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Freies Blatt · 1895-06-09 · 166 (9.6.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
166 (9.6.1895)
Date
1895-06-09
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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I Freies Blatt Äboniiementspreis. ^üijLellrrrcich-Niigarn: -,- idriq.* Kronen (fl. 2.80) <^,h,,Iirig.S Kronen (ff. 1.5») ^ür da» gelammte Au«Iand: " .Ui.ifiri.).Mark V .* •: »l-riä .» Mark 50 Pf. Sin,eine ÜInmmer» « kr. :!»>,ankirte Briefe werden nicht angenommen. Organ zur Abwehr des 2lntisenn'tismus Erscheint an jedem Lonntagk. Redactioii nttb Vlbmiiiiurnlioii: , I. Lcilkrstälic io. .tferatc werd.'n mit 20kr .ml ^eipaltene Aont'areill^:": trrc -.t. «r - Anzeiger da- 2Von! Heller (3 kr - . n vlnscr»U«ll in unserer Admininrn. : im Ännoncenburean i't. T nke«. 1. Kummer I Wien, 9. Juni 1895. IV. Jahrgang. Der 29. Alai. (Beteachtinigen eines ösierreichische» EdetmanneSf. An demselben Tage, an welchem Kaiser Franz Joses in Oberösnrreichö Hauptstadt der Kunst und Wissenschaft seine Huldigung oaebrachle, eine Stätte für Lehrende und Lernende crösfnete, ja, säst zur gleichen Stunde schickte sich dw Rcsidciizstadt an, aus den ^Lriipostcn der Großgemeinde einen Lueger;u setzen. Wer diese Uuii' Thalsache noch vor einem Jahre vorhergcsagl hätte, er wäre wohl für überspannt gehalten worden. Wir leben in der Zeit der Ueberraschungen, in einem Lande, in welchem daö Unwahrscheinliche zur Regel wird, wir leben i» einer Epoche, in welcher daö „Jahrhundert des Fortschrittes" sich selbst verhöhnt. Jene, tüelchc stelö über dir Grenze äugeln, haben nicht bemertl, wie gewaltig die Bewegung gegen die Reaction in Deutschland geworden. Hinüberschaue» ohne zu lernen! Die Deutsch-Nationalen fahren fort, die Knie zu beugen und mit den Ehristlich-Socialen Hand in H nd zu gehen! Man tonnte daö am Mittwoch de» Mai sehe». Ter Zufall führte mich an dem Rathhause vorüber. Zahlreiche Gruppen umstanden daö Südporlal, viele Personen hatten deutsche Bänder umgchängt und sich mit weißen Rölken oder Kornblumen geziert. Alle diese Leute trugen den Stempel innerer Haltlosigkeit ans den Stirne», und iliich faßte daö Gefühl der Entrüstung, als ich in dieser Bersammlung die Leibgarde der einporgckommcnen Bildungöfeinde ertennen mußte. Also so sehen sie aus, dachte ich, und mit, derartigen Elementen verbün o.len »ich die Frommen?! Die clcricale Partei ist durch die Wahl ihr»r Freunde allein schon gerichtet. Wie andcrö sehe» die Arbeiter auö, wenn sic ihrem feststehenden Program m,e gemäß demonslrircn? Hier aber ist ja nur Mob, hier sind Bassermann'sche Gestalten, abev keine Bürger! Sind das die Getreuen deöÄürgcrmeistcrö in spo, diese ,l{laCkguarils‘, wie der Engländer den Janhagel bezeichnet? Mitte» nnter ihnen standen Mittelschüler und Hochschüler; die „Söhne Apollö"! Schulbuben aus Realschulen und Ghmnasien! Das ist der Fluch der Politik in der Lehrerschaft, daß Unreife den Straßentumultuanten sich zugeselle», rür welche eher die Birkenruthe als die Relkenbluthe gehörte! Aber doch mußte ich mir den Trost gewähren:. DaS ist nicht Wie» vor seinem Rathhause in dem feierlichen Momente der Bürgcrmeistcrwahl; nur Dummheit und Rohheit, geleitet von der Schlechtigkeit der lichtscheuen Wühler, dürfen sich in den schönen Straße» breit machen, aber Wien ist noch nicht die Brutstätte des EimiSmus und aller Lerbrechen an den geistigen Gütern der Menschheit. Diese Sorte drängt sich nur vor, weil die Fortschrittsfreunde die Waffen verschmähen, deren sich solche Gegner bedienen, nur solche! Der Peter Arbne; der Kanzel mag nach dem, Holzstoße schreien, darum ist er noch nicht der Prophet der Donaustadt. Wien ist nicht in diesem Lager, cö ist nur schlaff, bodenlos träge, eö sieht nicht hell und denkt nicht klar, eS hält nicht auf sich. Ich kenne ihrer in Schaaren, welche diese