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Freies Blatt · 1895-05-26 · 164 (26.5.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
164 (26.5.1895)
Date
1895-05-26
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Freies Blatt AboilnemkntSpreis. ftür Lestrrrcich.Ungarn: -•.ihrig.5 Ärontn (fl. * 50) . .. - » *»»« l«. -I.S0) ,>iic ha« gefanimtt «u«latth: .*> Marl Halliatrig .3 Marl 50 Pf. Sinzrlnr Rummrrn 6 kr. Htirle Brirfc wrrdrn nicht angrnammen Organ zur ^Ibwehr des ^lntisenntisnius. Erscheint an jedem Sonntage. Nummer 164. Wien, 2<i. Mai 1895. 7 WcD.icnoii 1111D Vl&miuifirfilion. I «nlcrftiittt lo. 3nf<iute werden mit -’O Heller •'!'» fr; t'ilr die vier mal gespaltene Aottpareille;etle terechnet. Kleiner Anzeiger da» Won 4 Heller (S fr.}. Ausnahme von.;lnf«ta(en in unserer flbmiiuflraücm jowie tm Agnoncertbureau L u ke-. .1. Polizei!« k«. IV. Jahrgang. Lueger's Glück und Gude. Tr. Earl Lueger ist nun thalsächlich das Stadloberhaupl von W„i>, und der hochwürdige Herr Leopold Scherzcr, de» ein Unfall, der Verlust von Kirchengeldcr»/ die seiner Obhnl anvcrtranl war:», auö dem antisemitischen Bereinsleben für einige Zeit verscheuchte, mag sich nicht wenig darauf zugute thuu, daß er kraft seiner Sehergabe ihn schon vor drei Jahren in einer christlichsocialen Versammlung als ersten Würdenträger der Stadt begrüßte. Es kostete schwere Mühe, bis Dr. Lueger diese hohe Stellung errungen hat. Sehen wir davon ab, daß er an unzähligen BereinSabenden sich heiser schrie, daß er, wie eS ihm inchrinals in Arbeiterversammlungen begegnete, Insulten ausgesetzt war, so läßt sich nicht verkennen, daß ihm die Agitation peinliche Aufgaben stellte und daß cs für einen Man», der einen akademischen Grad erworben hat. nicht angenehm ist, mit Selcher» und Greißlern, die zu den Bezirksgrößen zählen, Bruderschaft trinken und ihren besseren Hälften gegenüber außerordentliche Ga lanterie entwickeln zu müssen. Die Zeit, in welcher Dr. Lueger von der Demokratie zur Aniisemiterei hinüberschwenkte, sich aber für alle Fälle eine Rückzugslinie sichern wollte, pöthigte ihn, sich Zwang anfznrrlegen und namentlich im Priva lverkehr eine andere Sprache zu führen als im öffentlichen Leben. Einem jüdischen Advoeatnrseollegen bcttiniatf er damals, daß seinem Dafürhalten nach nu.r ein dummer oder schlechter Kerl ein Antisemit sein könne. Gleichzeitig lud er Herr» EorneliuS Vetter ein, mit seinem damaligen Anhänge dem von Dr. Mandl gegründeten Verein „Eintracht" beizutrctcn, indem er versicherte, er sei noch nicht in der Lage, öffentlich alS Anti ici.'.il Farbe zu bekennen, werde aber den jüdischen Vcreinsmitgliedern eine solche Kost' verabreiche», daß der Verein bald „jndenrein" sein werde. Als Vetter so indiScrct war, dies in einer Landstraßer Wählerversammlung zu erzählen, sah sich Lueger zu seinem Leidwesen bemüssigt, ihn Lügen zu strafe». Und welchen Demüthigungen war er in der ersten Zeit seines antisemitischen WirkcnS auögesetzt! Ein Vergani durfte es wagen, von Lueger in wegwerfendem Tone zu sprechen und im „Deutschen Volkö blatte", welches Unternehmen dazumal »och mit einer schärferen Betonung deS Deutschthums besser fortzukommen glaubte, zu er- ' .ren, daß es Herrn Lueger doch ein Leichtes sei, nach den r'.elen