Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 166 (9.6.1895)
- Date
- 1895-06-09
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 86% known words query
- IRI
…/4886575-5439167-5441635--2022-4888433- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
.freies Blatt. Nr. 16«;. Seite 6 - Pfarrkirche in Verbindung: die Teckcrt'sche i!ehre vom jüdischen „Ritualmordc" findet offenbar bei einem Theile der Währingcr Frauenwelt einen sehr fruchtbaren Boden. lAlltlsemitislNllS dkx Thal.) Bor inehreren Wochen spielten sich u, M ar i a - E »; e rs dorf im Gasthofe des Ignaz Kästner in Folge eines beim Kartenspiele entbrannten Streites antisemitische tirceiie idiliniitifter Sorte ab. Hiebei wurde der Agent Josef Bosch als angeblicher „Judenknccht" von dem Fuhrwerksbesitzer und antisemitischen Rädelsführer Franz Moser, dem Reffen des Bürgermeisters von Maria En;eisdorf/s ch w er verletzt, indem ihm das R a > e n b e i n gebrochen wurde, lieber die von 3ofef' Bosch erstattete Strafanzeige wurde bei der hierüber vor dem Erkenntnißgenchte angeordneten Haupkverhandlung am letzten Mai Franz Moser in Gemäßheit der Anzeige wegen des Verbrechens der schweren körperlichen Beschädigung zu einem Monat KerkerS, verschärft d >l r ch eine n F a st t a g, verurtheilt. 3ttl0II wieder kein ZltSc.) Bas Korneuburger Kreisgericht verfolgt steckbrieflich den 37jährigen Ordenspriester Peter Eizek (1\ Bonaveuiura, zu St. Magdalena in Steiermark geboren, der beschuldigt erscheint, in Aivarn a.A>. Zana daS Verbrechen der vstothzucht und der Verführung zur Unzucht begangen zu haben. Oi',ef, dem der kleine Finger an der rechten Hand fehlt, hat sich zu Anfang des Monates Mai in Eivitklcidern geflüchtet. Was mag wohl dazu der sittenstrenge Steiuwender sagen? ..Tic lentc Ausweisung der Juden aus Böhmen unter Maria Jlicrclill [1744 174>s." Unter dieser Ausschrfft veröffentlicht Herr Sr I 'S. Scherer in der „Bohemia" Rr. 134 einen übersichtlich ael'.tiienen ilitpap über die Leidensgeschichte der Juden im Allgemeinen uns insbesondere in den Jahren 1744—1748. Tie Juden waren n un ich tee> Eiurerständiiist'es mit den Feinden der'Kaiserin beschuldigt iveit ‘ Znm Beweise hierin wurde angeführt, die Juden hätten mit!.'>««««« S ueaien die Gunst Friedrichs II. erkauft, weshalb weder die Indeustadt beichonen wurde, noch die Juden zur Schanzarbeik und Anderem berangetogen ivorden seien; es wurde namentlich daraus bin- .z.nwe'e::. dost bei dem Blinkte 2 der Eavilulalionsbedinguiigan des er:;: ::eiireite;r «Generals «traten Harsch vom 13. September 1744, wonach der Adel, die 'Geistlichkeit, die Prager Städte und die Universität e men. Freiheiten und Prärogativen zu belassen seien, von preußischer S :: l'ttnuge'iigt worden sei: „Aceordiri inclusive der Iudcustadt." Sn Seite: er tbin in streng sachlicher W-iie die (ffrundlosigkeit und;I.!\i'.;I\t. leer die».», gegen die Juden erltat'eneu Vorwurfes dar und lnnrff an seine streng, wiffenichastlichen Belege folgende Bemerkung: . S^iniedeibolt sich hier a!''o die in der tffeichichte der Inden so oft '.'omnicnde Unbilligkeit: die Schuld Etuzelner wurde generali»« und d.is Vergeben Ein-ger die ««e'amuitbeit verantwortlich gemacht, schnnt, als baue Maria Sberesta, den Juden nie besonders ger. g: und im iudenteitidlick-'n Sinne in'onnirk. außerdem mit Recht e. 1 ■*: -t t : di die traurigen Eliabruilgeii, die sie während der bayrischen O. u:ra:.w'n.' >.n Böbut-'n gemacht baue, wo zur Zeilder Anwesenheit i o El ii-.s.irsten Eenl Albert von Bayern rer Prager Erzbikchot <s-raf. M -r'er'ch.id Blaut nstein. die voriiebinsten Mitglieder des Elerns und r ersten Al le- und Bürgerfainilien wetteiferten, die (d-inst ' >•? iipatsrs- .nu’iitt:e::. du ich die Paiischalbestrasung der r:r. an.