Freies Blatt
- Journal
- Freies Blatt
- Volume
- IV (1895)
- Issue
- 159 (21.4.1895)
- Date
- 1895-04-21
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Freie» Statt. liifbcrlegen: 2. daß sämmtliche Mitglieder des fortschrittlichen Parteiverbandes unter ibrem Ehrenworte sich verpflichten, von der heutigen antisemitischen Minorität der Wiener GemeinkeratheS, sowie von einer sonstigen Grnppirung de« Wiener Gemeinderäthe» und überhaupt unter einem anderen als dem derzeitigen Präsidium keine StadirathS- oder Präsidialstellen anzunehmen; ö. daß die heutige Majorität der Wiener GemeinderalheS einmülhig gegen eine antisemitische oder sonst wie iiiuncr genannte, aber-mjcht wirtlich liberale Leitung de» Wiener GemeinderalheS in eine ruhige; sachlich^Opposition trete, unter Beibehaltung ihrer GemeinderatbSmandat» und unter Ausschluß jedes PactirenS mit der antisemilischen Partei; 4. daß der fortschritllicheParteiverband alle jene seiner bisherigen Mitglieder unnachsichtlich aus dem Verbände auSscheide, welche sich den oben envähnlen Bedingungen zu fügen nicht bereit erklären. TieS Alles in der Erwägung, daß nur mit der vereinten Kraft aller liberalen Mitglieder de« GemeinderalheS eine gedeihliche Führung der BertvaltungSgeschäfte der Csmmune Wien zu gewärtigen ift: daß die heutige Zwammensetzuiig de» Wiener Gemeiuderathe» keine Garantie für eine ungestörte Führung der Verwaltung deS Wiener GemeinderalheS bietet; daß die heutige' Minorität de» Wiener GemeinderalheS erst den Befähigungsnachweis für ihre verwaltende Thätigkeit liefern muß und eS ein Gebot der Klugheit ist, ihr den Beweis hiefüc zu überlasten; daß endlich nur in der durch eine Klärung der heutigen Parteiverhältniste herbeizusührenden Reinignng der liberalen Partei de» Wiener GemeinderalheS von zweifelhaften Elementen derselben die Gewähr für ein ferneres ersprießliches Wirken de« Wiener GemeinderalheS gelegen ist. Der „Deutsch-demokratische Verein im dritten Bezirke" hielt dieser Tage eine Versammlung ab, in welcher Herr Alfred v. Len; für das in Folge Ablebens deS Freiherrn v. Sommaruga vakante ReichsrathSutandat candidirte. Zu Beginn der Bersautmlung referirte Gcmeiiiderath Dr. Zimmermann über die letzten Gemeinderathswahlen. Der Redner bezeichnete daS Ergebuiß derselben als Ausfluß der Unzufriedenheit der Beämtenschafr. Allein die Opposition stehe nicht geeinigt da. Die zwanzig deutsch-nationalen Gemeinderäthe können sich ans die Dauer nicht der Führung eines Mannes anvertrcuen, der bei einem Commerse der „Silesia" im Jahre 1871, als der jetzt neugewählte GeMeiuderath Tr. Hößlinger auf'die schwarz-weiß-rothe Fahne ein Hoch ausbrachte, gegen dasselbe entschieden Protest einlegte mit den Worten: „Ich habe soeben mit größtem Bedauern ein Hoch ausbrtngen gehörk-auf die schwarz-weiß-rothe Fahne. Ich Haffe es, dieses Product der despotischen Willkür." Wie können nach diesen Anschauungen Dr. Lueger's Deutsch Nationale mit ihm gehen? Was das weitere Verhalten der liberalen Gemeinderäthe anbelangt, so sei Redner entschieden gegen jedes Compromiß mit der Opposition und für standhaftes AuSharren, nöthigenfalls für den frischen Kampf. In seiner Candidatenrede betonte Herr v. Lenz, daß der AuSgang der GeikieinderathSwahlen die liberale Partei nicht entmuthigen dürfe, sondern daß es Pflicht derselben rci, die Scharte auszuwetzen. Man müffe gegen die Antisemiten, di? Barbaren der Gegenwart, entschieden