Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 167 (16.6.1895)
- Date
- 1895-06-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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reite Freie» Blatt. Nr. 167 her rationoiU'n ‘-M’clfovfdiitttg mit so vielen» Erfolg verwerthct als die nikr-ciie» l^clehttc» Es würde also sicherlich Niemand etwas dagegen t’Li‘-. :i. uv»» eine Eommission von Gelehrten sich dieser schwierigen Viitr.’Jt-f "der Talmndübcrsctzung nnterziehcu wollte. Ja, jeder Freund •ir.il'il'tit würde gern bereit sein, dieses große Werk thatkräftig zu Allein der Staat als solcher hat weder die Pflicht noch bas Recht, sich mit dieser Angelegenheit zu bcfasien. Wir leben heute nicht ini christlichen, sondern im modernen Eulturstaat, der die Religion .::dir bindern, aber auch nicht fördern soll. Die gerechte Parität und di-e volle c^eivisienssreidcit können nur dadurch gewahrt werden, daß der Staat die Religion als Privatsache erklärt und sich um sie gar i'illü velüniinert. Es kann also nicht die Ausgabe einer zielbcwnßtcn ,R'.o,-.-r-ung sein, sich mit den ReligionSbcstnnmungcn oder Ccrcnionien zu beschäftigen, sie;> ink i>ii:nalcn einzelner oder inchrcrer 'Bürger zu beschäftigen, sie zu ern'en und ZN erörtern. Für den Staat und das Gesetz gibt eS eine Inden und Ehristcn, sondern nur gleiche Staatsbürger, denen Ai 'entern eine e:nen- 4tni[. ,-leiinngeii t 1 und c v.u Juden der Gegenwart kein bürgerliches Gesetzbuch,^ Ottcllc der religiösen Bcrtiesung und auch das nur für | Es gibt nicht wenig Juden, die erst aus antisemitischen - Erissenz von Talmud oder Schulchan Aruch erfahren ie sich mit diesen Werken ebensowenig vertraut machen i eie Rob.ing, Eckert, der Gewährsmann des Mechanikers i , und das gante Agiwraiiieneolleginin Was geht also den >e Sache an? Mit demselben Rechte könnten Juden und! en von: Staate die Uebcrsctz'nng und Untersuchung der 1 >kiichenrärer verlangen Ter Staat darf, wen» er das;;r 'BeAe nicht einbüßen will, den nngesitnden Zcitströntunge» ' :one.-s':o::en inachen und muß stets den rechtlichen Stand- ° Es existirt eine ausgezeichnete streng wissenschaftliche Uebersctzung einiger Talmudtraktake im Französischen aus der Feder des verstorbenen Rabinowitsch, aber außer den Fachgelehrten kennt Nieinand die Existenz dieses großangclegtcn Werkes. Wem also soll die lieber sctzung nützen? Vollends absurd wird diese Forderung der Antisemiten durch die Bezeichnung Gcheimlchre. ES gibt fast keine öffentliche wissenschaftliche Bibliothek, in der der Talmud nicht anflicgt, und wer ihn stndircn will und kan», dem ist wahrlich Gelegenheit genug dazu gegeben. Wie sehr gefährlich der Talmud ist, mag am besten daraus hervorgcben. daß er in Rußland unter Aufsicht der strengen kaiserlichen Eemiir fortwährend verlegt wird. Tie Eensorcn, die verpflichtet sind, j-dc Zeile sorgfältig zu lesen, entdecken also weniger Gefährliches im Talinnd als der famose Tcckcrt, der trotz seines ausgeprägten GeschäftSsinn-s sich der Aufgabe nicht unterziehen wollte, zwei Sätze aus dem Tal»,ul für 1000 ft. zu übersetzen. Ist also dieses Verlangen unbillig »ud - Religieus und Gewissensfreiheit garantirt ist. Ter Schulchan j, dessen Erfüllung schwer durchzufllhren, so wäre es dagegen s.h. . >-.ch :ss uit die Fudc» der Gegenwart kein bürgerliches