Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 165 (2.6.1895)
- Date
- 1895-06-02
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/4886575-5439167-5441629--2005-4888417- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
ein serbischer Gelehrter in Belgrad, Profeffor Tr. Milan R. Bcs nie, vor Kurzem geleistet, sagen wir gleich in ausgezeichneter Weise vom Standpunkte vergleichender Rechtsforschung und Bolksknnde: Seine Schrift führt den Titel: l'ra/.uovori.e i zlocini s purocitim pogltMom ii,i [>r;iz»"Yi'rii-n o zakopaitoiv blagti (Köhlerglaube und Berbrechen mir besonderer Berücksichtigung des Köhlerglaubens vom vergrabenen Schatze. Belgrad 1S64, 62 3., Kl. 8°). Tgs Schwergewicht dieser Studie beruht für den deutscheX^olklorisren in den neuen Erhebungen Professor Besni.Ls, der zur Beleuchtung der einen Begebenheit mit Erfolg eine Umfrage im serbischen Sprachgebiet von der Adria bis lief nach Bulgarien veranstaltet bat und deren Ergebnisse liier mitcheilt. Eine völkerpsychologische Analyse solcher Erscheinungen des besonderen südslavischen Volksglaubens liefert ausfühtlicher als Besnie'S Untersuchung ,mein Buch über Bolksglanben und religiösen Brauch der Südslaven (Munster 1 <S‘.*U) in seinen zwei Schlnßcapiteln (Grab- und Todtenfelische; Opfer und Opserdivinaiion, S. 166—17u). Wie bemerkt, brachte sich Ilija K onstantinovir an dem Orte, wo der angebliche Schatz vergraben ist, selber zum Opfer dar, und zivar in der deutlich ausgesprochenen Absicht, durch sein Blut den Erdgeist, den Schatzbehüter, zu versöhnen. Das Menschenopfer stellt sich liier also sowohl als ein Sühnwie als ein Ablösungsopser dar. Blut isi der Gegenwerty für den Schatz. den die Erde birgt und ei» Tämon bewacht. Es muß aber nicht uiibediugr Menschenblut sein. Ob das Menschen- oder das Tliieropfer primär ist, kann man nicht ohneweiters enl'chciden, mau hat pietmehr nach der Sachlage und dem jeweiligen Ere:gni>'e ein Uriheil zu sauen. Es wird'dadurch wesentlich erschwert, dag wir den Glaubest nicht in seiner geschichtlichen Entwicklung aus einer langen Bergaugenheil verfolgen können, sondein daß uns lediglich Belichte sozusagen auS der jüngsten Gegenwart vorliegen: denn es bandelt sich nickt um einen entschwundenen, sondern leider Gottes noch bestehenden Brauch und Glauben. Ten will Professor Besnic endlich einmal ausgeroitet 'wissen, und daruni hat er seine Abhandlung geschrieben in der Anhoffung, daß der serbische Staat durch Fördernug der Volksbildung und entsprechende gesetzliche Verfügungen dem Ueb.I sieuern werde. E.n . Freund Prosesior Besni>''s schreibt: Träumt Eineitl von vergrabetten Schätzen, tu Hute er vor Allem zwei makellose, noch blinde Kätzchen, die ron einer und derselben Katze geworfen wurden, dann einen Tevf Wasser und verfug; sich damit ans einen Kreuzweg außerhalb des Orres. Hier hat er ein Feuer anzusachen und die Kätzchen >'o lange im Topf sieden zu lassen, bis das Fleisch von de» Knochen gänzlich nch losgeschält. Ist dies eingetreren, muß er mit den Zähnen die Unterkiefer beider Kätzchen auS dem Topfe herausfischen und inäuscheuskille an jenen Ott sich begeben, wo seinem Traume zufolge 'das Geld vergraben ruht. Teit Platz muß er mit rothen Fäden einhegen; denn man glaubt, daß um ihn'herum, verschiedenartige Thiere hcrnmspringen. An dem Platz angekomtuen, soll er die Kieferladeu aus den Zähnen kerabfaUen lauen, und darauf.erscheint