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Freies Blatt · 1895-06-09 · 166 (9.6.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
166 (9.6.1895)
Date
1895-06-09
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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ZTt. 166. Freier (Rothschilds Eintritt in das englische Parlament.) Ueber die historisch bedeutsame Scene der Aufnahme Rothschild'- i» das englische Parlament am 5. August 1858 schreibt ein Augenzeuge: Im Saale herrschte «ne feierliche Still«, die nur bei außerordentlichen Veranlassungen das gewöhnliche Geräusch und Durcheinander zu ersetzen pflegt. Auf den Gesichtern ruhte ein Ernst, der keinen Zweifel dar-' über ließ, daß ein großes Princip zur Berhandlung und Entscheidung komme. Und als Vord John Ruffel, der ausdauerndste Vertreter jüdischer Gleichstellung, den Antrag befürwortete, daß fortan Juden mit Weglassung der Worte „auf de» wahre» Glaube» eines Ehristcn" in der Eidesformel als Mitglieder dcS Unterhauses zugelaffc» werden iolleu, entspann sich eine kurze, aber höchst charakteristische Debatte, deren würdevoller Ton der Gelegenheit völlig, entsprach. Sie war ei» gedrängtes Resume der hauptsächlichsten Ansichten, die während eeS elfjährigen K/unpfcS von beiden Seiten angebracht worden waren. 3i« faßte in ein leicht übcrschauliches Bild und in eine» abschließenden , Rahmen die mannigfaltigen und zerstreuten Einzelheiten der frühere» bewegte» Bcrsamnilungcn. Die Opposition hatte der Anzahl »ach daS Uebcrgcwicht der Sprecher. Mit einem richtigen Takte und im Geiste echter Toleranz vergönnten es die liberalen, die dcS praktischen Er- . iollses nun sicher waren, ihre» Gegner», »och einmal entschieden ihre o'cünmmg anSzusprcchcn und gleichsam zu Protokoll zn geben. War es biesen zu verargen, weirn sic zun» lctztcnmale, „aber mehr in jkumincr, als in Acrger" den «Fall dcS „zwölfhuitdertjährigen britischen EhristcntbimiS" betrauerten und ihre» Protest gegen einen Schritt einlegte», rer »ach ihrer redlichen Ucbcrzcugung „Unheil über den Staat bringen müßte"? Aber kein 'Wort der Herabsetzung gegen die Juden ließen sic ialle», ja sic wetteiferte» förmlich in Lobreden über ihre geistigen und moralische» Eigenschaft«^, sic sprachen mit Begeisterung von dem ..interessanten Stamme, dem die Welt so Großes verdankte", nnd vor .'t!L'»i verweilten sie mit fast heftigem Nachdrucke auf de» Tugenden .des Mannes, dcffe» Zulaffnng das Haus so lange beschäftigt halte. Sie ivolltcii sich auf jede Weise von dem Borwnrfc persönlicher Anti paihien rein erhallen, sic wollten ihre» Widerstand auf ihre Ueber zengiingen und Grundsätze allein zurückgeführt sehe». T'ainit aber auch?-e srcisiiinigc Mcinnng einen Ausdruck fände, irahm der greife fror, er berühmte unitarische Prediger, das Wort und erklärte in wenigen! ringen Sätzen sein Entzücken darüber, daß er de» glückliche» Auge»' blick erlebt habe, einen neuen Triumph der Ausklärnug zu selten, nnd : ei unter lebhaftem Beifall des HauieS ans': Es iei ninnöglich, gegen völlige Gleichstellung der Inden vom Standpilnkic der Retigious .c'ckiichie etwas cinzuwcnden, denn di; Moral des neuen Testamentes 'ei ans der Moral des alten entlehnt. Tic Abstimniiing erfolgte Bon erd John Ruffel nnd John A. Smilh cingefülirr, „nahte sich Barpn 'cothichild dein Tische des Hauses, er sprach die gewöhnliche Eides '.mild mit Ansnahmc der Schlußworte, küßte die hebräische Bibel .::it bedecktem Haupte, ünd nach der