Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 165 (2.6.1895)
- Date
- 1895-06-02
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 83% known words query
- IRI
…/4886575-5439167-5441629--2006-4888418- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
/ / Nr. IK5. Frei»» Rein Frontwechsel.! (Zuschrift au da» „Freie Blau".) j '.In? Di ä h re ii, 2>>. Mai.! Zu bcr „Cc|'tcncid)iitf)cn Wochenschrift" vom 24. Mai erschien ' unter dein Titel: „Tie Juden in Mähren und die liberale Partei"! ,-ch Aussatz, in welchem darüber Klage geführt wurde, daß die „liberale Partei gegenüber ihrer treuesten (Gefolgschaft, de» Juden, ihre Pflicht rächt erfülle" und ein Abfall der Judcnschaft Mährens von der liveralen Sache in Anssicht gestellt sei. „Älcibt Herr v. Plencr," säirribt das Blatt, „Mitglied einer Regierung, welche Lueger zur B-.stäligung vorschlägt, und leistet die liberale Partei Herrn v. Plcuer auch dann noch Gefolgschaft, dann ist sic lodt, inansetodt und nicht „i.ln (um Leben;n erwecken." Ter gut gemeinte Aussatz leidet an ' , .::m Eardinalfehler, seine Prämisie ist nämlich grnndsalsch. Wer da > ki- Möglichkeit nur erörtert, daß die deutsche Jndenschast Mährens! Frontschwenkung etwa zu den Slave» unternähme, beleidigt die! Fue.nschaft Mährens, welche in viel pcinlichcreni Lagen, jeden Bor-; und R'achtheil unberücksichtigt laffcnd, die deutsche Sache, d. i 1:.' des Freisinnes, der Aufklärung und Humanität, hochgehalten und al.- .in pietätvolles heiliges Erbe den DiadfToutuieH übermittelt hat. O *. mag immerhin einige Inden geben, die um ei» mit Bersprcchungen garnirtcs slavischcS Linsengericht von der guten, ehrlichen Tradition ilucr Borfahrcn absallen möchten, aber unsere treue, in Siurin und •jio’h bewährte Judenschaft Mährens wird die Zttmuihung einer „Felonie" entrüstet Ziirttckwciscn. Tie Lässigkeit der am Ruder stehenden deutschen liberale» Partei sann nie und nimmermehr einen Abfall der Jndenschast Mährens von der deutsch-liberalen Sache veranlassen. Tic deutschen Juden. MäbrenS sind keine Leute „auf Frist", die den Mantel nach dem ' Waide drehen und wenden, sondern charaktervolle, echt deutsche Männer, i die anch^ dann unentwegt der liberalen Sache treu blcihen, wenn die . deiuienen Führer ihres Amtes nicht walten, wie sic sollen. Man sehe nur auf die Jndenschast von Slniütz, Proßnitz, Tcutsch Brod. In demselben Augenblicke, da der von Freund und Feind hochverehrte, echt freisinnige deutsche Bürgermeister von Clmittj, Joses v. Engel, erklärt, das durch den Tod des RcichSrathSabgeordneten Tr. August Werber frei gewordene Mandat übernehme» zu wollen, werden sämmt liche Inden wie Ein Mann .mit ihren deutsch-liberalen Mitbürgern j stimmen. Warn nt'? Ja, daS ist daS große, aber so leicht lösbare - 'liuthicl. Herr Josef v. Engel ist eine derartig saScinircnde Persönlich ' lcit, daß er sogar — mtb wir hörten dies von cinstußrcichcn Slavcn - in Tlmütz und Proßnitz — eine erkleckliche Zahl slavischer Stimmen 1 mir sich vereinigen würde, falls er als Eandidat austräle. Tie Bedeuten und Drohungen der oben citirten Wvchenschrist sind in dem ieUun Augenblicke behoben und nichtig gemacht, als Herr Josef. - r. Engel daS ihm angcbotcnc Mandat annimmt. Wir hosfen, er ivird dies thnil. Der Mann, der seiner deutschen Balerftadt Slmütz sich - mit Leib und Seele gewidmet, wird cs nicht nntcrlasicn, dcili deutschen! Bolle seines geliebten Hcimatslandcs ein lSpser zu bringen und ein - M.rndak anziinchmen, daS ihn. beauftragt, für Bolksrecht und Bolksiieiheil ohne Unterschied der Ration und Eonfession cinzustehen. TaS s walte Gott! I(!