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Freies Blatt · 1895-05-12 · 162 (12.5.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
162 (12.5.1895)
Date
1895-05-12
Page
[Seite] (sequence 2)
Language
German
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iri’ite - Frei», Blatt. foyiiv i'ivctjotti mit dem Titel „ein bedeutender Mann" begnadet, weit inan ein citat von ihm eben brauchen konnte. Pirchow als >r:?i>;cuge der jesuitischen Minirarbciter; es ist weit gekommen! Bei allen Übrigen Beispielen nannte der Redner jedoch keine Rainen: das ist bequem und zugleich ungefährlich. Wir möchten ab>r wenigstens um den Rainen jenes „Professors" bitten, der g>iagt haben soll: „Ich werde Ihnen den Beweis, liefern, daß es leinen.Lei.fei gibt." Den Professor möchte ich kennen, der so etwas noch zu sagen braucht. Wenn der Iesuileupater selbst an de» TeuiN gniubl, so hat ihm seine dreißigjährige Forschungszeit allerdings wirklich gute Früchte gebracht! Blinder Eifer ließ den Redner sogar zu dem Ausrufe kommen: „Warum dieser Mann, den der Teufel gar. nichlö angcht, auf den Teufel kommt, das weiß ich nicht, außer daS Gewissen wirft ihm etwas vor." „Heiterkeit" steht an dieser stelle des Berichtes. Plagt den Jesuiten nichi das schlechte Gewissen, wenn er mit so herzlich schlechlen Witz.» das Publicum erheitert? Auch als Aiiltteinil entpuppt sich unser Mann: „Die moderne Freimaurerloge," sagt er, „rccrutirt sich auS der modernen Wiffcii- 'chail, die von Galt abgefallen ist, das Iudenthum wird groß durch eien diese Wissenschaft." sogar Earnot's Mörder Easerio inu’j be:Hallen und wird als Frucht des modernen Freimaurer^ lch.üic huigesleltl! .Tic Herren Finsterlinge wissen sich ihre Ber- in iräblen. lliid ivelche Lklitzanwcndung aus dem Präsidentenlnorde: S.lun sie, die G:undfätze der modernen Wissenschaft d . z.sick.ri in die breiten schichten dcS BolkeS und machen d. n oRi:a'che«i zu ui Däm-n, zum Thier." Dämon und Thier, daS eecli a.'o. D.ii.n n.uß wieder ein „Buch" aushetfen, welches iii- ')ii-;;a aber ebeuiäUs nicht iienitt, das Buch, das jeden ly ta; einem „Krüppil des Geistes" machen muß, „kein Bi?,:: ' von rczik, Psychologie und dennoch ein solch apodiklischcs Io ri.ch.::, .,:s wenn dieser Mann immerfort mit Aristoteles beie:.!': .mi'ihii wäre!" Dieser Schlager erregte natürlich wieder die Heiierke.l des Publcunis, welches ja weder von Logik,. noch B il!.,,:e, am wenigsten aber voll Aristoteles einen Begriff hat. E:ne reäue Dorfpredigt, aus der man ficht, wie solche Redmr .iiii der ll.:w 'sliiheit der Massen zu rechnen gewöhnt sind. Der ee'eiid.ro deiich „apodiklischcs Absprechen" und Mangel an Logik auogezeichneie Borliag erntete natürlich demonstrativen, langand ::e: >:de11 Beifall. Auf die übrigen Reden näher einzugehen, oeriechile u:.In der Mühe, sie waren nur Schattenbilder des erl,.: MWttrs, welches wir eben zum Theile cilirt haben. Der Fi.do! ch i Belopoloczky sprach wenigstens den" vernünftigen Satz a..e: ..Was :oll den» auS dem armen Oesterreich werden, wenn jede > iii .ne '?ial>on nur sich selbst iiii Auge behalten wird?" vi'r- 'pri.chl sich aber auch eine Versöhnung der Rationen n In Taafse e. n d.r . ir ien katholischen-" llaioeifität! Run, die Anwendung d.s Wories „frei" neben „katholisch" ist doch wohl eine unpassende, denn d:e Tender; der geplanten