Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 167 (16.6.1895)
- Date
- 1895-06-16
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1«7. Freie» Blatt. ^eire 5. gelangte die Resolution unter lebhaftem Beifalle fast einhellig zur Annahme. * (Mrderlagen.) Die Antisemiten haben in letzter Zeit gerade in solchen Kreisen einige Niederlagen erlitten, in welchen vor Kurzem noch die antisemitische Strömung entschieden vorherrschte, so zwar, daß man aus diesen Niederlagen auf ein allmäligcs Abnehmcn des antisemitischen Einflusses auf die gewerbetreibenden Clasicn schließen darf. Am 5. d. ijli. fand in Neu lcrchenfcld eine Versammlung der Gastwixthqgehilfcn statt, welche noch vor Kurzem der Mehrzahl nach unter dem Dictate des antisemitischen Agitators Mittcrmayer standen. Der Vorsitzende der Versammlung, Oberkellner Ur, „auer, kam zunächst auf die am 14. d. M. statlsindendcu Wahle» ■ *„ sprechen, bei welchen 83 Mandate zu vergeben sind. Die Reform, Partei sei gezwungen, gegen die Partei deS Antisemiten Mittermaycr Kandidaten aufzustcllc», nachdem diese Partei bewiesen babc, daß sie nicht verwalten könne un'b seitdem sie mi Ruder ist, 1G00 fl. für die Kraiikencasse verloren gingen. Der Gehilfe Pitto erklärte, daß die Gastwirthigehilfen : ihrem Berufe keine Politik und politische Agitationen wie Mittcrniaver betreiben dürfen. Dieselben schaden dem Gewerbe viel :»chr, als sie demselben nützen. Die antisemitischeMittermahcr-^ Kartei zi-che mit einem politischen Programme in den Wahlkampf und .»spreche das „Blaue vom Himmel". Urngucr erklärte dann noch, >ß die Gehilfen kosmopolitisch sein müssen und , .im Gewerbe keine solchen Agitationen dulden dürfe», ' „ x d) b i c e 8 Vorkommen fön» c, daß Gäste wegen ihrer Konfession oder Partcirichtung anders bedient werden, schließlich wurde eine Resolution angcnoiniilcn, dahingehend, daß die f'astivirthegehilscn alle politischen Agitationen im Gewerbe für vcr- . erstich finden und ihre Stimmen nicht den Candidatcn der Mitter aycr-Partci, sondern jenen der Rcformpartei geben werden. — Am d. M. fand unter überaus lebhafter Bclhciligung die ^Neuwahl >ur den Vorstand der Genossenschaft der Kaufleutc in ScchShaus statt. Die Antiseniilen candidirtcn für die VorslehersteUe len bisherigen Vorsteher und Freund Schneiders, Franz Weczcrc, ährend die liberalen Genossenschaftsmitglieder für die Wahl des -Aniischtwaarcnverschlcißers Friedrich Lenpold eintratcn. I» Folge .->> Umstandes, daß sich die Gcnosienschafl der Kaufleutc in Scchs- . ans unter Wcczcrc'S Führung jener bekannten Pelitfon der vierzehn /''enosscnschaftcn um Einschränkung des Gemischtwaarcnverschleißcs angcschlosien hatte, stimmten' zahlreiche Gcmischtwaarcnvcrschleißcr, die -aiist nicht im fortschrittlichen Lager zu finden sind, für jene Liste, -reiche die extremen anliscmitischcn Agitationen im (bewerbe vernriheilt -ind alle einschlägigen Fragen nur vom objcctiven, rein gewerblichen Standpunkt gelöst wisien will. Früher hatten die Wahlen stets in '.»cm Gasthansc stattgefniidc», woselbst de» antisemiliichcn Wahlmachinaoncn Thür »nd Thor geösfncl waren. Der Magistrat hatte, sich ranlaßt gesehen, die letzte Wahl, bei welcher Herr Weczerc gesiegt alle, wegen vorgefallcncr grober Unregelmäßigkeiten zu annullircn . ad die Vornahme der Wahl