Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 161 (5.5.1895)
- Date
- 1895-05-05
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
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Sette y. Nr. 161. 4 - Freit, Eusebius geleitete sie bis zu ihrer Stube, um sich dauu gleichfalls >,ur Ruhe zu begeben. Das Gesinde war »och in der Stube geblieben, . iiitb jetzt, da die Anwesenheit der Herrin seine Rede nicht mehr im Fannie hielt, konnte der Krieger seiner Zunge freien Lauf lasten, und da gab er denn manch drolligen Spaß, manch gelungenes Abenteuer >„m Besten, das vor den Ohren der Herrin nicht hätte Stand halten' tonnen. Seine Zuhörer horchten mit gespannter Aufmerksamkeit der Erzählung des Kriegers, und mar dann dasjenige, was er erzählte, recht lustig und verwegen, so folgte ein wieherndes Gelächter, und AUcS war vcrgcstcn, die Dodten aus dem Kampfplätze, der tapfere verzog, der fcrnwcilcnde Gebieter, und wild und schrankcitloö überließen sic sich ihrer unbändigen Heiterkeit. Fünftes Capitcl. Auf der Anhöhe, wo die Burg der polnischen Herzoge stand, sah um» heute zahlreiche Reisige, die mit ihren Herren gekommcii waren u„v da die Pferde ihrer Ritter nnd die Earossen der geistlichen Herren bereit hielten, die sich beim Herzog befanden. ,1m großen Saale, in den der Kanzler Graf Spitichucv die Gäste cingcführt hatte, waren an den Wänden lange Sitzreihen angebracht, auf denen die Edcllcutc Platz genommen hatten: am oberen Ende dcS Saales befanden sich zwei erhöhte Lehnstühle, auf welchen die beiden größten Kirchcnfürsten Polens saßctv. sic umgaben im Halbkreise von beiden Seiten Domherren, Canonici, Prälaten und andere Geistlichkeit; einige Schritte von dem Sitze der Bischöfe erhob sich ein Thronsestcl, besten Sitz und Lehne mit purpurnem Samintc bedeckt^warcn, ebenso wie die Stufen, die zu dem Sitze hinan führten. Aus den Mienen der Anwesenden konnte man die gespannteste Reugier wabrnehmcn. WaS hatte ihnen BolcSlav zu vermelden, .und aus welchem Grunde hatte er sie heute hiehcr bcschicdcn? Galt eS neuen KridgS- . llialcn, neuen ErobcrungSzügcn'? Dann wäre cS ja wohl unnütz gcwe>e», sic zuerst an den Hof kommen zu lasten. Der Herzog hülle ' ihnen nur, wie er dies ja sonst stctS zu thun pflegte, den Befehl, zu rüsten, durch seine Herolde senden können. Wozu also dieser Ruf nach Krakau? In der vordersten Reihe, ganz nahe dem Thronsestcl dcS Herzogs stand Bogdan, der gleichfalls nach Krakau gekommen war und FroSwilha ipilgebrachv hatte, die so gerne daS Hoflcbcn kennen lenieu wollte und daS Städtelcbcu, von dem sie bis jetzt nur gehört haue. Die Ungeduld der Anwesenden hatte sich gesteigert. Einige von den Edlen murrten nnd zischelten verdrießlich mit dcn^1?ächststchcnden; mu die Bischöfe bewahrten ihre hohcitsvollc Ruhe, und die übrigen Geistlichen folgten ihrem Beispiele. Da plötzlich wurden die Thürcn t weil geöffnet, und BolcSlav trat ein. Im Ru waren die verdrießlichen Mienen von den Gesichtern der Murrenden verschwunden,' nnd mit dciuülhigcm Lächeln ans den Lippen neigten sie ihr Haupt vor dem Herzog. Die Bischöfe hatten sich erhoben, und gegen BolcSlav das Zeichen dcS Kreuzes machend, breiteten sic wie segnend die Hände ans.' BolcSlav schritt zu seinem Sitze hin, und als er Platz genommen, begann er: „Seid willkommen, ihr