Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 168 (23.6.1895)
- Date
- 1895-06-23
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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iu ihrer Freiheit auch wieder ihres Liberalismus besinnen und endlich den Kampf gegen den Antisemitismus aufnehmen wird, der für sic ein Kampf um ihr höchstes Princip und' um die - eigene Existenz ist. Hoffentlich sind die Tage der compromittirenden Kompromisse um; hoffentlich gibt sich die Linke nicht mehr dazu her, um den Preis der eigenen Grundsätze ein paar Personen an der Macht zu erhalten, welche die Partei in ihrer schwersten Stunde verließen und sich mit einem Wahlgesetzentwurfe solidarisch erklärte», der mehr nach als der ominöse Entwurf Tnasfes die liberale Partei de» Elericalen und Antisemiten auszuliesern bestimmt rrar Selbsthilfe. < Original Millheilnng.dcs „Freien Blattes".) Prag, 16. Juni. Am 1 :J d. M. fand hier eine Persammlung der israelitischen Enlknsgemeinden Böhmens statt, deren hauptsächlichster Zweck cs war, eine Organisation zu schasse», welche cs den Juden Böhmens ermöglicht. sclbsthclfcnd und coUcctiv die antisemitischen Angriffe auf das Judcnthum abzuwchrcn. Zn der Versammlung, welcher Herr Tr. Ludwig Bcndicncr prüsidirte, hatten 37 Gemeinden ihre Repräsentanten entsendet, und bezeichnenderweise waren vcrhältnißinäßig mehr Vertreter ans den deutschen als aus den tschechischen Gegenden erschienen. Alle Abgesandten der deutschen Eultusgcmeinden gaben nngeschmiutl der Ansichl Ansdruck, daß der;u gründende „Gcmcindcbnnd der istaelilischen EuIknSgcmcindcn in Böhmen" nur dann für sie einen besonderen Werth Hane, wenn dieser die Bekämpfung des Antisemitismus auie Entschiedenste in Angriff nehmen, ja alS alleinigen Zweck rn seinem Programme machen würde. Tie Vertreter auS den deutfdi.-iK «''egenden schilderten, wie sic trotz aller Opferwilligkeit für die deutsche Sache, trotz des loyalsten und redlichsten Auftretens im bürgerlichen Leben dennoch von den christlichen Mitbürgern aufs Schmäblichste angcsejndek werden. Man wolle gan; von dem Borgehcn der Regierung absehen, in welcher ein Man» sitze, auf den die I eulichen Böhmens einst mit Stolz und Bertranen blickten. Tiefe Regierung begnüge sich besteinalls tiiit einigen Worten dcS Bedauerns, teige aber wenig Geneigtheit, den Juden auch nur den ihnen gcbubrenden gesetzlichen Schutz angedeihcn zu laffen, wie ja gcwiffe Eieignisse iu ('«alizicn und in Wien 'deutlich genug zeigen. Die Regierung werde wahrscheinlich erst Hann cinlrc'cn, wenn cs zu Plünderungen und Krawallen gegen die Juden gekommen sei» wird. Aber auch in Prag, wo cs den Teulschen einfach daS Gebot der Selbsterlalk, ing verbieten seilte, die Inden zu brüskircn, selbst auf diesem hart bedrängten Boden kokettirt man bereits in der bedeuklichsteir WeP'e mir den airiiscinitische» Elementen und hat vor wenigen Woche» der anii'einikifchen Deutschen Liedertafel den Easinogarten für ihre Produerioiien zur Vcrffngung gestellt. Es ist hier eine große Gährung im Zmze. die in «tnizem zu», Tnrchbruche kommen dürfte, und cs f!!i nicht an Stimmen, welche so weit gehen, zu verlange», daß sich die Inden in Böhmen in nächster Zeit von der deutsch-liberalen Partei .os'agen, um eine neutrale und zuwartcndc Stellung cinznr--innen. Inwieweit solche Absichten ans eine mehr oder minder allgcincinc! Zustimmung seitens der dentschböhmischen Jndcnschast rechnen köiiricii, i e rd inwieweit dadurch die Sache, welcher die Inden Böhmens bislang i eie greßt-a Tpfer gebracht, gefördert oder geschädigt werden würde, wc'.le» :r:r hier nnniitersitchr laffen" Jedenfalls ist die Verstimmung ronüglich 'fTT’l-.r den tenlichböhmischen Juden so weit gediehen, daß sic in der Abwehr des Antisemitismus sich auf 'Niemanden mehr verlassen zu können glauben und zur Selbsthilfe schreiten. In diesem Sinne sielen auch die Beschlüsse der besagte» Versammlung anS. Es wurde b-'schlossen, daß der Verband cinzulrcten habe durch Rechtsschutz g e g e n g e s e tz ir i t ra g e Angriffe gegen Juden und Jude n- H iim, durch Änfmunlcrung zur Erziehung der Jugend für Handwerk, Landwirlhichatl und technische Gewerbe, Abhaltung von Wanderper'an:ui!iing-n und Bonrägen innerhalb Böhmens u. s. w. Dagegen soll!, die Behandlung rein religiöser und ritueller Frage» und auch die Ei.'iierunq politischer und nationaler Gegenstände von der Thätigfoit des Bundes ausgeschlossen sein, lieber Antrag der Herren Tr. Podrinec- und Tr. TrucheueS wurde mit der Schlußrcdaction der Statuten ein zehnglicderiges Eomil-'- betraut, an welches etwaige Abäiiderungsanlräge noch;n richten sind. Dieses Comitö wurde auch ermächtigt, die Genehmigung der