Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1895-05-26 · 164 (26.5.1895) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
164 (26.5.1895)
Date
1895-05-26
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
86% known words query
IRI
…/4886575-5439167-5441627--1998-4888411
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

.freies Blatt. Nr. KU Seite 6. lProicstaatcnhetzk.i ^‘e berufsmäßigen Hetzer, welche IN Antisemitismus machen, bleibe» nicht bei ten Juten stehen; ne suchen überall ihr Hetzgebiel zu vergrößern und betreiben je nach dem Lande, in welchem sie Unheil anrichten, auch Katholiken- oder Prorestantenhetze. Nach einer Pariser Meldung hält Georgs» Tbiübaud oneiitliche Vorträge über die sogenannte „Protestanteu- -rage", in denen er zu beweisen sucht, daß der Einfluß der Protestanten ebenso unheilvoll aut die Politik der drillen Republik gewirkt hätte wie angeblich jener der Inden. 2lus antisemitischen Blättern. <?ic Gillkll gegen dir Anderen i Im Vorderhaust des Briefkastens der lüiigne» „Unverfälschten Teutschen Worte" ist zu lesen: „Unbedingter in S. Es ist im Interesse de« wahren und reinen Antisemitismus lies bedauerlich, däst Vergani au Tr. Lueger einen eiitschiedenen Rückhalt hat, und ist es nach allen bisherigen Lorkönimnissen zweifellos, daß Tr. Lueger den Vergani keintsialls fallen lassen wird, da dee Letzteren .Unregelmäßigkeiten' die Lnegeiiäner keineswegs .geniren'. Tie christlich sociale Lergani-Partei bekämpft eben jede Eorruplion, bei der sie nicht selbst betbeiligt ist." Vergani, der jetzt bänsig den Geist des Lckmuel Lecb Kohn ans Pohrlitz citiri, dürste erwidern: schönerer bekämpft alle Judenslämuilingt, nur nicht die seiner eigenen Sivp'cha-k." So werden die Racenheyer und die „Äiilicorruptioiiisten^, die Einen von den Anderen, gebührend gewürdigt. I St'ouon fic nichts erzählen > Tie antifentitiidictt Blätter, deren wach, s.imem Auge sonst lein jüdischer Bankerotteur entgeht, weil mau denselben ja als rupus -ur di? ..jüdischen Laster" äusspielen kann, dieselben Wächter scheinen ’i:;- geivisie andere Erscheinungen des Judcnlhiims weder Aug noch LKr zu haben. Vor einigen Tagen verschied in Wien Herr Wilhelm Ritter v. G u tm a ii ii, der nicht nur als Begründer und Milchef der bekannten Firma, .sondern ebensosehr wegen seines Wirkens auf socialem und humanitärem Gebi.:.- eine hervorragende Rolle im Leben unserer 2:abt spielte. 3118 Mitglied des niederosterrcichi'chen Landtages, in welchen er von der Wiener Handels -J.-.I11I1ICIentsendet wurde, bat Wilhelm v. Gulmann die Anregung zur Reform des r'lrinen.nesens. die im weiteren Verfolge zum Beschlüsse des jetzt gellenden A'.ineugk'etzcs gübrie, gegeben. Turch seine Initiative wurde^der Pbilantropische Verein in 'Wien gegründet: in Krems wurde durch ihn ein SicchenhauS für ‘t* Gebrechliche errichtet. Tie Brüder Giitmann haben in Töbling mit einem Au-wande von;5<>0.*km» fl. ein Waisenhaus für 16 Mädchen vollständig eingerichtet und an 'der Wiener Poliklinik ei» Kinderfpikäl für 50 Patienten gegründet. Ebenso ividmeten sie der Poliklinik zum Baue ihres Hauses mehr als 6:"") fl. Außerordentlich zahlreich sind die Institutionen für Beamte und Albeiter auden verschiedenen Weiten .und Fabriken der Firma. Lallt einer lestainenlariichen Verfügung Wilhelm v. Gulmann's wurden gleich nach seinem 3lb.ebeii der Gemeinde Wien K.Um'» fl übergeben, um am Tage seines Leichen begängnlfies a:t 3lrine obne Unterschied der Eonfession vertheill zu werden. Austerde:n ivurke testamentarisch die Errichtung einer Stiftung von etwa ft. verfugt mit der Bestimmung, daß jährlich 80UO fl. an verarmte . Gewerbsleutc in 'Wien, und zwar-je zur Hälfte jüdischer und christlicher Confeiiion, zur Vertbeilung gelangen. Herr Max v. (Entmann errichtet, den Julenllcuen 'eines verstorbeneu BalerS folgend, eine Stiftung von 3>>0 OoO fl., dbreu Ziu>en zur Uiirersiävung von Waiien nach Berg- und Hültenarbeitern rernendet weiden, die bei den Moiiiaiiiinicrnehmniigen der Firma im Estrau- .'iaiwiuer Reviere bedienstet waren. Endlich wird von dcinfelbcii der Betrag rei. ungef.ibr '-".Oiin ii. verschiedenen wobliljäiigeii Fnstiiiilen in Wien zugewendel.. — Ter bekannte Berliner Financier, weiland geheimer Commercienrath Ger''on v. B l e i ch r ö d e r, hat in seinem Testament eine Million Mark zur Begründung einer milden Stiftung unter dem Namen Samuel Lleichröder- Stistung