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Freies Blatt · 1895-06-09 · 166 (9.6.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
166 (9.6.1895)
Date
1895-06-09
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Nr. 166-___Freie» ivarbt — und findet doch mit seinen tiefen Forschungen iui vcrjudetcn Deutschland keinen Anklang. Die Spccialität der Blutritual-Wisteni'chaft scheint für das Volk ihre Reize verloren zu haben und ist nur „och in der Kirche zu WeinhauS ei» moderner Artikel. Der edle Herr wird sich wohl ein anderes Gebiet suchen müssen, um die ersehnte Uerühnilhcit zu erlangen. - , h'nliiui-. Die £a$c der Juden in ^vunninien. In ileußland sind die Juden Staatsbürger, aber sic sind um -;i-r Religion willen unzähligen AuSnahmSgesctzcu unterworfen. Auch ,i> Rnmänicn leiden die Juden unter gleich drückenden AnSnahinS« „aßregeln, allein die rumänische» Juden haben nicht einmal, jene .'„terihanenstettung dem Staate gegenüber, welche ihre Glaubensbrüder Rußland genießen. Tic Rumänen verfolgen aber die Juden nicht solche, sondern als Fremde. Jedermann i» Rumünieu versteht und oigt den Bortheil dieses scheinheilige» Borgchcus. Auf einen cvcnleu Einwand der Gloßmächtc, welche seinerzeit Rumänien die . ingung gestellt hatten, daß die rumänischen Juden sich derselben ilitc wie die rumänischen Christen erfreuen sollten, könnte die . „äuischc Regierung ruhig antworten: „Wir haben aus unserer oit»affung und aus unserem Gesetzbuch,! alle Maßnahmen gestrichen, .. .di welche die rumänischen Inden in einem gesetzlichen Zustande :• . Erniedrigung gehalten wurden." Rur daS eine wird man sich zu erklären, daß sozusagen keine rumänischen Juden cxistircn, daß Ruinäncu/ den 2ÜOOOO Juden, welche das Land seit inchrcrcn rhnndcrtcn bewohnen, das StaatSbürgcrrccht einfach verweigern, daß sic unter scheinbarer Rcspectirung des Artikels 44 Berliner Vertrages forlfahrcn, dieselben als Fremde;n be- - dein. CS sind also die Fremden, die verfolgt werden, die einem Regime i verworfen sind, welches sie, in das ärgste Elend zurückwirft; cs * die Fremden, die man allmälig sämmtlicher Erwerbsmittel be- ...ubt, die man zu gcwisien BcrnfSzweigen nicht zuläßt, denen man; Aufenthalt in den Provinzen ebenso versagt wie das stecht, Grund u v Boden zu erwerben. Fremde! Ist man fremd, wenn man 'keiner ii eindcn Ration angchört und niemals angehört hat, wenn man daS 7,rnd schon seit mehreren Jahrhunderten bewohnt, wenn man daselbst :i!i,ncr alle Pflichten eines Staatsbürgers erfüllt hat, und tvcnn mau ui der nationalste» aller Pflichten, dem Militärdienste, verhalten ist? Aber diese Fiction ist zu bequem und bietet den Rachcifercrn ulid Anhängern Bratiano's Gelegenheit, einerseits .die Inden rechtlos zu wachen und zugleich andererseits ihren Liberalismus und ihre Toleranz ,i! schönsten Lichte leuchten zu lasten. Wer würde cS wagen , in diesem' -l.iialter der Protection, den braven Männern vorznwcrfcn, daß sic Fremden nicht an den Privilegien der Staatsbürger thcilnchmen isten? Der Schein ist wenigstens gewahrt; was liegt ap den Leiden und dem Elend der Juden? Sind cö doch nur Fremde. Man schuldet timen nichts; cs ist wohl genug, daß mau sie duldet. Daß diese iiemdlinge ihr Blut auf den Schlachtfeldern des Balkans vergossen und