auftretcii. Wie lange wolle denn die Regierung der schmach- .vollen Hetze gegen eine Religionsgenossenschaft noch ruhig zu sehen und dadurch die Stadt Wien ihrem sicheren Untergänge zu führen lassen? Tie Regierung müsie die Skaalsgrundgesetze aufrichtig und ehrlich durchführen, der Gleichberechtigung der Konfessionen volle Geltung verschaffen. Mit den Antiliberalen,. welche einigen Leuten, die etwas werden wollen, blindlings Heetfolge leisten, gebe-eS keine Coalition. Im Gemeinderäthe niüsien die Liberalen und auch der milde Bürgermeister den Antisemiten mit eiserner Haitd enkgegentreten. Der Kandidat führte ferner ans, daß ihn nur ParteidiSeiplin bewogen habe, dem Rufe der Bürgerschaft Folge zu leisten. Er wisse, daß er allen möglichen Verdächtigungen auSgesetzl sein werde. Allein er fürchte gar nichts, sein Name sei rein und seine Ehre makellos. In der heutigen Zeit stelle sich Niemand in das Vordertrenen des politischen Kampfes der Butter,am Kopfe hat. Der Redner erklärte sich als strengen Fortschrittsmann und Anhänger der deutsch-liberalen Partei. Tie parlamentarische (Koalition billige er, sa lange sie ein politischer Waffenstillstand-ist, bei welchem über die von den Parteien selbst gesteckte Demarkationslinie nicht hinausgegangen wird. Nach Beantwortung mehrerer Interpellationen wurde sodann die Eandidatur des Herrn v. Len; einstimmig genehmigt. (tritt „arischer Banguier".) Man schreibt uns: Ter Chef der Firma L Riedling & Comp. (IV., Favoritenstraße 27) wurde unter dem^Verdachte des Betruges verhaftet und dem Landesgerichte kingeliefcrt. L. Ried, ling begann vor 2*,'g Jahren sein Wirken auf dem Gebiete deS „Börsengeschäftes" mir der Ausgabe von Circularen, worin er in d'en eindringlichsten W orten vor dem unlauteren Gebühren der jüdischen Börsencomptoirs warnte. Diese Circulare vertheilte sein Vater in allen Kaffee- und Gasthäusern des IV. und X. Bezirkes, und ich selbst war Ohrenzeuge, wie der alte Mann sich äußerte: „Der betrügerischen Juden- Nr. 159. banda wird's mein Sohn zeigen, wie man in christlicher Weise ein Bankgeschäft führt." Nun, nicht drei Jahre dauerte cS, und der „christliche" BörfengeschäftSinhaber hat den Juden „gezeigt" — nämlich den Weg ins Criminal. —f— (Gegen die österreichische Sperial-Anarchie.) Arthur Gundaccar Freiherr v. Suttner veröffentlicht in der „Neuen Freien Prcsie" einen sehr beachtenSwerthen Situationsartikel. Nachdem er constatirt hat, daß Verfasiung, Parlamentarismus, Staatsgrundgesetz im Laufe ' der Jahre unter den Experimenten des „Zauberlehrlings" zu Schemen geworden sind, sagt er: Und jetzt, da es so gekommen ist, wie es Alle kommen gesehen, die eben den Kopf nicht in den Sand steckten, jetzt geht der Wehruf durch daS Land: Herr, die Nolh ist größt Tie ich rief, die Geister, Werd' ich nun nicht los! Oder wollte man etwa noch länger behaupten, daß man sie nicht heraufbeschworen hat? Wollte man leugnen, daß man mit inert würdiger Langmuth zusah, duldete — ja geradezu protegirte, statt den Meister zu rufen, der die Dämone zu Paaren getrieben hätte, so lange es noch Zeit war? Ja, wenn bei uuS ein System nicht zur Norm, geworden wäre, das den sogenannten „ernsten" Politiker vom Dilettanten unterscheidet! DaS System, das zu Deutsch „Ich trau' mich nicht" heißt,-von den „Ernsthaften" aber in ein vornehmer scheinendes Gewand gehüllt und unter der Bezeichnung „Opportunismus" zum Inbegriff politischer Weisheit erhoben