- ibt «Ägner ein Eremr l stakuircn wollen" Tasn - .:: I^.-'Seeeinb r 1744 lautete, daß die'Kaiserin „aus .. : str.-w.-g- .-den höchst lr.rt'.geit Utiachen" den Entschluß ge. ' s: . .1 . t tß k.:.i'':!,:lt!n kein Jude mehr in dem Erbkönigreiche B-l i.t : -n e-i >'::1- ' K I;;4nr '.licidisrntliscrraijujalil in Olinuu-Proßiiili Teulsdi-Brovek.) .’‘ <' ’ lt'. I.'l n:-s aus C! IN ü S : Tas Triuniphgeschrei der tschechische 1 r iü.,r d-n in Aussicht steh nd n Sieg bei der bevorstcheilden T.:*:»*.-*.'vuumwoIu icli--!!tl dennoch etwas verfrüht erhoben Ivorden : s-n, ir. i? der orfentn.ndt.qen Tdatkache, käst Jung- und Ältt'chechen -i Eintracht mit einem Shell der.Eleriealen und d?.n Häutlein - .ii-.lt war- -nalcr Ai>t:''eini:--n.;::>aiu.nen;u>r,-lten. beschlossen haben, um '.r nach Sr. August We-bcr's Tod erlekigten Rcichsrathsfitzs zu or- S - »lerlwürdigen Eoalirle» rechneten in ihrem stolzen Bell bi ' rr-r Alt in darauf, daß deutscherseits kein entsprechender.Ean- "dat .-.'.i'g'st tir 11' - r ii und die notorische Lässigkeit und Zerfahrenheit d .:" eli; 11 .Uteii-- eit: egünstige Hand Hab.- Meten würde, diese wichtige P. '.r . . -,u rlaugen. et-o ist-geradezu komisch, welcher Mittel man sich l:d um für ree. nchechncherkeffr rot geschlagene» Eandidate» Realem zu machen Ein ganzes Heer von Agenten, darunter manche al l: -ar:'ch- Eristenten, bereist mit wohlgei'pickter Börse die Wahlstädte und -.v:rd nicht .müde, Stimmen zu werben Selbstverständlich ist es ,» erster Vinte Seireiuf .abgesehen, die sonst den Jung- und Älttschcchcn >r:e Eiertealen re: baßn Juden, zu .gewinnen. .Drohungen, .Versprechungen und ähnliche allerliebste Mittelchen werden angewandt, um „Judenstimmen" zu gewinnen. Die tschechischen Führer gaben sich der sicheren Erwartung hin, daß wenigstens in Proßnitz die Praktiken, die so trefflich bei den Gemeindewahlen functivnirten, sich neuerdings' anwenden ließen. Bekanntlich wurden bei den letzten Gemeindcwahlc» in Proßnitz in Folge des ungeheuerlichen Terrorismus, den man gegenüber der jüdischen Wählerschaft auSübte, viele jüdische Wähler derart eingeschüchtert, daß sie sich um des lieben Friedens willen der Wahl enthielten. Diesmal scheinen sich aber die Herren Tschechen verrechnet zu haben. Ich habe Ihnen bereits mitgetheilt, daß in dem Falle, als der bei Freund und Feind hochgeehrte Bürgermeister von Olmütz, Josef Edler v. Engel, candidirt, das Rcichsrathsmandat für die deutsch-liberale Partei vollkommen gesichert sei. Herr Bürgermeister p. Engel hat sich nun bereit erklärt, sich um daS erledigte Reichsrathsmandat zu bewerben. - Tie antisemitische Coalition war auf diese Eandidatu^ nicht vorbereitet, und schon werden tschechischerseits Stimmen laut, welche die Frage erörtern, ob cs für die Tschechen nicht ersprießlicher wäre, sich der Wahl ganz zu enthalten. Den antisemitischeii Schalmc'itönen ist jedoch nicht zu trauen! An die Deutschen der Städte Olmütz, Proßnitz und Deutsch-Brodek ergehe daher die ernste Mahnung, sich nicht in eine gefahrvolle Sicherheit lullen zu lassen und mit allen erlaubten Mitteln sich zur gerechten Abwehr wider einen heimtückischen Feind zu rüsten. Alle, welche deutsch und freisinnig fühlen und denken, mögest bei der Wahl auch zeigen, daß siedentsch