Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 164 (26.5.1895)
- Date
- 1895-05-26
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 1*54. Freies Dr. Hermann Fiala die gegenwärtige politische Lage, welche durch daS Anwachsen der reactionären Elemente charakterisirt werde. Zahlreiche Anzeichen der letzten Zeit weisen darauf hin, daß die StaatSgrundgcsetze nur auf dem Papiere stehen, und eine JnterpcllalionSbcantwortung seitens der Regierung habe gezeigt, daß mau die Anfücllung von gewissen Erfordernissen für daS StaatSamt »och nicht als einen Widerspruch mit den StaatSgrundgcsctzen ausfaßt. Die von der Regierung dem Antisemitismus bewiesene Duldung sei kein Zeichen der Gleichberechtigung. Antisemitische SiegcSfcstc werden in großen Gacatcn an allen Straßen angckündigt, und was sich in Wien noch als Beschimpfung und Bcrhetzung darstellt, daS sei in Sai,dusch in Galizien in die Thal übersetzt worden. Dr. Fiala besprach sodann die Hctzpredigten dcS Pfarrers Deckcrt, die diesmal noch rücksichls loicr und aggressiver waren als im Borjahre. Wenn Dcckert seine „Eonscrcnzprcdigten" mit dem Satze schließt: „Herbei mit dem Scheiter- Kausen! Bcrbrcnnt diese Juden zur Ehre Gottes und der Kirche! Amen!", dann wiffe man nicht, wo eigentlich die Grenze des Erlaubte» sei. Der Redner gab dessenungeachtet der Hoffnung Ausdruck, daß trotz aller trüben Anzeichen die Grundsätze der Wahrheit und Gerechtigkeit siegen werden. Dr. Emanuel Spitzer beantragte hierauf mit* Bezug auf die Hetzprcdigtcn Dcckcrt'S eine Resolution, durch welche „die Bcrsammlung dcS einen ansehnlichen Thcil der österreichisch,-» Staatsbürger israelitischen Glaubens in Wien vertretenden Poli- „ichen BolksvercincS die'Entsendung des BcrcinSprüsidiumS als Dcpu-" lation an den Cardinal Fürstcrzbischof Dr. Anton Gruscha beschließt, um vom Cardinal i» einem persönlichen Appell au dessen erhabenes, zugleich die kirchliche Oberbehörde darstellendes Kirchcnaml, sowie au denen notorische Gerechtigkeitslicbe und stets bewährte, wahrhaft pricstcrliche Humanität Schutz zu erbitten gegen diese mittelst des dreifachen Mißbrauches des PricstcramtcS, der Kanzel und der Gläubigkeit der Zuhörer in ihrer Gefährlichkeit maßlos gesteigerte» Angriffe, durch welche Glaube, Fried: und Sitte ebenso bedroht, als die österreichische Judenschaft in ihren' heiligsten Gefühlen der Mcljgion und Ehre vc» ,tzl wird." Es entspann sich hierüber eine lebhafte Debatte. EincrieilS wurde hcrvorgchoben, man solle nicht um Gnade bitten und Schutz nicht beim Kirchenvater, sondern beim LandcSvater durch Entiendung einer Deputation an den Kaiser suchen. Bon anderer Seite unirfc geltend gemacht, eS werde jedenfalls von Bedeutung iein> die Haltung des FürstcrzbischofS in dieser Frage kennen zu lernen. Die Bemühungen der Abgeordneten K r o n a w e t t e r, P c r N c r st o r.s c r und Er»er zur Wahrung der Rechtsgleichheit wurden lebhaft anerkannt, aber auch der Wunsch ausgesprochen, die Bereinigte deutsche, '',u!e möge ans ein entschiedenes Borgehcu der Regierung im Geist: e:r StaajSgrnndgcsctze dringen und, wenn dies fruchtlos sei» sollte, vor der schärfsten Oppositiou nicht zurüctschrccken. Schließlich wurde die von Dr. Spitzer beantragte Resolution mit, allen gegen acht Diimmen angenommen. Zlll» Falle Kottek.) Der confessionSlose Schuhuiachcrineister .wies Kottek wurde, wie wir in Nr. I*idrö „Freien Blattes" »litgctbcilt haben, von der politischen Behörde zu einer Geldstrafe von Einem