Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 163 (19.5.1895)
- Date
- 1895-05-19
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 163. Freie» Statt. Seite 8 ragende Männer christliche» Bekenntnisses finden, die ihr ganzes Können dainr cinsetzen, um der modernen Seuche'Einhalt zu thun. Umsomehr muß eS befremden, wenn wir sehen, daß der Antisemitismus gerade in Oesterreich in Folge nullt zu leugnender Connirenz gewiffer maßgebender Kreise so üppig in die Halme schießen konnte, wenn wir constatiren, daß derselbe heute in einem Fahrwasser '- i.lt, welches ruhig als a ntiösterreichisch bezeichnet werde» kann, m'jj.- wiederholen: die Politik der österreichischen Antisemiten richtet sich!,Ic in ihren letzten Conscquenzcn gegen die österreichisch-ungarische Lionarchie und deren europäische Machtstellung, und waS wir be- ' : npten, werden wir an der Hand von unwiderlegbare» Thatsachcn! uch beweisen. \ Tcm Later des deutsch-nationalen AnliscmitiSmus, Herr» Schönerer, ,- d wohl Niemand, der ihn üicht schwer beleidigen will, östcrrcichi- Patriotismus vorwcrfe» wollen. In seine Fußstapfen sind die ' ercn Prinz Liechtenstein und Tr. Lueger getreten. Tic „Ehriftlich- ialcii", wie sich diese Herrschaften zu Gunsten des vonihnen . ebenen Gimpelfanges nenne», haben aus übcrqnellender Christlich- ,-u als einzige Richtschnur ihrer Bestrebungen das schöne Schlagwort: -nt den Juden!" auSgegcbcn. Ucbcrall, wo sic geistige nnd morale. Verwandte zu finden glauben, haben sic um Bundcsgcnosscnschaft g :,c!t, und ihr Liebeswerbcn hatte Erfolg, alle Elemente, welche ein -eresse an der Untergrabung der Machtstellung der österreichischin-,.irischen Monarchie habe», sind ihnen zugcsloiM. Prinz Alois. V. hicnstcin und Tr. Carl Lueger, diese beiden Gcncrälpüchicr deS .iotiSmuS im Reiche der Habsburger, marschiren heute Arm in A..., mit den Gegnern dieses Reiches, dem Anhänge des Er-RillcrS Schauerer, der auch bei der jüngsten Bismarck-Fcic: seinen innersten G-iühlen freien Lauf zu geben für gut fand. T e Herren . La>an> . im; Bicznovski), welche daS Heil aus Moskau entarten und hieraus lein Hehl machen, sind die Kampfgenossen des fai losen Prinzen und sein:« cxliberalen und cxdcmokratischcn Lcibknappcn Tr. Lueger. Toch wir können noch weiter gehen. Unter den Südslavcnhaben die neuesten Lolksbcglllckcr ebenfalls Alliirtc geworben und gesunden, merkwürdig genug abermals dort, * wo die Bestrebungen gegen die Monarchie mehr oder minder verhüllt zu Tage treten. Ter geistig und moralisch am höchsten stehende südslavische Lolköstamm, die Croaten, die seit Jahrhunderten treu zur Monarchie halten und diese f Treu: ans Hunderten yon Schlachtfeldern mit ihrem Blute besiegelt .baben, besitzen in den culturell und moralisch hinter ihnen zurück fteticjibcn Serben geschworene Todfeinde. Tiefe Feindschaft ist zum .,.<Äe,i Thcilc darauf znrückzuführcn, weil die centrisugalcn Bestrebungen der Serben, welche von einem großen serbischen Reiche träume», daS von der Tonan, dem PontuS nnd der Adria begrenzt fein joli, in den Croaten auf ein unüberwindliches Hinderniß. stoßen/ lind merkwürdig genug, sind die Serben säst durchwegs Bundes geiwncn und Gleichgesinnte der österreichischen Christlich-Sociale», der l :: :r katholische Prinz Liechtenstein und die fanatischen serbischen Popen, di. wüthcndstcn Feinde deS KatholiriSmuS, kämpfen unter derselben