im Mcidlingcr lsfelneindchause anzu dncn. Das Resultat der diesmaligen Wahl war eine -totale lieber läge der Antisemiten: von 733 abgegebenen Stimmen -»fielen 534 ans Friedrich Lcupold, während Franz Wcczere mir Stimmen in der Minorität blieb. Auch die übrigen liberalen Kandidaten, darunter prononcirt liberale Parteigänger, wurde» mit nein glcschen Stimnicckubcrgewichtc gewählt.. Das Bklltiilärchtil in Währing.) Am Nachmittag, des Il.d. M. ,-nrde in Währing die Bedienerin Albcrtine Höflinger, zu Neu- Ebcrödorf in Schlesien geboren, 42 Jahre all, verwitwet, Währing, Säulcngasse 25 wohnhaft, von einem Sicherheitswachuiannc arrctirl, .oeil sic bettelnd von Geschäft zu Geschäft ging und dabei das unwahre, beunruhigende Gerücht verbreitete, ihre zwölfjährige Tochter He r m ine sei feit Sonntag abgängig und w>a hr s ch c i n l i ch von .luden gestohlen worden. Die Frau behauptete sogar, sie habe das Blut ihrer Tochter im F n r st c n g a r tc n gesehen. DaS Polizeicommissariat Währing hat ohne Verzug über dem Verbleib der Tochter der . Höflinger Erhebungen eingeleitct und festgestellt, daß sich das Mädchen seit seiner Geburt bei der Mutter aushielt und sich in den letzten Tagen vom Hause gar nicht entfernt hat. Hcriiiine, Höflinger wurde auch von den behördlichen Organen im Zimmer frisch und munter angctrofscn. Alberlinc Höflingcr hatte bei ihrer Anhaltung einen falschen Namen angegeben und wurde gemäß ist; 308 und 320 St'.-G. (Verbreitung falscher beunruhigender Gerüchte und Falschmeldung) dem Bezirksgerichte Währing eingeliefert. Schon am 12. d. M. fand die Verhandlung gegen Albcrtine Höflinger statt. Zu ihrer Verthcidigung bediente sic sich. anfangs verschiedener Ausflüchte und behauptete inner Anderem, geistig nicht normal und zur Zeit ihrer Verhaftung ein wenig be trunken gewesen zu sein, gab aber, schließlich zn. das.Bl'utmärchrn in Folge der im Bezirke coiirsircnden ähnlichen Gerüchic ersonnen und verbreitet zu haben. Unter den vorgcladencn Zeugen, die durchgehende belastend für die Angeklagte aussaglcn, befand sich auch Pfarrei- Decke rt, welcher angab, die Höflinger hiltc wM bei ihm gebettelt, ihm jedoch nichts von cinein „gestohlenen und gemordeten Kinde" erzählt und nur gesagt, dasselbe wäre abgängig. Der Richter vcrurthcilte die Angeklagte wegen Ucbertrctung deS § 308 3t.-03. (Verbreitung beunruhigender Gerüchte), des 8 320 St.-G. (Falschmeldung) und des 8 2 des Vagabundengcsetzcs - (Betteleil zu einem Monate strengen Arrests, und dieselbe wurde gleich in Hast behalten. Es ' ist höchst anfsallciid,. daß älle Fälle, in welchen das Gespenst des Ritualmordmärchcns hierorts auftaucht, auf Währing zurückivcisen. Jenes Dienstmädchen, welches vor einigen Monaten einem Juden ein Kind zur „rituellen Abschlachtung" angeblich verkaufen wollte, wohnte in Währing und wollte dort durch eine P.rostituirte sowie durch die ' Frau eines Arztes Kcnntiiiß von dem Ritualmordc erhalten haben. Vor wenigen Tagen erst kam cö in Währing zu argen Ansichrci tungcn gegen einen Inden, weil der Mob ihn im Verdachte hatte, er fci ein Kinderränber, und wiederum tauchte in tciufclben Bezirke einer Frauensperson aus, die in vollster Kenntniß von der Unrichtigkeit - ihrer Behauptniigeii den gefährlichen Aberglauben unter daS Volk;it verbreiten suchte. Die