Mannheim
Compact Memory

Freies Blatt · 1895-05-26 · 164 (26.5.1895) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
164 (26.5.1895)
Date
1895-05-26
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
89% known words query
IRI
…/4886575-5439167-5441627--1996-4888409
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

reite 6 .freies Blatt. Nr. 161. ~ @egenroart überwunden. Es sind jetzt ungefähr hundert Jahre her, seil MoscS Mendelssohn in Berlin nur darum geduldet war, weil er uit Manufacnirgeschäft des reichen Schutzjudcn und Seidenfabrikanten Bcrnard beschäftigt wurde, und wo Abba Glozk, der jüdische Philosopb aus Polen, auf der Landstraße vor Hunger umkam, weil ihn seine Gegner verflucht, gebannt, gegeißelt und -seiner geschriebenen Werke beraubt halten. Wer mit erhebendem Gefühl die Fortschritte unserer Nation in den letzten hundett Jahren betrachten will, der möge vor. Allem auf . die Wandlungen blicken, welche unsere jüdischen Mitbürger unter der befreienden Einwirkung moderner Bildung gcniacbr haben.' Sie selbst haben jedes Recht, sich ihrer energischen Lebensktaft »nd Bildungsfähigkeir zu freuen; auch wir dürfen mit einiger Bcsricdigung sagen, daß nur noch die letzten Ueberreste alter lleberlicfcrung und llnduldsauikeit zu überwinden sind, um die Herzen ' und Geister der deutschen Juden völlig in unser VolkSthuni ein, znschlicßen Es ist natürlich, daß während dieser Uebergangszcit in ihrem Wesen hie und da noch Ausfallendes oder NichllöblicheS zu Tage kommt, und sie müsicn es sich gefallen lasien, wenn solche Schwächen und Verkehrtheiten aus dkr Zeis der Unfreiheit gelegentlich, einmal mit und obue^Laiine als jüdische Eigenthümlichkeiten besprochen werden. Wir werden freilich auch natürlich finden,' wenn sie gegen solche Besiedlungen besonders empfindlich sind, denn sic ringen immer noch nach Sicherheit ihrer gcsellschasilichcu Stellung und fühlen noch immer die Nochwchen des harten Druckes, welcher zur Zeit unserer Großraier aus ihnen lag. Tic Juden haben' auch in der Zeit ihrer Üns'.eilieit unterer Wissenschaft und Kunst unter sehr ungünstigen Verhältnissen eine große Anzahl bedeutender Namen geliefert. Wenn wir nur bis auf Baruch Spinoza znrnckblickcn, wie lang die Reihe starker Talente aus ihren alten Familien! Es ist nicht schwer, bci einer großen Anzahl derselben gewisse gemeinsame Eigenthümlichkeiten zu et kennen, sowohl an den Borzügen, welche sic besitzen, als an dem, i»as sie cntbehten, und die Versuchung liegt nahe, dies Besondere als lt»di>che Art gegenüber der germanischen zu fassen. Aber wir haben Ut'ache, mit Mißtrauen aus solche Schlüsse zu scheu, welche eine vornrtheilssreie Betrachtung dieser Eigenthümlichkeiten nahclcgt, deun eS in meu'chlicher Einsicht unmöglich, zu entscheiden, waS dem Wesen T.t Juden an sich immer und für alle Zeit von Vorzügen und Schwächen zngctheilt ist und was nur deshalb häutig an ihrem Gc- 'chlecht;n Tage kommt, weil sic sich aljc aus einem upsichcren politischen und socialen Dasein und aus-einem Bildungskreise, der noch - nicht gaii! d:t uukerige ist, herausgearbeilcl haben . . . Aber wer darf tagen, daß voller Ausdruck schöner Empsinduug ihrer nationalen Anlage vertagt ist, da ihr hartes Erdenschicksal sie bis zur Gegenwart zwang, ihr ganzes kräftiges Gemüthsleben vor Haß und Spott heimlich :n rerschlenenem Hause zu verbergen, und wie sollte die heitere Liebe znin Veben und das kräftige, sichere Behagen, die Grundlagen alles Humors, in einem gedrückten und verfolgten Gefchlechke