Bischöfx und edlen Herren, ans ineincm Schlosse und habt Dank, daß ihr euch Alle versammelt habt, »in meinem Rufe Fölgc zu leisten. Weshalb ich euch hiehcr gebeten, dies will ich euch jetzt erklären; nnd da ist cs nothwcndig, ' daß ich ".was weiter zurückgehe in Polens Bcrgangenhcit. Unter meines großen Ahnen, des Königs BolcSlav I. Regierung stand unser Reich in höchster Blüthc und Ansehen, und die Augen aller Rachbarvölkcr waren voll des Neides und der Bewunderung aus Polen gerichtet. Leider sollte dieser Glanz nicht lange währen, denn nutcr dem König MieSco und, wie cS ja Bielen von euch noch in der Erinnerung sein dürfte, unter, meines verewigten BatcrS, des Herzogs Casimir Regierung büßte unser Land wieder all jene Macht ein, :u der cS BolcSlav Chrobry gebracht hatte. Im Innern dcS Landes benschte Unfriede und Unordnung, von Außen her bedrohten cS die Nachbarländer, die das eroberte Land wieder in ihre Hände bekamen, dazu kaincu unglückliche Kriege, verzweifelte Gegenwehr gegen den cindringcndcn Feind, und dennoch, trotz all der Mühen und Kosten und all dcS zwecklos vcrgoffencn Blutes gelang cs nicht, das Land wieder! :u jener Macht zu erheben, die es früher innc hatte. Die SlaatS- 'äckcl waren leer, die Kräfte erschöpft, und die Edcllcutc saßen grollend und unzufrieden ans ihren Gütern. Fürwahr ein traurig Bild! In diesem Zustande nun übernahm ich bei meines BatcrS Tode die Rcaierung, und was ich seit dem Zeitpunkte meines Regierungsantrittes '!>S unserem Lande gemacht habe — daS seht ihr wohl — blickt hin I aus jenes gesunkene. Polen, daS ich übernahm, und vergleicht -cs mit dem Polen von heute, mit ttnscrcm unabhängigen, stolzen Polcnlandc! >lud dann sagt, ob ich nicht das Größte geleistet, d!as ein Herrscher zu leisten vermag! Ich habe in wenigen Jahren auS unserem verachteten Blatt. und vernichteten Batcrlaude ein stolzes, mächtiges streich geschaffen,, habe meinem Heere zu glorreichen Tiegen veiholfen, die inneren Zu stünde des Landes zu geordneten gemacht und durch reiche Beule viele Schätze iuS Land gebracht. \ 1 Ich habe Polens Unabhängigkeit neu begründet, daS nun nicht mehr nölhig hat, Deutschlands Befehle» zu gehorchen, wir sind freie Polen und keine Basallc» dcS deutschen Kaisers mehr! Und lern Kaiser und König hat mehr die Sbcrhcrrschasl über Polens Fürsten und seine Edlen! Ihr saht cS ja Alle und wäret/ Zeugen von unserer Selbst slündigkcit, als damals zu stRciß'n Kaiser Heinrich mich, den Polen- Herzog BolcSlav, auffordcrte, ihm wieder. LehcnSpslichl anzngclvbcn und unser Reich wieder unter Deutschlands Oberherrschaft zu stellen. . Ihr Alle hörtet auch die Antwort, die ich'dem Kaiser gab: Polen'ist frei! Und Polens Fürst beugt sich vor keinem LchcnSherrn! Ihr iaht auch, daß der .Kaiser nlcin Thun gutwillig hinnahm, dies mußte er wohl auch, denn wie hätte der bedauernswertste Heinrich daran denke» sollen, nnS zum Gehorsam zu zwingen, machte ihm ja schon damals Papst Gregor seine Herrschaft zur schweren Bürde — und jetzt vcr - langt der stolze Papst gar, daß Deutschlands Kaiser sich vor ihm beuge lind als Büßender vor seinem Throne erscheine! Bon Deutsch land habe» wir demnach »ichiS zu fürchten, unsere Macht ist nach allen Seiten hin gefestigt, an Ungarn haben wir enge Berbündetc, habe ich ja doch den vertriebenen