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Freies Blatt · 1895-05-26 · 164 (26.5.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
164 (26.5.1895)
Date
1895-05-26
Page
[Seite] (sequence 4)
Language
German
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Freie» Blatt. Seite 4 gemeinde und seines Gehilfen, der Juden Meier und Lazar, welche unter der Beschuldigung, einen Mord zu religiösen Zwecken begangen;it haben, dem Gerichte eingclicfert wurden. TicscS machte kurzen Proccß: cS verurtheilte beide Juden zum Tode durch Biertheilen. Am Beier Pauls Tage wurden sic hingerichtet, worauf die Theile ihrer Leichname auf Pfähle gesteckt und an der Stadtmauer „ausgestellt" wurden. Tie gerichtlichen Acten über diesen Justizmord, welche der russische Geschichtsschreiber Tr. Tubnow kürzlich publicirt hat und denen wir unsere Angaben entnehmen, liefern ein reiches Material zur Kcuntniß der Methode, mit welcher in der guten alten Zeit „Ritualmord" Procesie geführt wurden. Tie frommen Brüder des Bernhardiner Klosters haben jedoch diesen Justizmord verewigt. In der Sacrisiei des Klosters befindet sich noch jetzt eine Sehenswürdigkeit, welche aut die Nerven der Zuschauer einen erschütternden Eindruck übt. Auf einem Tische daselbst steht ein kleiner Glassarg, welcher die llebcrreste des Ehristcnknaben aus dem Torfe Komaczyce birgt, der angeblich von de» Juden im Jahre 1033 zu rituellen Zwecken abgei'chlachtct wurde. Oberhalb des Glassargcö befindet sich ein großes Wandgemälde, welches der Pinsel eines frommen Bruders geschaffen har: das Bild stellt in Sclfarbcn einige Juden dar, welche dem Körper des abgeschlachteten Kindes Blut abzapfcu. Unter dem Glassarge ist eine Mciallplattc angebracht, die eine Beschreibung des „jütischen RilualinordcS von Lcncznca" enthält. Paulus Meyer, der in der Gegend von Leuczyca geboren und ausgewachsen ist und schon ui jungen Jahren mit den Proselntenmachern auS dem Bernhardiner- Kloster Umgang gepflogen hat, wird die Sehenswürdigkeit i» der Tacril'lci des Klosters oftmals zu betrachten Gelegenheit gehabt haben. Als er nun dem Pfarrer Tcckcrt die „Ritualmord"-Geschichte lieferte, welcher er persönlich, beigcwohnl Hütte, machte er sich seine Aufgabe leicht und erzählte mit einigen zeitgemäßen Abänderungen das, was er ans der Mekallplalte in der Sacristci des Bcrnhardincr-KlostcrS zu Lencinca-gelesen halte. N Galant. Die Druden in 21IaroFFo. Tie wichtigen Ereignisse, welche sich seit dem Jahre 1834 in Marokko zulrugc», haben aus die Lage der Juden einen fatalen Einfluß ausgcübk. Ter Tod des Snlians Mulcy Hassan und die Thronbesteigung seines Sohnes, d«r beinahe »och ein Kind ist, haben, wie jeder Regierungswechsel, unter dem schlcchtregiertcn Bolkc Wirren und Aufstände hcrvorgcrnseu, welche mehr als einmal das Leben der Juden dieser Gegend in Gefahr brachten. Andererseits erweckte die Expedition Spaniens nach Melilla bei den Mauren einen tiefen Groll, wovon die Juden gleichfalls den Rückschlag empfanden. Ter verstorbene Sultan baue immer mit großer Energie darüber gewacht, daß Lebe» und Eigcnlhum seiner jütische» Unterthancn respectirt würde», und wenn auch die Beamten nicht immer geneigt waren, seine Befehle und Wünsche austusühren, wenn cs sich darnm handelte, die Juden zu beschützen oder zu verihcidigen, so