Gulden vcrurthcilt, weil er unter Berufung ans die StaatSgrundgesetze sich weigerte, seine Tochter an dem Religionsunterrichte ibeilnchmen zu lasten, und rceurrirte dagegen. Als dann eines Tages ecr Katechet Cooperator Panholzer die kleine Kottek in daS Schul- Ztilimcr führe» wollte, trat ihm deren Batcr entgegen, ergriff ihre Hand und ging mit ihr fort, wobei er dem ihm »achcilenden Katecheten .uvicf: „Mit Ihnen habe ich nichts zu reden." Das Bezirksgericht Mariahilf vcrurtheiltc deshalb Herrn Kottek wegen Einmengung in ■ Amtshandlung zu einer Geldstrafe von fünf Gulden. DaS "andcSgericht gab jedoch seiner Berufung statt und sprach ihn frei. Ei der Begründung dcS UrthcilcS der zweiten Instanz heißt -cS: .Ter Katechet ist eine obrigkeitliche Person, weil er von der Behörde M'tcllt ist ES fand auch eine Amtshandlung statt, da der Katechet >e Kinder in ein Schulzimmcr führte. Allein eine Einmengung fand nicht statt, da der Angeklagte nichts gclhan, als daß er das Kind abgcholt hat. UcberdicS befand sich der Angeklagte im gute» Glauben, ea sein RccurS gegen die Bcrfügnng der politischen Behörde noch acht entschieden war." (C'ill CoillMtNtar zur Koalition.) In St. Florian hielt am Mai -Abgeordneter Dr. Eben hoch in einer Bersammlung des '(acholischen BolksvercincS für Obcröstcrrcich eine Rede und sagte u. A- Tie Fahne de« BolkSvereineS zählt imincr mcbc Anhänger, und die durch n. erschossene Organisation wird immer fester. Tie Abgeordneten aber, welche «ns Grund de« Programm« de« «iatholischeu PolkSvereinc» gewählt wurden ivissen wohl, daß sie dem Programme de« Vereine« treu bleiben mnssen. Wir 'nrien aber auch jene Besonnenheit nicht vergesten, welche den endlichen Lieg garantirt. Während ein,« junge kampfeSfreu^igc Par.tei, ivelche in Blatt. ' ' f i'ite 5>. den Hauptgrundsätzeu mit nn« Eine» Linne« in, von Lreg zu Lieg eilt, sind wir durch ein Wort, da« wir 'eeiwillig gegeben babrn, ge bunden. 2chr sind der llcbcrzengnng geweien, daß duräi un'cre Haltung die eine imRcichSrakhe >o inächligeParlei in Tchranteii gehalten werde, und betrachten ninere .Haltung für' um >a bereinigter, al« wir'an des Lpitze der Negierung einen braven üaibolitc» >ehen, der ganz aewis; 'otorl sein . Regiment niederlegen würde, wenil nur irgendwo die taiboliichen Grundsätze tangirt ivürden. «eicht au« Gulmülhigleit. noch «iaetigiebigteik, ioiide^n au« Zweckmäßigkeit habe» wir die sogenannte Coalition 'grschlonen.' E« in eine schwere Prüf»ngszcit, aber wir werde» sie bestellen, den». Gott ivird die Partei nicht veinielnen, welche den Lchutz de« Glaube»«, der >iirche. den »ianips kür da« Vaterland und für dir Lmiastie aut ihre Faluie geschrieben bat. Bon dieser Ltcllung au« schaue» ivir mit lebhafter Freude au> die christlich-sociahe Partei nNd haben de» innigste» Wnuiw. das; jene Einheit, welche in der' takholiichen üirche hcrrii». c« ermogliäien werde, daß beide Parteien dereinst aus dem gei»ein>a»icu Boden de« Glauben« nä> finden werde». Wir beglückwünsche» vom ganzen Herzen diele junge Partei zu ihren Erfolgen in B.t-ien. Wir wüilichr'n. daß iie in Wien ibre Er folge vermehre, und wün'cheii, daß, bi« Goll die Partei mit uu« geeint haben wird, der augustini-che Lprnch: ..I» rii, uniku-!».->»!»>> >!