Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 166 (9.6.1895)
- Date
- 1895-06-09
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
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1 £cite 2. - $r * {e niilschnldig macht», welche leider nur in einigen wenigen, besonders celatanlen Fällen geahndet wird. Wissenschaft ist Macht! Welche Luft wehte noch, alö Schmerling im Fahre 187*i an die Spitze des Wissenschaftlichen Clubs trat und die Wiener Intelligenz um sich versammelte! Ein Beamter, der damals lebhaft an der Gründung des freigeistigen Vereines miigewirkl hatte und welchem ich neulich Vorwürfe wegcii seiner letzten Sinnesänderung machte, hatte für mich nur ein "Wort: „Schwärmer". — Schwer versündigen sich die Gtsiiuinngslose», .indem sie, einst begeistert für ein „freies Oesterreich", nunmehr mit der Auörcde: „Ich will nicht jude'nliberal sein" die höchsten Crruiigcnschaften der Bildung, die Erfolge des Geistes und die Humanität anö ihrem Hause tagen. Diese Manteldrehcrei der stets devoten Beamten, die aller Pädagogik Hohnsprechende Judenfresserei der VolköschulleHrer und die geringe Selbstachtung der clericalen Partei, für welche der Zweck chie allgemeine Verdunkelung) alle Mittel heiligt, daö sind die Faelorcn, ans welchen die heutige Lage entspringt. Während Ungarn eben die Kinderkrankheiten des vor 28 Jahren gebildeten Staates hinter sich hat, ist Cisleithanien für unabsetzbare Zeit in den Händen der ihm die letzten Tröstungen spendenden Kcclesia militaus Wir sehen das seit der Agliardi- Baiissn Astaire, welcher höhere, stets um ihr eigenes Seelenheil und Roms Gunst besorgte Kreise eine so milde Auffassung cntaegenbrachten, daß mau dem Gesandten eines Souveräns ohne "and mehr Einmischung gestalten zu müssen glaubte als den Vertretern mächtiger Nachbarn. Diese unlogische Denkweise wird es machen, daß auch trotz der Vorgänge bei der Wahl Lueger's len Antisemiten für die, nächste Wahlcampagne neue Vortheile erwachsen dürften und den Liberalen nur Nachtheile! Wir fragen darum, ob es uölhig gewesen sei, aufzulösen, und .-b iiickit die Mittelstraßc die richtige sei: Strafe für die E(- eedenlk» und ein wenig mehr Förderung fortschrittlicher Bestrebungen ebne Rücksicht auf die Reaclionäre in der Coalition. Es wäre verlhililtzafler. denn aus den Reihen der Rpmlinge und in, v Streber, welche durch die Lethargie der RegierungSkreise zur Geltung kamen, wird einst der Feind für die Reactiou erstehen, nicht der der Fortschrittspartei. Denn eine Volksbewegung zu «Gunsten der Ausbeulung durch die Schwarzen ist ein unnatürlich Ding und muß früher oder später noch eine ganz andere Form annetzmen-. Aber uns bleibt der 20. Mai dennoch auch ein schöner Tag T>e Worte, wklche der Kaiser damals bei der Eröffnung deö Muscuius Franeisto Carolinum zu Lin; gesprochen, die Mahnung, ickelche er an Jene gerichtet, denen.die Heranbildung der Jugend obliegt, erwecken die Zuversicht, daß mau noch die echten Stützen des Staates erkennt, das: die Entrüstluigsmeetings gegen die :1iireenhasier. bei welchen hervorragende Personen deS,geistlichen SiandiS, Prälaten und Adelige anwesend waren, nicht 'ohne Erfolg für Oesterreich bleiben werden, abgesehen von den Abwchrb.slrebungcn in unserem Lande. Möge der Aufmarsch der Massen gegen die Intelligenz sichvollziehen, möge der Pöbel wüthen gegen seine wahren Wohllbäler, das Wort „Philanthropie" wird ebenlowtiiig ans dem Sprachschätze Eisleithanicus gestrichen werden,. wie Schnitrling's herrliches Wort »ach Baeo de Vcrulam: „Wissenicka'k ist Macht." 