Gesetzbuch,Ä wirksam, wenn der Staat an jeder Universität einen Lehrstuhl f;ir I talmudische Wissenschaften cinrichtcn wollte. Populäre Vorlesungen übe, - das Wesen und die Ethik des Talniud, die einen öffentlichcn-Eharaktet tragen müßten, wären von dieser autoritativen Stelle auö von cm: i »enter Bedeutung. Es werden ja an unseren Hochschule» so viel, i überflüssige Fächer gelehrt, warum soll eS also nicht der Staat als seine Pflicht erachten, auch über die jüdischen Alterthümer, die im i den christlichen Theologen, für den Juristen wie für den Gebildeten ' überhaupt so viel Jntcrcsic haben, das Volk und vor Allem die studi; rcndc Jugend auszuklärcn? Wie fruchtbar diese Thätigkcit werden ' kann, das wird jeder Frcuied der Bildung einschen. Ja, eine wirkliche i Abwehr des Antiseinitismus, d. h. eine Bekämpfung des Aberglaubens! und der Vorurtheilc und eine Aufklärung der Irrenden können wir i uns nur von einer gedeihlichen, gesunden Volksbildung versprechen, und um gute Schüler zu erziele», muß man erst aufgeklärte Lehre, haben. Tie Richter, Geistlichen und Beamten müsicn während ihrer Studienzeit Gelegenheit haben, ein gesundes llrtheil über die jüdische» Lehren zu gewinnen, um daö Volk richtig erziehen zu können. Es würde sich daher empfehlen, da, wo der Staat diese Mittel nicht bewilligen will oder kann, auS privaten Mitteln eine talmudische Toecntnr zu bestreiten. Wir meinen, daß die Juden, die nie gefehlt haben, wo es galt, Wisicnschaft und Bildung zu fördern, gerne bereit sei» werden, ein solches Werk mit Rath und That zu unterstützen. Ilebrigcns beweist die eonscrvative Partei in' Teutschland immer mehr, daß sie sich in nichts von der antisemitischen unterscheidet. Sogar die edle.Sprache der Radanhclden hat sich das conservatirc Ecntralorgan zu eigen gemacht. Was soll sonst der geschmacklose Ausdruck „Judenschützer" bedeuten? Daß eS keine Schutzjude» mehr int Reiche gibt, so viel Kcnnlniß von der Reichsvcrfaffung darf man dock wohl bei einem politisch sein wollenden Blatte voraussetze» Tie Juden sind wie die Bekenner des anderen Glaubens vollberechtigte Bürger und bedürfen keines besondere» Schutzes. Wer gegen die Aus schrcitunge» dcS Antisemitismus kämpft, der schützt Nicht die Inden, sondern die Ehre des Vaterlandes, das allgemeine Wohl, den Grund Pfeiler einer jeden ehrlichen Politik, die Cultnr und die Moral. Tas ist wahrlich eine Aufgabe, würdig eines jeden edlen Bürgers und eines jeden einsichtsvollen Politikers. Wer für würdige Ideale cintrilr. ist Optimist. Wir verzagen daher auch in ernster Zeit nicht und lassen nnS den Glauben an das Gute und Edle int Menschen nicht rauben Tie Geschichte hat gar manche.finstere Periode aufzuwcisen, und das Recht und die Wahrheit waren sehr oft in der Minorität, lltti dockx war dieser Glaube an die Macht des Idealismus stets die ein zigc Stütze der Edelsten aller Zeiten und aller Völker. Wir warten also, bis die Vernunft über die geistige Verirrung, die Liebe über den Haß siegen wird. Pulliiw. auch der Staat an die Lösung dieser gewaltigen . i .i .'i.: >'o würde er bald vor den großen Hindernissen, d.m Wege »ofort zeigen, zurückschreckem Tie Sache ist ..ui't und ciniack, wie die genialen Antisciniten sich O '.ss.