Fahne, und der einstige Hofdcmokral Tr. Lueger hilft den serbischen C mladinistcn, den Schwärmern für die Wiedcranfrichtuug des Reiches des Czaren DuLan, die Kastanien auS dem Feuer -holen.. Aber diese BundcSgcnosienschaft ist keine bloß passive. Tie Croaten »i .:b. ein gesundes Lolk von hervorragenden Eigenschaften des Herzens. A'er mit ihnen nnd unter ihnen lebt, muß sie lieben nnd achten :nicit. Tie Croaten, in ibren für die bessere Gesellschaft allein in -betracht kommenden EleiAcntcn, kennen den Antisemitismus nicht, .'ür werden sie von den Christlich-Socialen gehaut, von der deutsch .'.uionalcn „Ostdeutschen Rundschau" angegriffen und von den Serbe» :.s aufs Blut verfolgt. Tie Herren Lueger nnd Consorten befinden uch offenbar in guter Gesellschaft, die ihrer würdig ist. Sic bcsindcn 'ich in dieser Gesellschaft ganz wohl, und wir beneiden sic darum mcht im Geringsten. Aber wenn sie sich schon mit de» Feinden Oester ich-Ungarns alliirt haben, dann mögen sic svenigstenö nicht mit >cm Patriotismus flunkern. ,Zur Äorgeschichte der neuen Soiintagsordnilllg.^ is?ir habe» hon in unserem vorwöchcntlichen Artikel üb.r „die Sonntagsruhe" arauf hingewiesen, daß die heute von den antisemitische» Wühlern ^ftig bekämpfte Neuordnung der Sonntagsruhe ein Werk ihrer Führer, in Verdienst Lucger's und seiner Hintermänner sei. Nachträglich sind vir auf Grund authentischer 'Informationen in der Lage, Ausführlichereüber die Vorgeschichte der betreffenden Statthalterci-Lcrordnnng estzustrllcn. Bekanntlich forderte der Statthalter vom Stadtrathe ein Gutachten darüber ab, bei wem und wo Ausnahmen hinsichtlich der Festsetzung der Stunden, während welcher beim HandelSgewcrbc die SonntagSarbeit innerhalb der gesetzlichen Marimaldaucr gestattet ist, cintrctcn können. Ter Resercnr im Stadtrathe,- Tr Vogler, stellte sich nun auf den richtigen Standpunlt, daß der Stadlratlj bei thnnlichstcr Berücksichtigung der Tendenz des (Gesetzes und der 'Interessen der Gewerbetreibenden -doch vor Allem die Frage vom Stand punkte deS Bedürfnisses deS Pubiienms, der Consumente», zn bcnrthcilcn habe Tie Interessen der t^ewerbctroibendcn »ud der Gehilfe» waren durch die Gutachten der t^enosieiischaflen und Gelsilsenausschüssc vertreten: die Vertretung der Interessen deS PublicumS oblag der Gemeinde» rcspective dem Stadtrathe. Von diesem Standpunkte auS beantragte z. B. Tr. Vogler, de» Ver'chleiß beim -Bäckergrwcrbc, die Erzeugung und den Verschleiß beim Zuckerbäckergewcrbe ohne jede zeitliche Beschränkung, die Erzeugung beim Bäckergeiverbe und den Betrieb deS FleischhaucrgewerbcS bis l0 Uhr Vormittags, den -Verschleiß bei Fleiichselchern und Wnrsterzengcrn von 7 bis l l Uhr Vormittags und von 7 bis 1>> Uhr Abends zu gestatten. Tie Meinungen im Stadtrathe gingen auseinander, und es fanden sich Vertreter einer noch weiter gehende» Sonntagsruhe, zu denen insbesondere Tr. Lueger gehörte, und anderseits Vertreter einer Ausdehnung der Ausnahmen, wie namentlich die Stadrrälhc Schlechter nnd Tr. Huber. Als cs sich um die Festsetzung der Stunde» für die SonntagSarbeit beim Hqndclsgcwcrbe handelte, beantragte T r Lueger gegenüber dem Referenten, welcher den Betrieb der HaüdclSgewerbe und den den Pro ductionSgcwcrbc» zustehenden» Verkauf ihrer Waaren von «'> bis 12 Uhr Vormittags gestatten wollte,, die 'Einschräntung aii' >'< bis l>> Uhr Vormittags nnd wendete sich auch gegen .den Antrag, an allen Sonn tagen deS.Teceuiber svom <>. Tecembcr mir den Verkauf auch Nachmittags von -I bis Uhr zu gestatten. Weiters beantragte Tr -Vogler, beim Lebcnsmittelhandel den Verlauf in im XI., XIV. und' XV.. Bezirke von den zehn alten Bezirke», ferner bis I l Uhr Vormittags 1,118" von 7 bis U Uhr Abends, in 'de» übrigen Bezirken sowie.