Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 163 (19.5.1895)
- Date
- 1895-05-19
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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/ Freies Blatt AtnniiieinentsprriS. ^ltr Trsterrrich-Ungorn: .5 Kronen (fl. 2.M») .„ . 3 Kronen (fl. i.ftu) Var saS gelammte Ausland: --na.6 Mark .ui - .3 Mark so Pf. Einzelne Nummern ß kr. ':rtc Briese werden nicht angenommen. Organ zur 2lbuvlir des Antisemitismus. ‘ Erscheint an jedem Sonntage. Ardactioii und Admiiiislratio»: I. Seilerstätte I". Inserate werden mit Lv Heller - M kr.) utr die viernull gespaltene Nonpareille;erle berechnet. Kleiner Anzeiger das i Heller (i kr.). Aninahme von Inseraten in unserer ttominlstration sowie im Annoncenbnrean M TukeS. I. ^ollzeile 8. .'imniner 1 tUien, 19. Jltni 1895. IV. Jahrgang. (yur Lcige. -u jaota «ist; Die liberale Partei deö Gemeind-raihcs hat ten iiubicou überschriUcn und den Autisemilcn, die dermale» in Fa.g. dcö gegenseitige» Kläfteverhältnisses eine cunctatovifdte Talnl vorgezogc» halte», die Enlscheidnugsschlachl ongcbolen. Das cergebuiß der letzte» Gcnieindrrathöwahlcn war, daß die liberale» in: üürlhhaiise zwar initiier »och ein numerisches Ucbcrgewicht über die Anliscniite» Hallen, haß ihnen aber die gualifieirlc Ä-ijerität und milhin die Fähigkeit, wichtigere Gcschäflc durch die eigen-' Li rast zu erledigen, abging. Die Liberalen Hallen also nur die Wahl, durch ein Kompromiß mit den Feinden der Rechtsgleichheit und Gesittung noch ein kurzes Scheinleben zu führen oder durch freiwilligen Verzicht auf die ihnen »ach alle» Rechts lilcln noch zuflchende Macht-die Antiscmilcn zur Ucbcrnahnic der Geschäfte zu zwinge». Es fehlte nicht an Leuten, welche zum eroiuprviniß bliesen: Antisemiten, welche die eigene Unfähigkeit in '..V;. Üugc.iblickc und mit diesem Menschenmalerial die Gcschäfie zu führe», erkannten, berufsmäßige Ausglejchshculer und csvaiilionöfanatiker, »ivderue Spartaner endlich, welche den Liberalismus so lieben, daß sic von de» Liberalen ein Lcoiiidas- Dpfer verlangten — sic alle suchte» verwirrend auf den gcsiiiiteu Sinn der Liberalen einzuwirken. Allein diese ließen siel, iiidii belhöre». Sie schätze» den Liberalismus »och genug, um ihn mdil dem Selbslinörderrenomnu c eines Lconidas aufzuopscrn, und zegen daher den letztere» Weg vor, den Aiiliseiniten die Valm frei zu machen, damit diese in. die Lage käme», die uu g>ziigel>cn Hoffnungen und Wünsche ihrer Wähler zu erfüllen, rer Eutsdiluß mag nicht antik sein, jedenfalls ist er nicht minder tnu'iid) als die überflüssige Thal der dreihundert Haudegen von Thermophlae. Anläßlich der Ersatzwahl des ersten Vicebürgeriiieisierö wurde Dr. Albert Rid)ier mit absoluter Majorität für diese Ehrenstelle wiedergcwähll und somit der ziff-rmäßige Beweis erbracht, daß der Liberalismus im Ralhhaussaale noch immer -ine respectgebietende Truppe besitze; nachdem dies denionstrirl war, lehnte aber Dr. Richter die Annahme der auf ihn gefallenen W-.hl ab, und nach zwei fruditloscn Wahlgängen wurde Lueger w'l <!.'» Sliininen, d. i. 4 Stimmen unter der absollilc» Ma< joriläl zum ersten Viccbürgermeister gewählt. Einige Stunden >aier legt? Dr. Grübl seine Stelle als Bürgermeister nieder, d'^' Demission des zweiten Vicebürgernieisters Matzenauer fleht - - ->r und ebenso der Verzicht aller liberale» Stadträthe (mit .nisiiahine von einigen, welche als Vertreter der liberalen Partei verbleiben habe») auf ihr Siadtrathsmandat. Das ist im Eonlour das Bild der Lage von heute; wie sich morgen gestalten wird, wer kan» eö sage»? -Lueger ist 'tischer Bürgermeister von Wien und hofft bei der unmiltelbar erstehenden Wahl auch dazu »oniinirt zu werden. Ob er die zu erforderlichen 70 Sliininen auf sich vereinigen wird können, m ei» Rcchenproblem, das auch die gewiegtesten Wahlniaihematikcr b-ule noch nicht bestimmt zu lösen vermögen. Sollte