wurde. Was dieser Opportu nismus schon Alles auf dem Gewiffen hat, es ist schauderhaft. Er ist der Hemmschuh, die Sclavenkette, die sich an jede energische Thätigkeit hängt, die Alles hindert, die jede Handlung unmöglich macht; er in der Grund der heutigen Flügellahmheit, des Mißtrauens, des fatalisti scheu Apres nous Ie dt-liige; er ist die Ursache der allgemeinen litt Zufriedenheit, der Abspannung einerseits — des lauten Triuiüph geschreies, der erneuerten Kraftanspannung auf jener Seite drüben, die nur mehr einen Schritt weit ist vom Ziel, das sie sich gesteckt hat. Ich kann da ein Wort mitfprechen aus Erfahrung, denn ich bi» mitten drin gestanden in der Brandung, und ich bleibe stehen, so lange mir das Amt übertragen ist, jenen Theil der Mitbürgerschast zu vertreten, der es auf sich genommen hat, dem Ansturm der Haß Prediger und Hetzapostel Trotz;u bieten. Kraft dieses Amtes fühle ich mich auch berufen, ja verpflichtet, ein Wort mitzureden und von den Erfahrungen zu sprechen, die der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" seit seinem Bestände gemacht hat. Ich brauche nur auf die „Rettungsgesellschaft" hinzuweisen als Beispiel, welches Eutgegenkommen humanitäre Vereinigungen von maßgebender Seite erfahren. Auch unser Verein war im gewiffen Sinne als Rettungs gesellschast gedacht, und zwar: um den guten alten österreichischen Geist zu retten, den Geist der Duldung, der Gerechtigkeit, der brüder liehen Liebe; den Geist, der damals gewaltet hat, als im Ringen um die Freiheit und Menschenwürde Christen und Juden in innigem Zn sammenschluß im Vordertreffen gestanden sind, entschloffen, in treuer Bundesgenoffenschaft zu siegen oder zu sterben. Diesem Geiste wollten wir wieder zu seinen alten, ehrwürdigen Rechten verhelfen; das war der Grund, warum wir aus unserer friedlichen Ruhe herausgetreten sind, um den Kampf gegen Giftpfeile und allerhand ekle Geschone aufzunehmen. WaS war natürlicher und berechtigter, als Haß wir unS der Erwartung Hingaben, Alles, was Anspruch auf Bildung und Ge sittung macht, werde sich freudig um uns schaaren und so einen Millioneuprotest gegen das wilde Treiben der leichtfertig cutfcffcltcn Geister erheben? Was war selbstverständlicher, als zu hoffen, in den maßgebenden Kreisen, in deren Hände die Zügel gelegt sind, werde man uns mit Freuden als den Vorbau gegen den Ansturm der;er störenden Wogen begrüßen — als den Damm, der mit Sorgfalt zu erhalten und zu stützen ist, wenn man die Ueberfluthung hintanhalten will? . . . Ja, wir haben das geglaubt und erwartet, allein wir haben eben Eines vergeffen: den Opportunismus. Erst nach und nach ift unS die Erfahrung geworden, daß warmes Empfinden, ehrliche Be gcisterung, frischer Feuereifer — daß baff ideale Begriffe sind, die im Wörterbuch der höheren Politik keinen Platz gefunden haben; wir haben gelernt, daß Alles erst fein diplomatisch nach Milligrainnten abgewogen werden muß, damit womöglich dem A und B und C auch bei den heterogensten Standpunkten — die Sache recht gemacht werde; kurz, daß Alles und Jedes erst auf die Waagschale der Opportunität gelegt werden müffe, che man aus der Reserve heraustreten könne. Wir haben wohl versucht, uns von diesem schrecklichen Ding zuweilen zu emancipiren und kleine Staatsstreiche auf eigene Faust zu unternehmen, aber auch da stand schon das große O auf der Thür, bevor sie sich uns öffnete, und dann erfuhren wir nach dem Einlasse