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Freies Blatt · 1895-05-19 · 163 (19.5.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
163 (19.5.1895)
Date
1895-05-19
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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Freie» Blatt. Seite 2 femiten AUeS eher gewünscht als einen solchen Sieg; sie gleichen Fclvhcrrcn, welche durch einen Handstreich eine Position genommen haben und weder über die ausreichenden Truppen, noch über die gehörigen Cfftcitre verfügen, um den eroberten Platz;» beziehen. Dufcr vorzeitige Sieg kann an und für sich zu dem Ruin der Partei führen, wenn man auch ganz von der Undurchsnhrbarkeit der durch die Anliscmilen gemachten Versprechungen absicht. Mit alter Macht haben die einsichtigeren Organe und Führer der Antisemiten aus ein Compromiß losgearbeilct, und noch »ach -seiner Wahl suchte Lueger den bisherigen Bürgermeister zu bestimmen, daß er auf seinem Posten verharre. Als sich aber die Liberalen um keinen Preis dazu verstehen wollten, für die Antisemiten die Kastanien aus dem Feuer zu holen, fielen deren Organe in, ohnmächtiger Wulh über die liberalen her oder stichelten in jesuitischer Weise. Den Siegesjubel, den wir nach der erfolgten Wahl Luegers zum Piccbürgermcister in den nntisemitischen Blättern erwarteten, konnten wir nicht finden, und die an dessen Stelle sich bahn brechende» Wnthparoxismcn beweisen, daß die Taktik der liberalen nur zu gut gewühlt war. Run heißt cS, unentwegt weiter arbeite»; die Parleien werden aller menschlichen Berechnung nach demnächst an das Volk von Wien zu appelliren haben, und die liberalen werden nicht wie bisher die Agitation allein den Antiseinitcn überlassen dürfen. Zu unserer großen Befriedigung erfahren wir, daß sich bereits das liberale Agilationscoinit>> gebildet hat und daß. Montag schon eine Bersammlung der fortschrittlichen Gemeindcrathsparlci staltfinde» lvird, in welcher für jeden Bezirk eine eigene Section constituirt werden soll, welche Agilationscentren durch liberale Mitglieder beider Häuser Des Reichsraibcs und des Landtages sich verstärken werden. Die Liberalen wollen in den eventuellen Wahlkampf nicht unarganifirl einlrelen. «Fs geht ein frischer Zug durch ihre Reihen, der dem Z'uflstronie gleicht, welcher dem llNorgengraucn vorangchl. Vielleicht wird sich an das Rcuerwachcn der Fortschrittspartei in Wien ein neuer Lag anschließcn, vielleicht reißen die Wiener Freisinnigen auch die gesinnungsverwandtc Partei des ReichsralheS aus ihrem dcrnialigcn Coalilionslranine. Absurde C-rämne. Cvifliiial Minheilung deS „Freien Blaue-".) Peiersburg, 12. Mai. Pie Pciilioncn der russischen Stündevcrwaltungcn um Einführung veifassuiigsmäßiger Zustände im Reiche hat C;ar NicolauS -II. bckar.utlich als „absurde Träume" erklärt. Und gleich Seifenblasen zerplatzten alle Hoffnungen, welche die Freunde des Fortschrittes und der Freibeil in Rußland an den Regierungsantritt Nicolaus' II. geknüpft hatte». Ader auch die Juden in Rußland gewinnen immer mehr die Ueberzcugung, daß die von ihnen feil der Thronbesteigung des jungen Ciars gehegten Hoffnungen auf eine gesetzliche Regelung ihrer Rechts rerhällnifsc nur „absurde Träume" waren. Sie werden darin durch die nunmehr bekannt gewordene Art und Weise bestärkt, wir die Thäiigkeit der l*'«:» und I"ttl eingesetzten sogcnannten jüdischen Commissionen, denen die Lösung der „Judcnfrage" oblag, zum Ab- ‘ ich ln ne gekommen ist. Ein wchmülhigeS Gefühl beschleicht jeden recht und billig Tcnkendcn, wenn man die Schlüsse betrachtet, zu denen die'e Commissionen nach jahrelanger Bcrathung gelangt sind. Tic 1*>3 eingesetzte Commission unter Borsitz deS Grafen Pahlcn, welche aus., sechzehn Mitgliedern bestand, iah gegen Ende 1887 ihre Ausgabe als beendigt an. Zwei Tritzel der - Commissionsmitglieder vertraten die Tlnsicht, daß das radicalste Mittel zur Lösung der „Judensxage" nur die Gleichberechtigung der Juden mit den orthodoren Uinerthanen des Czars wäre. Aus der hundertjährigen Praxis der spcciellen Gesetzgebung bezüglich der Juden in Rußland schöpften die Berthejdiger der Gleichberechtigung Beweise dafür, daß die russische Regierung stets die stufenweise Emancipation der russischen Juden angestrcbt hätte. Andererseits stützte die Mehrheit der CoiiimissionSmitglietcr ihre Ansicht auf ein reiches Material über die Lage der Inden :n Rußland, das die Commission von den Gouverneuren und anderen Autoritäten als Sachvcrstäntizcn erhalten halte. Tiefes Material sprach ungeachtet der allerorten herrschenden anti-jüdiichen Strömungen tennoch zu Gunsten der Juden, so daß deren Bcrihcidigcr in der Commission mir desto größerer Sicherheit für sic cintrcten konnten. Tagegcn venheidigte die Commissionsminorität de» Standpunkt, daß die Regierung nur hcn Zweck vor Augen haben muß, die