mußte man doch, daß der Sultan alle Beschwerden aunahm und sich bemühte, Allen Gerechtigkeit widerfahren z» lasten. Ter Tod des Sultans Mulcy Hassan war ein großer Verlust t'ür die Juden, uud seit dieser Zeit haben die Grcuelthaten gegen dieselben kein Ende gesunden. Besonderes Aufsehen erregte die Ermordung Moisc Benzaquen's und diejenige Mochluf Pinto's im Jahre 1^34. Moise Benzaqucn mar Saltclmacher und wohnte in einem Weiler, der einen Tbcil des Torfes Wad-Raß äuSmacht und au der Straße von Tanger »ach Tctuan gelegen ist.'Er übte sein Gewerbe in seiner (steburksstadl und auf den in der Umgebung abgehaltencn Jahrmärkten aus, wo er sich seine Arbeit mit Naturalien bezahlen ließ. Im August lv'4 trat Tr seine gewöhnliche Rundreise an, kam aber nicht wieder heim. In »Folge mehrerer durch die Mitglieder der Eultusgcmeiudc von Tetuan, hauptsächlich von Freunden deS Benzaqucn angcstcllten Nachforschungen kam man zur Ueberzeugung, daßs der Letztere im Walde von Wad-Raß meuchlings ermordet wurde; sein Leichnam blieb aber unauffindbar, und noch heute umhüllt tiefstes Dunkel dieses verbrechen. Ter andere Fall betraf Mochluf Pinto, ein Plitglied der EuliuSgeuicinde Tanger. Derselbe wurde drei Stunden von Tanger im Torfe, Zinat, Bezirk Wad-Raß, meuchlings ermordet. Wie der unglückliche Moiie Bcnzaquen, zog Pinto, Handel treibend, in der Umgebung von Tanger herum. Eines Tages ging er wie gewöhnlich mit seinem Äfiocis weg. Ter Letztere trennte sich von ihm und ging in einer entgegengesetzten Richtung weiter. Sie sollten sich in Zinat wieder treffen Aber wie groß war das Erstaune» seines Handclsgcnosieu, als er, in dem Torfe angekommen, das Reilthier Pinto'S ganz allein im Markte herumirrcnd fand. Er erkundigte sich alsogleich. Nr. 164 Die anwesenden Araber sagten ihm, daß Pinto mit einigen Individuen forlgegangen sei, um Waaren zu besichtigen, und nicht mehr zurückgekehrt sei. Später erst erfuhr er, daß Pinto meuchlings ermordet und sein Leichnam in einen in der Mitte der Felder befindlichen Ziehbrunnen geworfen worden sei. Der HandASgenosse Pinto's kairnie den Ziehbrunnen, er begab sich dorthin und constatirte mit Schrceteu, daß daö Verbrechen nur zu wahr sei. Eiligst ging er, der Familie die Hiobsbotschaft zu übcrbringen. Die CultuSgemeinde von Tanger schickte unter guter EScorte Leute au-, welche, unter dem Schutze oer Nacht, den Leichnam zurücktranSportirteti. Das arme Opfer wurde von rückwärts überfallen, durch einen mit einer Axt oder einer E nste auSgcführten Schlag hatte man ihm zuerst die Hirnschale gespali.n, nach einem zweiten Streich quoll daS Gehirn heraus. Es gibt für die Juden keine Sicherheit mehr in Marokko. Aber noch mehr als die Attentate gegen Personen ist die Haltung der behördlichen Organe zu beklagen, welche in dieser wie in der Angelegenheit Benzaquen's Proben einer sträflichen Gleichgiltigkeit lieferten. Sei es Furcht vor den Leuten, gegen welche sie gezwungen waren, auszutreten, und welche seit dem Regierungsantritte des neuen Sultans ein sehr zweideutiges Benehmen gegenüber den Vertretern des Eherifs beobachteten, sei cs wirkliche Berachtung für die Person und Nw Leben der Juden, was sie bestimmt — die marokkanischen Würdenträger zeigten augenscheinlich sehr wenig Bereitwilligkeit, als davon die Rede war, den Leichnam deS