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Freies Blatt · 1895-05-19 · 163 (19.5.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
163 (19.5.1895)
Date
1895-05-19
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
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* Nr. 163. Freie» Blatt. „Laßt ihn heraus! Gebt ihn her! Wir wollen ihn sthrcn, uns um unser gutes Geld zu betrügen!" „Wie kommt denn der Jud' dazu, von unserem gnädigen König .ui Almosen zu erhalten?" „Glaubt er vielleicht, er hätte ein Recht darauf, vielleicht bloß .-shalb, weil seine Vorfahren unseren Heiland gekreuzigt?" ..Komm her, Jud'!" rief der Erste, „und da hast du dein umosen!" Und mit diesen Worten hatte er einen derben Knüttel er ■neu, um ihn mit wuchtigem Schlage auf bas Haupt des alten ' ,den niedcrsausen zu fassen. „Heiliger Gott! Mein Kind! Meine Lea!" schrie auS gequältem rzcn der alte Mann, „O! meine Lea hat er erschlagen." Und in . rzwcifelndem Schmerze warf er sich über die zu Boden gesunkene ,-alt deS Mädchens hin. .Was gibt'S hier, und was soll der wüste Lärm?" erscholl jetzt . stimme deS SäckclwartcS, „ein solches Toben am heutigen Freuden- .?* Und dabei war er an die Gruppe herangetrcten, und sich an Umstehenden wendend, fordepte er Erklärung für de» Tumult all hatte sich eine Menge Neugieriger gesammelt, um Zeuge des - usgcrichtes zu sein, daS sich da ohne Zweifel auf das Haupt des n vor ihren schadenfrohen Augen entlade» sollte. .Edler Herr," berichtete einer der Lärmenden, „seht, der'Jude da I' iich vorgedrängt und uns Alle zurückgestoßcn, um ja nur seine ä hcn bis an den Rand zu füllen mit des Königs gutem Gelbe , , ." ...To wahr mir Goft helfe, erhabener Herr," flehte der Jude,, „ich . auch nicht einen Denar genommen — böswillige Verleumdung »! — erbarmt Euch meiner, und sucht mir am Leibe nach, ob ich r. den Münzen, die gestreut wurden, auch nur eine einzige besitze." „WcShalb aber hätten dich jene sonst angefcindct?" wandte sich in Ritter an den Juden, „erzähle du!" „Edler Herr! Ich kam von weit, von Kiew her mit meiner rechter, weil ich hier Geschäfte habe mit einem, vornehmen Herrn, ich wollte auch den Krönungszug sehen, und weit cütfcrnt war cs vo» mir, an den Almosen theil zu habe», die der gnädige König seinem Volke schenkt; da abxr beginnt der Mensch, den Ihr da seht, hoher Herr, plötzlich! Händel mit mir schwachem Greise, und ohne daß. ich ihm erwidert hätte, schwingt er seinen Stock und holl auS zum Schlage, und da seht, hoher Herr, da hat sich meine Lea, mein Kind, vor ihren Vater hingestellt und hat mit ihrem jungen Leibe den Schlag anfgefangen, der mir zagcdacht gewesen/Ta seht. Herr," und dabei deutete, er auf Lea, die sich inzwischen, von umstehenden Frauen gestützt, etwas erholt hatte. Der Ritter war überrascht einen Schritt zurückgetretcn, dann heftete er sein Auge auf die vor ihui halbliegcnde Gestalt, und ein Ausdruck höchster Bewunderung malte sich auf seinen Mienen. Höll und Teufel! Das war ein Frauenbild, wie cr cS schöner nie geträumt, viel weniger je gesehen hatte! Diese Vracht deS jungen Leibes, diese schwellenden, knospenden Glieder und das leuchtende, blauschwarze Haar, daS in dichten Massen das feine Deal.des Gesichtes umrahmte, aus dem daS tiefdunklc, glänzende Angcnpaar kindlich fragend in die Welt schaute: die fcingeschnittcne Rase und der etwas breite, aber volle, rolhe Mund machten das Antlitz deS Mädchens zu dem bewunderungswürdigsten, und der Ritter konnte sein Auge nicht wegwenden von dem herrlichen Bilde. „DaS, Alter, ist Euere Tochter? Fürwahr! ein schönes, ein herrliches Geschöpf! Bist du verwundet Kind?" fragte cr, sich zu benr Mädchen hinncigcnd, „und schmerzt die Wunde?" „Ich fühle nichts mehr, edler Herr," flüsterte daS Mädchen, „und!> bi» glücklich, daß mein Vater lebt." „Du bist eine brave Tochter, aber sagt mir, wohin führt euer /cg? Ich will euch dahin geleiten, daß euch keine Unbill mehr bc- * litt’! Du aber, ungläubiger Hund," wandte cr sich an den Annicr, „du wandcrst ins Gefüngniß! Führt ihn ab!" rief cr seinen >'»echten zu. „Schont ihn, edler Herr," bat Lea, indem sic einen mitleidigen "’inf auf die zusanimengekrümmte Gestalt des nun Gefesselten warf. , Der Elende verdient dein Erbarmen nicht, mein schönes Kind, »t mit ihm! Du aber, Alter, sag' mir, wohin dich deine Geschäfte ihren, und ich will dich dahin begleiten." Siebentes Capitct. Des anderen Morgens hatte sich BolcSlav früh erhoben, wohl alten die Festlichkeiten im Schlöffe bis spät in die Nacht hinein