Statuten und die Eonstituirung des Bereives zu erwirken. Tr. Bendiencr schloß hierauf die Ber-- saminlung, indem er dem Gemeindebund das beste Gedeihen und ein Ssat«. _ Nr. 168 segensreiches 'wirken, wünschte, mit einem dreimaligen Hoch auf Se. Majestät Kaiser Franz Josef, den ritterlichen Monarchen, der alle seine llntcrthanen mit gleicher Liebe umfaßt und unter dessen kräftigem Schirm und Schutz die Inden getrost der Zukunft cntgcgcnschen könne». Aufruf cm die Frauen Oesterreichs! Es hat sich in Wien ein Damclicomit,'- gebildet, welches für das Kriegsschiff „Wien", daS am 6. Juli l. I. in San Rocco von Stapel gelassen wird, eine Ehrenflagge widmen will und die Frauen Wiens auffordert, sich an der Widmung dieser Flagge, welche, wie cs in dem Aufruf heißt: „in den ernsten Stunden der Schlacht" gehißt werden wird, durch den Beitrag von mindestens einem Gulden zu bc theiligen. 'Nicht als Protest gegen diese der Vaterstadt und unserer tapferen Flotte huldigenden Actio», die ja bei dem gegenwärtigen Zustande internationaler Beziehungen noch angemessen erscheint, sondern als daran sich natürlich anschließende Artion zu Gunsten eines kommenden, beglückcndercn Zustandes (der aber nicht von selber cintretcn kann,' sondern durch die Macht der öffentlichen Meinung hcrbcigeführt werden muß) sei hier an alle Frauen, nicht nur Wiens, sondern ganz Oester, rcichs, folgende Aufforderung gerichtet: Dit Unterzeichnete Vorsitzende der Oestcrrcichischcn Gesellschaft der Friedensfreunde wird im Namen ihrer Landsmänninnen den Veranstaltern des kommenden VII. Fricdenscongrcsscs eine weiße Ehre» sahne überreichen, und sie richtet an alle ihre Schwestern, welche die Erreichung des CulturzieleS: „RcchtSbund der Stationen" beschleunigen wollen, die Bitte, sich an der Widmung dieser Fahne durch Zusendung von mindestens einer K r o n e an daS Bureau der Oesterreichischen Gesellschaft der Friedensfreunde (Wien, I., Dorotheergassc Nr. 12) betheiligen zu wollen. Der Erlös, der voraussichtlich den Kostenprcis der Fahne, deren Werth ja nicht in ihrer Größe und Ausstattung, sondern in der symbolischen Bedeutung ihrer Farbe liegen soll, überschreiten dürfte, wird von der Gesellschaft zu Propagandazwccken, also znr unmittelbaren Förderung der Bewegung verwendet. Die Namen der Spenderinnen werden in einer im Archiv des Internationale» FricdcnSamtes zu Bern aufzubcwahrenden Stiftungsurkunde aufgc uommcn. Und wenn einst — vielleicht schon zur Jahrhundertwende — zur Feier einer ofsiciell eingesetzten europäischen FricdenSfödcration die verschiedenen Fahnen aufgezogen werden (das wäre wohl eine wünschcnSwerthcre Stunde als die „ernste der Schlacht", deren Kommen wir ja Vorbeugen wollen!), so soll darunter auch diejenige der österreichische» Frauen flattern und von deren Mitarbeit an dem schönen Segens werke Zeugniß geben. Schloß Haräna n» sd orf, im Juni 1895». Bertha v. Suttner. (Vcrciil zur Abwehr dcs Antisemitismus.) Dienstag den 1*. Juni Abends fand im Saale deS Hotel Müller die fünfte Generalversammlung dcö Vereines zur Abwehr des Antisemitismus statt. Der Vereinspräsident A. G. Freiherr v. Suttner begrüßte die zahlreich erschienenen Bereinsmitglieder und Gäste in herzlichster Weise und thcilte dann mit, daß mehrere Vorstandsmil glieder theils durch Krankheit, lhcils durch Berufsgeschäfte verhindert seien, der heutige» Versammlung anzuwohnen. Ein von dem Ehrenpräsidenten Friedrich FrcihLrrn v. Leitenberger cingelangtes Schreiben sowie ei» solches von dem Eonsistorialralh Dr. Schöpf in Guggemhal bei Salzburg wurde» von dem Vorsitzenden zur Verlesung gebracht und von der Versammlung unter stürmischem Beifalle zur Kenntniß genommen. Freiherr v. L eite » b erg er schrieb : Hochgeehrter Herr Präsident! -Leider bin ich »»»nttelbar vor meiner Abreise nach Böhme» außer Lage, der Gtneralversaininlungunseres AbmebrvereiiieS beiwohnvii zu können. Ich beklage dies umsomehr, alS eS mir ei» Herzeusbedursuiß geweie» wäre, im .««reise lhenrer und werther ÄrsinnungSgenoffen angesichts der Entsetzen und Ekel erregende» Ansbreilnng deS verruchten Antisemitismus über die gemein schädliche Rüstung. zum .«iampfe zu beratheu. Mit alle» uns zu Gebote sichenden Mitteln müsse» wir dahin streben, daß »nsrr geliebtes HeimatSland in jene Bahne» wieder znrllckgesuhrt werde, die eines modernen, ausstrebenden Staates würdig sind. Genehmigen Sie, hochverehrter Freiherr, die Versicherung meiner unwandelbare» Ergebenheit. Leitenberger. Das Schreiben des Consistorialralhes Dr. Schöpf lautete: Geehrte Borstehnng! Wegen meines schweren llnsalles, der mich dem Tode nahebrachte, kann ich leider der sreundlichen Einladung zur Generalversammlung nicht Folge