>'. Pas Niederlassungsaebiot. (Original Mitiheilnng beS „Freien BlatteS") Petersburg, Ende Mm. Es dürfte den Lesern des „Freien BlatteS" nicht unbekannt sein, was man im heiligen Rußland unter „NicderlassnngSgcbict" versteht. To werden nämsich die wenigen Gouvernements bezeichnet, 'in denen de». Inden der ständige Aufenthalt gcstatletz ist. .Ehedem wurden die Inden in besondere Stadtlheile eingesperrt, die Ghetli hießen; in Rußland sind cö einige Gouvernements im Südwest-, und im Nordwestgebiete, welche den Juden als großes Ghetto dienen. Schon unter . Rkcolans I. traten einige liberale russische Publicisten für die Airs-! Hebung des NiederlassnngSgebietcS ein unter Hinweis darauf, daß . die Anhäufung der jüdischen Bevölkerung in bestimmten Gebieten und j deren enge Wohnrännie in ökonomischer und sanitärer Hinsicht sebr - schädlich sind. Die russische Regierung hat jedoch dicsln wohlgemcinten ■ Rath unberücksichtigt gelastet!. Im Lause der Jahre erfuhr die jüdische j Bevölkerung im NiedcrlassungSgcbietc einen natürlichen Zuwachs, so daß die Anhäufung derselben immer fühlbarer wurde. Unter Alexander II. j suchte man diesem Üebel dadurch abzuhelfcn, daß man der Ansiedlung j Blatt. - Seite 3 der Juden in den inneren Gouvernements leine Hinderniste in den Weg legte. Aber gleich allen Palliativmiileln hak auch, diese Maßregel der Regiernng, welche doch die Berminderring der jüdischen Bevölternng i»> RiederlassungSgebiete herbeiznführen bestrebt wat, den erwüisichlen Erfolg nicht gehabt. In dem Augenblicke, da die liberaltbuende Regierung Alerandcrs II. die Freizügigteil der Inden ans legislativem Wege nicht seststellen wollte, koniite man die Absicht, das Innere des Reiches den Inden zu erschließen, . im Borhinein als vereitelt he trachten Tenn de! Fortbestand des BerboieS der freien Riederlan.ting der Inden crinöglichlc es der Beamlenwillliir, eine nennenswerlhe Ansiedlnn^ von Inden im Inneren des Reiches zu verhindern. Bereiuzelte Fälle, wo Juden in den EeiilralgütiveriieineNts nngcltindert sich nicdcrlasien konnten, sallem nijjit in die Waagschale War schon also die Lage der Inden im RiederlastniigSgebiele unter Alerandcr II. keine beneidenSwcrthe, so tvurde sie unter Alexander III. einiach ii,i möglich. Tie masscnbasien JudenauSwexsiingen aus dem Inneren des Reiches sowie .die Ausschließung der Törser und Marllslecken ans dem den Inden znin ständigen. Ansenlltalle zngewiesenen Tcrritorinni haben die jüdische Bevölkerung im RiedcrlastnngSgebieie bedeutend ver stärkt und die unter ihnen herrschende Armulh vergrößert Tierussische Regierung, welche der Lage der Jaden im RiederlastungSgedielc bisher niemals ernste Ausmerkjamkei! Jrtwenden wollte, ist nun in der letzten Zeit von eompeienier Seite ans die nnhallbaren Zustände ausnierksäm gemacht worden. - Und was wir von dieser maßgebenden Stelle über die Lage der Inden int R i e de r l a st u n gS g e b i e le hören, das ist thatlächlich geeignet, allerorten tiefes Mitleid und Entrüstung hetvorznrtifen. Auf dem