ihren ehrenhaften Anthcil an den Kämpfen hatten, welche rnr Unabhängigkeit des Vaterlandes führten, das glauben die Rumänen ergesten zu können. Im Frühlingc 1803 votirte das rumänische Parlament eine Reihe von Gesetzen, wodurch den Kindern der Juden die Volks- und Gewerbeschulen sozusagen verschlossen wurden. Bis dahin standen die läientlichcn Schulen den Kindern jüdischer Confessio» offen; von nun an werden sie dort nur zugelastcn, wenn sie eine Taxe zahle», von welcher die christlichen Kinder befreit sind, und außerdem nur dann, wenn nach der, Aufnahme der „Söhne Rumäniens" noch freie Plätze vorhanden sind. Da die Zahl der öffentlichen Schulen für die christitdjcu Kinder aber viel zu gering ist, so bedeutet dies so viel, als saß die Israeliten keinen ösfeutticheu Unterricht' erhalten können. Und auch da wieder, wie überall, will man durchaus nicht die Juden aus- 'chlicßcn, sondern cS äst nur die Rede von den Fremden. Tic' Wirkungen Vieser Gesetze machen sich schrecklich fühlbar. Tausenden von israelitischen Kindern ist der Zutritt zur Schule versagt. Dadurch find die jüdischen Gemeinden gezwungen, Bolköschnlcn zu schaffen. Aber wy findet man die nöthigen Hilfsquellen, wo die Lehrkräfte? Teil inchr als einem Jahre beschäftigt diese peinliche Frage. die rumänischen Juden, und trotzdem wurde dieselbe noch nicht gelöst. Sie können die beträchtlichen Auslagen, welche die Errichtung zahlteichcr Schulen erfordert, nicht allein bestreiten, und cs sollten ihnen daher ihre auswärtigen Glaubensgenossen zu' Hilfe eilen. Man müßte deshalb an die Großmuth der Juden des Occidcnts appcUircu und Skat«. 5-ite 8 dieselben auffordern, die jüdische Jugenls in Runiänicn der Un wissenhcit zu entreißen, wozu sie die Unduldsainkeit der Regicrnnq und des Parlamentes in Bukarest vcrdamint. Die Du^en und die L)uuluuitüt. Professor Eornill in Köuigsbcrg Hai ein Büchlein unter dem Titel „DaS Alte Testament und die Humanität"' hcrauSgegcben. Aus seiner Erörterung der Vorschriften zum Schutze d.er Armen, Witwen und Waisen seien folgende Stellen hexvorgchoben: „Witwen ’ittib Waisen sollt ihr durchaus nicht bedrücken 'Wenn d'ü sic doch bedrückst und sic zu mir schreien, so werde .ich ihr Schreien hören und mein Zorn wird entbrennen, daß ich euch' durchs Schwert tödte und eure Weiber Witwen und eure Kinder Waisen werden. . . Wenn ihvcner Land erntet, sollst du cü nicht bis auf die letzte Ecke aberntcn und nach der Ernte nicht Rachlcse halten. Auch in dcmcm Weinberge sollst du nicht Rächtest halten und die zerstreuten Beeren nicht sammeln : dem Armen und dem Fremdling sollst du eS lasten . . . Wenn du'Ernte hältst ans deinem Acker und hast eine Garbe auf dem Felde vergessen, sollst du nicht uinkehrcu, sic zu holen: dem Fremdling. der Waise, der Witwe sollcir sie gehören, damit der Herr dein (''dt! dich segne in allem Thun deiner Hände. Und wenn dn deine Tliven abklopsst, sollst du nicht hinterher die Zweige abiuchen: dem Fremdling, der Waise, der Witwe soll'eö gehören. Und ivcnn du deinen Weinberg liesest, sollst dn nicht hinterher Nachlesen: dem Fremdling, der Waiie, der Wilwe soll cS gehören Einen Fremdling sollst dn nicht de drücken, denn ihr. selbst wistet, wie eS einem Fremdlinge zu Muthe ist, da ihr Fremdlinge gewesen seid in Cgnpten. Wenn