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Freies Blatt · 1895-04-28 · 160 (28.4.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
160 (28.4.1895)
Date
1895-04-28
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Freies Blatt. Nr. 160. Seite 6 auf dem Gebiete der Kunst wie der Wissenschaft. Und es sind wahrlich nicht nur die oberflächlichen oder gar närrischen Ausgeburten der frivolen Mode, die sie durch ihre Gunst unterstützen, sondern auch die ernste, tiefaufwühlende Arbeit der wirklich bedeutenden führenden Geister. Weltbewegende, neue Gedanken sind von ihnen freilich nicht ausgegangen, aber stets waren sie unter den Ersten, welche die Bedeulung der neuen Gedanken erkannten, sich zu eigen machten und durch geschickte Ausprägung in kleine Mün;e unter das Volk brachten, lind wenn sie sich einerseits unS oft mißliebig machen durch ein nicht eben verschämtes Auspuffen auch 'ihrer kleinsten Geister und Talentchen und einmüthiges Zusammenstehen im Kampfe gegen Alles, was sich ihrer Macht zu entziehen sucht, so darf man andererseits auch nicht vergessen, daß unsere ganz Großen auch dann von ihnen anerkannt wurden, wenn sie von ihnen die schlechteste Behandlung zu erdulden bauen. Wagner hat seine glühendsten Verehrer und Vorkämpfer unter den Juden gehabt, obwohl er nie müde geworden ist, seinem Abscheu vor semitischem Wesen unzweideutigsten Ausdruck zu geben. Unsere deutsche Aristokratie ist dem Werke Wagner'S verständnißloS,;a mit fadem Spott gegenübergestanden, bis einige Fürstlichkeiten das Signal zur plötzlichen GesinnungSünderung gaben. Tie Juden haben darauf nicht gewartet,' sondern sich vor der siegreichen Macht deS Kunstwerkes gebeugt, obwohl ihnen der Haß gegen die Persönlichkeit deS Siünftlers wahrlich nicht zu veriibelu gewesen wäre. Auch der neueste große Aufschwung in der Literatur verdankt ihnen außerordentlich viel. Fast überall waren es Juden, welche _i>ie literarischen Vereinigungen, die freien Bühnen, die ethischen Gesellschaften sowie die Zeitschriften, welche tiefer neuen Geistesrevolution dienstbar sein wollen, gründeten oder doch wenigstens thatkräflig unterstützten. Tie semitische gebildete Fugend insbesondere strömt schaarenweise allen Uiitenieiuiuuigeii zu. welche bestimmt sind, dem guten modernen Geiste Balin zu brechen, und zwar wohlgemerkt auch solchen, bei welche» durchaus „ichtS zn verdienen ist! Es gibt heule schon nicht wenige 'ildi'che Fainilien, in denen sich nicht nur reicher Besitz, sondern auch schon geistige Euliur durch Generationen sorlgeerbl und de» widerlichen Schacher und Mauschelgeist der Vorfahren so gründlich zerstört haben, daß man, bis ans einige äußerliche Racenmerkmale, zwischen den Abkömmliugen dieser neuen und denen unserer alten, germanischen Aristokratie kanin noch einen Unterschied wahrnehuien dürfte. Und lanen w:r die Tinge io weiter gehen wie bisher,, io wird ganz sicher fie>e jüngste semitische Aristokratie, einfach, weil der neue Geist in ibr mächtig ist, unsere germanische an die Wand ' drücken, bis ihr gänzlich der Alhem ausgehl." Trr Fall Panisch. In Oldenburg wurde jener Pastor Je aili >' di, über denen Betrügereien wir seinerzeit berichtet haben, wegen Unterschlagung zu drei Jabren Gesüngniß und wegen unbt'ugter Führung des Toeiortitels zu sechs Wochen H-aft'veruiib.eill. Zur Schweizer Sdliidltfragc. Eine antisemitische Strömung wußte es bekannillch im Jahre lriblZ dahin zn