe .i!s auch im Gcmcinderathe haben auch^anf die Thätigkcit der Bcr- .-lilslcitung einen lähmenden Einfluß geübt, aber trotzdem habe man daö Menschenmöglichste geleistet, und es werde auch in Zukunft >>.r Zweck des Vereines, die Abwehr dcS Antisemitismus, mit aller Energie verfolgt werden. Die Vcrci»slciti,ng legt der Vcr r.iinlinig zur Bethätigung ihres regen EiferS den Antrag vor, möge ihr die Bewilligung crtheilt werden, eine R ech tö schu tzabihcilnng zu gründen, welche den Zweck verfolgen soll, den jüdischen Mitbürger» die Gelegenheit zu bieten, ihr Recht > nrch die Vermittlung der Vcreinsleitung bei den Behörden zu fiiiPcn. Dem Vereine gehören eine Menge tüchtiger Juristen an, e.c gerne für das NechtSschutzbureau des Vereines thälig sei» n .rdeu. Dieser Antrag gelangte nach kurzer Debatte zur ei» stimmigen Annahme. Ebenso wurde die gesammle bisherige PreinSleituiig auf Antrag des Dr. Hajek per Acctamation wicdergcwählt. Nach Schluß der officiellen Sitzung fand eine ..emüthlichc Unterhaltung statt, die bis lange nach 12 Uhr währte. Aus dem Abgcordlicteuhansc.) Es ist das unleugbare Verdienst Wiener Radau-Antisemiten, in das österreichische Abgeordnetenhaus cmc» ihrer würdigen Spelunkcnton cingesührt;n haben. Am Schlüsse Sitzung vom 14. d. M. spielte sich folgende Seandalsccnc ab: Abgeoedneter Schneider ergriff das Wort und sagte, . er habe seiner Mi 1J. d. M. überreichten Interpellation über daS „jiolnidre"-Gebcl der Jude» -in Buch bcigeleg», »in damit;» erweise», daß der von ihm citirte Wortlaut vollnäiidig richtig sei. Er habe nun beobachtet, wie Abgeordneter Bloch seine Iin-ipellaiion in die Hand genoinmen und i» dieses Buch etwas hineinlegte. Aier sich dasselbe ansah, fand er in diesem Buch einen ganz gemeine», metei trächtige» und erbärmlichen Schiinpsarlikct über seine Per>o»,. Er frage Präsidium, ob cs geneigt sei, dafür zu sorgen, daß derartige „jüdische Bübereien" in Zutunst unterbleiben? ztlnrnhe.) Präsident: Zunächst muß ich den Abgeordneten bezüglich dieser A aßernng zur Ordnung rufen. Was die Sache selbst betrisst, so lheilt mir .. . Herr Bicepräsidenl mit, daß in der That in der Beilage zu dieser Jnter- V'.u.Uio» das Stück einer Zeitung enthalte» >var, welche» srüher nicht in der IiileiveUation dabei war. (Hört! Hört! beiden Antisemiten) Selbe» wurde >e:bsweistündlich von dem Herrn Bicepräsidentcn sofort beseitigt, und ich kann nnhi anders, al» über ein solches Vorgehen incin ausrichtigstes Bedauern ansrieche» und den Herr», welcher daS geihan hat, zur Ordnung ruse». Abgeordneter Tr. Bloch (vor dem Präsidentensitze stehend): Ich bitte um - :•* Wort. s Präsident: Ich bitte in» Entschuldigung. Es gibt hierüber keine D batte. * Abgeordneter Dr. Bloch: Wie komme ich dazu, daß mir der Ordnungsruf -ibeilt wird? Präsident: Ich habe den Name» des Herrn Abgeordneten Tr. Bloch > :.chl genannt, weil ich nicht weiß, wer es gelhan hat. Abgeordneter Dr. Bloch: Ich bitte um das Wort zu einer 'Anfrage an .» Herrn Präsidenten. Präsident: Zu einer Anfrage, ertheile ich Ihnen da» Wort. Gehe» Sic aber auf Ihren