Bcla als König ^>»f den Thron erhoben, in Böhme» leben u»S gleichfalls treue Freunde, und mit Böhmens Herrschcrhause verknüpfe» nnS vcrwandtschaftl'che Bande. Im Innern haben sich unsere Bcrhältnisse.befestigt, eS erist'rigl uns nunmehr, daS- Land auch nach Außen hin glanzvoll zu gestalten. Zn ' jenem Glanze' nun, der ein z'and umgibt, gehört in. erster Linie der Herrscher dieses Landes, ist dicS nun ein gewöhnlicher Herzog, so kan» leicht wieder hie und da ein fremder Fürst kommen und sagen: „Sieh' da, Picö große ausgedehnte Polenreich hat nur einen Herzog!" Und cs gibt doch Königreiche, die nicht halb so groß sind und auch nicht jene Macht besitzen, die dieses Hcrzogthum besitzt: wie ganz anders aber gestalteten sich die Dinge, wenn man in Polen ein Königreich sehen wird und in euerem Herzoge einen König! Und darum, ihr edlen Herren und Grafen, habe ich euch hiehcr gebeten, euch kund zu thun incincn Entschluß und Willen! 'Viit Gottes Hilfe ist cS mir gelungen, .Polen wieder auf jene Stufe der Macht zu erheben, cs mit jenem Glanze zu umgeben, die cs zu meines großen Ahnherrn BolcSlavS I. Zeiten besaß, und'darum will ich auch gleich jenem.Polen zu einem Königreiche erheben, mich, eueren Herzog, zum König! DicS ist mein Wille und Entschluß! Und darum lade ich euch, ihr edlen Herren, zur Krönung ein nach Gncscn!" Der König hatte geendet: einen Augenblick herrschte lautlose Stille im Saale,' ans den Mienen der Anwesenden konnte . man die höchste Ucberraschung ivahrneluncn, ^zuweilen auch gepaart mit stummer Bewunderung für den Fürsten, der ihnen da ein so glänzendes Bild seiner Thätigkcit entrollt hatte - dann aber richtete» sie sich ans aus den sie umfangcnhcn (Gedanken — und einen Blick »ach der stolze» Gestalt dcS jungen Herrschers werfend, brachen sie i» einen l>egeisterten Jubclruf ans: „Es lebe unser König!" .Fortü-mmg Kstgt i Literatur. Gnindsäuc der jüdischen Sittculchre. Truck nur Benag von Moriz Waizner in Wien. . Zur Charakteristik deS Pöbels gehört die Oigemhümtichkeil, Alles nnd , Jedes, waS. seinem durch lein ,'toimeti und lein Wilsen bebiir.dcten G,-. mülh nicht zusagt, zu verhölme» und zu verlästern oder mit seinem Mutdürstenden Hasse zu verfolgen. Tie Geschichte der Künste und Wi'ienschanen, jedoch am nteistett die der Religionen, vor allen anderen deS Judenthums, liefert hiezu zahllose Illustrationen. TeS Pöbels „TaS verstehe ich nicht", ist nicht etwa als eine Entschuldigung ausznsassen iiir lhatjächlichc Univitsenlicit oder Unsähigkeit, zu begreifen, sondern in der Regel alS die einzige rechtliche Begründung für AnSschrcilnngen und Verbrechen. Unwisienhcil ist eine große Macht, daS beweist das Ilntsichgreiseu der Aultsemiterei, angeborene und'anerzogene Schlechtigkeit verbünden sich gar gern mit Unwissenheit, tu» auch die Gewalt an sich zu reißen. Gegen solche Berdetbniß tritt die Religion nitd die mit ihr innig verknüpfte Moral als Bekämpfen» de« UcbclS aus. Es ist eine ErsahrnngSthatsachc, daß weder daS Jndividnum, noch eine . heil von Individuen alS Ration sich ohne strenge Einbaltnng gntek Sitten behaupten können. Man sagt, daß sprachliche und poliwäre Zusammengehörig keil die Ration bilden, da« erweist sich aber nach vielen Richtungen alS ein Jrrthum; denn ausschlaggebend ist ein dritter, stärlerer Factor: die Sitte