Bevölkerung dieses Bezirkes ist im Tiefsten auf . gewühlt und bereits geneigt, das Verschwinden eines jeden di indes regclmäßig mit dem Blntinürchcn in Verbindung zu bringen. Es ist daher Pflicht der Staatsbehörden, an den böswilligen Vcrbrcilern dieies Aberglaubens einmal ein .gehöriges Erempcl zn statnircn, d. h nichi bei den unmittelbaren Thätern stehen zn bleiben, sondern sich auch jener Lumpe zu versichern, welche die Bevölkerung deS Bezirkes,;i> welchem Wcinhans gehört, siistematisch vcrhctzcis und die ->i>or-Uiichen Urheber der in letzter Zeit sich erschrecklich hänsende» Vorfälle nnk-, bei denen der „Ritualmord" sei» Unwesen treibt. - (Ein Beslcchlllllsslicrsllch. - Man schreibt uns: T ie von allen Tagcsbsüttcrn gemeldete straigerichlkichc Verhandlung gegen beu-*'5aft wirth Dominik D an;i ngcr, Fnnfhaus. Felbergasie welcher einen höheren Fnnctionär der österreichischen 3iaalSbahneii zu bestechen vor sucht halte, um dadurch als Omrent bei Verpachtung der Valin restauration bevorzugt in iverden, endete mir der Verurtheilnng des Angeklagten zu einer Geldsträfe "von 2l>0 fl., evcnlnell zu drei Wochen Arrests. Wie wir von glaubwürdiger Seite-erfahren, ist Tanziiiger ein Christlich-Socialer von trübstem Wasser und ein begeisterter An Hänger Luegers. Als dieser erster Vicebnrgermeister wurde, ralgie ei aus Freude darüber seinen toasten zehn Liter'Wein. Am Tage der Auslösung deS t^eiNeinderatlies wettete er um einen Eimer Wein.-daß i im neuen l^eiiici.idcratl-e Lueger mit großer Majorität zimi Bürger - mcister werde gewählt werden. .! iAuS Princip. Vor dem Strafrichter des VezirtsgeiichteS Maua! hilf kam am >> d. M. folgender Fall zur Veihaiidtnng: Pio-nor.. ' Josef Piansuet Brussich Hane seinen Wahnnngsnachbar, .H:ien - Alfred Aliivn, wegen Ehrenbcleidigung geklagt, weil dieser.ihn-.ein.! geringfügigen Ursache weg n mil den Wor-en „lüdi-che Bagag." . beschimpft, halte. Bei der Verhandlung - bekannte sich der .Angetiagic' j für nichtschiildig, er will „nur" jüdische Wirlhichaft ge'ag: haben, i Aps die Anregung deS Richters, ob ein Ausgleich durch Abgabe einer! Ehrenerklärung seitens deS Herrn Amon nicht möglich'wäre, erwiderte - Professor Brnssich: „Ich bin kein Jude und auch nie ein' solcher ge - wesen; nichtsdestoweniger fühle ich mich ge--de durch das Wort, .jiidijäh:' besonders in meiner Ehre verle»i. Tie heutige ^lro m li u g i n W i e n ist leider eine f o l ch e, d a ß e S in o d. -. >L geworden, gewisse S ch i m p s w o r l e durch das A nrihi t. .j üdis ch' zu verstärken, um der B e l c i d i g n-u o, einen noch schärferen Charakter zu verleihen. >i e i u an ständiger Mensch, ob Jude oder Nichtjud-, darr sich derartige I ns ulten, ein traurige-' Zeichen unserer Zeit, ruhig gefallen laiien. daher halle ich es für meine Pflicht, schon aus Princip solchen brutalen A uSlassungcn c n rgegen z u i r»ieu. Ich bestehe an» der Be strafung deS Angcllagten."- Liachdcm noch eine Zeugin den iner-nimirieu Ausdruck bestätigt 'hatte, erkanilte der Richter den Angeklagten für schuldig und verurthcilte ihn zu fünf Gulden t^eld strafe. Beide Parteien meldeten sofort die Berufiing an ' (Tcutschcr Schnlverciu.) Herr S. Heit cisnchl uns um die Publication des nachstehenden, von ihm an den Deulschcn Schnlverein gerichteten Briefes: