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Freies Blatt · 1895-04-21 · 159 (21.4.1895) · p. [Seite]

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Journal
Freies Blatt
Volume
IV (1895)
Issue
159 (21.4.1895)
Date
1895-04-21
Page
[Seite] (sequence 6)
Language
German
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Seite *’ .freies Blatt. Nr. 15!'. kielt der Handrabbiner Tr. G r o n e in a rj n eine Ansprache, welcher -wir folgende Stellen entnehme»: „Auch in unseren Tagen erheben sich Feinde, welche neben anderen Anschuldigungen auch den Borwurf gegen und richten, daß der Jude jede Arbeit scheut, welche größere Anforderungen an den Körper stellt, darum auch nicht hinter dem Pfluge hergehen mag, dom Handwerk abgeneigt ist. Und doch weiß jedermann, daß die Israeliten einstenS kein Handel-, sondern ackerbautreibendes Bolk gewesen. Wie hoch die Bearbeitung des Bodens im Iudenthnm geschätzt wurde, das lehrt der Ausspruch im Talmud: Ter Mensch, der keinen Grund und Boden hat, ist kein Mensch.' Ja, ein Weiser sagt: .Es wird eine Zeit komme», wo alle Gewerbe der Welk zum Ackerbau zurückkehreu werden; da werden diejenigen, die aüf großen Lchisten in die weite Lee hinanssegel», um Handelsbeziehungen anznknüvfen, von denselben herabsteigen und auf das Feld sich begeben und es anbauen.! .Selbst wenn das Getreide auf dem Markte billiger zu haben ist, als wenn »ran eS selber anbaut,' lehrt weiter der Talmud, .soll man es doch lieber selber anbauen, denn es j ruhe doch ein ganz anderer Legen auf dem, was man durch eigener Hände Arbeit gewonnen.' Ebenso urtheilt der Talmud auch über das! Handwerke .Ilnd wenn auch sieben Jahre die HnngerSnoth wüthel, i an die Morre deS Handwerkers wird sie nicht pochen.' ES ist be- . kannr, daß die großen Lehrer des Talmud zumeist Handwerker gewesen i und. Bon einem derselben' wird erzählt, daß er gewöhnlich mit der! Schaukel auf der Lchulter ansgegangen sei, indem er sagte: .Es * gibt nichts, was den Men>'ä>en mehr, ehrt,, als die Arbeit.' In diesem j Sinne heißt es auch: .Größer siebt da. wer genießt von der Hände- | ulv:t, als der, ,der nur beschaulich in (ssottessurcht lebt,' denn von i Ncem heißt es: .Heil Jedem, der Gott fürchtet und seine Wege j wandelt.' von jenem aber gleich darauf: .Lo du genießest von der , 'Arbeit deiner Hände. Heil und Wohl dir.' Ihm wird doppelt Heil : verheißen Wenn ihaifächlich allerdings die Juden sich später über :viegent dem Handel tugewender und vom AckeGan und Handwerk sich mebt 'ferngehalten haben, so trifft die' Lchnld nicht sie. sondern ';e milkelalterlichen Bersolgnugen. Tie Juden konnten keinen Grund : lind Boden erwerben, weil sie jeden Augenblick zu furche» hatten, aus de:.: Hände vertrieben zu werden, später war es ihnen geradezu Dci" en. solchen zu erwerbeis, und die fünfte haben sie vom Handwerke a'.tsge'chlossen.- iCfIII nriidlCC' Silltubitv. Im „Bereu, zur Hebung der Litt ::ch!eik" in T re s de n hielt vor äiurzem Bastor Wagner, welcher , eine elseihe von Jahren in Houdon und Berlin zngebrachk hatte, einen : Boriria ' .. T er entsittlichende Einfluß deü Großstädte auf die Haudbevaikerung " Tee Boriragende wendete sich zimächst gegen den falschen "'lanben, daß die Handbewohner l'o ganz unverdorben seien. Ein Beobachter des Bolkslebens, wie August Betel es. ist. habe nicht ganz Unrecht, wenn er sage: „Biele lieben es, die Berhältnisie auf dem Vande als eine Art Idnlle gegenüber den Großstädten und Industrie b.