kürzlich in Katnienee Podolsli naltgcliablen Eongreste russischer Aerzte wurde nämlich os'ieiell eoustatirt, daß die immer zunelmiende Berdichtnng der jüdischen Bevölkerung im RiederlassnrigSgebiete, die engen Wohuränutc ttnd die sck,lechie'Raltrnng. einen rapiden Kräfteverfall und eine phn'iiche Erichöpsnug der jüdischen Einivohner hervorrnsen, so daß dieselben bei Ausbruch einer Epidemie mastclihaft dem Tode, verfallen müssen. Aus einem auf den, Eongreste verlesenen Berichte über die Eholeraepidemie von >^'.'2 und l'E'l sieferte Tr. Snlima, der von der Regierung ernannle Saniläisinspeetor, den Beweis, daß die Inden eilt bedeutend größeres Eo» ' kingent von Eboleratranken als die EHristen gestellt haben „Tie Ertcnsitüt der Eholeraepidemie unter ' den Inden," sagt, dev oisteiellc Bericht wörtlich, „ist viermal größer als unter de»' Eliristen." 'Toelor Snlima belonlc nachdrücklich, daß die künstlich hervorgernseue Berdichtnng. der jüdischen Bevölkerung im Riederlastnngsgel'ieie allein die Schuld an der. nngchencr großen Sxerblichleit der Inden trage. Aber auch in der Petersburger Gesellschaft' der Aerzie reieririe unlängst Tr. Braschuikow, ein beim Ministeriunr des Inneren ..ngestellier Arzt, über den Gang" der Eholeracpidcntie von 1im. Gonvernetlteni Mohilew und constalirle dabei, daß die dortige jüdische Bevölkerung in Folge der allzu großen Anhänsung unter der.Eholera last viermal so viel als die, christliche, zu leiden 5aile. Tieie Tbaljacheri^ gehen znm Nachdenken Anlaß. , Wir wollen nicht glauben, daß cs in der Absicht der rn'stscherr Regierung liegt, durch Schaffung nnutöglicher sanitärer Zustände int RiederlassungSgebiete die Zahl ihrer jüdischen Unlcr'thaue» zu redurireti. Aber gesetzt den Fall, die rnsfiichc Regiernng würde die Ansicht des. Fürsten Mekchlscherskij, des Herausgebers des „Graschdanin",' iheile», der da sagte, man' solle den Inden die Freiheit., nach Hunderten oder nach Tausenden ru sterben, überlasten, ko.müßte sie dennoch an eine vernünftigere Austheilung der Inden denken. Aus dem Aerzteeongreste wurde ja auch amllich eonstalirt, daßdie Berdichiung der jüdischen ' Bevölkerung in vielen Städten sehr geiährliche epidemische Herde-erzeugt hat, rvllche - in gleichem Maße wie den Inden anch der orlhodoren Bevölkerung gefährlich werden So legte -Tr. Tonsloj dar, „daß die Städte Ehinclnil und Rowö-Koiistaiilinow, welche ausschließlich von Juden bewohjiik sind, in Folge der Znfantmendrängnng und Artnulh der Einwohner Ställe» aller möglichen ' ansteckenbcn Krankheiten bilden, welche den ganzen Bezirk verpesten". Also, wen» schon nicht die Humanität, so erheischt, eS rvenigllenS das Interesse der orthodoren Bevölkerung, das RiederlasiungSgediet endlich - aufzuhebcn und den Juden oas AnsiedlnirgSrecht im ganzen'Reiche ätiziträumetr. Katharina II. verwendete die Juden als Eolonijations' material für das unter ihrem,Regime eroberto Roworossijsk Gebiet und hatte dies wahrlich nicht zu berenen. Tic gegenwärtige Regierung, erblickt den Gipfelpunkt der StaatSweiSheit darin, die Juden zu deren und des ganzen ÜreichcS Rachtheil an einzelnen Stellen zusammcnznpscrchen, während - in Transkartkasien und im T ranskaspi-Gebicle Ländereien von der Größe Bulgariens fast gänzlich unbevölktrt sind und vergeblich der Eoloncn harren. ' An:us.