Hochschule ist ja die Erdrückung l.o.o 'renn »ch-danke: a und jeder freien Bewegung. Auch Prinz robkew p hielt eine Ansprache, in welcher er den „Katholischen Tch.i.verein" be anders empfahl und die Hochschule „die größte iur die »u»schliche Gejcllschift nannte". Wir ''ragen schließlich nur noch, ob die moderne Wissenschaft auch be: dem B..ue dieser „Pflegeställe aller Zweige menschlicheil Wi''ens" auf puttstiicher Grundlage, sowie bei deren Beleuchtung und Ä.heiiung nicht verirelen sein werde, oder ob die „Raketen" »iid d e strellichriften der Gegenpartei auch zur Erleuchtung und Erwärmung genügen werde«? Im Interesse des Besuches wäre eS n\I). angez.igl, recht bald verlauten zu lassen, waS man bei Erriä>:.!'i.i ter katholifcheiy Unioeisiiäl an rie stelle der teuflischen Er:i:::ge..ichif:en der Technik und der den Glauben verleugnenden Er'iiidiin.,en, welche wir nur der freien Forschung verdanken und nur der „modernen Wissenschaft" schulden, setzen will, und ob niaii -.ach anc Lehrkanzel für, Menschenliebe und Humanität nach d»in Borbilde der Bergpredigt Ehristi errichten werde? —<i— Die Sonntagsruhe. l..i 2;iut der aiitifeiniiifchen socialreform, die Sonntagsheiligung, i euichg.iilbii. und schon können die Apostel der Alles umfasienden 'UVea,,, vorausgesetzt, daß sie wollen, Studien machen, wie die neue Eli.'iihaing gerade auf jene Kreise wirkt, auS deren wenigstens schcinlaa.n B.rlangen sic hervorging. selbstverständlich ist die Frage der Sonntagsruhe keine Ersindung unserer Antisemiten und Clericalen, Nr. Igo sondern eine socialpolitische Forderung von so einleuchtender Bedeutung, daß sie auch von den freisinnigsten Parteien fast aller Länder unterstützt und durchgeführt wurde. Allein, um die Sonntagsruhe war es unseren Christlich-Socialen nicht zu thun; die war ja auch bei uns längst in voller Kraft. WaS die Antisemiten wollten und durch ihren Druck auf die stets nachgiebigen, dermalen noch im Besitze der Macht befindlichen Kreise auch durchsetzten, war hie confessionelle Ausgestaltung der Sonntagsruhe, die Sonntagsheiligung. Die confessionelle Rücksicht ging vor der socialpolitischen. Das ganze Gesetz, wie wir es dem „liberalen" Grafen Wurmbrand zu danken haben, läuft auf die Anerkennung der Suprematie der ckatholischen , Kirche, ihrer Festtage, ihres Gottesdienstes u. s. w. hinaus und bildet so nebenher auch noch ein staatsrechtliches Präjudiz gefährlichster Art. Nur mit Mühe gelang eS, Milderungen des Gesetzes für solche Gegenden zu erlange», wo der Handel vorwiegend in nichtkatholifchen Händen sich befindet, wie z. B. in zahlreichen Orten Galiziens, woselbst die stricte Durchführung dcS neuen Gesetzes eine empfindliche Schädigung des Mittelstandes aus rein konfessionellen Gründen bedeutet hätte. Die Anlisemiicn haben diese Berücksichtigung localer Berhältnisie der Regierung wahrlich nicht gut vermerkt und über die Bevorzugung des Judenthums Zeter und Mordio geschricn. Es galt, sich dafür auf der eigenen Domäne schadlos halten. Als c8 sich tut Wiener Stadtrathe um die Erthcilung eines Gutachtens an die Statthaltcrci über die DurchführungSmodalitäten des neuen Gesetzes handelte, beantragte der liberale Referent, für den sonntäglichen Geschäftsbetrieb den ganzen Vormittag, also die Zeit von 6 bis 12 Uhr zu belassen. Dr. Viuger stellte jedoch den Gegenantrag, cs sei der