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Freies Blatt · 1895-05-26 · 164 (26.5.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
164 (26.5.1895)
Date
1895-05-26
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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■eite 2 Freie» Statt. Nr. 16! Adam Alu Her aus Guttenbrunn. (Zuschrift eines Theaterfreundes.) Geehrter Herr Rcdacteur! Was sagen Sie zu der Generalversammlung des Raimund- T!'t«nervereiueS, welche am 20. d. M. ftattfanb V Bildet sie nicht ein reitendes EabinetSftück in der langen Galerie von Jammerbildern, die I eine unser Wien geworden ist? Daß der Antisemitismus auch nicht rer den Pforten der Kunfttempel Halt;u machen gedenkt, wisicn wir ,a schon lange, aber daß sich der Tirector eines Kunstinstitutes selbst den Geruch deS AniiscmitiSmus, und zwar eines herzlich „unästhetischen" Antisemitismus setzen werde, das hätten wir sobald nicht erwartet, das häkle» wir selbst vom Herrn Müller aus Guttenbrunn nicht erwartet, denen persönliche Abneigung gegen das davidische «Geschlecht wir längst kannten, der sich aber immer als ein Mann rau gesellichastlicher Bildung erwies. Und nun mußte sich der Direelor des Raimund-Theatersvor den versammelten Mitgliedern des TbeatervereineS sagen lasten, er habe von einem hervor- - ragenden Berliner Künstler per „jüdischer 1' . . ." und von einer Schauspielerin per „jüdische H . . ." gesprochen und tractire das ..Jndenthnm in der Kunst", soweit cs in seiner Macht liegt, übcrl'.nipr in analoger Weife. Pfui, wie häßlich. Wir geben zwar gerne zu, daß diejenigen, welche um verflossenen Montag gegen Herrn Müller ru Felde zogen, die Herren Bahr und Gcnosten, desjenigen Theater kireekors würdig sind, der in so banaler Weise von Künstlern zu 'rrerlien wagte Herr Müller halte eine — nach Bahr's eigenem - Zeugnisse - „billige" Parade, als er diesem dessen eigene erccssiv ::rt'cir.i:tfdie Bergaugenheit vorhielk. Allein wenn auch die gegen den -Dtreetor d.'s üraimuuL Theaters erhobenen Borwürse in dieser Form 'ebr nach Toul.stenliakich riechen, bleibt es doch charakteristisch, daß gerade g'geu ihn solcher Tratkch heriimgetragen wird. Warum erzählt um» fielt dergleichen e'senbare g'iigen — denn nochmals, wir halten Müller!"e!>! 'üt 's gemein -- nicht von den Direetoren Burckhard, Zahn, Bntories, Zauner, Blaset, die ja allesammt Pollblutarier, sind? Warum ge.ade von Herrn Müller ans Guttenbrunn? Und warniu deeier g warde im „ Deutsch.m Po'.ksblalt" — einem ansonst gegen r!'.eai.".!e:ue mietlitilicheu «dato — stets und so auch jetzt den . wntsten Anwalt-? Herr Müller ans Gnirenbrunn sollte sich ernstlich kieier Zrennd'cha't ezwehren Tie hat ihm schon sehr geschadet. Bor inigen Monaten wurde im Earltheater von den Mitgliedern des R.t:t,i,n:d Tbealers zu einem wohlihäligen Zwecke „Deborah". aufi 'ul:::. M>r.rer ans «s'uttenbruun wohnte selbst der Porstellnng bei. T «>,s daran' erklärte ein antisemitisches Tagblatt mit ,,<>«enugthuung", daß :; .u ,"sa nisßgebendec Seite" die Persicherung gegeben wurde, . T w.r de auf keinen Fall die Bretter des Raimund-Theaters . -treten, -.'wie nach di. in eirede stehende Porstellnng nicht vom Rai- .-'.und Tl at r 'eilst, tonkern nur von einigen Mitgliedern und Eleven ' 'e."