geährt und der Kopf war ihm wüst, und die Gedanken weilten bei m Triumphe, der ihm zuthcil geivorden, irrten auch hie und da zu inem lieblichen Bilde holder Weiblichkeit hin, um sich dann wieder einem Volke zuzüwenden: und bei diesem Gedanken erinnerte er sich e:stanen wellen neu ries er. dein jew eintreienden zimicden? lind gab s keine .;olt' dankt Euerer Groß - etwas Geringes aller des SäckclwartcS, der chm einen Ber cht bau dem Ergebnisse der Almoscnveriheilnng an das „Nun wie war eS denn gei'icrn? Säckelwart entgegen, „war das Volk Störung?" „Nichts! mein gnädigster König. Vas muth; es hat nick>ls gegeben - m doch dings. ..." »Ich will cs dennoch wissen! Denn .nichts ist so gering, als daß .ich mich nicht damit beschäftigen - oilte, wenn es meinem Volte gilt" „Es bclriitk nur einen Inden, Hetr .König, der von der Ai enge beschuldigt wurde, Geld zu nehmen. „Und darin batte er Recht! Denn dem Jndeu gebührt von den Almosen deS Königs ebenso wie dem doch was gcichals weiter?" „Tie Menge schmähte ihn, iroydfm es ein reicher Jude war, der nichts nahm und nur den Zug schäften anS Kiew her; kurzum eine derben Knüttel und' wollte den 'alten Doch im selben Augenblicke Halle sich vor ihre» Vater hingestcllt und den Schlag ansgeiangen und lag nun gerade, als ich dazu kam, schwer getriiien anr der Erde „Welch edles Mädchen!" rief der „Ja edel in der That und dabei dctste Geschöpf, das ich noch je geseheli habe, als es die kühnste Vhantäsie ersinnen an»'" „Du gerükhst ja ganz in Feuer," mich wahrlich begierig, dieses Wunder „Den Angreifer habe ich durch bringen lasst» " „Es ist gut," sagte der König Der Schatzmeister war entlassen: nach ctnei wieder zurück, und vor den König hinlreiend. fünft eines reitenden Boten, der aus Böhmen Knud „Von Svatislava!" ries freudig megt der König, geliebten Schwester?" reite n. Ehriften und dem Herden sehen wollte, cr tam in We auS der Menge erhob einen änden damit niederftrecken. auch" /hon des Inden Tochter König. ■ ' - auch das schönne und vollen in Mädchen ichöncr, lachte der König, „und mackist mit eigenen Augen anzniehen " den Stadlvogl in Gewahrsam Weile aber kam er meldete erdie An bringe . . „von meiner der Säckelwart, „cr bringt Frau .Herzogin chwester, d begierig zu höre», was.meii habt die ('huiCe ihm Euer Säckelwart- und verließ mit ,,«o i|t 3, Herr König!" erwidcjrle Kunde vom Hofe Euerer erlauchten von Böhmen!" „So laßt ihn ei», ich bin sehr Schwester begehrt iznd we.s ihres Thnnd und Treibens in im Böhmer lande." Und nach diesen Worten erhob sich der König und'schritt erregt einige Minuten ans und nieder. „Hier ist der Bote, mein König königlich Gehör zu schenken," sprach d^r tiefer ^crbcugnng seinen Gebieter. „-trete näher," gebot'der König jetzt dem eingelretenen Böhmeil, „und sage, was hast dir Gutes z^ berichten vom Hose meiner Schwester?" „Die durchlauchtigste Frau'Herzogin entbietet Euch, Herr König, ihren schwesterlichen Gruß und sendet »ahm cr seinem Lederkollcr eine Pcrgaiqentrolle, die mit dem böhmische» Wappen gesiegelt war, und reichte Jie mit tiefer Verneigung dem' Könige hin. ■ „Tn bist entlassen," sagte Loleslav, „geh' und laß dir Speise und Trant vorsctzcn." *• Dann wandte er sich, und raschen Gnt'ics hatie^er die' Siegel er brachen und überflog mit gespannter Aufincrtsamkeik dem Inhalt der Sendung. Es mußten sonderbare Tii!ge sein: die des Königs Ans merksamkeit i» solch hohem Grade fesselten und seine Siirne in ernste Falken lege» ließ. Dies-war denn auch der Fall, und die Thalsächcn, die Svatislava meldete, und' über die sie des Bruders Ansicht vernehmen wollte, waren. allerdings vo r derhöchsten Wichtigkeit und dazu angcthan, auch einen so hohen Geist wie den Boleslirvs für Augenblicke gefangen zu nehmen. Die Herzogin berichtete von einem Anerbieten, das der deutsche' König Heinrich ihrem Gemahl, dem Herzog Wrarislav gemacht, und von dem sic sich beeile, freilich ohne Wissen ihres Gatten, dem Bruder Mittheilung zu machen: Der König »erlange LchenSpflichl von Böhmens Herzog und. dessen Beistand in seiner, des Königs, jetzt so arg 'bedrängten Lage, dafür aber wolle er;, ihm seine königliche Gnade gewähren, und ihn zum Könige von! Böhmen erheben. „Natürlich würde bann ein solches Bündniß zwischen dem Könige des Reiches und dem Könige von Böhmen Dir zum Schaden gereichen und seine Spitze gegen Dich kehren, und darnui bitte ich Dich," so schloß daS Schreiben, „mein Bruder, mir dur^ einen verkranenswürdigen Ab-

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