Sclbstvernachlässigung Dindobonas tief bedauern. Ich kenne »och Enkel jener begeisterten Achtundvierziger, welche für die Aufklärung und den Fortschritt ihr Blut wagten; ich kenne auch junge Leute von politischer Selbstachtung und mit Berständniß für die historischen Thatsachen sowie die daraus entspringenden Lehren, Leute, welche die faule Eoneordalözeit nicht milerlebt habe», nicht das W;.:- von Systemwechscln um die Ohren satisen Höne» und dennoch wie arme Kinder genügsam sind, um die sauer erkämpften Fruchte der Verfassung nicht mit Füßen-zu treten.... Eö ist nnifaUciiC*, " daß zwei Provinzstädte, deren Bevölkerung längst in den Banenu der Finsterniß lag, dennoch liberale Männer wählten, Jnnsbrnck und Linz, während die.Hauptstadt verinnivst. Es ist die Signatur der Zeit: Verkehrte Welt! I-'in «I» i--, lin <1V *Tii. W:e war eö andcrö vor 1(M> Jahre»! So dachte ich und sehnte mich fast nach den Zeiten iftr.-jVr Bliithe im achtzehnten Jahrhunderte am Bst. Mai An demselben Abende noch erfuhr ich, daß. der Vollsfreune Tr. Lueger beim dritten Wahlgangc siebzig Stimmen erhallen und ich hier auf trotz seiner früheren Aeußerung und entgegen der ^.pflogen hcil nur mit seiner Partei besprochen habe, um einen viert, n .Wahlgang zu erzielen, de» er wie ein Autokrat :»l Vollgefühle, a seiner Macht dictirtc, um hieraus die Würde eines Bürgermeister' — abznlchncn! Eato von-Eisc»?! Aber eö w,ir nur ein E'seelslüF, eine Decoration auf Blech gemalt: Tr. Lueger bestand andem vierten Wahlgangc, weil er sehr gut wußte, daß das günstige Resultat der dritten Abstimmung für ihn .keinen Bestand habe'» dürfte. Die liberale Partei hak sich dabei musterhaft benommen: sie trifft kein Vorwurf, im Gegentheile, sowohl iu ihrv Geiamnu heil, wie auch, in ihren einzelnen Mitgliedern erduldete sie das Martyrium der Garde, welche stirbt, aber sich nicht ergibt, sie war und blieb die Schätzerin der'Aufklärung nnd oer Eonseancn;.- während unten schon die Prätorianer des Hasses und die Solo lingc der Verkommciihcit ihre Werke christlicher Nächstenliebe au. den freiwilligen Schützer» der Ordnung ausüblen. Daß bei dem Rathhanie' trotz der Pasjagesperrnng durch die Massen nicht genügend Polizei anwesend war; das bewies, wie ängstlich jedes aetive Eingreifen in die Entschließungen der Anliliberaliii' bis zum-'ll. Mai vermieden wurde; diese Vcrnachlüf'sigung siimmrewenig zur drakonischen Maßregel der nachfolgenden Siörnng des autonomen Rechtes! Vorher nichts, jetzt Alles! : Es halte doch nach den Ereignisse» des l'iai vielleicht einen Mittelweg gegeben. 'Aber bei Lichte besehen, schwindet der Widcrsp'-uch.' Die Auflösung des Gcmeindcratheö war nicht eine Siraso 'gär die antisemitischen Ausschreitungen, wie man im erste» Amgenblieke dachte. Wir sehen, wie die Eleriealcn ihre Pläne wejler'chniieden, sich nicht schämen, mit dem Proletariat weiter Bündnisse einzu-' gehen, und gemeinsam mit der Leibgarde, ,des „schönen Earl" die Reuwahlen varbereiten. Man schließt ein" Äuge, um nur die fromme Seite und nicht die rghc, raeenfeindliche der Ehristlich Socialen zu sehen. Eine Regierung, die sich selbst nicht versteht, die kein vernünftig denkender llnlerthan in diesem Augenblicke verstehen kann, die mit den Massen kokellirt und Anstürme gegen die Grundgesetze des Staates schont, hat nun eigentlich dem Dr. Lueger nur dazu verholfen, in noch günstigerer Zeit seinen Anhang zu vergrößern. Die Auflösung wäre sogar ein voreiliger Schritt zu nennen, wenn wir nicht doch an ein letztes Anfraffen unserer Gesinnungsgenossen zu denken berechtigt wären. Vielleicht sieht man doch endlich ei», daß nur die liberale Partei auf die Achtung für die Verfassung, für die Slaalögrundgesetze sich stützt, während jene Beamten und jene Lehrer, jene Priester, welche den Haß dulden, ja lehren und predigen, sich einer Gesetzesübertretung

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