-zirten ausz'u'vielenwer tzrc Berhällnisse kennt, ur-theilt anders!" fine Id'.-lle in .sittlicher Hinsicht zeige die ländliche Bevölkerung durch : ins nicht, auch da sei viel Unsittlichkert in Worten, Werken und! Hi.'dern, es gehe aber auf dem Torfe allerdings versteckter und ge-! . l Amnißr aller zu. und der Ltädler merke das so leicht gar nicht, wenn . r .'iitinal über Hand komme. Zwischen Torf und Lladt finde jedoch! Wechselbeziehung siatt. In der Großstadt sehen und merken die! T vrsi '. viel, da dränge sich ihnen die Unsittlichkeit auf in de» Hocalen . mit Mädchenbedienung, in anlockendenReclamen und Bersuchnngeu! '.ner Art Für Biele werde dann schließlich ein Besuch der Großstadt;i,. ei item willkommenen Anlaß zur Ausschweifung. ES sei in socialer Be'.iel iiiig durchaus nicht richtig, mit allen Mitteln darauf hinzu iv:.:eil, die Ltüdle so groß wie möglich "zu machen, der Zuzug in die G-aßsiadl solle vielmehr gehemmt werden, denn mit der Größe wachse auch die Hvdra der Unsittlichkeit. Wie bedenklich sei es doch, daß ' man bei eimgen GeseUschafrsclasten. es als selbstverständlich annebine, daß sie unsittlich sind? Gäbe es nicht auch keusche Kaufleute, Studenten und Loldaten? Gerade die Bertreter dieser Kreii'e konnnen zum großen Tbeil vom Hände. Einer aber stecke den Anderen an. lieber die Berhälknine beim Militär theilte der Borlrageyde Einzel- I ehe« mit, die sich nicht vollständig wiedergeben lasten; zu in Theil eiillnelien sie Beschuldigungen peinlichster Art.- Unter Anderem sagte der Pastor: Es sei ja streng verboten, liederliche Frauenzimmer mit in die Eat'erncn zu nehmen, komme aber oft genug vor. In Gegenden, wo Manöver sich abspielen, freuen sich die jungen Mädchen, daß das Militär kommt, und die Loldaten ihrerseits freuen sich, daß iic zu den unverdorbenen, gesunden Handmädchen kommen. Mancher lungc Bursche, der vom Hände zum Militär, in die Ltadt kommt, habe i.nt ein Berhälkniß angeknüpft mit der festen Absicht, sein Mädchen später zu heiraten, in der Easerne werde er aber auf andere Gedanken gebracht. Nach Dr. Höffel erkranke» jährlich von lUOo Soldaten 37 an ernsten geheimen Krankheiten, und von einer St» dentenkrankencaste wird ein »och stärkeres Berhältniß nachgewicfen Die Studenten, aber werden sehr oft Inhaber der höheren Stellen auf dem Hände und setzen dort ihr unmoralisches Heben vielfach fort, wie überhaupt., gerade in den gebildeten Kreisen die Unsittlichkeit groß sei. Weiter nehmen die städtischen Damen kräftige Ammen vom Hände für ihre Sprößlinge. Den Ammen schmeichle eS, daß sie gut bezahlt, gut gefüttert werde» und nichts zu arbeiten brauchen, sie erzähle» es bei ihrer Rückkehr, und die Freundinnen werden dadurch begierig gemacht, auch Amme werden zu könne». So sei es in Hesien gewisser maßen Modesache, daß jedes Mädchen vom Hände erst einmal Amme werde. Die Großstädterinnen sollen doch lieber, wenn es den» durch aus Ammen sein müsten, kräftige Arbeiterfrauen vom Lande nehme», das sei vom sittlichen Standpunkt aus das Richtige. Der Bortragende schloß seine Darlegungen mit der Mahnung zu einem keuschen und züchtigen Heben, welches ein Bolk stark macht, und der Bitte um recht lebhaften Anschluß an den Berein. — Dieses arische Sittenbild des Pastors Wagner wird die Dresdener Antisemiten nicht abhalten, nach wie vor zur Wahrung und Hebung der christlich-germanischen Siti lichkeit den Kampf gegen das „unsittliche Talmudjudenthnm" z» predigen. (Zur