2lntifentitifd?e UXibrboitsIicbe. - .Z.i'chrill an taS „Freie Llail".) Xö ln, 3. Oimi. C, l : bese, böse Wahrheit, die verschworene Feindin des Airti- .v.nin'iims, sie macht den edlen Führern der modernen Bewegung l;u 'chgn.'ii und droht oft, ihnen verhängnißvoll zu werden! Fi.Kick, die echten Antisemiten, die AuSerwählten oller Völker und a..cr Zcir.ni. iu i nicht so scrupulös, sie haben sich in ihrem heroischcn- St'-.ben ron diesen alten Schranken der Wahrheit wie von den langw.Kig n Normen der Logik längst frei gemacht. Sie befolgen die alte bcwabne Methode: so lange zu behaupten, bis sic sich selbst cinbilden, die T iiige seien dadurch zu Thalsachen geworden. Mit den Beweise» uelunen es die guten Herren nicht so genau, sie sind nicht pedantisch, und weiß man gar nich:S als Argument anzusühren, so schreibt man ein-ach ..bckaniutich", und da darf der artige Hörer oder Leser kaum tragen, daran zu zweifeln. Ja, die Antisemiten sind gut erzogen, sie haben das Laster des Zweifels abgelegt, sie haben Glauben und Zutrauen und sind nicht >'o unbescheiden, selbst zu denken oder gar zu Blatt. _ Nr. lGü prüfen. Aber das Gros deS deutschen Volkes steht leider noch nicht auf dieser geistigen und sittlichen Höhe, und so kommt es, daß die antisemitischen Helden in ihrem Streben nach den höchsten Idealen verkannt werden, daß sic oft nicht allein Opfer des römisch-jüdischen Rechtes, sondern auch der veralteten Begriffe von Recht und Wahrheit werden. Namentlich sind die KcrichtSsäle und die Hallen der Volts. Vertretung tragische Plätze für die Refornier der allgemeinen Wcli anschaung und der Moral, weil die Richter und Reichsboten durchaus nicht einschcn wollen, daß der Antisemitisnms über alle Wahrheit er haben ist und mit den gewöhnlichen Normen des menschlichen Denkens und des sittlichen Empsindens nicht beurtheilt werden dürfe. Zu den antisemitischen Märtyrern gehört auch der Feldniarschatl der Raccnkämpfer, Herr Zimmermann. Ach, dieser schwer geprüfte . Mann wird vom Schicksale fortwährend verfolgt, ohne Rast «und Ruhe zu finden. Ter Staatsanwalt ist so indiscret, sich um die intimste» Verhältnisse seiner Actiengcsellschaft zur Aufklärung des Volkes durch die antisemitische Preffc zu bekümmern, und will ihn wegen einiger scheinbaren Jncorrcctheilen zur Rechenschaft ziehen. Dabei blüht diese Actiengescllschaft keineswegs, und die Gläubiger müffen sich mit ihren Forderungen auf den antisemitischen Zukunftsstaat mit all seinen Herr lichkciten vertrösten lasien. Selbstverständlich ist der gute Herr Zimmcrniann völlig unschuldig. Er ist, wie alle Antisemiten, ein Todfeind deS Mammons, er lebt nur seinen Idealen und chefaßt sich nie mit praktischen Geschästsintcresien. Ta hat der biedere Mann, in seine», heißen Bemühen, die jüdische Corruption zu bekämpfen, am 24. Jänner dieses Jahres über den jüdischen Commerzicnrath Arnhold und dessen Firma Einiges gesagt, was nicht im Complimentiröuch steht. Der Herr Arnhold fühlte sich gekränkt und suchte Gcnugthuung. Tu lieber Gott, wie