ausgesetzt. Tie Einzelbestimmungen sind den Testamentsvollstrecker» überlassen worden, doch mit der im Testament'getroffenen Einschränkung: „Nur daS verlange und bestimme ich, daß der Genuß der Wohlthaten der Slifiung den Bedürftigen ohne jeden Unterschied des religiösen Bekenntnisses zn stallen kommen soll." Dem Erblasser ist die Errichtung einer Anstalt zur Heilung und Pflege von Brustkranken das eigentliche Ziel gewesen. Das Stiftiingshaus, das im Anschluß an da« vierte städtische Krankenhaus in Beilin rrrichiet werden soll, ist für die Unterbringung von etwa 50 Kranken gedacht. Von derlei Vorkommnisien, die freilich nicht in den Antisemiten-KatechisiniiS passen, wiffen aber die aniisemitifchen Hetzblätter ihren Lesern nichts zu erzählen. (Jro'S «chnsucht nach einem Mandate.) Ter als Zuckerbäcker vermiglückte Jro, welcher in Schönerer'schen Diensten als „Schriftleiter" sei» Tasein fristet, sebnt sich nach einem Mandate und will bei den nächsten Lai.dtagswahleu in Böhmen sein Glück in der Stadt Eger versuchen. Ein Acker Blättchen erweist ihm den Gefallen, ihn als würdigen Candidaten auziiprersen. Aber auch ein Hamburger Antisemitenblatt empfiehlt die Wahl Jro's in den böhmischen Landtag, weil dieser Mann einer der strengsten Alldeutschen und Judengegner'sei. Tie Hamburger Empfehlung nimmt sich wirklich drollig aus. Zur Captivirnng seines Principals erklärt übrigen« Meister Jro im Himer hai»'e des Briefkastens der „Unverfälschten": „Ich werde bei meiner Bewerbung um das Landtagsabgeordiietkiimaiidat der Stadt Eger mit keiner Pariei .pacüren', sondern mit meinem Programm als entschiedener Schönerinner esse» und rückhaliSloS vor die Wählerschaft hintreten. Tieie Wurstkessel-Wahlinacher.'ie» kennt man im deutschen Egcrlande nicht." Wacker! l,.Trr SkmitismuS als Vorfrucht drs Antisemitismus.") Ter Ami, semitenführer Brei twi sch in Köln hat wenig Glück in der Bekänipsnng der Semitismus. Wie seinerzeitberichtet wurde, ließ er in Köln ein a»n semitisches Placat drucken und ösicntlich anschlage», welche« die Ueberlchii'i trug: „Der SemirismuS als Vorfrucht des Antisemitismus". In diesem Placat wurde besonders die Presse in Köln angegriffen, die daS Verhallen eines jüti fchen HandelsiiiannkS, Spanier, nicht genügend erörtert haben soll:e Spanier hatte sich im höchsten Grade unanständig in einer katholischen Kirche Kölns benommen; es stellte sich indessen später herau-s, daß Spanier zwar ein wenig anständiger, aber trotzdem treuer Sohn der katholischen Kirche war. Aus Grund des in einigen Theilen Preußens noch giltigeu Preßgesetzes vom 12. 'Mai 1851 wurde Breitivisch beschuldigt, ohne polizeiliche Erlaubniß ösientlich d fragliche Placat angeschlagen zu haben. Während daS Schössengericht den Angeklagten nur zu einer Geldstrafe von 8 Mark verurtheilte, hob die Sir.ss kammer die Vorentscheidung auf und verurtheilte Breitivisch zu 30 Mail Strafe. Gegen diese Entscheidung legte der Angeklagte Revision beim Kamuicr gerichte ein und beantragte sein?'Freisprechung, indem er gellend machte, die Straskammer in Köln habe § 41 des preußischen Preßgesetzes zu Unrecht a:i' ihn angewendet; er selbst Habe nicht dar Placat angeschlagen, letzteres habe er durch einen anderen Mann besorgen lassen. Tie Revision des Angeklagten wurde jedoch abgewiesen, da er unerheblich sei, ob Breitivisch das Placat >elb>t auheftcle oder es durch einen ankeren Mann als Werkzeug anheftcii ließ Breitivisch wurde bekanntlich wegen seines Aufenthaltes im Zuchlhause, wobu: ihn ein gemeines Telict gebracht Halle, von antisemitische» Blätter» alS 'Eides römi'chen Rechtes bedauert. Selbstverständlich floßt ihnen auch das Ilcir Malheur, welches ihn durch das preußische Preßgesetz betroffen hat^ Theilnabniei». An Allem aber, mag eS nun „römisches Recht" oder „preußisches Pi-'i gesetz" heißen, tragen nur die Juden schuld. lös' armes Wien! lUas hat ötrii, Uaierftaöt, verblendet? lUas-iiat brs .Holkes ifimt gewendet? Mein armes Wien! Mir lreibt's die Uotije in die Mangen, .Oie Ankunft feil' ich nur mit üaitgeu. -iHriit armes Wien ’. Dir schlechten steile» über (Outm, Oer rolle Ainn will übcrstutilen! Mein armes Micn! Oer Melifchenha!; trägt stol; die Fahne, Mild ianch;end hebt er sich im Mahne. Mein armes lUirn! Mann wird dein ^uge wieder klar? Mann wird dein sprechen wieder wahr? Mein armes Micn!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.