ein Resultat --rhaupt nicht zu erziele» sein, »so wird die Auflösung deö Geueinderathcs erfolgen müsse». Dieselbe würde aber auch in dem ^alle, als Lueger gewählt und diese Wahl sanctionirt wird, unausüeiblichsein, weil die Antisemiten »och weniger als die Liberalen über cine entsprechende Majorität zur Führung der Geschäfte verfügen. Die nächste Zukunft ist also in tiefes, Dunkel gehüllt. Lirisen- - gerächte aller Art durchslallern die .vsfenllichc Meinung: man spricht von einer Stalthaltcrkrise für den Fall, als Lueger irivflid) Sladtoberhaupt würde, und auch auf die dcrnialige Partei grnppirnng im Reichsralhe wird die ärise im Rathhanse nicht ohne Folgcir bleiben können; fehlt es doch unter den geheimen-und offenen Freunden des neue» Stadtgewaltigen nicht a» Sliiumcii, weldie die ganze Taktik der gcincindcräthlichen liberalen pls einen Versuch, die liberale Parlanienlsparlei aus der Eoalilion heraus zureißen, bezeichnen. I Wie dem immer fei und was die nädtsten Tage immer - bringen mögen, ob Lkrieg oder Friede», Sieg oder Niederlage, das eine Lob können wir den genieindcräthlidien Liberalen nicht versage», daß sie die in diesem Augenblicke einzig correcie Taktik kingcsdilageu haben, daß sic sich ><». -ii>-rimina >->>»>» endlich selbst wicdcrgcftindcn, und daß sie über iich und über die nur zu oft zu ihrem Malheur sie auwandelndc diploninlisirende siieigiliig cincn glänzende» Sieg davougclragcn haben, der mehr wer'.h ist als ein Sieg in offener Wahlsdiladil uno niet>r werlh als die uev» lose» Früchte einer „Zurückstellung-der Prineipien". Die Liberalen haben durd) ihre oft schwächliche Haltung gegen den Anti jeinilisinnS, dltrch ihre Sucht, zu lrausigiren und hohe, dem Volle aber unverständliche Politik zu treiben, viel der Sache des Frei sinncs geschadet und sick, gerade unter de» beste» Elemente» treue ■ Anhänger verscherzt. Wir meine», dieser an letzter Zeit sich in! immer bcäiigstigcndcrei» Maße vollziehende Abfall hat jetzt feine l'Est-,-„ze erreicht; die gemcinderätblichen Liberalen, haben durch eine. Thal bewunderungswürdiger Selbstlosigkeit, Energie und Einsicht i» diese», Momente gewiß eine» großen Theil der Slimpalhien wicdercroberl, die sie leichtsinnig verscherzt hatten. So handelt keine Partei, welcher der materielle Vortheil über Alles gehl, so handelt keine Partei,- die sich ängstlich an die Macht klamnierl und fiel) dieselbe um jeden Preis,, auch um den des Peiueipicu opferet crhajlc» -will. Fn diesem Augenblicke cri»ncr»-/ie uns au ihre größere» Gcsiiinungsvorfahre», die Girondistc». Diese waren die glänzendste, die taleulreichsle, die mächtigste Partei; sie lhatc» Großes für ihr Vaterland, aber sic kamen in Verruf und ver sielen de», Hasse des Volkes, weil sie zu. schwäd, waren, um die eigenen Grundsätze dem Terrorist»»/ einer gewalllhälige» Berg Partei gegenüber mit eherner Eoiisegueu; zu behaupten. Die Girondisten wurde» voll dem Berge besiegt »»d vom Volte ge ächtet, aber in ihrem Falle richteten sie sich zu einem selbst den Beginn ihrer Laufbahn verdunkelnden Glanze auf -m d erhoben sick) zu einer tragischen Größe, der gegenüber das p'umpe Vkar Ihrium des Levuidas versd»vindei. Bristol und Vcrgniaud und wie sie alle hießen, sielen, aber der Liberalismus lebt heute noch und wird auch diese jetzige Niederlage überdauern. Der moralische Ersolg soll auch hier nur die Verheißung eines factische» Erfolges fein. Die Taktik der gerne ukeräthlichen Liberalen war nicht nur ein Mittel, um sid> einen schönen Ab gang zu schaffen, wie es i>» Theaterjargo» heißt, diese Taktik war auch klug und zeitgemäß in praktischer Hinsicht. So hatte sich Lueger den seit langen Jahren hcißcrsehnten Moment nicht vorgestellt, diese rühmlose Wahl, sie mag ihm wie eine Sühne für die Skrupellosigkeit seines Strebend mehr Schmerz als Freude bereitet haben. Aber in diesem Momente hatte» sick) aucki die Anti i