diese Juden doch empfindlich sind! Kaum nennt man sic Lumpen oder Betrüger, so gcrathen sic gleich in Aufregung. Die echten Antisemiten sagen sich täglich schlimmere Dinge - ins Gesicht und bleiben doch Freunde und sind doch stets bereit, gemeinsam daö leidende Vater laufe gegen ein gcringeS-Entrüc -zu retten. Der stolze Herr Arnhold schreibt aber einen langen Brief an unseren Antisemitenführcr und wagt cS, nachzuweisen, daß die Behauptungen des königlich sächsischen privilegirtcn Patrioten mit der Wahrheit in Widerspruch, stehe». Run, das wäre noch zu ertragen, und unser verehrter Herr Zimmermann ist natürlich zu vornehm, um von dem Briefe eines Juden Notiz zu nehmen. Aber cS geschah das Unerhörteste, ein frcieonscrvativcr Ober regicrungsrath, Herr Gamp, vxrgaß seine christlich-germanische Würde soweit, diesen Juden gegen Herrn Zimmermann in Schutz zu nehmen. O Germania, verhülle dein Antlitz, denn Alles ist vcrjudct, sogar die frciconscrvativc Partei. Am 4. Mai richtete also dieser verlorene Sohn deS Vaterlandes, Herr Gamp, einen heftigen Angriff auf den sächsischen Judcntödter, . er verlas Tut" Reichstage ein Schreiben des Herrn Arnhold, in dcni alle Behauptungen Zimmcrmann's über die angegriffene Firma und deren Chef energisch, zurückgewiescn wurden, und stellte dem Verleumdeten ein glänzendes Zcugniß aus. Das ist wahrlich schändlich, daß in dieser Epoche der antisemitischen Strömungen solche Dinge im Vaterlandc möglich sind. Du lieber Himmel! Wozu wäre man denn Antisemit, wenn man nicht Entdeckungen über die Betrügereien und den unheimlichen Einfluß der Juden machen dürfte? Und wenn man erst all die intcresianten Enthüllungen und pikanten Berichte aus ihre Wahrheit prüfen müßte, dann ade) chu selige Zeit, dann könnte Einem die Lust vergehen, Antisemit zu sein. Nein, wenn das so weiter geht, können noch säinnitliche Errungenschaften des Antisemitismus auf geistigem und sittlichem Gebiete vom Sturme der Wahrheit hinweggcfcgl werden. Ihr echten Antisemiten alarmirt das Volk und fordert cs auf zum Kampf gegen die Aufklärung, macht cS auf diese gewaltige Gefahr aufmerksam und verbannet die vcrjudctc abscheuliche Wahrheit und die verpönte Vernunft aus den deutschen Gauen. Nicht allein das gesprochene, sondern auch daS geschriebene Wort der antisemitischen Weisheit findet beim Volke und namentlich bei der Regierung noch nicht die nöthigc Würdigung. Auch der bekannten Petition der Antisemiten, d,ic Regierung möchte den „geheimen" Schulchan-Aruch chemisch auf seine Gefährlichkeit untersuchen lasten — ein altes Repcrtoirstück der antisemitischen Schaubühne — ist ein stilles Begräbnis ohne Sang und Klang in der Petitionsconimission des Reichstages beschicken worden, weil die Commission — man höre und staune — diese wichtige Angelegenheit, die Frage aller Fragen, nicht der Bcrathung im Plenum für würdig hielt. Umsonst gaben sich die wackeren Conservativen alle Mühe, ihre verwahrlosten antisemitischen Bundcsgenostcn zu unterstützen — die merkwürdige Petition mit all den erschütternden Gründen deS „gelehrten" Herrn v. Langen mußte in den liefen Abgrund deS Papierkorbes wandern. Armer Herr von Langen! Er ist fast so gelehrt wie Dcckert, fast so gerecht wie Rohling, fast -so ehrenhaft wie PauluS Meyer und fast so vornehm wie Ahl-