Platz. (Lebhafte Heiterkeit) > Abgeordneter' Dr. Bloch: Der Herr Abgeordnete Ltainpigliu», wollte agcn Schneider, hat in der letzten Sitzung dem Herrn Präsidenten eine Iulerpellation überreicht, bctrcsiend da» jüdische Gebet „Aolnidre", über welche» sich -nristliche Autoritäten wiederholt geäußert haben. Da hat, mich ein hervorragender Abgeordneter diese» Hanse», ein Mann mit graue» Haaren, christlicher Eonsessio», darauf verwiesen, daß eine solche Interpellation dort vorliegt. Ich 'at den Herrn Bicepräsidenten Abrähamowicz, der damals da» Piäsidium stihrte, mir diese Interpellation zu zeigen. Derselbe hat mir jedoch die Einsichtnahme in de» Act verweigert. Jnzwischen habe ich mir nicinen Act Schneider iiervokzenommen und fand darin ein antisemitische« Circular, baA heißt ei» Circular, wetzheS nicht von einem Jude», sondern von einem Partkigenosscn des Herrn Schneider au»gega»gcn ist, nämlich dem Herrn Hollomah. Ich habe da» Circular in der Hand gehabt nnd blätterte darin. Ter obcrwähnte Herr Abgeordnete sragie mich einige Minulet: daraus: .Haben Sie die 'Iiit>rr>',lal>oi, gesehen? Tarans sagte ich: Nein, der Präsident weigert mir die'Emsichtnalnne in den Act. Darauf hat der Herr Abgeordnete, den ich nicht nennen ivill, sich den Act-beim Präsidinm geliehen nnd bat ilm niir zm Einsicht gegeben. Ich habe da», antisemitische Circular einfach dorl^vergr'se». iE>,,nil>:-! iin,d Alia'An>e bei den Antisemiten. Unruhe.» - Präsident: Ich bitte, sich ans eine Auflage an den Piändemen zu be schränken. (Andancrnde Unruhe.) Abgeordneter Tr. Bloch: Ich richte also an den Herrn Präsidenten die Anfrage, ob er angesichts dieser Sachlage seinen Oldnnn^srns ansrecht eiliäti, angesichts des Umstande», daß dieser Abgeordnete, welch-r -her ins graue Haa» als in das IiobeHanS gehört, mich fortwährend provociri hat l Liüimi'che Ent rüstniigSrnse bei den Inngtschechen und 'Antisemiten. > Abgeordneter Tr. G e ß in a n n swelchcr in der 'A'alie de- A'-dnei» si-ht. schreit): Sie impertinenter Bur-che, Sic! Abgeordneter Tr. Bloch t;n»i Abgeoidneleu Tr. s-'-ßniann-: Siesind iinpertinent. t Großer Lärm) Abgeordneter Tr. G e ß in a.n nEin Mensch, der gar nicht aa»'>--bt Ii.», hier zu sitzen, der dnrcli den i lenientarsten Betrug hereiugeloinmeii isi! -b-bbakte Zivischenrnse seilen» der Anlisemile» »nd Inngtschechen, die in a.-m groß,-» Lärm nnversländlich bleiben.) - . ■ ~ . Präsident: Ich bitte nni ü-nhe! Ich kulziche dein Abgeeidiieien Tr. Bloch da» Wort »nd nehme gar leinen Anstand,' tftit Riielßch: am de» Vorgang, de» er selbst einbekaunt hat, den Ordmiiigsruf ansrecht zu eib.tt-n Abgeordneter Schneider (schreiend): Ta» ist »ich! ivabr, wa» gesagt Hai; ich Hab» selb» gesehen. Ich verlange den Mißbillig», g-an»>chn>> Ich laste mich von eine»! fol-iifit jüdischen Gauner nicht in einer s-g.l -n Wen' insullire». ld'ebhaslc EnttüsitingSrnse i», Hau'e. Große Unruhe i Präsident: Ich inse den Abgeordneten Schneider zur O-d.n>m.i. . Abgeordneter Schneider: Thnn . Sie den Inden-zaniier an» dem Hause. ES ist ein Scandal, daß der Polen-lub einen " -olchen Indeiz