und freisinnig Handel» und deiil Manne die Stimme geben, der durch volle 25 Jahre an fbcr Spitze der königlichen Landeshauptstadt Olmütz stand und sich durch lein wahrhaft deutsches, freisinniges Wese», seine Thatkraft, Milde, Umsicht und Gerechtigkeit die allscitiqc Hocktachtung seiner Mitbürger erworben hat lAn Die germanischen Futharker. > In einem Briese, den der Vater Ludwig Feuerbach's, der berühmte Strasrechtslchrcr Anselm v. Feucrbach, am 34 October 1813 von Bamberg aus an Ticdgc und Elise v. d. Recke schrieb, sindet sich folgende, ganz auf unsere antisemilisch-qermanischcn Schmöcke passende Stelle: „Schon bi» zch," schreibt Fenerbach, „ganz mit den Vorbereitungen zu dem letzten entscheidenden Schritte beschäftigt: mcinc wichtigsten Papiere werden in Ordnung und Sicherheit gebracht, »nd nach einigen Wochen reise ich unter schicklichem Vorwände nach München, um dort einige wichnge Geldsachen zu — verzweifelt! da ist nun die Periode so angesangen, daß sie mit keinem deutschen Worte schließe» kann: verzeihen Sic, verdammen Sic nickst! ich wage cs daraus und schreibe:) zu arraiig ireu. Zeigen Sie nun aber ja diese Zeile» keinem neue» deutschen Man»! Tenn sonst bin ich auf ewig verdamnit: denn, diese begeisterten Seelen, die in „Klangsäle" gehen, »m sich am „Klang« werk" zu ergötze» und die „Ticfgrigc" und das.„Hochhol;" und den ., Siesktlüppel" und das „Schuicttcrhori!" im „EinklangSwetistrcilc" zu höre», die eher verhungerten, che sie ein Hachis, ein Fr.icaffö, ein paar Schweinscokeletts oder einen marinirlen Hecht verzehrten und lieber ein altdeutsches Bärenfell um die Lenden würfen, ehe sie ein paar verruchte „Panialons" und eine» verdammtcn „Frack" anzögen: dieie großen Helden der Teuttchbcit würde» im Voraus die 2teilte zurechilegcn, mit denen meine deutsche Ehre gleich bei mauern Einzüge in B zil Tode gesteinigt werden sollte. Man weiß wirklich nicht, ob uian über das tolldnunne Zeug lache» oder weinen toll: aber tolldumiii ist cs gewiß, und wenn es zugleich mit Veriolgtiiigssnchl, politischer Patriplenricchcrei lyib Psaffeutbuin und religiösem 'VersinstcrungSeiser sich verkuppelt, zugleich boshaft und dnmul, aber immer und unter jeder Voraussetzung, weil all dieses -Treiben, schadet cs auch vorübergehend, am Ende doch sein Ziel nicht erreicht, nach den lsseietzen der Ratnr und des Bkenschcngeistcs nicht erreichen kann. Tic Judenverfolgung liegt ganz itu lHeistc des Ehristenthums — biefer Leute, und nur das ist zu verwundern, daß sie nicht, wie bei de» Kreuzziigeu im Xk. und XII. Jahrhundert, so bei dem .ttreuzznge gegen die ungläubigen Franzosen ei» wenig Jndenlitoib im Vorbeigehen gepredigt und geübt haben." Bekanntlich haben die nioderiie» Uriculoiien auch dieses Manco seit F-ucrbach's Tage» schon redlich nachgeholk .und in der Ansfordernng zum Juöciimorde Ertleckliches geleistet. ('JÜltifcillitifd)C Hlimailitäl.) Ei» wahres Kraftstücklcin antiseiniliicher Humanität liefert ein gewisser Tr. Bock in Peine in der Provinz Hannover. Derselbe veröffentlicht in der „Peincr Zeitung" vom I!>. Mai d. I.' ei» Inserat, in welchem er die Eröffnung einer Poliklinik anzcigt und gleichzeitig dabei bemerkt^ daß Unbemittelte unentgeltlich behandelt werden. Er fährt da»» in dem Inserate wörtlich fort: „Ausgeschlossen von dieser freien.ärztlichen Behandlung sind: 1. Solche, welche ein Honorar bezahlen können. 2. Mitglieder vo» Kraiikencasien. 3. Kranke, welchezur Zeit schon in ärztlicher Behandlung sind. 4. Juden." Eommentar überflüssig.