Geschäftsverkehr auf die Morgenstunden von 6 bis 10 Uhr zu beschränken, und der Siadlrath beeilte sich, aus Furcht vor Dr. Lueger und seinem antkscmilischen Anhänge, „unterzukricchen" und diesem die Sonntagsruhe zur sonntagsheiligung umwandelnden Anträge zuzustiinmen. Es war also ein Verdienst der Antisemiten, wenn die betreffende Verordnung der niederösterreichischen Statthaltcrci im gleichen Sinne ausfiel. Wenn man schon auS principicllcn Gründen gegen eine Znstitu. tion sein muß, welche auf einem Schleichwege eine neue nach dem Grundgesetze unstatthafte Bevorzugung einer einzigen Confession i» das öffentliche Leben einschmuggelt, so war doch auch vorauSzusehe», daß das neue Gesetz keineswegs von wohlthätigcr Wirkung auf das wirthschaftliche Leben begleitet sein werde. Nicht nur ist die neue Sonntagsordnung für das große consumirende Publicum eine neue Vexation, an denen unser öffentliches Leben ohnedies überreich ist. Eine ganze ' Menge von Berufszwcigcn, deren Angehörige nach vielen Tausenden zählen, die Gemischtwaarenhändler, die Friseure u. A, wurden dadurch wirthschaftlich auf das Aergste geschädigt; man brauchte nicht die .'Sehergabe eines Jesaias oder der nichtjüdischcn Sibylla zu besitze», um vorherzusehen, daß gerade diese Kreise, welche den treuesten Anhang der Antisemiten bilden und vor Kurzem noch um die Sonniagsheiligung sich bewarben, durch die Erfüllung ihrer Wünsche bald zu anderer Ansicht kominen würden. Und so geschah es, nur rasästr als man ahnen konnte. Das Gesetz war kaum publicirt, der erste Sonntag neuen Slyles war noch nicht angebrochen, und schon kamen inS Rathhaus Petenten aus den Kreisen der Handeltreibenden, welche gegen diese Form der Sonntagsruhe Beschwerde einlegten, die antiscmitischen Handelsangestellten .hielten an einem Tage sieben Protest- Versammlungen gegen daS neue Gesetz ab, und zu gleicher Zeit tagte eine tausendköpfige Versammlung von Gemischtwaarenverschlcißcrn, welche diese Art von Sonntagsruhe als den Ruin ihres Erwerbes bezeichnete. Es darf uns nicht verblüffen, daß es nun gerade wieder die Antisemiten sind, welche die Protestbewegung gegen eine ausschließlich auf ihr Conto gehörige „Reform" leiten. Die liberale Partei des Gemeinderathes mag daraus die Lehre ziehen, daß bei einem Compromiffe sie allein die Zeche für alle.Sünden der Antisemiten zu zahlen hätte, denn diese bringen, wie wir sehen, auch daS Kunststück zusammen, gegen eine Maßregel zu protestiren, die ausschließlich ihrer Initiative entsprungen ist. Aber auch die Antisemiten dürfen sich daraus, daß dieselben Leute, welche einst nach der Sonntagsruhe schrien, jetzt gegen dieselbe sind, eine kleine Lehre nehmen. Die Herren Axmann und Consorten können ihren HändelSbübchen, Greislern und Raseuren Allerdings in Worten AllcS bieten, sie werden in diesen Kreisen kaum auf eine ernste Kritik stoßen; allein in dem Momente, wo cs sich um die praktische Verwirklichung handelt, werden genau dieselben Elemente sehr feinfühlig und empfindsam, unter dein Eindrücke der Thatsache erkennen sie bald, wer sie hinter's Licht führt, und solche Escamoteurkunststücke, wie sie jetzt Herr Axmann anwendet, verfangen auf die Dauer nicht. Die antisemitischen CommiS, Grcisler und Raseure haben sich die Sache, gewiß nicht ohne die Suggestion

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