Wandlungen, die er schon durchgemacht habe, auch rin Z utsch-nationales Glaubensbekenntniß abzulegen. Endlich nach so vielen Anstrengungen ist es ihm geglückt, alle Hindernisse zu überwinden, und er steht jetzt an der Spitze der Wiener Gemeindeverwaltung. Ob aus dem Titel, den er derzeit fahrt, schon in den nächsten Tagen das ihm verhaßte „Vice" verschwinden werde,,ist allerdings zweifelhaft. Bei der gegenwärtigen Zusammensetzung des Gemeinderalhes könnte dies nur daun erreicht werden, wenn eine Anzahl von Mäimcr», die ans <‘''111110 eines freisinnigen Programmes in die Sladlverlrelnng enl'cndel wurden, das Vertrauen ' ihrer Mandanten schnöde mißbrauchen würden. Aber auch wenn dies geschehen sollte, oder wenn es zu Neuwahlen käme, die eine entschiedene antisemitische - Mehrheit. . hcrvorbrächten Lneger's evmniunales Regime, von Hansaus krankhaft, wär'c nicht von langer Lebensdauer. Er hat den Beamten die Erhöhung der Bezüge, den Wühler» aber die Erleichterung der Steuerlasten, mit einem Worte, dir Befriedigung von An syrüchen, die sich nicht in Einklang bringen lasse», zugesagl. Dazu" kommt noch die Begehrlichkeit hervorragender Kampfgenossen. Schon die jüngste Besetzung von Stadlrathsstellen, die erste Verthcilung der Beute, rief eine förmliche Meuterei' im antisemitischen Lager hervor. Auch regt sich berkits die -Tpposilion jener Elemente, welche ">-r unbewuß« ’Y.ii-tinrövi-tr -»innen schnd leisteii, sich jedoch schäme», am helllichten Tage als Hklss truppen der Eleriealen aufzutrcte». Wir meinen nicht die Gri Massen, welche ans Geheiß Schönerer's seine journalistischen Landsknechte zun> Siege der Wiener „Wnrstkesselpänei" schneiden. Wer' ist heule Schönerer? Er wollte selbst im dritte» Bezirke für das, nach dem Ableben dcö Dr. Guid-o Freiherrgv. Som.inarnga vaeanle ReichSrathsmandal eandidiren, überlegte eS sich aber wohlweislich und gibt sich nun damit zufrieden, daß er im Brief kästen seines Leibblültchens einen Glückwunsch verzeichnet, den er unter Hinweis aus eine Rede, die er einmal über die Rordbahti gehalten hat, zur Wahlniederlage des Rordbahndireeiors v. Lenz cinpsangc» habe» will, schönerer' kommt nicht mehr in Betracht; allein der sillensleenge Steinwender hat unter^den anlisemitiichen Gemeinderäthe» ciin'ge Berufs n»d Gesinnungsgenossen, dne cs ihrer Zugehörigkeit zu den intelligenteren Elassen schuldig.zu sein glauben., sich gegen die Herrschaft des Krnmmslab.es in_ der Eominunalverwallnng, insbesondere aber im Schulwesen, ans zulehnen. Das geistige »nd moralische Belriebseapilai, aber welches der Wiener Antisemitenführer und seine getreuen Anhänger verfügen, ist so gering, daß ein längerer Bestand ihres Regimes undenkbar wäre, selbst wenn mit Hilfe der befrenndeten Eleriealen vom Schlage cineö Ebenhoch eine Annäherung an die Regierung er folgen sollte. Die Jnsolvcnzcrkiärung kann vielleicht durch mancherlei Umstände einen Aufschub erleiden, der Bankerott des Eommunal Politikers Lueger ist aber nur eine Frage der Zeit und erscheint unausbleiblich. Der liberalen Partei obliegt cö, keinen Tag uh benützt verstreichen zu lassen und sich im Interesse der. Gesummt heit für eine Sanirnngsaction in Wien wohl vorzubereite». '"Ü"

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