-.irität denken. Vor Allem dürft; cs schwer fallen, . Gelehrten für diele Ucbersctzung ZN finden. TaS Stpdinm -..i.i'.id iinter den Ehrissen iss nicht imuier modern gewesen, und lusnalime ss^icklin's wird man in den vorigen Jahrhunderten ..n,n Ehrissen anfweiscn können, der sich ernstlich mit dem! .-'aßt l at Tiese Forschung, in der sich christliche Theologen .. S.mit Erfolg versucht haben, ist also blutjung für. chti.-.den, und die meisten Forscher ans diesem Gebiete sind .. ton Inden. Mau wird hier al>'o beim besten Willen ohne -'-.it! -.ie i-.ichr gut fertig werden. Tas wäre aber doch kaum . . de Aiitisemite». lind aiigeilcinincii, Strack, Röldccke und elnissliche Talniudkenncr würden allein, ohne Hilfe der , d..'e Ande zn löi'en rerssich-'», würden die Antisemiten sich i.d.ii Rein, sc lange man nicht-dic Rohling, Teckert, N" von i'.-Ni i.-n ' n..-- iii d ittir ignoranten und Eharlatane alle heißen möge», mit l'T..utt, io lange werde» unsere Raccnwissenschastlcr - gen. ll.lcthaupt ist es für Jeden, der auch ainr eine i-.i.on a rnd Hebraiea bat, klar, daß eine gelungene - Talmud oder Schulchan Arnch wohl eine Bereicherung : und eine Erleickternng für den Fachgelehrten bc- .A..r niemars den Zweck haben wird und kann, den i oder gar dei> i'iann ans dem Volke in diese schwierige v,-'übten Tic Schivierigkcit. des Verständnisses liegt er Srrache, sondern im Inhalt, und der Laie wird sich Werken über den Talmud und mit guten Auszügen; müssen. Will maiz den Talmud wissenschaftlich erfassen, so . :. r.t zuerst’viele Vorstudien machen. Man muß erst die Zeit Aih r.e Entssehung dieses imvosantcn Sammelwerkes bcs.o : rr t has allein setzt schon ein langes Studium voraus. Sv Tcnt'ck.- übersetzter Talmud würde für den Laien ebenso wie d :;S.r .t .ii! Buch mit sieben Siegeln sein. Man denke sich das .:v ins Tennchc übertragen, würde der Richtjurist etwas v i :.tss.h.-n? Rein, er muß erst in diese Anschauung cingcführt .. muß 'erst iuristisch denken lernen, und talmudisches Tenken - u..» 'chw'.ertger als juristisches. Jeder, der sich mit einer Wiffen- - k..-i. Aissliw befaßt bat, weiß wohl, daß der gewöhnliche gesunde VI -.iViou;-.ftii.u allein nicht iiitutuauSreicht, daß man schließlich sür ' Wi'':n'chaft .ine besondere Reizung und besondere Schulung haben uTer -.Naturforscher sseht die Lcatur mit anderen Angen an als . e '.in das Auge u:uß erst geschult werden, um die Geheimnisic . r .'.'.it:;; trahrzunehmen. Ter Laie wird ein nicht volkSthümlich gei.-. i.ies Lehrbuch der Plmsik, der Physiologie und der Chemie ichl.cht rersteh-en, wenn cs auch in seiner Muttersprache abgefaßt ist. Der 2lntisemitislnus in Frankreich. Ans Anlaß der neulich in der französischen Kammer stattgchabten Antisemitendebatte schreibt der „Vorwärts", das leitende Organ der deutschen Social-Demokratic: „Der Antisemitismus ist in Frankreich nur eine Spielart des christlichen Socialismus. Während Priester und Mitglieder der katholischen Zirkel den Arbeitern sich aufdrängcn wie die Ohrwürmer, um sie vor den Socialisten zu retten, von denen sick ausgcbeutet und ins Verderben gelockt werden, empfehlen sich die Antisemiten mit .jüdischer' Reclamekunst als die Vertheidiger der guten Fabrikanten und Grundbesitzer, der ehrlichen Kaufleute und Finanzmänner gegen die bösen Juden, die diese armen Schäflein schecre» und auSbeuten, gerade wie' diese Schäflein ihre Arbeiter ausbeutcn