üblich'» Reverenz vor dem Sprecher d>'S Hau'cs, der ihm herzlich die. Hand drückte, nahui cr tuen Sitz neben Job» Ruffel und Roebuck ans der libeialen Seile ."T itaniincr. Und damit cr gleich ansangs sein, Unabhüngigleil wie > ine Gesinnung bewähre, gab cr bei der ersten Abstimmung icm Bolnui gegen den Antrag, der cS Parlainenlscandidaien 'gestaltet, .vage» für die Wähler zn bezahlen. Eines Studiums werlh war wahrenh dieser Scene das bleiche Antlitz TiSracli's, daS seine Ab iianinlung deutlich genug vcrräth. Stolz ans die Rase, der cr cnltproffe» ist, und überzeugt von der großen''Zukunft, die ilir noch ocrorsteht, dürfte cr sich des Bewußtseins freuen, zn einem neuen Siege derselben bcigelragcn zu haben Ailtisciu im Eouflictr mit den 3trnfncicncn.Redactenr ines antlieiniliichen Blättchens „Ve Eoninierce', 'Brun, wurde :ve gell Schwindelei nnd Fültchnng von U n r c ri chr i s l-e n in Toulouse verhaftet. Die Antisemiten aller Vättper.find sich voll ioiumen gleich. Graf Mnrawjkw-biarskij nbrr vir Vage der Zudrn i» stliiß lailü.) Ans Peters b n r g wird uns geschrieben : Tic Behauptnngeu der hiesigen Judenfeinde, daß die Juden in Rußland in ReichUm», schwelgen, stnd schon dcS Oeftereil von conipctcntcr Scite widerlegt worden. Tic besten Männer in Rußland haben anch schon wiederholt ihre Stimme gegen die Judenverfolgungen erhoben Bon hohem Werthc ist icdoch ein Urtheil, daS der Eroberer von Siars, der chemal ge Statthalter im KaukasnS, Graf MnratvjcwÜarSkij, über die ökonomische Vage und über die Berfolgung der russischen Juden fällt. Dieses Unheil ist in de» Memoiren des Grafe» zu lese», welche das jüngste Heft der in Moskau erscheinenden Monatsschrift „Russkij Archiv" verössentlicht. Graf Murawjcw Äarskij durchreiste daS jüdische Riedcrlaffungsgebict nnd hatte Gelegenheit genug, die Zustände daselbst persönlich kennen zu lernen. Er schreibt darüber Folgende«: „Wir durchreisten das Blatt. Veite 7. Gouvernement WitebSk, wo ich nach langer Zeit die jüdischen Städtchen wiedersah. Ich fand sie dem Verfalle prciSgcgebcn in Folge der Maßnahmen, welche man gegen die Juden ergriffe» halle. Acußcrfte Roih, Armuth und Elend verfolgen allerortc» dieses unglückliche Bolt, nnd ich kann mir durch nichts - erkläre», warum mandie Judenschast solchen Bcrfolgnngcn anSsctzt,. die doch der Einbürgerung von Industrie selbstverständlich nicht nützen." Und Gras- Murawjerv Uarskij war ein Ratio»al-Russe, der mit dem von den Antisemiten angesein beten Vibcralismns nichts gemein hatte. Er war eben ein moralischer' Mensch, und als solcher konnte er selbstredend nicht den wahren Sachverhalt entstellen. ' <Tic Zlldkll in Finnland.' Man schreibt »IIS ans Helft ngforS vom l. d. M : Im Monate März wäre» wir i» der Vage, den Vesern des „Freien Blattes" mitthcilcn zu könne», daß dcS sinn» ländische Senat einen Gesetzentivurff ansgcarbeitet hat, wonach den Juden im Großfürstenihnm: alle Rechte verliehe» werde» sollen,.welche die sinnläudischc Bersaffung ansländischcn Ehristcn zusichert. Obzwar die Ecntralrcgierung in Petersburg diesem Projecte Opposition machte,' gelang es, wie die heute erschienenen Blätter uicldcn. dem »iirnländi'cherr Senate, den Sieg über die antijüdische» Strömungen der Petersburger Regierung davönzutragen und seinem Entwürfe Gesetzeskraft zn verschaffen. Die osficicllc Pnblication dcS Gesetzes erfolgt, in den nächsten^ Tage». Die Jude» in Finnland haben also nnnmchr das nnbcsch.