bringen, daß in die schweizerische- Bundesverfassung nachstehende Bestimmung aufgenommen wurde i „ Tas Schlachten. der Thiere ohne vorherige Betäubung vor dem Blnteiirzuge ist bei jeder Schlachiart und Viehgatluug ausnahmslos untersagt " Ein Aussührungsgei'etz.. hiezu wurde nicht erlassen. Nun bat letzthin ein Schächter in Basel zwei Tauben gelobtet, ohne sie vor dem Blutentzuge betäubt zu habe»! Ter Manu wurde der Polizei angezeigt und vor Gericht gestellt. Tas Gericht sprach ihn aber frei, woran-o die Baseler Blätter folgern, c8sei gestattet, Wildpret, Hühner, Tauben, Fische zu fchächlcn. Poljakow's Pori'chlägc zu Gunsten der Juden.) Man schreibt unS aus Petersburg vom -0. d. M.: Ein Gerücht, das während j der letzten Tage hier verbreitet wird, beschäftigt die Petersburger \ Judenichasl auf daS lebhafteste. Mil Rücksicht darauf, daß dieses j Gerücht vielfach Glauben findet, halte ich es für nicht überflüssig, * dasselbe Ihnen miizuiheilen, ohne jedoch für dessen Richtigkeit irgend welche Bürgschaft übernehmen zu können. Im letzten Regierungsjahre ÄlerankerS II. befchästigle sich der damalige allgewaltige Minister deS Innern, Graf L o r i S - M e l i ko w, mit der Lösung der sogenannten Fudenfrage in Rußland. Es bestand nämlich die Absicht, den Jude» ' :>n Ezarenreiche eine gewisse Gleichberechtigung mit der christlich-orthodo^.i Bevölkerung zu geben. Ter bekannte russische Eisenbahnbau- .lu'.ernehmer, SlaalSrath Samuel Poljakow, überreichte zu diesem Zwecke dem -Grafen Loris-Melikow eine Tenkschrist, in welcher er tili die Besserung der läge seiner Glaubensgenossen warm eintral und '.iinge Vorschläge zur Herbeiführung dieser Besserung machte. So .invsakl er dir Aushebung der Besckiränkung in Bezug aus das An-, siedlungsrecht, die Zulassung von Juden in die Militär- und Cadettenichulen und die Verleihung von SlaatSämtern als Mittel zur Aisimi-! lation der jüdischen mit der christlichen Bevölkerung. Von dem Inhalte | dieser Denkschrift soll Czgr Alexander II. genau Kenntniß erhalten > haben. Doch der grausame Tod des Czars und der alsbaldige Rück-! tritt des Grafen LoriS-Melikow machten allen guten Absichten der j Regierung betreffs der Juden ein jäheS Ende, Nunmehr will ein! Gerücht wiffen, daß Senator Graf Lieven diese Denkschrift der Beri gessenheit entrissen und sie dem Czar Nicolaus vorgelegt hat mit der . Begründung, daß das von Poljakow aufgestellte Programm am ge- ' eignetesten erscheine, die Judenfrage einigermaßen zu lösen. Der Czar l soll die Denkschrift nicht verworfen haben. So weit das Gerücht. Tie! nächste Zeit wird beweisen, inwieferne es der Wahrheit entspricht; ein j Glück jedoch wäre eS für die Juden in Rußland, wenn wenigstens! das Poljakow'sche Programm verwirklicht werden sollte. lTic Sommerfrischen um Warschau.) Unter Gurko wurde den! Juden der Aufenthalt in den Sommerfrischen und insbesondere in bäuerlichen Häusern des Warschauer Bezirkes untersagt. - Diese für Juden lästige, viele Christen aber wirthschastlich schädigende Verfügung wurde einer Warschauer Depesche zufolge nunmehr vom Generalgouverneur Grasen. S ch u w a l o w ausgehoben, wie dies einer unserer Correspondenlen schon in Nr. 156 des „Freien Blattes" vom 31. März angekündigt hatte. Unsere Antiseniiten haben keinen Grund mehr, die Warschauer Arier zu beneiden: auch die Sommerfrischen um Warschau werden Heuer nicht mehr „judenrein" sein. Wir dürften aber bald in Antisemitenblättern