nn.iesich hat! f P.räsidc nt: Es ist der OrdnniigSrils von Seite des P-ändeiile,, bei-»- erlheilt worden, niid damit hat die Sache ei» Ende. rAndan-inde Unrnbe , E^ ist höchst bedailcrlich, daß durch die bei uns io bclicblc nicht nur dem Dr. Bloch gegenüber geübte, ganz nnparlaiiieiita^schD Praxis, die Pcrification angcfochteiicr Mandate oft jahrelaikg hinaus zuzichcn, Individuen voisi Ealibcr Schncidcr's noch-scheinbar gerechte'' Handhaben geboten werden, um irgend einen mißliebigen Abgeordnete» in einerArt nnd Weise anzufallcn, die ihresgleichen in der 'Gcichichlc des ParlainentarismuS wohl überhaupt nicht hat. Ebenso bedauerlich finden ' wir cS aber auch, wenn sich durch den Unflarh, den irgend diiOaiiij semitischer „Volksvertreter" im: Parlaincnte al'Iädt, andere Abgevrd»-le, heißen sie wie immer, bcmüssigt oder gar berechtigt glaube», in die gleiche Redeweise zu verfallen. Wohin würde» wir da mit »iiseiem Parlamentarismus kommen? Wir geben zu, daß "die Provocationeu gewisser Leute oft auch kaltblütigere Ratisreu in Watlnng zu versetzen imstande sind. Allein daö Princip der Wicdervcrgcllung mit glcieln". lAiünze hat eben seine Grenze, über die hinaus cö feine Rechis-riignilg verliert. Wer eine Ohrfeige mit einer anderen Ohrfeige vergilt, wird wegen RaufhandelS bestraft, ob er nun der Provocinc oder der Pro vocircndc war. Wir meinen, daß diese Auffassung dem erwähnten parlamentarischen Raufha,ndcl in gewissen Kreisen umsomcbr rnig-ge»'- bebracht werden wird, als in denselben an einen. Art gerechter Roth wehr bei einem Juden nicht gedacht wird. Dem PartameiilariSinus, . dieser immer noch festesten Stütze der staatsbürgerlichen Ireilic:! und Gleichheit, hat Dr. Bloch durch seine Taktik gewiß nicht gedient und ebensowenig der Abwchrbewcgung oder auch nur dem - Intere's.- des JudcnthumS. Im Gegcnthcilc, er bietet damit den Anlisemiien nur »elterliche Handhaben, da ihn dieselben ihrem vcrblvdel-'n Publicum i[ii;isi alS de» dcsignirtcu Vertreter des Judcnthums vornellen, der er . doch ganz und gar nicht ist .... Unseres Erachtens gibt cs kern Privilegium für die Bekämpfung des Antisemitismus. Zur'Abwehr der'- EonfcssionS- und Racenhctzc, zur Wahrung der NechiSgleichhcir^sind, meinen wir, alle freisinnigen Abgeordneten nicht nur berechtigt, iöudcrn verpflichtet, und wir kennen da keinen Unterschied zzvischen deni^Abgcordnctcn von Kolomca und den Abgeordneten von Brünn oder Innsbruck. _ (Christliche Socialreform. Abgeordneter Ebenhoch-und Eoufortcn haben dem Abgeordnctenhaufc einen Antrag über die Altersversicherung der Arbeiter vor^clcgt, welcher recht bezeichnend für de» hohe» Gerechtigkeitssinn ist, von welchem die christliche Socialreförm geleitet wird. Zn den Kosten soll der Arbeiter '10 Percent, der Unternehmer 20 Pcrccnt und der Staat daö Uebrigr, also 70 Percent tragen, der Rentcnbczug habe späteste»» mit dem. 00. Lebensjahre zn beginnen. Wir wollen hier ganz von der rein ökonomischen Seite dieses Antrages abschcn; die Idee der staatlichen Altersversorgung von

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