gedeihen? ll.to 'che: nt, daß cs ehrlicher, und christlicher wäre, die tüchtigen Seiten d:s jüdischen Wet'eus, welche sich in einem langen Jahrtausend der llu'reiheit und Absonderung auSgebildct haben, auf e>technung ihrer - nationalen äiza't zu schreiben, als da eine nationale Unkraft zu tchelten. wo die wcrthvollen Leistungen Einzelner unter ihnen etwa gemeinsame, Mangel erweisen. Solche Behauptung beruht auf allzu unsicheren Annahmen, um mit fcierlichcnt Ernst öffentlich ausgesprochen zu werden, sie kann jeden nächsten Dag durch eine bedeutsame Thats.zche widerlegt werden." 'Ein Wülirworl über die Ailkisomilcii aller Zeiten.- Am Mär; 1 "ö-j schrieb Tr. Philipp so n in der „Allgemeinen Z.'.iung teS JudcnihumS" in einem „Tie Kreuzzeitungspartci und das Judenthum" betitelten Artikel folgende einleitende Worte: „Nicniand bat es bis jetzt unternommen, sei es aus politischem und socialen! , t'ei es aut religiösem Gebiete, gegen die Berliner Kreuzzettungsxartei mit Gründen zu streiten. Denn mit Gründen läßt sich einmal gegen die Auslastungen dieser Männer nichts ausrichtcn. weil sic selbst niemals mit Gründen augreifen, auf Gründe hören und sich uni Gründe bekümmern. Ihnen gilt es nur, was für ihre Zwecke und Absichten tauglich scheint, zu behaupten, was jenen cntgcgenrntt, zu leugnen. Statt Gründe werden dann Grobheiten, Injurien und Betdrehungcn aut Leute und Dinge geschleudert. Je mehr dies die Welt >re:ß, k mehr auch bereits die Jnvectiven der Kreuzzeitungspartci an 'Gewicht und Eintluß verloren haben, desto eher kann man sich daraus le'chränken, nur ihrer Anmaßung cntgegenzutreten und sie mit ebenso v:,!:r Entschiedenheit wie Verachtung abzuwcisen. Tann ist der Sache .voh'tandig Genüge gethan Tie schlagendsten Gegengründe, dieverntchtendste Beweisführung würden ja jene Leute doch nicht abhalten, eas'elbe Ge'chwä-? immer zu wiederholen, dieselben Anklagen und Verleumdungen immer wieder zu erheben." Was da Tr. Philippson vor dreiundvierzig Jahren über die „Kampfesweise" der Kreuzzeitungs- Partei schrieb, paßt heutzutage nicht nur vortrefflich auf dieselbe, sondern auch auf die aller übrigen antisemitischen Organe, Hst doch der Wahlspruch der Antisemiten aller Zeiten und aller Länder: „Calumliiare audacter, semper aliquid haeret!" (Tic Tivoli-Antisemiten und die Börse.) Wenn cs sich llm die Börse handelt, dann sind die Tivoli-Antisemiten in ihren Angrissen ebenso radical wie die Radaubrüder. Bon einem Börscnrcformgesc?, einer Börsensteucr rc. erwarten sie das Heil, und insgeheim freuen sie sich, wenn dieser „jüdischen" Institution ein Hieb versetzt wird. Tcmgegcnüber ist cS intercffant, zü erfahren, waS für „conscrvativ: Herren den Tanz um das goldene Kalb mitgemacht haben. Tie „Bossische Zeitung" schreibt: „Man weiß genugsam, welche Vor kämpser der Rechten oft genug umfangreiche Zeitgeschäfte in Gefreit und Spiritus gemacht haben, und wenn die Banquiers reden wollten, könnten sic aus ihren Büchern auch Nachweisen, wie mancher schconscrvativc Herr, der jetzt gegen den Tanz um das goldene .Stalb eifert, selber mitgetanzt, wie er sich die Finger verbrannt hat, indem er mit dem Feuer spielte und in Ultimopapicren sein Glück versuchte, so gut wie die Sprößlinge. conservatircr Familien in der Gesellschaft des .ollen ehrlichen Seemann' beim Macao und Roulette dem Glüä die Hand geboten haben. Vielleicht ist eS nicht unzeitgemäß, an die Thatsache zu erinnern, daß selbst- Minister allerlei BörsengeschätT getrieben haben. Man hat oft erzählt, daß Fürst BiSmarck