Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 162 (12.5.1895)
- Date
- 1895-05-12
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/4886575-5439167-5441623--1967-4888382- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite N Nr. 162._._._Freie, uon Leite der Axmann, Lueger o tutti qnnnti, so vorgestellt, daß an Sonntagen die jüdischen Geschäfte gesperrt werden und die christlichen od»c die Concurrenz der ersteren geöffnet bleiben sollten.' DaS geht nun freilich nicht, zumal wenn man sich aufden Standpunkt der Sonntag-Heiligung stellt; es wäre eher umgekehrt möglich, und weil nun die neue Socialreform den christlichen Gemischtwaarenverschlcißcr ebenso bedrückt wie den jüdischen, will er von der ganzen Reform übcrliaupt nichtwisien. Darin liegt für Schärfcrblickende absolut nicht- Ueberraschende-, höchstens die überaus große Promptheit, mit welcher die nothwendige Reaktion cingetreten ist. Die Antisemiten allein stellen sich, al- '.'erstünden sie diese Erscheinung nicht und haften nichts damit zu Ihun: >» der That mögen sie sich daraus die Lehre nehmen, daß sie mit idter Socialreform auf keinen Dank seitender sic jetzt mit ihrem iicrtiiuteu bestürmenden Kreise zu rechnen haben, und daß an dem Tage, wo sic von den Verheißungen zur Verwirklichung werden übergeben miksien, ihr Anhang dahinschmelzen wird wie Schnee in der Sonne Die Protestbewegung gegen die Sonntagsruhe iff ein bitterer Trops.» in dem Freudenkelche der antisemitischen Triumphe, denn sie ist ein inpischcr Fall. So wie mit dieser Reform, wird es mit allen ergeben. Da- Hausirverbot ist noch nicht Gesetz, und schon jetzt macht sich gerade auden Kreisen der Kleingewerbetreibenden heraneine ganz beirächlichc Gegenbewegung bemerkbar. Man gebe heute den Handwerkern die Zünfte, und sie werden morgen klagen, daß man sie ruininn wolle; man verwirkliche dafamose Höferecht, und alsobald wird sich auf dem Lande ein Sturm der Empörung gegen diese Einschrüiilnng der persönlichen Freiheit, gegen , diese Institution zur Züchtcuig der socialen Ungleichheit und wirthschaftlichen Unfreiheit geltend machen n. s. w. Das Volk kennt keine Dankbarkeit, eS steinigt seine wirklichen Wohlthäter, und diejenigen, welche es mit heuchlerischen Phrasen irreführten, jagt eS wenigstens auS den RathSstnben, in die es sie. einst vertrauensvoll berufen. Das wisien auch die Schlaueren unter den Antisemiten, und darum beeilen sie sich jetzt, an die Spitze t der Protestbewegung gegen die Sonntagsruhe zu treten/Lange werden solche Kunststücke nicht verfangen. Die Rollen sind getauscht. Auf dem dankbaren Platze des Kritikers sitzen jetzt wir, und wir werden unser Recht fleißig ausüben. pic Niederlage auf der Landstraße. Tie liberale Partei hat den Besitzstand auf der Landstraße, den sie in Folge des Ablebens deS Tr. Guido Freiherrn v. Sommarngr zu v• vthcibigeit hatte, nicht nur nicht zu wahren vermocht, sondern eine b 'chamende Riederlage erlitten. Von 810» Wahlberechtigten erschienen 5540, das ist 68 5 Percent, an der Urne. Der antisemitische Eandidat Steiner wurde mit 8034 Stimmen gewählt; der deutschliberal.' Eandidat Alfred v. Lenz blieb mit 1500 Stimmen in der Minoniät. Der tschechische Zählcandidat Tr. Engel erhielt 174, der Eandidat der Social-Temokraten, Reumann, 151 Stimmen. Bei der vorletzten.ReichSrathswahl am 5.- März 1801 gaben von 0910 Wahlberechtigten 5389, das ist 77 2 Percent, ihre Stimmen ab. Gewählt wurde damals der Deutsch-Liberale Freiherr v. Sommaruga mit 2815 Stimmen. In der Minorität blieben der Eandidat der'Ehristlich-. Sociale», WirthschaftSrath Metzler, mit 1705, der Eandidat der „denn'ch socialen Reformpartei", Buchhändler Vetter, mit 533, der lichecltiiche Eandidat Dr. Zivny niit 184 und der social-demokratische Esudidat Kreuzer mit 25 Stimmen. Das Lrgan der klerikalen' EvaluionSgenosien, das „Vaterland", gibt seiner Freude über das Wablresnltat Ausdruck, indem cs den 7. Mai als den „unglücklichsten Wahltag für die liberale Partei" bezeichnet und den „Abfall überraschend vieler Wähler von der liberalen Fahne" constalirt. In der That ist die Niederlage beschämend für die liberale Partei, lUtUlie viel zu spät in die Wahlaction eintrat und auch im Verlause derselben nur selten die Spuren einer Eentral-Organisation verrieth. Wacker hielt sich während des Wahlkampfes nur der liberale Eandidat. Unleküimziert um den Terrorismus, den die antisemitischen Häuptlinge an; übten,. denen diesmal