lesen, daß Gras Schuwalow — von Juden abstamnie. I Tic Zudcn im Kaukasus.) Man schreibt aus Petersburg vom dkl. d. M.: Tas in Tiflis erscheinende russische Journal „Nowoje Tbosrjenie" (Neue Rundschau) widmet in seiner jüngsten Nummer den eingeborenen Juden einen längeren Artikel, in welchem die guten Eigenschaften den'elben als Menschen, Bürger und Ackerbauer hervorgehoben werden. Im Gouvernement KntaiS;. B. leben mehr I als 7l)00 Juden, welche früher leibeigene waren. Nach der Aufhebung der Leibeigenschaft erwarben die Juden Grund und Boden und er richteten Ackerbaucolonien, die jetzt als Muster gelten können. Tie Juden, welche in Bauerngenieinden einverleibt worden sind, werden von der christlichen Bevölkerung zu Torsrichtern und zu Gemeindevorstehern gewühlt, trotzdem die Zahl der jüdischen Wähler gemeiniglicki sehr gering ist. Ties ist leicht zu erklären, denn die Juden in den kaukasischen Dörfern find wegen ihrer Gerechtigkeit, Unparteilichkeit- und Humanität allgemein beliebt und geachtet; auch unterscheiden sick, die Juden von den Christen nur in einer Beziehung, in.der Consession. In Kulais selbst werden die Juden zu Gemeinderäthen gewühlt, und sie erweisen sich überall als verläßlich, rechtschaffen und arbeitsam. Nach dieser Feststellung führt das Blatt auch die Gründe dieser Erscheinung an. Tie eingeborenen Juden im Kaukasus genießen alle Rechte, welche der nichtchristlichen Bevölkerung des Gebietes von der russischen Regierung eingerüumt worden sind, und alle Ausnahmegesetze gegen die Juden haben für die jüdischen. Unterthanen im Kgn > kasuS und TranSkaukafuS keine Giltigkeit. Tie den kaukasischen Juden; verliehene Gleichberechtigung hat sie zu nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft gemacht. Dcn Gegnern der Judenemancipation in Rußland! ist diese Thatsache selbstverständlich sehr unbequem, weshalb sie dieselbe ignoriren. Aus antisemitischen Vereinen und Versammlungen. iTie Wahlagitation für Steiner. Al« Candidat für das vacame Aeiws rathSmandat auf der Landstraße tritt befaimtlidi der Bitscheiiichänker S t e i n er an» dein weingeistreichen Grinzing api. Wie wir nun erfahren, werden ans allen Bezirken die gertebensten antisemitischen Agitatoren nach dem III. Bezirle. dirigirt werden. Tie Überleitung haben Tr. Lueger und Prinz Liechten stein übernoniuieii. Schon seit einiger Zeit werden die Gast- und Jtatrec hän>er von antisemitischen BolkSbeglückern stark sreqnenlirt, und sie versuchen Stimmung zn machen. Der antisemitische Generalstab besteht bemalen ans mehr als 300 Personen. Sturz vor dem Wahltage sollen im III. Bezirle an zehn verschiedenen Orten Bersämmlungen abgehallen werden, und gleichzeitig wird auch die Parole auSgegeben, das Hauptaugenmerk aus die Beamten nnd Hausbesitzer zu richten, da man der kleinen Gewerbetreibenden und Geschäftsleute ohnehin sicher sei. — Am 24. d. SW. fand die erste Landstraßer Beriammlnng statt, in welcher Steiner als Candidat austral. Außer dem tut vermeidlichen Lueger leistete ihm G e ß m a n n Beistand, welcher die Herren Beamten nach belamtten Mustern zu bearbeiten suchte. Die Aussichten Steiltee'; für den Fall einer Stichwahl sind übrigens insofern günstig, als er aus die tschechischen Wähler rechnen darf. I» einem von den „Narodni Lisch" verössentlichten Wahlansrufe an die ans der Landstraße ansässigen Tschechen heißt eS:

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