Abstammung Trniuonl's.) Es war schon längst hekanm. daß Edouard Drums nt, der Bater des modernen Anlisemitismns in Frankreich, von Juden abstamine, und eS hieß, daß einer seiner Borfahre» als Schächter in Stuttgart sein Dasein gefristet Hütte. Nun macht aber ein evangelischer Pfarrer der „Straßburger Post" genauere Mitkheilungen über den Herausgeber der „I,i>>r>- ■l'»i'»le‘\ Denselben zufolge sei Edouard Drumont der Enkel eines Herrn JonaS Tran mann ans Böchingen, eines Jude», der nach Frankreich auswanderic und den Namen Jonas Traumann in Jean Drumont verwandelte Es laste sich nicht feststellen, ob Jonas Traumann sich habe taufen lasten, wahrscheinlich habe erst sein Lohn, a.so der Bater Edouard Drumont's, dies gethan. In Böchingen l Rheinpfalz) leben noch Bei wandte' Trumont'S, sie schämen sich aber ihres Betters und verleugne,: den sauberen Bogel von der „Liluv IA,»!<>". , , (Cfin rumänischer Jude iu der Fremde.) Tie Rectoren de: Universitäten i» Bukarest und Jan» erhielten Einladungen zu der an- 2. Juni l. I. stattsindenden Einweihung der neuen Baulichkeiten de. RechkSfacultät in Hille. Interestant ist die Unterschrift, mit welche: diese Einladungen versehen waren: sie gingen vom Tecan Tr. Hüoi: Feder aus, einem gebürtigen Iastner Juden. In seinem Geburts lande hätte er nie die akademische Haufbahn betrete» könne»; wird doch in Rumänien den Juden zum größten Theile sogar der Schulbesuch durch allerlei Ehicanen erschwert. «Eiiipsaug einer jüdische» TeputlNio« durch dcu (5;ur. - Wii haben schon ans Grund einer Meldung polnischer Blätter mitgelheili. daß Czar NicolauS II. kürzlich eine jüdische Deputation ans Jeka terinoslaw empfange» hatte, der er die Regelung der Rechtsverhültnin: der Juden im Czarenreiche in Aussicht gestellt haben soll. Hierübc. wird unS nun aus Petersburg auf Grund zuverlässiger Insor mationcn Folgendes berichtet: Eine Abordnung der jüdischen Bevölle rung des Gouvernements Iekaterinoslaw, bestehend aus dem Sberrabbiner dieser Stadt Dr. Schocher, dem bekannten Juristen Toctor Lew and a und dem Philantropen Mcmdanskij, wurde vom Czar NicolauS ll. im sogenannten Brillantensaale des Anitschkowpalai-' empfangen. Der Sprecher der Deputation, Dr. Lewanda, überreichte dem Czar ein werthvolles Geschenk der Jekaterinoslawer Juden uns hielt dabei eine Ansprache, in welcher er die Gefühle des Patriotismus der Juden und treuer Ergebenheit für den angestammten Herrsche: zum Ausdrucke brachte und an den Monarchen die Bitte richtete, er möge in seiner Weisheit und allbekannten Milde die Rechtsverhältniiider Inden, die einer Regelung bedürfen, prüfe» und ihnen seine»' kaiserlichen Schutz angedeihen lasten: Czar NicolauS II., der das ihm dargebrachte Geschenkhuldvoll entgegennahm und die Ansprache freundlich arihörte, erwiderte: „An dem Patriotismus meiner jüdischen Unterthanen zweifle ich nicht und nehme den Ausdruck der Ergebende:! .mit Bergnügen entgegen. Tie Rechtsverhältniste der Juden werde» ohne Zweifel in naher oder ferner Zukunft einer Regelung unter zogen werden, wobei die Juden meines Schutzes sicher sein können " Die'jüdische Deputation, welche aus dem AnitschkowpalaiS die liebe." zcugung heimbrachte, daß die russischen Juden auf eine Besterung ihrer Lage rechnen dürfen, soll beim Minister deS Innern um Erlaubniß zur Beröstentlichung der Antwort des Czars im „Regierungsboten" nachgesucht haben.

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