ein Bär, den er etsi überwältige:» -muß, um den Schatz ausgrabeir und wegtragen zu taipnen. Eine einzige Münze jedoch muß er an der Fundstätte zurücktaffen .und aus ' dem Heimwege in besliinniten Zwischenräumen wieder je ein Stück wegweneu. (Gegend von Ai sch.) T Eier Glaube deckt sich im Wesentlichen mit dem westeuropäischen, wozu die ron Proiesior K. E. Haase im „Urquell" veranstaltete Ilmfrage viele Belege darbietc'l. Klarer in Bezug aus das Blntopfer spricht" 'ich ein Berichterstatter aus der Gegend von O'aüak aus: Will man eimit Schatz beheben, muß inan zrii/ächn an der Schatzstelle ein ielvndiges (sseschöpf abschlachten und die Stelle mit Blut besprengen. Man muß i'o viel 12, ", 5, 9) Brüder oder Schwestern, seien es auch nur Hühnchen oder Ferkelchen von einer Mutter hinschlachte», als eS jener heischt, der den Schatz^ vergraben, und als ihrer das Traumg-sicht angeordner. Einem Manne sagte eine Traumerscheinnng mehrmals, daß unter feiner Hausschwelle ein Schatz liege, den er jedoch erst dann beheben könne, wenn er ans dieser Stelle neun Brüder ab- 'chlachte Er setzte sogleich eine .Henne an, die ihm neun Hühnchen ausbrniete. Er schlachtete sie alle ab und fand thatsächlich beim Graben einen Schatz. Ter königliche Richter zu Risch, Herr P. Gj. BlagojeviE -iräbit ans seiner GerichtSprariS folgenden Fall: Sima SaviE, ein militärischer Sattler in Risch, wandte sich an drei zauberkundige Weiber um Auskunft wegen vergrabener Schätze. Tie eine Vrncarn -Zauberin' in Kraljevo befragte er um Rath, wie er einen Schatz 'indeii und heben könnte,.der irgendwo im Negotiner Bezirke in solcher Menge rorkomme, daß man ihn aus Wägen verladen müßte. Ein andereSmal träumte ihm von einem Schatze in Risch, der unter einem M-aulbeerbaumstamme-liege, und er ersuchte einen seiner Freunde in Blatt. , Nr. 1C.Y LeSkovac, er möge sich bei einer Vrncnra im Dorfe Pomaniea in, LeSkovacer Bezirke erkundigen. Auch sandte er ihm Zeichen zu (Erde und eine Basilicumwurzel), nach denen die Frau der Sache auf die Spur kommen sollte. Als die Zaubereien (vradzbine) dieser Yracara den erhofften Erfolg nicht hatten, wandte er sich an Jovaniea, die Frau des Kopr-a Beliäkoviü, .zubenannt „Sarmakeäoviea", die aber gleichfalls Zeichen (Belege) von jenen Stellen verlangte, die ihm im Traum erschienen waren. Nachdem auf Grunde der dargebotenen Kennzeichen die eigentliche wahre Fundstätte des Schatzes ermittelt worden, hat man am Borabende eines Mittwochs im Neumonde ein wenig Erde (wohl von der Fundstätte) zu nehmen und dazu zu sprechen: „Ich nahm dich Geld in Besitz und ich nahm diese Erde, auf daß ihr mir künden .sollt, wer mein Wahlbruder sein wird, mit.,dem es mir beschieden'ist, dich Schatz zu heben und zu theilen." Danach siebt inan durch ein unigestürzteS Sieb Asche hindurch und merkt auf, was für Spur sich darin zeigen wird. Tiefe Erde soll man ferner in derselben Nacht des Mittwochs im "Neumonde unter das Kopfkiffen legen, damit einem im Traume der Genoffe beim Schatzgraben erscheine. Aber von den Dreien, die solches thun, müsse einer sterben. Den gleichen Bescheid erhielt Sima auch von der Vracarn aus Kraljevo. Auch andere Zauberinnen sagten ihm, daß an der.Grabstäite, und zwar in einer Dienstagnacht, ein Mensch abgeschlachtet werden müffe. An diese Rathschläge hielt sich Sima, und als er seine Weisheit zweien seiner Freunde zur Kenntniß gebracht, schlachteten