Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 167 (16.6.1895)
- Date
- 1895-06-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Freies Blatt AbonnknirnlSpreis. fttlt Qrflerrriq-Nngarn: - (litirig.. 5 Kronen (fl. 2.50, •-..»iJlijrij. ..* «rontii '.fl. 1.50) a»r da» gefammle Ausland: ■ihrig.6 Mark .y i;abria .3 Mark 50 Pf. >/>n,el»e Nummern «> kr. u»naukirle Briefe werden nichl angenommc». Organ zur Abwehr des ^lutisemitismus Erschriiit an jedem Sonntage. Rcüaction und '.'ld»iiuisir<nioii: I. Lcilerstiittc In. Infernle Iverden mit so Heller' l" Ir.) 11: _ ' ■ vier mal gefpallene-Nonpar-Uietcile t.ercu,ikt. Kleiner A»,eiger da» Won 4 Heller (2 kr.>. ^ummIihk von Inferalen in unierer Ädminislraiidn 'fowie im Slnnoncendureau SK. T uke». I. CgoIijctLc Nummer 107. Wien, 10. Juni 1895. IV. Jahrgang. Zur gefälligen Beachtung! Wir crsnchcn diejenigen unserer I'. T. '.HüoiuiciUcii, welche mu1i einem Sommeranscnthalt iiücrficbclu, n»s die Avrcsjcn iiiidelilttg cüellens anznzcigtii, damit in der ^»itiidniig des „Fmcn Blattes" keine Unterdrechnng cintritt. Hochachtend die ÄdPinillratio» des ..dreien?.'.kattes". Pic ftaatlicbe pri’ifima der jüdischen „Geheimlehre". (Zli'chrifk n» da«! „Freie Blau".)!!uiu, t.'.;wini. W«m durch bic moderne Begriffsverwirrung auf polikischeni und giNligem On-mm der Blick für die Erscheinungen der Zeit »och nicht ganz gctlübt ist. der wird zugcbcn müssen, daß die Antisemiten aller Schailirungcn diS heute in den Parlamenten sich wenig Lorbeeren geboli haben/ Seitdem wir constitutionelle Regierungen haben, hat cS noch nie eine politische Partei gegeben, die für die Gesetzgebung und d:e Verwaltung — sei cS in positivem oder negativem Sinne — tli.cu so geringe» Factor gebildet hat wie diese Antisemiten, die sich in ihrer. Bescheidenheit die Partei der Zukunft nennen, Heie sollte co apch anders sein? Eine Partei, deren Führer die sittliche Verkomme» b!! »nd deren Wähler die geistige Bcrlrrnng unserer Zeit repräsenm.ii, kann für keine Negierung, die ans Ordnung und Litte Gewicht -egt, irgend welche Bedeutung erlangen. 8c lange ein Staat durch B > nuns.l und Recht und nicht durch thicrischc Jnstinete und rohe Veidenschastcn geleitet wird, so lange wird jeder einsichtsvolle Staatsniann auf den Rath und die Hilfe der Antisemiten verzichten. Das Eine, waS die Anhänger dcS ethischen Systems „Inden heraus hl' in den Parlamenten Deutschlands und 5Tcftevvcid) Ungarns erreicht haben, in die traurige Errungenschaft, daß die Jndendcbattcn zu einer chroui'chen Krankheit geworden sind, die nichl wenig dazu beitragen, das Aliiehcn der Polksvcrtrclung hcrabzuwürdigen und den vornehm beulenden Männern die Beschäftigung mit der Politik völlig zu verleide». Aber die stürmischen Herren Weltverbesserer habest ja mit so vielem Aufwand von Kosten, Phrase» und Unverfrorenheiten Mandate erobert und sie halte» sich für verpflichtet, »ach all den gemachten Beriprechongen dem Bolle zu zeige», daß sie eristircn und über daS Wohl dcS Vaterlandes wachen. Es 'gibt daher gar feine Gelegenheit, i ’ der die Führer der modernen Bcwcgnng nicht daS Wort ergreifen, .riinere und äußere Politik, Militarismus, Zoll- und Stcuerangclcgenbciien, AllcS dringen sie mit der schrecklichen, brennenden Frage aller .nage», mit der sogenannten Judcnfrage, in Verbindung und sagen ihr altcö Sprüchlein in allen Tonarten auf. Dbjcctivität und d'ogik sind fremde Tinge, die ein richtiger Antisemit verachten muß, denn i weniger man sich von den heiklen Thätsachcn beirren läßt, desto vaihctischcr und ungcnirtcr, desto interessanter und urwüchsiger spricht man. Ja, spreche», kühn und laut sprechen, das ist die Hauptsache, «fehlt cs an jeglicher Gelegenheit, zu sprechen, so muß man sic eben a» den Haaren herbcizichen, so muß man Petitionen cinrcichcn und Anträge stellen, und mögen sic noch so absurd^ sein, möge ihre Undnrchsührdarkeit einem Blinden einlenchten —'was thnk cs? .'Juni kan» dabei von der wirtungsvollen ^Rednertribüne des Relch-.