-im I. k. Prater Vormittags von,7 bis I I Uhr^und-Nachmittags von l> bis > Uhr zn gestalten. Es'würde jedoch, ist Gemäßheit eines Antrages des Tr.- Lueger bei der zweiten Gruppe diS Zeit statt aus 7 bis U Uhr auf B bis Ul Uhr Abends festgesetzt. Tic Statthalterei-Verordnnng vom 2'». April normirte sohin für den Lebensniittelverkehr in d'en Bezirken I bis IX die Zeit von <> bis' ls> Uhr Vormittags und von 7 bis U Uhr Abends, und in den Bezirken X bis XIX von l> bis Uhr Vormittags und von-U bis 8| lltjv Abends, im k. k Prater von bis l l Uhr Vormittags nnd ^>on. I bis U) Uhr Abends.- T iefe Statthalterei-Verordnnng ist es puie, die in den di reisen der Handelsgewerbetrcibenden, insbesondere der Gemisästwaarcnhändler, viel böse« Blut macht, aber merkivürdigeripeise richtet sich der Zorn und die Agitation dieser Kreise nicht gegen -den saeiifchen Urheber des (Gesetzes, sondern ausschließlich gegen deü „liberalen Sladtrath"! Ja, diese Agitation wird von antisemitischeit Seite geradezu geschürt, und der antisemitische Gemeinderath Putscht beantragte im Hinblicke auf die Beschlüsse des. Slädlrathcs in der Angelegenheit der Sonntagsruhe geradezu, die. Abschaffung des StadtratheS. Tr.. L u eg er aber, dem in erster Linie die jetzige Form der Sonulagörulsc zu. danken ist, erklärte jüngst in einer Wählerverfammlung, fr sei an der Sacheunschuldig wie eiüncugeborcneä Kind!' ,(5ili Rüchspicl zur Landstraßcr Rcichsratbswahl. I» Handl's (Gasthaus, JI l., Khunngasie 2, versammelt sich jeden SamSlag Abends eine kleine LoSgesellfchaft, zu welcher auch der Anstreichei Meister Johann Skr aß er zählt. Er gehört der liberalen Partei an und war des wegen vor der letzten Rcichsrathstvahl auf de> Landstraße wiederholt Gegenstand von Beschimpfungen und Bedrohungen. Am ll. d. Abends besuchte Herr Straßer wie jede» SamSlag.Handl'S «Gasthaus, woselbst er sich mit den Mitglieder»! der . LoSgejellschastunterhielt. Plötzlich betrat der als fanatischer Antisemit im III. Bezirke bckanntc Tischlermeister^Jg-naz Zanfal das Lbcal, schritt direct auf Herrn Straßer zn nnd machte diesem in brutaler Weiie Vorwürfe darüber, daß er angeblich eine Bauunternchniung bestimmen wollte, keinen attti semitische» Geschäftsleuten Verdienst zu geben. Herr Straßer stellte diese Behauptung entschieden in Abrede, doch gcricth Zanfal über diese Versicherung nur noch mehr "in Aufregung. Er beschimpfte Herrn Straßer mit den gemeinsten Ausdrücken, spie ihm ins Gesicht Und versetzte ihm so rasch, daß cS Niemand hindern konnte, einen wuchtigen Schlag ins Gesicht. Herr Straßer stürzte blutüberströmt zu Boden,' und als er wieder zu sich kam und, um weiteren Mißhandlungen zu entgehen, rasch flüchtete, soll ihm Zanfal nachgcrufen haben: „Tu Hund, ich erschlag' dich, wo ich dich treffe!" Herr Straßer, der sich sofort ärztlicher Behandlung unterziehen mußte, erstattete gegen Ignaz Zanfal die Strafanzeige. (Tcckert abermals als Ziijnrianl aiistcklagt.) Gegen den in letzter Zeit wieder vielgenannten Weinhauser Pfarrer Tcckert, der i c