sie ihn an der Stelle ab, wo der Schatz angeblich lag. Natürlich war ihre Nach grabung zwecklos. Die Behörde entdeckte sie, und das Gericht erster Instanz zu Nisch verurtheilte sie wegen vorsätzlichen Mordes. Ter Gymnasialprofeffor Herr Tr. Sima Trojanoviü machte Herrn Professor Bes nie; über folgende Begebenheit aus dem Driim gebiete Mittheiluug: Bor etwa 26 Jahren trug sich ein ähnlicher Fall im Torfe Lonjina unterhalb Ljubovija zu. Ztveien träumte, daß unter einem Hügel, unter genauer Stellenangabe, ein gewaltiger Schatz sich sinde. In ihrer Ueberzengung bestärkte sie eine häufige Erscheinung nächtlichen Lichtscheines an betreffender Stelle. Ihrer Verabredung gemäß kamen Beide eines "Nachts an den besagten Ort, unter Mit nähme von Asche und eines Siebes. Bor dem Graben mußten sie nach alter Weise zuerst in Erfahrung zu bringen suchen, was für Opfer sie dem wachhabende» Geiste zu spenden haben werden (kak» knrbaniti divu rtivartt). Ohne eine Silbe Zu reden, schüttete der eine von ihnen das Sieb voll Asche an und siebte nach rückwärts schreitend eine dicke Schichte rund um den vergrabenen Schatz an. "Nach erledigter Arbeit entfernten sie sich und kamen wieder am frühesten Morgengrauen, um nachzusehen, was für eines Geschöpfes Spur die Asche aufweise, damit sie sonach ein solches Opfer darbringen sollen. Siehe da,, sie erblickten in der Asche menschliche Fußspuren Rasch »nd ohne weiter zu überlegen, fasten sie den Beschluß, den erstbesten, der ihnen begegnet, hinzuopfern. "Nicht lange währt es, kommt des Weges daher ein Bursche geschritten. Sie überfallen und schleppen ihn zuin vergrabenen Schatze hin und versetzen ihm mit einem Meffer einen Schnitt in die Kehle, so daß sein Blut die ganze Stelle wohl befeuchtete. In der "Meinung, der Geselle sei todt, warfezz sie ihn bei Seite und gruben ein tiefes Loch, mit zum Schatz zu gelängen. Als der Tag lichtete, begaben sie sich ins Dorf zurück) der ungeschlachtete Bursche aber kroch in den Graben, und als ihn die Leute da fanden, erzählte er ihnen Alles, was geschehen. Nach kurzer Zeit verschied er. Tie politische Behörde übergab nach der Untersuchung die Mörder dem Lo-.nicaer Gerichte. In Gornje Nedeljice hat man vor 56 Jahren bei gleichem Anlaffe ein Zigeunerkind abgeschlachtet. Auch heutigen TagS würde man das Gleiche verüben, denn iin ganzen Drinagebiete sowie im Osat und in Bosnien glaubt das Bolk unerschütterlich daran, und bei günstiger Gelegenheit schlachtet man das 'zugedachte Opfer. Alte Zigeuner erzählten dem Gewährsmann, es wäre ihnen wohlbekannt, daß Schatzgräber Zigeunerkinder anlocken und abschlachten. Darum gebe man atff die Kinder Obacht, daß sie nicht zu weit vom Heim sich entfernen. Zu erwähnen ist, daß Männerblut den Vorzug vor Frauenblut hat. Bon Seite 33 an bis zum Schluß referirt Profeffor VeSniE nach den GerichtSacten und seinen eigenen Erhebungen über den eingangs erwähnten Mord. Seine criminal-psychologischen Auseinandersetzungen zeigen den gewiegten Juristen und Psychologen. In einem neuen Pitaval dürfte dieser Bericht nicht fehlen. Profeffor BeSniE trügt sich mit der Absicht, .den serbischen Volksglauben etwaS näher zu. studiren „mit besonderer Rücksicht auf dessen Einwirkung auf die Moral überhaupt und auf die Criminalität insbesondere." Er mag dessen sicher sein, daß seine Studien einen deutschen Dolmetsch und einen dankbaren Leserkreis haben werden.