..:.'slairek werden fei. Einige Wochen später hieß cS — •’ t. ob mit Recht oder Unrecht — im Raimund-Thealcr . •.:• Au''«i«i>rttng des nach Heine's „Rabbi von Bacharach" Tt itu.,s' .Rabbi David". Alsogleich crgrist das nämliche t't ' 1 ''.iC ];:tl;.'tt, um Herrn Müller aus Gutteubruit» t e 1 ttt.ttlw zu führen, in welcher Zeit er lebt, und daß — ' ■ T ' in der Wallgane aukgetührt wrirdc — die Antisemiten den ,,>t ausmann von Pencdig" sich ebendaselbst Ja, zw..'.' zwar, ob sehr viele Antisemiten von der Eristenz '.'sstZ i.r nur keines Dichters etwas wistcti, aber, und das ist die H.ttvf'a.ii , e.r „Rasli David" blieb ihnen auch erspart: der Schreckeüuß la'.te g.toitkt. .Das sind nur so einige Stichproben; so ganz v.nnderitch ist es utcht, wenn gerade über Müller aus Guttenbrunn ' 'ataier Tratsch - wie der in der Generalversammlung erwähnte .olvorttrt wird. Diese Persammlnug machte einen recht beschämenden i nfsitef ank mich und, wie ich zu beobachten Gelegenheit hatte, auch dl-' meisten anderen Anwesenden Sie zeigte, wohiit wir als Groß feutittett sind, sie zeigte es bester selbst/ als die Porgünge im "iatl 1 tu'.', denn hier trat uns der im Geleite des Antisemitismus sich geude Per'all iuif einem «Gebiete entgegen, das wir bis jetzt noch für am btelieii Rur .ein uöstliches Moment hatte diese Persammlung, und > bin Verrn '.llluller aus Guktenbrnnn dafür dankbar. Es ist schon t m.dt 1 itige : :r - der Herr Direclor war damals noch der strenge e .tt'.tte ' v „D tuschen Zeitung" — da sagte zu mir Müller aus .ittoul",.,:tn, nachdem er über das llcbcrwuchcrn des Judcnthums -' allen '^ I t.n gejammert hattet „Sehen Sic sich nur unsere , t .ter an, den o! or, die Eomparserie, die Tänzeipnnen, Schau- 't tt.tr u:td Langer — ‘.’D Pereenl Juden." Ich machte die schüch- .!t: ^tnw tldnng. , daß sich darunter aber sehr viele Talente, theilweise hervorragende Kunstkräfte befänden! Herr Müller aus Guticnbrunn wollte dies aber gar nicht zugeben und meinte, wenn sich auf einer Bühne irgendwo ein Talent hervorthue, so wäre es gewiß kein Jude, sondern ein „Deutscher". Mit Vergnügen constatire ich, daß der Herr Director seither von dieser Meinung abgekommen ist, da er in der famosen Generalversammlung cinräumte, es gäbe auch talcntirte jüdische Schauspieler. Der süße Trost ist mir geblieben. Hochachtungsvoll ( Scenicu--. Die (Quellen des Pfarrers Deckert. Der Freund und Gönner des Paulus Meyer hat, wie bereits! berichtet, neuerlich, diesmal von der Kanzel einer der Seelsorge ge- [ geweihten Kirche aus, die Stichhältigkeit des sogenannten „Vlui! rituales bei den Juden" behauptet und dieses gefährliche Märchen in der aufreizendsten Weise unter dem .zahlreich versammelten Mob colportirt. Als Gewährsmann bediente sich diesmal der „hochwürdige" Pfarrer nicht des Paulus Meyer, sondern eines gewissen Rabbi Moldavo, dcffen „Enthüllungen" schon Rohling für seine Hetzzwecke gute Dienste leisteten und jetzt von Deckert als „unbezweifelbare Beweise" ans gespielt wurden. Rabbi Moldavo ist überhaupt der Kronzeuge für alle j internationalen Colporteure des Blwtmärchens und wird von diesen! der wisicnschaftlichcn Kritik gegenüber immer wieder vorgcritten. Erst i neulich hat ein anonymer Scriblcr mit der Berufung ans diesen \ „bußfertigen Rabbiner, dessen Enthüllungen den Eindruck strengster - Wahrhaftigkeit machen", das bekannte WcrkStrack'S über den „Blni- . abcrglauben in der Menschheit" äbzuthun geglaubt. Es erscheint daher zeitgemäß, sich den „bußfertigen Rabbiner". Moldavo etwas näher