unglücklichen Pinto zurückzubringeu, und auch hernach, als es sich um die Ansprüche der Familie handcllc. In Marokko haben die Ansprüche nach eiycm Meuchelmorde nur dann Rechtskraft, wenn sie sich, auf ein Protokoll stützen können, welches von Notaren versaßt ist und wodurch der Tod' constatirt wird. - Die Familie Pinto's wollte sich diese- Actenstück verschaffen und bat den Gouverneur, die Notare zu bevollmächtigen, daß sic ihr diesen Act verfasien. Nach mehreren ausweichenden Antworten machte die Regierung aber Miene, die erbetene Bevollmächtigung zu verweigern, unter dem Vorwände, man bedürfender Intervention deS Repräsentanten von Brasilien — der Verstorbene erfreute sich des Schutzes von Brasilien — um den Statthalter dazu zu bringen, daß er seine Pflicht erfülle. Auch sind bis jetzt alle Bemühungen, den Meuchelmörder zu sindcu, resultatlos geblieben, ganzwie im Falle Benzaquen's. Ter Minister der auswärtigen Angelegenheiten wendete sich in dieser Sache an den Statthalter, dieser weigert sich aber, eine» / Araber, bei welchem Beuzaquen wenige Tage vor seinem Ver schwinden gearbeitet und geschlafen hatte, vorzuladcn, und alle Beide gaben vor, daß die derinalige Stimmung in Wad-Raß es nicht erlaube, eine energische Untersuchung, welche zur Entdeckung der Mörder deS unglücklichen SattelmachcrS führen würde, cinzulciten. TaS ' Comitö Central der Alliance Israelit« I'niverselle hat bei Heer» v. Monbel, dem neuen Minister Frankreichs in Tanger, Schritte gcthan, um seine wohlwollende Aufmerksamkeit auf die traurige Lage, in welcher -sich die Juden in Marokko befinden, zu lenken, und tt ist abzuwartcn, welchen Erfolg dies haben wird. (Wcflcit die Atmter-Cumlllirung.) Die liberalen Gcmeindcrsiihc nehiucn entschieden Stellung gegen die Acmter-Cumulirung. Sic verhinderten die Ausführung der Absicht Lueger's, feinem Freunde Steiner auch einen Stadtrathsposten zu verschaffen, und in der Sitzung des Gcmeindcrathcs vom 21. d. M. brachten Dr. Richter und Genossen folgenden, den antisemitischen Stellenjägern sehr unangenehmen Antrag ein: „DaS Amt eines Mitgliedes des Wiener Stadtrathcs nimmt die Thätigkeit eines Wiener StadtratheS so sehr in Anspruch, daß ein solcher zweifellos nicht in der Lage ist, diese Thätigkeit pflichtgemäß auszuüben, wenn er gleichzeitig der Reichs Vertretung angehört, und das umsoweniger, alS der Zeit nach die Ausübung beider Functionen während des grüßten Theilcs des JahicS zusammenfällt. Es muß daher vom Standpunkte der Gemeindeintereiscn alS .eine schwere Schädigung bezeichnet werden, wenn die Armier des Präsidinms oder der Mitgliedschaft des StadtratheS mit einem Reichs rathSmandat cumulirt werden, und es erscheint eine solche Cumulirung unisowcnigcr zulässig, alS es sich in beiden Fällen um mit Bcingcn verbundene Acmter handelt. ES wird daher beantragt: Es sei an den Landtag im Pctitionswege das Ersuchen zu richten, das Gcnnnudcstatut dahin zu ergänzen, daß das Amt eine- Mitgliedes deS SnrdtratheS oder deS Präsidiums mit dem Mandat eines RcichSrast'Sabgeordncten als unvereinbar erklärt wird." (Ter Politische Lolksverein uud Cardinal Gruscha.1 Am 18. d. M. fand eine zahlreich besuchte Versammlung deS Polil-lchen VolkSvcreincS statt. In derselben beleuchtete der BereinSobmanu

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