auch Socialisten und Tschechen Beistand leistuen, unbeirrt durch die schamlosen Verdächtigungen, mit denen man auch sein und seiner Angehörigen Privatleben zu-besudeln suchte, hielt er allen Angriffen Stand und wich nicht vom Platze. Man 7 Blatt._ machte ihn, da er der Verwaltung der Wienerberger Actiengcsell'ckchsi angehört, für alle Mißstände veraiUwottlich/die bei derselben anläßlich > eines ArbeiteranSstandeS zum Vorscheine kamen. Dieser Anssiand brach den Anlisemiten sehr gelegen auS, um nicht bloß gegen das- „Groß -capital" im Allgemeinen wettern, sondern auch die'Ebre des.liberalen MandatSwerberS antasten und ihn als Ausbenrer rernngliinznen zu können. Das'Crtlutuniaiv .<tu>Im-t>-r scheint leider auch nn> viele schwachmüthige Wühler, die sich' zur liberalen Partei zahlte!,, uietn ohne Eindruck geblieben ztt sein, und sie bliebe» . von der Wahlurne fern. Ilm so höher schätzen wir den Mntli und die F.-stigls» des Herrn v. Lenz. Er wußte, daß die oberste Parteile tnng, imrfent eine solche überhaupt sich geltend macht, ibm nur eine schwache Unteunitzting gewährt; er wußte, daß die überwiegende. Mebrzabl der k t B a,mten.' (ei es auS diesem oder jenem. Grunde, schon bei den letzten Gemeinde wählen/tnS antisemitische Lager übergegaugen in. iluu war auch die Stimmung nicht nnbekannt, welche bei einem Theile angeblich liberaler Wähler gegen ihn herrschte — und dennoch ergriii er nicht die Flucht. Erhielt die Fahne hoch, welche er aus biisgerlichem Psiichtbewii'ßiieii! ergriffen Halle, und blieb bis zum letzten Momente a»( den, Kamps platze. Alfred v. Len; hat sich in früheren Jahren als Parlamentarier mannigfache Verdienste um das Gemeinwohl erworben, erb.: auch die Standhaftigkeit, welche er in diesen für ' den Liberalismus io „it günstigen Tage» bekundet, verdient die vollste Auerkennuikg. ' I Die liberale Partei' könnte von ihrem treuen Anhänger Von; etwas lernen; er zahlte den Antisemiten ihre Rücksichtslosigkeit mit gleicher i Münze heim. Einzelne liberale Führer glauben aber überaus staats j männisch zu handeln, wenn sie bei jedem Thun und Lauen sich ängstlich' j die Frage vorlegen, waS denn die Antisemiten dazu sagen wer den, I wenn sie durch Eoncessionen au die Gegner deren Begehrlichreit und Ileberhcbung steigern, die Parteifreunde aber vor h'.n Kor"' stoßen! Diese Herren, die sich staatsmünnisch dünken, uebinen zuweilen auch keinen Anstand, ihre Drgape eine Sprache führen zu lauen, welche jener der antisemitischen Presie vetteuselt ähnlich sieht. Die Etkentiiniß, daß der Antisemitismus, wenn auch sein Feldgeichrei lautet: ./''egen die-Juden!", in. erster Linie die Grundsätze des Liberalismus und deren Bekenner ohne Unterschied der Eonseision betämvt't. '■'•.•irt sich : noch nicht allgemein Bahn gebrochen zu habe». Tic liberale Partei,- j und insbesondere bereit Leitung, muß sich zur Ein- und Umkehr ent i schließen. Mit der"diploinatisirenden Leiietteterei und den Vetiuchen, ' die Widersacher durch daS Preisgeben liberaler Priticipien zu' gewinnen oder wenigstens unschädlich zu machen, geht es einmal nicht . / Der" antisemitische Generalstab, welcher seinen 'Wahlsieg durch einen i„.t Gemeinderath verübten Erceß gegen jüdi''che Aetzte sowie durch ein Gelago im Dreher-Etablissement feierte, erklärt die besiegte liberale Partei für tobt und fürchtet nur noch die Saet.u Demokraten, di." ihiiz auch sein Siegesfest durch einen kleinen Eonsiiet siörtett . Die Antisemiten könnten aber noch eine Wieder anterstebnng d.-r von ihnen todtgesagten Liberalen erleben, vor der ihnen angst und bange würde' WaS war vor wenigen Jahren die reactionäre Partei'in Wien/ Im dritten Bezirke konnten sich die Liberalen nnd Demokraten bei einer RcichSrathswahl den LuxuS gönnen, drei Eandidaten antznstellen, denn der clerical-reactionäre Eandidat — und als solcher trat damals nicht ein ,,1'oter poreavj" sprechender Buschenschänker, sondern ein gelehrter Professor dn' Theologie auf — hatte keine größere werbende.Kran als heutzutage Dr. Engel. Die schöne Zeit der rückläufigen Bewegung könnte auch bald wieder vorüber sein, wenn die Führer der Liberalen sich nur dazu aufrasfen wollten, schwächliches Diplomatisiren aufzugebrü- und kräftig liberal zu sein. Antiselnitismus und ^egierungspolilik. sizuschrisl an daS „Freie Blatt".) Uv In,!'. Bla). Der holde Lenz brachte den Anlisemiten nicht allzuviel Freltde. DaS Geschäft der Judenhetze blühte in den letzten Tageu^ nicht be-