-m,: aus zniji Volle sprechen und für das antisemitische Geschäft :!>' >. machen. - .lediglich von diesem Slandpnnlte ans ist es.zu begreifen, 'a,, ■ anöerwählicn Antisemiten im deutschen Reichstage auch dieics Petition wiederhollen, der Staat möchle den aaliuud llberiev.u' w-, untersuchen lassen. Aber das Schlckfal der . Petition war auch ei - . daS denkbar traurigste. Trotz aller Anstrengung d e Straßen- ' Salonantisemiten, des Pöbels in Vnmpen und Seide, ist -nefes in.:.' (besuch »ielft einmal der BKraihnng im Plenum gewürdigt u ■ r«. Es wurde in der Eommissivn begraben, und Niemand weuue ibm «ne Thränc nach. Mertwürdig ist es, daß auch die voruebmen Eoni ... live» diesmal im Ehore der Antisemiten mitwirkien, um den brüder», bereu Hilfe man bei den 'Wahlen oft nicht, emd.hien gefällig zil'sein Tie „Eonservalive Eorruspondenz", die im sensalm,««cün AntlscuiitiömuS die einzige Würze sieht, um ihre chrngweilige» Sp-eu..'. etwas pikanter zu gestalten, beeilte sieh schon vor «iuigen Woch.» folgende cvenfo seine acs gelstrcichc Bemcrtungs'zu machen: „ T ' : Verlangen gegenüber dürften sich, so sollte mau inciueu, die «,» und Jndenschützcr - nichl ablehnend verhalten. Wäre das Bach io harmlos, wie die Juden es schildern, oder würde cs thaifa-jücl, .. dem llntcrrichte dW israelitiichen Jugend gar nicht mehr, benützt. c halte cs doch k«iucn Sinn, wenn sieh die Rabbiner gegen eine aullna nschc llebersetzung sträuben wollten. Allein man hat schon^die cn'taiu liche Wahrnehmung machen müssen, daß die.Inden selber, s'äacd mau sic nach einer deutschen Ausgabe des Schulchan Aruch fragi„- linder Ausrede antlvorlen, die Juden verständen das Buch auch in ' a Ursprache, eine deutsche Ausgabe fei nnnöthicz. Solclfeu Verdnntlnn-.s beftrebungcn gegenüber ist cs ilolhwendig, in antlientischcr Form di larheil zu schassen,, und 'das Reich, kann um so weniger Bedeuten na. ,n, in dieser Frage thatlräftig cinzugreiien, als die liberale.Regievnua : Großhcrzogthum« Baden schon vor längerer Zeit gegen die Verlvendnn - deS Schulchan Arnch als Lehrbuch cingcschritlcn ist." Trotz der apodiciischen Sicherheit, .mit der das con'-ervalive E«»!: - organ zn schreiben beliebt, bleibt die Sache doch eine — Al l.r-., r; Behauptung, oder um österreichisch zu sprechen, eine Teckcrl'sche Win heit. Wir haben bis jetzt keine einzige Stimme wahrnehnten täun die sich gegen eine wissenschaftliche, objeelive Uebevsetziing - s Sehiuchan Aruch, dcS Talmud oder des hebräischen Schrinihams stb.'chauvl erhoben hülle. Wir meinen^ die Inden tonnten n,u vom Herzen wünschen, daß die berufenen Männer der Wiiseuichasr sich mir ilner Sittcnlchrc und ihrer Literatur befassen, denn durch-'nichts tonnten die an Wahnwitz grenzenden Bchauptnngc» der Hetzapostel über Inden und Judcnthnm so leicht zerstört iverden als durch die wissenschaftliche Aufklärung. Was jeder Gebildete vom Herzen bedauern muß, das ist,, daß die sogenannte Judensrage in, den Tnusttrcis der rohen beiden schäften hinabgcsunkcn' ist, daß das künstlich verhetzte Volk mehr ckns die wilden Jnstinctc ' als auf die Stimme der Vernunft hört. Ticgebildeten Inden haben mit Freuden die Forschungen der christlichen Gelehrten ans talmudischem Gebiete begriißt, weil sie sich davon nicht allein einen wissenschaftlichen Fortschritt, sondern auch eine Klärung der Meinungen und eine Versöhnung der-Gegensätze versprachen. Sie haben cs dankbaren «Herzens anerkannt, daß die christlichen-Theologen die ersten waren, die xinc wisicnschastlichc Exegese des hebräischen Schristlhumö geschaffen haben, und Riemand hat diese Errungenschaften