>«»-:»» * in omniliiis i-arita-" gellen nioge * Es verstreicht fast lein Dag, an welchen« lischt eine Kundgebung eines liberalen Bcreines por einer weiteren „Zurückstellung" ireihsitlicher (Grundsätze warnen würde. Die Worte dcS Tr. Ebenhoch cni halten ebenfalls eine ernste Mahnung, welche kein fortschrittlich gesinnter Abgeordneter außer Acht lassen sollte. (Droppancr Gcmciildcwal>lcii> Die Hoffnung, daß es de» Liberalen in Troppan heuer gelingen werde, die dortige Geineindc- Verwaltung den Händen der Antisemiten zu entreißen, envieSsich als trügerisch. Der dritte 'Wahlkörpcr wählte, wie von vornherein teststand, die antisemitischen Candidalcn. Aber auch die Bemithungen der liberalen, den zweiten Wahlkörpcr wieder zu gewinnen, waren von 'keinem erwünschte» Erfolge begleitet. Es wurden zwei liberale und acht Antisemiten gewühlt. ' Die Beamten der Eoalikionürcgiernng stimmten in überwiegender Majorität antiliberal und gaben den Ausschlag; auch die Clcricalcn wählten die antisemitischen Mandatswerl'cr. Angesichts dieses Wahlergebnisses fanden sich die liberale» der schlesische» Haupt stadt zu dem Beschlüsse bewogen, an der Wablaetion nicht mehr thcil zunchmen und sich der Stiinmcnabgabe im ersten Wahlkörper zu culhaltcn. Die zwei liberalen Eandidaten, welche im zweiten Wahlkörpcr. gcwühlt wurden, haben daher auch ihre Mandate zniückgelegk. l Gustav Frclltüg lind dit ollöculjcnc, * Die Behauptung: der Antisemiten, Gustav-F rey t a g wäre, erst ini späten Aller ei» Gegner der Judcnhepe geworden, ist grundfalsch. Der berühnite Dichter hat nie au« seiner entschiedene» Abneigung gegen den AniiscmiliSmns ein Hehl gemacht. Bian kan» in dieser Hinsicht seinen Siandpnntl am besten an« einem Artikel ersehen, den seine „Gesammelten 'Aussätze", tPd. .11. S.!)-'I) enthalte». Die Bcra»Iass»»g zu jenem Artikel hätte das Pamphlet Richard Wagner's „Das Judenthnsti in der Musil" > I HliA» gegeben. Es erschienen damals mancherlei - Streit schriftcn, und Freitag sah sich veranlaßt, sein Wort in dieser An gelcgenhcit abzugebcn. Er schrieb also vor -'> Jahren: „Wir lmlte» gegenwärtig einen ernsten Angriff ans das jüdische Weien unter uns nach keiner Richtung für zeitgemäß, nicht in Politik--, nicht in Gesell schart, nicht in Wissenschaft, und Kunst: denn auf allen diesen Ge ' bieten sind unsere Mitglieder israelitische» Glaube»« werthc Bundes genossen nach guten Zielen, aus keinem Gebiete sind sic vorzugsweise Bcrtrctcr einer Richlniig, welche wir für gemcin'ichädlich halten uinne» Es hat Jahre gegeben, in denen die Skiinmtührcr einer wusle» Demo kratic zum großen- Dheile junge Männer jüdischen. (Glaubens wareir — wir wissen wohl warum — jetzt.bilden weit andere Elemente die äußerste Hinte, wclck>c auS den arbeitenden Clanen der christlichen Bevölkerung hcranfdringt. In Handel und Berkchr galten lange Zeit die Inden für die Hauplspeculauten bei gewagten . Börsengeschäften und einem großartige» Geldwncher; sie habe» auch diesen Ruhm an. Christen abtreten müssen, eS sind bei uns jetzt Fürsten und Häupter alte» Landadels, welche unsolide (Geldgeschäfte begünstigen, den Unter nehmcrgcwinn einzichcn und die Aetionäre durch ihren 'Rainen verlocken; die steothschildc sind beinahe ans den Standpunkt altfränkischer Geschäftsleute zurückgcdrängl, und angesehene jüdische Firmen unserer Hauptstädte gehören zu den ehrbarsten (Gegnern des ncnzcitlicheu ActienschwindclS. I» unserer Poesie und Literatur war au den Rach trctcr» von Börne und Heine eine Richtung zu .bekämpfen, welche in dem Bestreben, witzig zn sein, frech gegen die Kunst und unsere gesellschaftliche LebcnSordnung wurde; auch diese Berirrnng einer schwachen und begehrlichen Zeit ist durch den politischen Ernst der