einheimische Bevölkerung vor der „jüdischen Ausbeutung" zu schützen, was bloß Nr. 168 durch Ausnahmsgesitze gegen die Juden erreicht werden könne. War:,, die Resolutionen der Pahlen'schen Commission dem Petersburger Senate zur Begutachtung zugegangen) so wäre die Action zur Lösung der „Judenfrage" - sicherlich nicht in jene bestialische Judenverfolgung ausgeartet, welche ihr in den Jahren 1887 bis 1893 ihr abscheuliches Gepräge aufdrückte. Der Senat, dem in Rechtssachen eine gcwisic II,-. Parteilichkeit nicht abgesprochcn werden kann, hätte sein Urtheil jenem der Majorität der Commission angcpaßt, was für die Lage der Jnd>» im Reiche von den wohlthuendsten Folgen gewesen wäre. Aber uc Coinmissionsheschlüste kamen nicht vor den Senat, sondern wu. i ad acta gelegt, und zwar deshalb, weil man wußte, daß an ali ■ höchster Stelle der Wille nicht vorhanden ist, die Lage der . Juden auch nur durch eine theilweifc Emancipation bester zu gestalten. T gegen drang der inhumane Geist der Minorität der Pahlen'ich.:, Commission in alle Regierungskrcise, die sich mit besonderem E.s.r bemühten, die Juden auf Schritt und Tritt zu bedrängen. So standen die Tinge, als 1891 eine neue Commission Lösung der „Judcnfrage" unter Borsitz deS GeheimrathcSv. Plc« eingesetzt wurde. Plehve selbst ist ein Bureaukrat vom Scheinst öi-> zur Sohle, der seine Laufbahn in den niederen Regionen des russischcn Tschinownikthums begann und durch Fleiß und Energie eS zum Sc nator brachte. Seine Individualität gab der Commission ihren eigen: lichen Charakter. Er ließ das ganze Material der Pahlen'schen Commission hcrbeischasfcn, um die auf Grund desselben gefaßten Rest- ' lutioncn, zur -Regelung der Rechtsverhältniste der Juden im Reiche einer Revision zu unterziehen. Und nun nach mehrjähriger Thüligten hat die Plchve'sche Commission beschlostcn, sich der Ansicht der Mi norität der Pahlen'schen Commission, daß die Regierung durch Aus nahmSgcsctzc gegen die Juden die einheimische Bevölkerung vor der „jüdischen Ansbeutng" schützen müffe, 'anzuschließen. Durch diesen Beschluß der Plchve'schcn Commission dürften alle Hoffnungen der Inden auf eine Bestcrung ihrer Lage sich als „absurde Träume" erweisen. Tie Ansicht der Plchve'sche» Commission wird ja auf jene Machthaber, von denen das Schicksal der russischcn Juden abhängt, schon im L^rhincin einen für die Letzteren vcrhängnißvollcn Einfluß üben. ' ' Taß diese Annahme begründet ist, zeigt bereits das Verhalte» des russischen Ministeriums für Bolksaufklärung gegenüber den Bcschlüstcn der Rabbincrcommissiou, welche eigens dazu berufen war, um der Re gierung. Vorschläge zur Hebung des Bildungsniveaus der Juden zu machen. Tie Mitglieder der Rabbinercommission, Kotlowkcr und Barav, überreichten dem Ministerium eiu Memorandum, in tvclchcm die Nolhwendigkeil der Errichtung von Elementarschulen für die Juden nachgewiescnZ»i^>c. Run hat daS Ministerium an Herrn Kotlowkcr die osstcicllc ^IW-ort ergehen lasten, daß cS den Vorschlag der Rabbinercomniission zwar zur Kcnntniß genommen hat, ober nicht zur Ber wirklichung bringen könne. Wie zum Hohne fahren aber die Inden feinde fort, zu behaupten, daß die Juden ihre Kinder in die Schule — nicht schicken wollen. Wenn die Ausweisungen von Juden seit der Thronbesteigung NicolauS' II. ein wenig nachgelastcn haben, so geschah cS, wie jetzt allgemein bekannt ist, nur aus ökonomischen Rücksichten: hat cs sich doch klar hcransgcstcUt, daß die Judenausweisungcn der wirthschaftlichen Wohlfahrt der orthodoxen Bevölkerung großen Schaden zugcfügt haben. Von einer Regelung der Rechtsverhältnisse der Jude» auf gesetzlichem Wege ist jedoch jetzt angesichts der Resolution der Plchve'schcn Commission keine. Rede. Der Senat dürfte kaum in de: Lage sein, zu Gunsten der Juden seine Stimme zu erheben, denn zu der Minorität der Pahlen'schen Commission ist jetzt die Mehrheit l Plchve'schcn Commission hinzugetreten.- Wir fürchten sehr, daß mi „absurden Träumen" für längere Tauer bittere Enttäuschungen folg-'.: werden.. .Lr)-ii^. 2lucb eine Coalition. (Zuschrift an das „Freie Blatt".) Sarajevo, 15. Mai- Hervorragende Geister, große Männer in allen Lebensstellung.n haben den Antisemitismus aus dem Gesichtspunkte elementarer ethische: Begriffe als Schmach unseres Jahrhunderts bezeichnet. Jeder nicht von fanatischem Haß erfüllte, halbwegs nüchtern-denkende Mensch muß de» Antisemitismus als eine dem modernen Rcchtsstaate und desten Po,:.' laten zuwidcrlaufende, die. innere Ruhe schwer schädigende Bewegung verdammen. Darüber herrscht in der wirklich gebildeten, das W-hh der gcsammtcn Menschheit vor Augen habenden Gesellschaft kein Mxinungsunlerschicd, wie wir denn auch an der Spitze der Bewegung zur Abwehr des Antisemitismus thatsächlich erleuchtete und hcrvor-

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