z» : besehen. Zunächst sei der Unwahrheit, welche Deckert wie vor ihn,; bereits Rohling, Fritsch und Eonsorten verübt, cntgegcngetretcn, daß die „Enthüllungen" deS „Rabbiners Moldavo" bisher „keine einzige > Widerlegung" gefunden hätten. Das scheußliche Druckerzeugniß ist . wiederholt einer gebührenden Abfertigung unterzogen worden, so;. B. von Giudetti („Bro -lnäm-iW, Turin 1884, S. 204) und von Tr. t P. Ralhau „Ter Proceß von Tißa-Eßlar", Berlin 1802); wenn dies nicht früher und nicht eingehender geschah, so ist dicS begreiflich,! da die in wohlverdiente Vergessenheit gerathcne Schrift erst durch : Rohling s Berufung auf dieselbe und durch ihren Neudruck im Jahre; 188o wieder bekannt geworden war,*) und da sie zudem von so! monströsen, den Stempel wahnsinnigen Aberwitzes an der Stirn tra - gcnden Lügen strotzt, daß man hiefj'ir auch bei dem vcrbleudeisten Judenhasicr Glauben nicht voraussetztc, eine Widerlegung deshalb sin ■ überflüssig hielt. j Wer war nun dieser „bußfertige Rabbi Moldavo"? In der int! Jahre 1880 in Bukarest erschienenen Schrift ..Oats Biografie«-" von; I. Psantir berichtet dieser Historiker nach Mittheilungen von Zeit genossen, daß der „Rabbiner" als der Sohn eines Schlossers i» Kischeucw geboren wurde und von seiner Beschäftigung als Gehilfe in; einer Branntweinbrennerei Roach Wcinjung hieß. Wegen ständiger Betrunkenheit davongejagt, wurde Roach Schickor (d. h. „Sänscr ) vagirender „Mclamed" (d. h, Kindcrlehrcr« in den Dörfetn bei Kischenew, wie er selbst am Ende der Einleitung zu seiner Schritt i ausdrücklich sagt t „am fost invetator la jidovii" („ich war Velircr I bei den Juden"). Da er aber an ein seßhaftes Leben nicht zu ge | wohnen war, vielmehr durch Trunk und Unzucht immer tiefer sh ul, j jagte man ihn überall fort; er wurde ein Schnorrer niedrigsten Ea [ libcrs, und als der stets betrunkene Vagabund schließlich bei den Juden i nichts mehr erhielt, trat er als Einunddrcißigjähriger zur griechischorthodoxen Kirche über. Er wurde Klosterbruder, setzte aber nachher sein vagabondirendcS Bcttlerleben fort, trieb sich in den - Branntwcinfchemkcn umher und ist, verhaßt 4>ci den Laien wie bei . teilten Klostcrgcnoffen, am Säuferwahnsinn zugrunde gegangen. Dies in Kürze die Geschichte des würdigen Erdcnwallens des „bußfertigen Rabbi Moldavo!" Sicherlich ein sehr vertrauenswürdiger, durchaus .*) Die l.S.'JH, 187«) und 1871 ,» Jassy (vgl. „Rumänische chroiioloqi>>k!e Bibliographie" von Demeter Jären, Bukarest 1873 ad aiinum) und 1877 in Bukarest erschienenen Neudrucke in rumänischer Sprache sind über Rninäntc» hinaus nicht bekannt geworden. Eine griechische Uebersetzung erschien im Jahre 1861 in Z«zule. Aehille Laurent, K-Lition historiejue des affaires en 8ytie (Paris 184f>), II, p. 378, nennt eine im Jahre 1834 „che/. Giovariu di tieorsio a Papoli de Komanleerschienene griechische Ausgabe. Ein „Napoli de Itoinanie" existirt nicht, atich kein „liomanie", sondern höchstens Iloumanie, und im Jahre 1834 eristirte auch kein lioumauis (Rumänien), sonder» nur die beiden gesonderten Fürstenthümer Moldau und Wallachei. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die hier von dem Erzlügner Laurent angeführte Ausgabe eine -für den Proceß von DamaScuS präparirte ist, welche deshalb alS Truckort ein überhaupt nicht existirendeS „Xapoli de komanie" nennt.

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