in solchem Verdachte den Minister v. d. Heydt gehabt habe. Bekannt sind ssi Persigny, Mvrny und Gcnosien als Börscnspieler der Napoleon: sd>en Zeit. Aber wir lesen auch in.den kürzlich verössentlicksten Tage buchblättcrn Theodor v. Bernhardt'S von einem Gespräch mt: Savigny., Ta sagt (,Tie Anfänge der neuen Aera', Seite K.. Bernhardt von dem Ministerpräsidcntcn v. Mantcuffcl: .Gegen ihn spricht seine llnpopularität. Und die hat ihre Gründe. . . . Viel, wissen, daß er selbst recht gut cinsicht wie seine Stellung längst voll kommen würdelos geworden ist, und sic verargen ihm deshalb doppelt, daß er sie nicht aufgibt. Was ihm darin noch besonders in der offen ilichcn Meinung und allgemeinen Achtung schadet, ist sein Spielen an der Börse? Es soll auf diese Miktheilung nur deshalb verwiesen sein, weil nach der Haltung der conscrvativcn Partei leicht die Meinung cnlstehcn könnte, die Rechte habe nie etwas mit der Börse zu thun gehabt, und wenn die Linke einer Gelegcnhcitsgesctzgebung gegen' die Börse Widerstand leiste,, so liege der Grund in ihrer Bethciligung an Börsengeschäften, an ihrer Verquickung mit Börsenkreisen." An umfangreichen'Zeitgeschäften in G"reide und Spiritus haben cs auä> feudale Cavaliere in Oesterreich nicht fehlen lassen, auch solche md)t, die sich heutzutage auf „christliche Socialreformcr" hinausspiclcn. (Tachmarder und Häuserfresser.) In der „Zeitschrift für G. schichte des Oberrheinö", neue Folge, I. (1880), schrieb Profejior Eberhard Gothcin in einem Aufsätze: „Tie oberrheinischen Lande vor und nach dem dreißigjährigen Kriege" : „Am Obcrrhcin um das Jahr 1000 wird fccjt Juden der Wucher untersagt. Aber die christlichen Bürger treiben es mindestens ebenso arg. Besonders wird die fd)lim»i!'n' Art des Wuchers, die noch jetzt nicht ausgerottcte Vichvcrstcllung, von ansehnlichcrn Herren, Adeligen und AmlS.leutcn geübt, so daß ein biederer Statthalter im Sundgau diese geradezu als die Tachmard.r und Häuserfrcsier bezeichnet." (Italienische üCffitierc.) Vor Kurzem hat sich, wie aus Rom g: schrieben wird; ein wackerer Lfficicr der italienischen Armee in das Privatleben zurückgezogen, der Oberst Enrico Guastalla. Er war in Guastalla geboren worden und hatte sich in seiner Jugend dem Geschäfts,leben gewidmet, aber als die Revolution auöbrach, gab cr seinen Kaufmannsberuf auf, um sich an dem Kampfe für die Einheit Italiens zu bethciligcn. Er kämpfte bei der. Verthcidigung vou die») gegen die Franzosen und nahm an vielen anderen Kämpfen thcil Für seine Tapferkeit wurde Guastalla zum Lieutenant ernannt Nach dem unglücklichen Ausgange des Feldzuges flüchtete er naäi Piemont, und 1858 ging cr nach England, wo cr sich Mazzini an schloß. Im Kriege von 1850 trat cr wieder als gemeiner Soldat ein, kam zu dem Corps Garibaldi's und stieg von Stufe zu Stufe aufwärts. Er befand sich in den Reihen jener Tausend, die unter Garibaldi auf Sicilicn landeten, und kämpfte in allen Treffen und Schlachten, bis cr am 1. Octobcr 1860 im Kampfe am Volturno verwundet wurde. Kaum genesen und inzwischen bis zum Obern avancirt, schloß er sich wieder Garibaldi bci seinem Angriff auf Rom au und gcrieth mit ihm bci Aspromonte in Gefangenschaft, worauf er in der Festung Finistrclli internirt wurde. Als aber 1806 der Kr::.q ausbrach, war cr sofort wieder an 'der Seite Garibaldi's, nahni an den Kämpfen bei Como, Brescia, Lenato, Salo und dem Feldzüge in Tirol thcil und zeichnete sich überall aus. Er errang die Militär-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.