ein Fremdling bei dir sich aushält in einet» Lande, so sollt ihr ihn niichl bedrücken. Wie ein Eingeborener von euch Klbst soll auch ein Fremdling ici„_, ' der bei euch weilt, und du sollst ihn lieben wie Pch selbst, beim auch ihr seid Fremdlinge gewesen in Cgnpten." Ter Verfastcr betont, daß das Alte Testament die Liebe zu allen Menschen lehrt, und sagt : „Und nun .muß ich Ihren Blick noch ans eine andere Stelle des ersten Buches der Thora lenken, über welche die Meisten völlig achtlos hinweglcscn, das ist Cap. 10, die., sogenannte Völkertasel, wo die ganze Menschheit als Rachkommen der btd Söhne Roahs, Sem, - Ham und Japhct, dargcstcllt und aufgezählt wird. Dem oberflächlichen Anschaucn zeigt sich hier nichts, als ein trockenes und dürres Verzcichniß von 70 Bölkernamcir, dem wir weder Belehrung noch Er baunng entnehmen zu können meinen. Und doch besitzt die ganze nichtisraelitische Vitcvätnv nichts, was diesem lrockeiten und dürren Verzeichnis; von 70 Völteruamen an die Seite,zu stellen wäre, wenn wir seine Hicrogluphen nur zu deuten wissen. Verzeichnisse von Völker' neunen begegnen uns auch sonst, aber in welcher Weise? Als das pbahlcrische Aufzählen der von den Verfertigern des Verzeichnisses beraubten und ausgcplüudertcu, unterjochten und zertretenen Völkerschäften, sich selbst zum Ruhm, den Verzeichnclen znm Schiwvs, Zeugnisse dcS HasteS und der Verachtung, Ausgeburten der Inhumanität im widcrwürligsten Sinne. Und welchen Geist atlnuei unsere israelitische Völkcrtafel? Ta ist kein selbstsüchtiges Interesse, Teil' niedriger Beweggrund wechrzunehntcn, sondern cs ist der die ganze Well umsassendc Liebcsblick, der in der Mansch beit eine große Familie von GottcSkin dern siebt, die eben als Kinder des einen bimntlischen Vaters nnler ein ander Brüder sind, also der lücisl echtester nnd höchster .Humanität, wie sie als wahre Himnielstochter aus religiösem Gumde er wachsen ist — die praktische Belhütigung und die nolbwendige Folgerung der Lehre, daß Gott Ken Menschen nach seinem Ebenbilde gescha'iew. Wem dieser tiefere Sinn der Völkcrtafel ausgegangeir ist, der wird auch unter dies trockene und dürre Verzeichnis; von. 70 Völkernamen als Unterschrift setzen, waS von den beiden steinernen Gitsetzlaseen MoseS anSgesagt wird: ..Geschrieben vom Finger Lottes', und erwirb in die Worte'dcS Erzvaters Jakob ansbtSllien. als die'er nach dem seligen Traume zu Bethel erwachte: .Wahrlich, der Herr ist an diesem Ci'tc, und ich wußte cS nicht. Wie heilig ist diese Ställe! Hier stt nichts Anderes denn Gottes Haus, und hier iit die Psoric des Himmels.:" Schließlich seien noch die Ausführungen Professor Eornill's über die Sclav.rci mitgcthcilt: „Als wichtigster Ptmkt-für die Bcurtheilnng der Stellung der Thora zur Humanität ergibt sich naturgemäß die Frage: Wie stellt sich die Thora zur Sclavcrci? Daß sie dieselbe ancrtennt und als zu Recht bestehend voraussevk, istsicher; ja in bcstiminteu Fällen, wie bei dem insolventen Schuldner oder bei dem ergriffenen Tiebe, der nicht imstande ist, die gesetzlich vorgcschriebcnc Buße zuleisten, verlangt und fordert sic die Sclavcrci ausdrücklich. Aber hiebei dunen wir nicht an das Sclavenwesen in den entarteten Zeiten Roms oder

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