änltd 'Ricderlaffungsrecht sowie das Recht zuin Ankäufe von Immobilie» in den Städten und von Grund und Boden auf dem flachen Vande nnd sind i» der Wahl ihres Erwerbes durch nichts beschränkt. Um jedoch die Assimilation der Juden mit der christlichen Bevölkerung wnt'im zn fördern, hat der sinnläudischc Senat gleichzeitig Mischehen zwischen. . "Juden nnd Ehriste» sür zulässig crtlüri. Tie fiiinländischen Blätter ' sind voll des V.obeS über die Weislieit und die Hnmaimäk, .mit welchen der Senat die Vösung der „Jndenfrage" vollzogen hat, und sprechen die Hoffnung aus, daß cr mit der Zeit die völlige Eman.ipatio» der Inden im Großsnrstenihum durchführen werde lEiil filiirischcr Wnrdcnlriistcr über düs ^luniiärdicti. g» schreibt uns: Tie jüngste Rumincr dcS „Freien Blattes " brachte einen von uns ans dem Ruisischrn ins Tcntsche'übersetzten Utas des Ezars Alerander l. ans dem Jahre 1817 über 'das Bluimärchen, in welchem dieser russische Herrscher die Beschuldigung der Inden wegen Er . ' mordnng von Ehristenkindcrn zu rilucllen Zwecke» nnlcriagle. Wie 'heutzutage, ein sibirischer Würdenträger iilwr das Blukmärche» »'.ibeilt, das geht ans ciiier sinndgebnng hervor, welche der t^enerat t^onvernem von S ein ip a l a l i n s k am Borabendr des abaelanfenen Paffahsestes in de» Straßen der Stadt placalire» ließ. Anlaß dazu gab das in der Stadt verbreitete Gerücht, daß ein im Tecenel-er vorigen Jahres ans Semipalatinsk spurlos verschwundener Eltnstcnliiabe von de>T dnitigc» Inden zu rituellen Zwecken ermordet woiden wäre. T:e'e >inndgcbn»g lautet wörtlich: Ich i'abe in E»'a!»-»»tg g-bracht, tan niner d,.' Beoö.!- cano. '!:: o!>>erü.l'-!e verbr-«et neiden, als ob de, im Teoemler >-:! r :'.! ,oa»d'".:e >I»gbe Wladimir pazinzew von den Jade» cvl'Khel n>o-.: >>:. in» o bliii z» ge,»innen, welches, ivie : nwiss.-iiLe 7em>- gtmi-.'i, wolt-'n. die angeblich zn rituellen .-zweckenbe»ctb':>'.en. To, >!::al-o pro .'.brr ::>. gangst gestmdeii wo,den. und eine strenge Unter'»»>!».', d-c vei.l.e .',»>t> A welche in «Gegenwart des Staaisauwaltes. der Unter' > t::i> ' e„ > lR'ichworne» andein Bolle vc:>',e„o»»ne», p-N!rat erg-'ben. .üindeöleiche ab'vlul kein Jeichcn auiwe,», tvetches aa> erne B ' '. :>> deine,, tönme. Ich bitte die Bevdlternng, de» A.ibr.'Ncr» ob.-näl a lg r . tSerüchie keine» t'>la»ben zu Maule»: zngieiw i.'-ge , , '! daß die Be.breiter der l'Vvii.t;,' iosuio Jene, »'>!,!' ,e d '. . b'gea auSstoßen. von mir-der ge-etzstche» stra'e »-rree« r-a.: , :: ' . Jemand wagen, gegen die ^ud>» i'.geur welche e:-7 'ü Iverde > iä> datnl'ch in tie «chwere und 'äußer>, uver'rv.-c-'.-t.» { werden, die strengsten Maßuabine» zur Uitterdtinlu: a : ls,!!t,.: zn erg - Ich bone Pive»sichtlich, daß »liier der B.-rolteviin.z f'ch. -o .Aen'che,, siadeil werde», welche d,e Unn ipeiidei: und d>», t.»t ,',.'!ku' Schenteiideil j»'1 Berimiiii bniige» »>e de». ' Ter '.bi',lllargonveruur >->eiieraanaior .'t a r'v o :v-! Aus cjiiem Berichte über das Ber'chwiiiten des in der und gcbung des Generalmajors aiarpow genannten Wladimir Valinzew gehl hervor, daß der äinabc in einer stnrmvollen .Rächt bei' Schn'ceg-.ueber und eisiger -Uälte Semipalatinsk verli.ß. um das i»' einer Enisernuiig von zehn Werst von der Stadl liegende Ellcruhans auszii'nckien. Ter .stnabe verirrte sich und fiel schlicßlrck, dem Froste z»>» Opi'r. T eckerk kann froh sein, daß sein Pfarriprcngel »,ck,l im Berwalln»gsgeb:ete des Etenerals ät'arpow liegt.

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